zurück

Morocco (IFMSA-Morocco)

Pädiatrie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Valérie , Hannover

Motivation

Eine Famulatur in Marokko machen zu wollen, dafür hatte ich unterschiedliche Gründe. Die Arbeit in der Lokalvertretung in Göttingen hat mir sehr gut gefallen, sodass ich Lust hatte, in einer anderen Lokalgruppe der IFMSA begleitet zu werden und mit anderen Incomings einen interessanten Austausch zu erleben! Mein Erasmus-Jahr vor dem Austausch hat mich sehr motiviert, andere Gesundheitssysteme kennen zu lernen. Letztendlich haben mich dann am meisten meine marokkanischen Freunde den Antrieb gegeben, ihr Land kennen zu lernen und bereisen zu wollen und dies mit einem Austausch zu verbinden!

Vorbereitung

Die Vorbereitung auf den Austausch fiel mir durch meine Lokalgruppe in Göttingen sehr leicht, ein anderer LEO war vorher in Marokko gewesen und konnte mir zahlreiche Tipps geben. Die Erfahrungsberichte auf der BVMD Seite habe ich durchgelesen und danach Stadt und Fachrichtung gewählt. Als ich den Platz in Rabat offiziell bestätigt bekommen habe, hat die Lokalgruppe ein fantastisches 75-seitenlanges ‚Survival-Buch‘ für den Austausch zugeschickt.

Visum

Ein Visum ist für deutsche Touristen unter 3 Monate nicht nötig. Man bekommt ein Visum on arrival bei Ankunft im Flughafen.

Gesundheit

Natürlich sollte man einen aktuellen Impfstatus haben und bei Bewerbung fordert die marokkanische Seite auch eine Tuberkulose-Impfung (BCG). Ansonsten sollte man etwas vorsichtig sein bei Lebensmitteln auf den Märkten, einige Incomings litten häufiger unter Durchfällen. Eine gute Reiseapotheke sollte man also dabei haben. Ansonsten wird vor dem Verzehr von Schafsfleisch auf dem Land gewarnt wegen eines Bandwurmes.

Sicherheit

Marokko hat im Vergleich zu den anderen nordafrikanischen Ländern vergleichsweise wenige Probleme mit terroristischen Anschlägen. Vor allem in den größeren Städten ist die Sicherheitslage unbedenklich. Ich habe auch eine Tour im Atlas gemacht mit einer Gruppe und habe mich immer sicher gefühlt. Allerdings sollte man sich schon an kulturelle Vorstellungen anpassen und angemessen kleiden und abends besser in Begleitung ausgehen.

Geld

Die Währung heißt Marokkanische Dirrham. Ein Euro sind etwa 7 Dirrham umgerechnet. Es gibt zahlreiche ATM-Automaten in den Städten und man kann ohne Probleme Bargeld abheben. Die Preise für Transport und Essen sind vergleichsweise günstig. Übernachtungen im Hostel kosten zwischen 5-15 Euro. Ein Zugticket von Rabat nach Marrakech etwa 18 Euro. Für etwa 5-8 Euro kann man gut essen gehen.

Sprache

In Marokko wird vor allem Darija, der marokkanische Dialekt des Arabischen gesprochen. Außerdem lernen die Menschen Standardarabisch in der Schule. Viele aus den ländlicheren Gebieten sprechen eine Berber-Sprache z. B. Amazigh. In der Schule wird Französisch und Englisch unterrichtet. Durch die französische Okkupation ist die Sprache omnipräsent, fast auf allen öffentlichen Gebäuden und Dokumenten steht eine französische Übersetzung und die meisten Menschen sprechen die Sprache. Englisch ist vor allem unter den jungen Leuten immer beliebter. Im Norden des Landes wird auch Spanisch gesprochen.
Im Praktikum auf der Neonatologie wäre ich ohne Französisch aufgeschmissen gewesen. Zwar ist es nicht offiziell gefordert von IFMSA-Seite, aber je nach Station sind gute Französischkenntnisse unabdingbar. Alle medizinischen Dokumente sind auf Französisch. Die Kommunikation mit den Ärzten war auf Französisch unproblematisch. Die Visite fand teilweise trotzdem eher auf Arabisch statt, wenn es mal zu hektisch wurde. Auf anderen z.B. chirurgischen Stationen kamen die Incomings gut mit Englisch klar. Die Patienten sprechen oft nur Darija oder Amazigh.

