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Fundacion Omar (Lateinamerika)

Verschiedene - SCOPH (Public-Health Austausch)
von Veronika, Heidelberg

Motivation

Abenteuerlust und Neugier - diese Grundmotivation, die wir Reisenden wahrscheinlich fast alle teilen, verband sich bei mir mit dem Wunsch, Medizin in ihrer Anwendung in der “wirklichen Welt” kennenzulernen. Durch meine Mitarbeit in einem Projekt erhoffte ich mir einen intensiveren Austausch mit den Menschen der Region und hoffte, eine Idee davon zu entwickeln, was Gesundheit für sie bedeutet. Reisen und die damit einhergehende Reflexion über Alltagsgewohnheiten und im eigenen Umfeld als selbstverständlich Wahrgenommenes scheinen mir ein besonders schöner Weg, sich selbst und den eigenen Hintergrund besser zu verstehen.

Nach meinem Erasmus-Semester und zwei Famulatur-Monaten in Madrid fühlte ich mich außerdem insbesondere im medizinischen Spanisch sicher genug, um in einem lateinamerikanischen Projekt sinnvoll mitarbeiten zu können.
Das Public Health Projekt der “Fundación (Stiftung) Omar Mosqueda” in Ecuador interessierte mich besonders, weil der Fokus der Stiftung auf der Zusammenarbeit mit ländlichen indigenen Bevölkerungsgruppen lag, die in Lateinamerika oft weniger Zugang zu öffentlicher Gesundheitsversorgung haben. Zudem hörte ich von mehreren lateinamerikanischen Freunden, dass ein Monat in Ecuador der perfekte Einstieg für eine intensive Lateinamerika-Liebe sei. Das Land sei so klein, dass es sich auch an wenigen Wochenende sehr gut bereisen lasse; gleichzeitig aber u.a. landschaftlich so vielfältig, dass es einen Vorgeschmack auf viele faszinierende Seiten Lateinamerikas biete.

Mein gut 30-tägiger Aufenthalt in der Region um Riobamba hat in vielerlei Hinsicht mehr neue Fragen aufgeworfen als er beantwortet hat. In jedem Fall stellt er für mich aber eine sehr reiche und intensive Zeit dar, die mein Interesse für die Länder Lateinamerikas und Gesundheitspolitik im Allgemeinen noch einmal deutlich vertieft hat.

Vorbereitung

Da ich unmittelbar nach einem fachlich und persönlich relativ vollen Semester nach Ecuador aufbrach, verwendete ich deutlich weniger Zeit auf eine explizite Vorbereitung als ursprünglich geplant. Zum Glück waren Neugierde und Offenheit in vielen Situationen ohnehin die beste Vorbereitung. ;) Die Busfahrt vom Flughafen zum Projekt, Reisen etc ließen sich vor Ort deutlich besser organisieren. Einige Dinge, die ich vor meinem Aufenthalt gerne gewusst hätte, liste ich hier auf.
Ich erhielt meine Zusage Mitte März, also mehrere Monate nach meiner Bewerbung. Auch zu diesem Zeitpunkt war es aber noch problemlos möglich, den Fahrtkostenzuschuss des DAAD zu erhalten.
An einem Vorbereitungstreffen des bvmd (Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V.) für am Austauschprogramm teilnehmende Studierende konnte ich aus terminlichen Gründen nicht teilnehmen - ich denke aber, dass sich eine Teilnahme sehr gelohnt hätte, auch um Kontakte mit anderen Ausreisenden zu knüpfen, die ich bei aufkommenden Fragen im Projekt hätte nutzen können. Sehr geholfen haben mir Telefonate mit ehemaligen Freiwilligen die das Projekt vor kurzem besucht hatten, u.a. um gezielt zu fragen, ob ich bestimmte Gegenstände brauchen würde oder nicht.
Für alle, die Couchsurfing nutzen (-> www.couchsurfing.de) oder neugierig sind, diese Form des Reisens zu entdecken, kann ich absolut empfehlen, sich für die ersten Nächte (Flüge gehen meist in die größten Städte Quito oder Guayaquil) einen Couchsurfing-Gastgeber zu suchen. Es war für mich unglaublich beruhigend, eine Zieladresse und einen Ansprechpartner vor Ort zu haben, insbesondere weil ich das erste Mal nach Lateinamerika reiste.
Ich denke, eine Teilnahme im Projekt der Fundación Omar Mosqueda macht vor allem Sinn, wenn ihr euch schon relativ am Ende eures Studiums befindet. Habt ihr gerade erst das Physikum hinter euch, lohnt es sich eventuell, die Teilnahme noch ein paar Semester zu verschieben.
Und ganz wichtig: Wenn ihr Zeit habt, informiert euch im Vorfeld über die Möglichkeit von Medikamentenspenden (zB bei dem/der Projekt-AnsprechpartnerIn beim bvmd)! Fast alle im Projekt verwendeten Medikamente sind von Freiwilligen mitgebracht und wenn ihr euch rechtzeitig kümmert, könnt ihr unter Umständen gezielt oft gebrauchte Medikamente mitbringen.

Visum

In Ecuador kann man sich als Deutsche(r) für bis zu drei Monate ohne Visum aufhalten. Lediglich eine Gelbfieberimpfung ist Pflicht, falls ihr aus einem Gelbfiebergebiet einreist. Und Achtung: der Reisepass muss bei Einreise noch mindestens 6 Monate gültig sein!

Gesundheit

Empfehlenswert ist es, sich rechtzeitig über den Deckungsbereich seiner Reiseversicherung zu informieren (manche zahlen zB nicht bei Klettertouren über 4000m Höhe ;)) und um eine Impfberatung zu kümmern (in meinem Fall zu Gelbfieber, Tollwut, Typhus, Tetanus und Malaria-Stand-By-Medikation). Kostenlos und oft sehr gut beraten wird man in den Tropenambulanzen vieler Unis. Diese vergeben Termine allerdings oft weit im Voraus. Viele Hausärzte haben ebenfalls die Weiterbildung Reisemedizin und können die nötigen Impfungen durchführen. Ich hatte meine normale Reiseapotheke (Hustentropfen, Iberogast, Sinupret, Wundsalbe, Desinfektionsmittel, Loperamid und Paracetamol) dabei; dazu ein Standard-Antibiotikum. Da wir sehr häufig zum Essen eingeladen wurden, habe ich empfohlene Hygienestandards nicht immer eingehalten - krank war ich während meines Aufenthalts jedoch nicht.

Sicherheit

Einer der Gründe, deretwegen ich mich für dieses Projekt entschieden habe, war, dass die Arbeit an wechselnden Orten in ländlichen Gegenden stattfindet. Generell ist es auf dem Land deutlich ruhiger als in der Stadt; während ich mich beispielsweise in Quito aber auch in Riobamba nach Einbruch der Dunkelheit alleine nur noch in sehr belebten und gut beleuchteten Teilen der Stadt sicher gefühlt habe, hatte ich auf den Dörfern auch unter dem Sternenhimmel ein gutes Gefühl. Häufig wurde mir geraten, Taxis nur über Uber oder eine ähnliche App zu bestellen. Die Ecuadorianer warnten mich auch regelmäßig, ich solle keine Wertgegenstände bei mir tragen und etwa mein Handy auf der Straße nicht nutzen (es werde mir sonst einfach "weggeschnappt")"- erlebt habe ich so etwas aber nicht.

Geld

Seit der Finanzkrise vor einigen Jahren wird in Ecuador offiziell mit dem amerikanischen Dollar gezahlt. Mit einer VISA- oder Kreditkarte lässt sich in den meisten Städten problemlos Geld abheben. Dies ist deutlich kostengünstiger als Geld etwa noch am Flughafen umzutauschen, wo oft hohe Gebühren erhoben werden. Sinnvoll ist, eher kleine Scheine dabei zu haben, weil gerade an Straßenständen oft nicht gewechselt werden kann. Reisen (insbesondere spontane Busfahrten) sind - auch aufgrund der extrem niedrigen Petroleumpreise - deutlich günstiger als in Europa.