Verkehrsbindungen

Rabat hat zwei Bahnhöfe mit mittelschnellen Zugverbindungen nach Marrakech und Fes (etwa 3h Fahrt). Nach Tanger fahren Schnellzüge (etwa 1h). In den Süden müsste man eher einen Fernbus nehmen z.B von der Firma CTM, bei der man online oder am Busbahnhof Tickets kaufen kann. Diese sind nicht teuer, die Busse sehr komfortabel und es gibt Nachtbusse. Um in die Sahara zu gelangen muss man das Atlasgebirge durchqueren, sodass hier die Fahrt entsprechend lang dauert (aus Rabat etwa 12h).
Innerstädtische Busse in Rabat sind eher nicht zu empfehlen, allerdings kann man sich gut einfach ein kleines blaues Taxi nehmen. Man zahlt etwa 1-2 Euro für eine Fahrt. Eine sehr gute Alternative bildet die App Careem, die das marokkanische Pandon zu Uber ist und als sicherer gilt!

Kommunikation

Am Flughafen bekommt man direkt eine marokkanische SIM-Karte umsonst in die Hand gedrückt. Für etwa 5 Euro habe ich mir Datenvolumen für einen ganzen Monat kaufen können, sodass dies wirklich eine sehr gute Option war! Ansonsten gibt es auch an vielen Stellen WLAN (nicht im Krankenhaus).

Unterkunft

Wir wurden von der Lokalvertretung von Rabat in einem Wohnheim der Militärschule nahe am Bahnhof Rabat Agdal untergebracht. Der LORE hatte diese Zimmer einen Tag vorher organisiert. Das Wohnheim war relativ nah zum Krankenhaus gelegen und es gab Einkaufsmöglichkeiten und Restaurants in der Nähe. Die etwa 35 Incomings waren auf einem Flur untergebracht und haben sich zu zweit ein Zimmer geteilt. Leider hatten wir weder Küche noch Kühlschrank und auch nur 2 Toiletten für uns alle. Die gesamte Zeit über hatten wir Kakerlaken im Wohnheim. Durch die Umstände im Wohnheim sind sogar einige Incomings in ein Airbnb gezogen, weil sie es dort nicht ausgehalten haben. Mitzubringen waren Bettwäsche und Handtücher, wir mussten uns dann aber auch Seife, Toilettenpapier und Besen kaufen um die Räume etwas sauber halten zu können.

Literatur

Die Erfahrungsberichte waren mir eine große Hilfe sowie ein paar Reiseführer und die Seite des Deutschen Auslandsdienstes. Das Survival-Buch der Lokalgruppe war eine super Vorbereitung auf die Aufgaben im Krankenhaus.

Mitzunehmen

Für die Famulatur sollte man Kasack und Hose, Stethoskop, Leuchte und Hammer sowie für die Pädiatrie am besten ein Maßband mitbringen. Ein Kittel wird eigentlich nicht benötigt. Ansonsten längere luftige Kleidung, gute Schuhe und Schwimmsachen! Ich fand es auch gut, ein paar Gastgeschenke dabei zu haben für die Familien, in denen man zum Essen eingeladen war.