Sprache

Ein flüssiges und sicheres Spanisch ist eine sehr empfehlenswerte Grundlage, um am Projekt teilzunehmen. Je besser ihr euch verständigen könnt, umso mehr werdet ihr mitnehmen und beitragen können! Ich habe während der ersten Sprechstunden oft mit halben Ohr bei meiner spanischen Mitfreiwilligen zugehört, um spezifische Vokabeln und Wendungen der Anamnese aufzuschnappen. Ganz sicher habe ich gelernt, dass es nicht peinlich ist, laut und nachdrücklich Fragen oder Empfehlungen auf Spanisch zu wiederholen, auch wenn sie grammatikalisch vielleicht falsch sind. Sprachen einzelne Patienten kein Spanisch, hatten sie meist Familienangehörige als Vermittler dabei. Quechua konnte ich nicht - viele Freunde oder Couchsurfing-Bekannte waren aber sehr erfreut, mir einzelne Wörtern beibringen zu können.

Verkehrsbindungen

Da ich aufgrund der Semesterferien zeitlich sehr unflexibel war, hat der Fahrtkostenzuschuss meinen Flug nach Guayaquil nicht komplett abgedeckt. Dafür kann man innerhalb des Landes zwischen den größeren Städten auch spontan sehr günstig mit dem Bus reisen (häufig als einziger Nicht-Ecuadorianer im Bus). Züge gibt es nur als Touristenattraktion. ;) Taxis sind im Vergleich zu Deutschland sehr günstig, allerdings nicht, wenn man als Referenz die Preise der öffentlichen Busse heranzieht, die meist zwischen 0,15 und 0,30 Dollar liegen. Auch wenn ich vor meiner Abreise Erschreckendes über die zahlreichen Unfälle auch öffentlicher Busse gelesen hatte, fühlte ich mich auf meinen Reisen auch nachts meist sehr sicher.

Kommunikation

Sehr sinnvoll ist, sich im Land selbst eine SIM-Karte zu kaufen (Claro oder Movistar). Dies funktioniert problemlos und ohne Vorlage von Dokumenten. Eine Woche Internetflatrate inklusive einigen Frei-Sms und Frei-Minuten kostete für mich zwischen 3 und 5 Dollar. Oft war auch öffentlicher WLAN vorhanden, nicht allerdings in Guayaquil am Flughafen, wo stattdessen (nicht zu empfehlen!) extrem teure Touristen-SIM-Cards verkauft wurden.

Unterkunft

Wie schon einige Freiwillige vor uns wohnte ich, sofern unsere Einsatzstelle nicht zu weit entfernt lag um täglich zu pendeln, in einer kleinen Gästewohnung im Haus von Omar, des Leiters der Fundación. Arbeiteten wir in weiter entfernten Projekten, kamen wir jeweils in einem dort von Freunden oder Bekannten der Fundación bereitgestellten Haus unter. Während meines gesamten Aufenthaltes in Riobamba arbeitete ich mit einer anderen Freiwilligen zusammen, einer Krankenschwester aus Spanien, mit der ich mich zum Glück sehr gut verstand und auch die jeweilige Unterkunft teilte. Essen bekamen wir entweder manchmal Ort, finanziert von der Gemeinde, in der wir jeweils unsere "Sprechstunden" abhielten. Oft aßen wir aber auch - auch vegetarisch sehr gut bekocht von Suzanna, Omars Frau - mit ihr, Omar und ihrem kleinen Sohn Aaron in der Küche der Familie. Einen Herd oder Wasserkocher gab es in unserer Wohnung leider nicht.

Literatur

Ich hatte vor meinem Abflug den Reiseführer von Lonely Planet geschenkt bekommen - im Nachhinein denke ich aber, dass ein Reiseführer keineswegs nötig ist und im Zweifel ohnehin zu oberflächlich. Viel mehr lohnt es sich, routinemäßig neue Bekanntschaften nach Tipps zu fragen, was in der Umgebung besonders entdeckenswert ist. :) Mir hat es gefallen, während der langen Busfahrten, die viele Wochenendausflüge mit sich bringen, auf Spanisch zu lesen - falls ihr gar nichts Lesbares dabei habt, gibt es in der Wohnung bei Omar ein Bücherregal mit deutsch- und vereinzelt spanischsprachiger Literatur.