Reise und Ankunft

Ich wollte mit dem Flugzeug nach Fes fliegen, allerdings ist unser Pilot krank geworden und wir sind in Tanger notgelandet. Darauf folgte ein lange Busanfahrt nach Fes und von dort aus bin ich mit dem Zug nach Rabat gefahren. Auf dem Rückweg habe ich die Fähre von Tanger nach Tarifa genommen, was leider etwas teuer ist (etwa 40 Euro), aber so kann man noch etwas Andalusien bereisen. Bei meiner Ankunft in Rabat habe ich die anderen Incomings und CPs im Wohnheim getroffen und wir haben die ersten Tage zusammen verbracht. Leider war meine CP fast die gesamte Zeit nicht in Rabat und hat auch meine Abholung vom Bahnhof für einen falschen Tag organisiert. Dann sind die ersten zwei Tage Famulatur ausgefallen, denn es hätte sich nicht gelohnt so kurz vor dem Wochenende anzufangen damit.. ;) Am ersten Tag hat uns dann einer der CPs zum Krankenhaus gefahren und uns zur Station gebracht und vorgestellt.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich habe meine Famulatur auf der Neonatologie des CHU Ibn Sina in Rabat gemacht. Am ersten Tag wurde ich vom LEO vorgestellt und bin direkt auf die Oberärztin Dr. DIBI gestoßen. Diese hat mich dann erstmal eine halbe Stunde zu meinen Pädiatrie-Kenntnissen gelöchert und sich ein Bild gemacht, was ich auf der Station machen könnte. Dann hat sie mir einige Neugeborene vorgeschlagen, die ich untersuchen sollte. Sie hat mir eine Einführung gegeben in die klinische Untersuchung eines Neugeborenen. Dann konnte ich selbstständig Neugeborene und Säuglinge untersuchen und ihre Akten lesen. Ab und zu hat sie Herzechographien gemacht und mir diese erklärt. Zuletzt habe ich ihr meine Fälle vorgestellt und wir haben die Krankheitsbilder besprochen, was wirklich eine fantastische Betreuung war. Leider war sie nur die erste Woche da und den Rest der Zeit war ich sehr auf mich gestellt, mir interessante Fälle zu suchen und die Assistenzärzte anzusprechen. Es gab etwa 70 Betten insgesamt. Die Neugeborenen auf der normalen Seite der Station waren nach Krankheitsbildern in Räumen sortiert – Infektionen, Atemnotsyndrom, Ikterus, Frühgeburtlichkeit (der einzige Bereich, in dem die Mütter auch waren). Auf der Intensiv-Seite lagen etwa 25 Kinder. Es gab Inkubatoren, aber teilweise nicht genügend für alle Kinder, die es benötigt hätten. Es gab 2 Geräte zur Phototherapie, die am laufenden Band benutzt worden sind. Eine Krankenschwester hat die Blutabnahmen auf der gesamten Station durchgeführt, bei der konnte ich auch manchmal mitgehen und selber versuchen Blut abzunehmen. Außerdem gab es eine Ambulanz, die ein Assistenzarzt in der Allgemeinmedizinausbildung betreute, in der bestimmt 100 Patienten/ Tag gesehen wurden.
Meine Aufgabe war es, Neugeborene mit spezifischen Krankheitsbildern zu untersuchen und der Oberärztin vorzustellen, schriftliche Epikrisen zu verfassen. Außerdem habe ich an der Visite teilgenommen und der Schwester beim Blutabnehmen assistiert. Grundsätzlich habe ich mich mit allen sehr gut verstanden, die Atmosphäre war etwas gedrückt, da die Chefärztin sehr autoritär gegenüber den Assistenzärzten aufgetreten sind und diese sehr verunsichert waren und komplett überarbeitet. Diese mussten jede zweite Nacht arbeiten und waren dann zu zweit für 70 Neugeborene zuständig. Verständnisprobleme gab es eigentlich nur mit den Patienten bzw. Müttern der Kinder.
Ein Fall, den ich nicht vergessen werde, war das Eintreffen eines Frühgeborenen in der Ambulanz. Die Ambulanz ist einfach nur ein kleines Behandlungszimmer und das Frühgeborene lag dort unter einer Wärmelampe. Die Ärztin untersuchte das Kind und befand, dass es intensivmedizinischer Behandlung bedarf, zur Zeit aber weder Inkubator noch Platz auf der Station vorhanden war. Es war allen schnell klar, dass es ohne Unterstützung nicht lange überleben würde. So wurde es im Inkubator ohne Monitoring oder Medikation liegen gelassen, während die Ärztin weiter zum Tagesgeschäft überging und reihenweise neue Säuglinge, die zum Kontrolltermin erschienen, untersuchte. Irgendwann wurde dann das Frühgeborene für tot befunden. Ich werde meine Reaktion darauf nie vergessen, ich war sehr schockiert über die Umstände, auch wenn es augenscheinlich keine andere Möglichkeit gab, als nicht zu handeln. In Deutschland wäre aus meiner Vorstellung vielleicht etwas Sedierendes gegeben worden. Der Schock war kein kultureller, eher ein ethischer und diese ethische Entscheidung, ein Kind mehr zu retten oder ein angenehmeres Versterben zu ermöglichen, hat wahrscheinlich prinzipiell mit Geld zu tun. Ein Stationsassistent hat mich gefragt, ob ich denke, dass marokkanische Ärzte schlechter wären als deutsche. Ich glaube das nicht und aus meiner Sicht sind die Entscheidungen, die wir in Deutschland z. B. für das Überleben eines Frühgeborenen der 23. Schwangerschaftswoche treffen können, durch unsere finanziellen Mittel möglich und es war sehr gut zu erfahren, wie anders Patienten, Eltern und Ärzte agieren, wenn diese Mittel fehlen. Dass unser deutsches System nicht der Standard ist, auf den man sich beziehen kann, sondern ein sehr luxuriöses System verglichen zum Standard. Das Gesundheitssystem in Marokko gliedert sich in städtische Krankenhäuser und private Kliniken und ohne, dass es ein Zwei-Kassen-System gibt, gliedert sich die Bevölkerung nach Einkommensverhältnissen in diese zwei Systeme.
Die Ausbildung der Medizinstudenten erfolgt nach Aufnahmetest 3 Jahre lang wie die Vorklinik und 4 Jahre lang praktisch. In den praktischen Jahren sind die Studenten auch auf Stationen eingebunden und erledigen dort Aufgaben.