Mitzunehmen

Je nachdem, wo das Projekt während eures Austauschzeitraums stationiert ist, können die klimatischen Bedingungen völlig unterschiedlich sein (von feucht-heißem Regenwald bis zu zumindest im August winterlich kalter Steppe ist alles denkbar). Die Basis der Fundación ist jedoch Riobamba, einer Stadt, in der es aufgrund ihrer Höhenlage deutlich kälter ist als im Sommer in Deutschland. Warme Pullover sind daher ein Muss! Für Ausflüge in die eher tropischen Regionen sind dagegen Mückenspray und Flipflops sehr hilfreich. Sehr zu Gute gekommen sind mir auch Bücher für die langen Busreisen; eine Powerbank zum Handelnden habe ich manchmal vermisst. Toll dabeizuhaben sind auch ein paar kleine unverderbliche Gastgeschenke (zB deutsche Marmelade oder Postkarten aus eurem Heimatort). Für die Arbeit hatte ich zwei Bücher zu Allgemeinmedizin und körperlichen Standard-Untersuchungen dabei, die ich aber kaum genutzt habe. Sehr zu empfehlen ist wie bereits erwähnt, sich über die Möglichkeit von Medikamentenspenden zu informieren. Diese werden im Projekt immer gebraucht. Vor allem ist es klug, den Koffer auf der Hinfahrt nicht zu voll zu packen, so dass Platz bleibt für die großen und kleinen Schätze, die ihr in Ecuador sicher finden werdet.

Reise und Ankunft

Meine Anreise (von Frankfurt über Panama nach Guayaquil) verlief unproblematisch. Kurz vorher hatte ich noch einmal mit Omar gesprochen und erfragt, wie und wo ich am besten auf das Projekt stoßen könnte. Vor Beginn der Freiwilligenarbeit verbrachte ich noch einige Tage couchsurfend in Guayaquil - die Erfahrung, im Dunkeln in dieser Großstadt anzukommen und noch ohne Internet in einen eher entlegenen Stadtteil kommen zu müssen, würde ich aber nicht weiterempfehlen; wenn möglich, sucht euch einen Flug, der im Hellen ankommt. Von Riobamba aus brachte uns Omar jeweils zu den Einsatzorten und machte uns mit den jeweils relevanten Personen bekannt.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Um sich die Arbeit der Fundación vorstellen zu können, braucht es etwas Hintergrund über die Situation in Ecuador. Die Ungleichheiten innerhalb des Landes, die insbesondere die indigenen Bevölkerungsgruppen benachteiligen, sind in der Gesundheitsversorgung besonders dramatisch. Theoretisch bietet der Staat eine kostenlose Gesundheitsversorgung für alle Ecuadorianer (vor allem der umstrittene Ex-Präsident Rafael Correa, welchen viele meiner ecuadorianischen Gesprächspartner als “sozialistisch” bezeichneten, erhöhte massiv die Ausgäben im Gesundheitsbereich). In Correas Regierungszeit wurden unter anderem zahlreiche neue “Gesundheitszentren” in ländlichen Regionen errichtet, die mit jeweils mindestens einem Arzt und grundlegenden Medikamenten ausgestattet sind. Tatsächlich ist die Versorgung aber höchstens teilweise gewährleistet: Unsere Patienten klagten über monatelange Wartezeiten, fehlende Medikamente, und darüber, viele komplexere Leistungen doch selbst bezahlen zu müssen. Zudem fehlt vielen EcuadorianerInnen der Zugang zu sauberem Trinkwasser und Hygieneeinrichtungen - ebenso wie zu Wissen und finanziellen Mitteln, um sich gesund zu ernähren.
In dieser schwierigen Situation bemüht sich Omar, als Haupt- und aktuell auch nahezu Allein-Organisator der Fundación, die Gesundheitsversorgung der ärmsten Bevölkerungsschichten zu verbessern: zwar mit viel Idealismus und gutem Willen, aber aus meinen Augen doch wenig Professionalität. Ich fühlte mich häufig frustriert bei dem Versuch, mit stark begrenzten Möglichkeiten und Ressourcen, sowie ärztlicher Unterstützung in sehr wechselndem Ausmaß meinen Beitrag zu diesem Projekt zu leisten. Zumeist arbeite ich mit mehreren Zahnärzten, einer spanischen Krankenschwester und ggf. ein bis zwei ecuadorianischen Medizinstudenten. Einarbeitung gab es im Grunde keine: Ich ließ mir den normalen Ablauf der "Sprechstunden" von meiner schon früher angereisten spanischen Mitfreiwilligen erklären, schaute etwa 15 Minuten lang zu und sprang dann ins kalte Wasser. Ähnliche Situationen spielten sich in den viereinhalb Wochen meines Aufenthalts noch mehrfach ab, da wir - jeweils mit sehr kurzer Vorlaufzeit - in sehr unterschiedlichen Projekten und Gemeinden und daher auch verschiedenen medizinischen Bereichen eingesetzt wurden (etwa in einem therapeutisch eigentlich gut versorgten Altenheim, zu einer Reihe von U-Untersuchungen in einer Schule, in sehr abgelegenen Dörfern rund um Ambato..).
Einerseits freuten sich die meisten der Patienten in unserer "Sprechstunde" ganz offensichtlich über unsere Bemühungen und die Beratung bzw. rudimentäre Behandlung, die wir ihnen anbieten konnten. In bestimmten Fällen - wenn es z.B. um das Säubern und Versorgen relativ frischer Wunden, prophylaktische Entwurmung, das Fortführen einer begonnen Calcium- und Vitamin-D-Behandlung oder (antibiotische) Erstbehandlung eines typischen unkomplizierten Harnwegsinfektes ging, war unsere Intervention wahrscheinlich auch gleichwertig derjenigen, die in einer beliebigen deutschen Hausarztpraxis zu erwarten wäre. Häufig sahen wir uns aber gezwungen, unzureichende, symptomatische (Schmerz-)Behandlung anzubieten. Auch wenn wir die Patienten immer wieder eindringlich baten, sich für weitere Diagnostik und Therapie baldmöglichst im zuständigen Gesundheitszentrum vorzustellen, wussten wir, dass die große Mehrheit unserer Empfehlung aus verschiedenen Gründen nicht nachkommen würde. Die Tatsache, dass ich als nicht fertig ausgebildete Medizinstudentin viele Entscheidungen allein zu treffen hatte, trug ebenfalls zu meinen gemischten Gefühlen bei. Ich bewegte mich immer wieder an der Grenze zwischen dem (berechtigten?) Wunsch, besser unzureichende Hilfe anzubieten als gar keine und der Verantwortung, keine Aufgaben zu übernehmen, die außerhalb meines Kompetenzbereichs lagen. Trotz aller Zweifel füllte ich die mir zugedachte Rolle in den gut vier Wochen meines Aufenthalts nach bestem Vermögen aus und machte nur kleine Veränderungsvorschläge. Als eindeutig sinnvoller Teil unserer Arbeit erschienen mir die relativ langen Gespräche zu Hygienefragen, Ernährung und gesunder Lebensberatung allgemein, sowie über in anderen Arztkontakten gestellte Diagnosen und Verordnungen, die ich mit den Patienten führen konnte. Meine Spanischkenntnisse reichten glücklicherweise in fast jeder Situation aus, um mit den Patienten zu kommunizieren.