Land und Leute

Ich habe sehr viel unternehmen können! Zunächst habe ich die Familie eines Freundes in Fes besucht und dort einige Tage verbracht. Das erste Wochenende mit den Incomings haben wir in Marrakech verbracht und hatten ein sehr schönes Programm (Bahia Palace, Jardin Marjorelle, Souks, das neue moderne Viertel Gueliz, in dem man sich wie in einer westlichen Großstadt fühlt). Dann war ich ein Wochenende mit einer Gruppe im hohen Atlas wandern, was ich nur jedem empfehlen kann, auch im Sommer lohnt sich eine Besteigung des Mount Toubkhals sehr! Außerdem wurde ein Wochenende in Chefchaoun mit Wanderung nach Akchor von den Marokkanern organisiert und ein Wochenende bin ich in die Wüste gefahren. Außerdem haben wir Tagesausflüge nach Casablanca und an den Strand unternommen. Mein Highlight war definitiv das Opferfest El-Aid mit der Familie eines CPs zu verbringen!

Die marokkanische Kultur ist unfassbar herzlich und ich bin genauso empfangen worden. Das Essen gemeinsam nimmt einen großen Platz ein in der Kultur und im Familien-Alltag. Traditionell wird freitags Couscous zubereitet und zusammen gegessen. Ein anderes traditionelles Gericht ist Tajine: Gemüse und Fleisch im gleichnamigen Gefäß geschmorrt. Tajine ist auch oft vegetarisch! Ansonsten wird sehr viel Schaf, Lamm, Hühnchenfleisch gekocht. Aber auch Salate und unterschiedlichste Vorspeisen und Pasten werden zum Essen serviert. Sehr wichtig ist auch die Teekultur, es wird zu fast jeder Tages- und Nachtzeit Tee zusammen getrunken. Mein Guide im Atlas nannte ihn seinen "Berber-Whisky".

Das einzige, was mich unwohl hat fühlen lassen, war, dass ich als Frau mich natürlich anpassen musste an kulturelle Normen und ich habe die Freiheit, die man in Deutschland genießt, sehr zu schätzen gelernt und vermisst. Es ist nicht wirklich einfach, in der Öffentlichkeit Sport zu machen und ich denke es ist etwas merkwürdig für die Bevölkerung, wenn man alleine unterwegs ist.

Bilder des Königs sind allgegenwärtig präsent. In jedem kleinen Shop muss ein Porträt von ihm hängen. In den größeren Städten gibt es einen Palais Royale, der etwa die Größe eines normalen Stadtviertels hat und der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Im Gespräch mit Marokkanern wurde erwähnt, im Königspalast werde jeden Tag so gekocht, als wäre der König anwesend, dass er aber eigentlich oft in Frankreich wäre.

Auch die paradoxe Beziehung zu Alkohol war interessant zu beobachten. Alkohol konnte in Bars und Clubs, in Supermärkten außer am Freitag gekauft werden. Allerdings darf man keinen Alkohol auf der Straße oder einer Terasse trinken. Die Gespräche mit den marokkanischen CPs zu ihren persönlichen Freiheiten waren auch sehr bereichernd!

Fazit

Ich würde jeder Zeit wieder einen Auslandsaufenthalt wagen und bin sehr glücklich, einen mit der BVMD geplant zu haben! Ich würde wieder nach Marokko gehen, denke aber, dass ich dort auf Grund kultureller Normen nur auf bestimmte Zeit arbeiten würde.

zurück