Land und Leute

Unabhängig von der Arbeit faszinierten Land und Menschen mich sehr. Ecuador besitzt - vor allem für seine relativ geringe Größe - eine unglaublich vielfältige Natur, die verschiedenste Klimazonen auf engem Raum vereint. Dank Couchsurfing konnte ich an den Wochenenden ganz unterschiedliche Regionen und Einwohner Ecuadors kennen; teilweise unternahmen wir auch Ausflüge mit meiner spanischen Mitfreiwilligen oder ecuadorianischen Zahnmedizin-Studenten. Einen Besuch im Regenwald (wir fuhren, für Ecuador sehr touristisch, aber unglaublich beeindruckend für mich, die ich noch nie in den Tropen gewesen war, nach Misahualli in der Nähe von Tena) kann ich jedem empfehlen! Sehr gefallen hat mir auch Quito, wo wir - vom "Teleférico" ausgehend - unter anderem eine lange Wanderung auf den Bergen über der Stadt unternahmen. Als Hauptstadt bietet Quito auch viele Museen, deren Besuch oft kostenlos möglich ist.
Außerdem besuchte ich Cuenca und Santa Elena (ein kleines Dorf an der Küste, in dem wir unter anderem die Wahl der örtlichen Schönheitskönigin miterlebten: ein Event, an dem das ganze Dorf teilnahm).
Ungewohnt war für mich der frühe Sonnenuntergang (in der Regel gegen sechs Uhr) durch die Nähe zum Äquator. Da ich mich nach Einbruch der Dunkelheit in weniger belebten Teilen der Stadt alleine nicht sicher fühlte, bedeutete dies, dass meine Abendaktivitäten eher eingeschränkt waren. Anders war dies während unserer 2 ein-wöchigen Projektaufenthalt in kleineren Bergdörfern in der Sierra: Hier genoss ich die freundlich zurückhaltende Neugier der meist traditionell gekleideten und mit nur sehr geringer maschineller Unterstützung in der Landwirtschaft arbeitenden Bevölkerung und hatte weniger Bedenken, manchmal auch noch nach abends spazieren zu gehen. Sehr berührt war ich von der Großzügigkeit gerade der Menschen in ländlicheren Gegenden: Nach einem kurzen Gespräch und der Erkenntnis, dass ich eine der "Medizin-Freiwilligen" war, wurden nicht nur lachend verschiedenste "Medizin-Fragen" gestellt, sondern ich konnte oft auch nicht verhindern, dass mir trotz höflicher Proteste frisch geerntete Erdbeeren, eben gekauftes Brot oder Bananen geschenkt wurden.
Einen Sonderfall stellte die Kommunikation mit Omar dar. Ich hatte während des gesamten Projekts immer wieder scheinbar unwichtige Schwierigkeiten mich mit ihm zu verständigen, die aber insgesamt dazu führten, dass mein Eindruck des Projekts als Ganzes deutlich negativer ausfiel als das sonst der Fall gewesen wäre. Omar antwortete grundsätzlich sehr selten auf direkte Fragen per WhatsApp, und hielt sich oft nicht an vorher getroffene Absprachen, ohne uns Freiwillige vorher zu informieren oder seine Motive zu erklären. Ich habe mich oft gefragt, ob es sich hier um ein kulturelles Missverständnis handelte - habe dies aber im Endeffekt als alleinige Erklärung ausgeschlossen. Viel zu offen und in ihren Handlungen für mich verständlich waren dafür die anderen Ecuadorianer, die ich in verschiedenen Kontexten kennenlernte.

Fazit

Alles in allem hat sich die Prognose meiner lateinamerikanischen Freunde aus Madrid aber auch vieler neuer Bekanntschaften in Ecuador bewahrheitet: Ich habe tatsächlich einen Teil meines Herzens in Ecuador, bzw. Lateinamerika gelassen. Ich hoffe sehr, in Zukunft die Möglichkeit zu haben, noch weitere Facetten, dieses faszinierenden und vielfältigen Kontinents kennenzulernen und insbesondere einige über Couchsurfing getroffene Freunde wiederzutreffen, mit denen ich auch jetzt, gut zwei Monate später, noch immer wieder über WhatsApp schreibe - jede Nachricht ein kleiner Sehnsuchtstropfen nach dieser ganz anderen Lebenswelt.
Auch für die Möglichkeit, durch die Arbeit in der Fundación so viele unterschiedliche Menschen Anliegen und Lebensgeschichten kennenzulernen, bin ich sehr dankbar. Während einer weiteren Reise nach Ecuador würde ich jedoch mit einer Einrichtung oder Organisation arbeiten wollen, in der ich klar innerhalb meines Kompetenzbereichs und damit verantwortungsvoller handeln kann und deren Organisationsweise besser mit einer auch aus meiner Sicht langfristig sinnvollen Verbesserung der gesundheitlichen Versorgung vereinbar ist.

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