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Pädiatrie - SCOPE (Famulaturaustausch)
Anonym

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Motivation

Vor zwei Jahren habe ich bereits eine Famulatur im Ausland gemacht und sie fachlich und persönlich als große Bereicherung erlebt. Daher wollte ich gerne noch einmal für eine Famulatur ins Ausland, um weitere Erfahrungen zu sammeln. Meine Wahl fiel auf Kanada (Quebec), da ich zuvor noch nie in Nordamerika war und ich mein Fachenglisch und meine Französischkenntnisse verbessern wollte. Außerdem hatte ich gehört, dass die klinische Lehre in Kanada sehr gut sein soll.

Vorbereitung

Da ich kurz vor der Famulatur in Montreal mein schriftliches Staatsexamen geschrieben habe, hatte ich leider wenig Zeit für spezielle Vorbereitungen. Die Formalitäten haben im Vorfeld mehr Zeit in Anspruch genommen als erwartet, aber der organisatorische Aufwand hat sich definitiv gelohnt. Es empfiehlt sich, die Sprachkenntnisse frühzeitig aufzufrischen und z.B. einen Sprachkurs zu besuchen oder sich mit einem Sprachtandempartner zu treffen.

Visum

Für Kanada braucht man für einen Aufenthalt unter sechs Monaten kein Visum, wenn man die deutsche Staatsangehörigkeit hat. Man muss lediglich eine elektronische Einreisegenehmigung (eTA) gegen eine Gebühr von 7 CAD auf der Webseite der kanadischen Regierung beantragen, wenn man auf dem Luftweg nach Kanada einreisen möchte.

Gesundheit

Im Bewerbungsprozess wird von der AFMC (Association of Faculties of Medicine of Canada) eine „Immunization and Testing Form“ gefordert. In dieser muss man Angaben zum Impfstatus (Pertussis, Tetanus, Diphtherie, Polio, Masern, Mumps, Röteln, Varizellen, Influenza) machen und eine Hepatitis B Serologie vorweisen. Außerdem wird ein Tuberkulose-Test gefordert, der häufig beim örtlichen Gesundheitsamt durchgeführt werden kann. Für die Einreise nach Kanada sind allgemein keine Pflichtimpfungen vorgeschrieben. Ich habe mich allerdings zusätzlich zu den empfohlenen Standardimpfungen des Robert-Koch-Instituts gegen sämtliche Meningokokken-Stämme impfen lassen, da ich während meiner Famulatur in der Neuropädiatrie zum exponierten Personenkreis gehörte und die Schutzimpfung in Kanada im Standardimpfprogramm inbegriffen ist. Für die Dauer des Auslandsaufenthaltes habe ich eine kostenlose Auslandskrankenversicherung über die studentische Beratung der apoBank abgeschlossen. Das Gesundheitssystem in Kanada ist staatlich organisiert und wie bei uns in Deutschland sind Arzttermine aufgrund des Ärztemangels sehr schwer zu bekommen. Es ist in Kanada nicht selbstverständlich, eine hausärztliche Betreuung zu haben, da bei mangelnder Kapazität keine neuen Patienten aufgenommen werden müssen. Im Bedarfsfall wendet man sich an eine „Walk-in Clinic“ mit sehr viel Wartezeit und im Notfall direkt an eine Notaufnahme. Ich habe während der Famulatur eine Entzündung am Auge bekommen, aber zum Glück konnte mir eine ärztliche Kollegin in der Klinik weiterhelfen und ich konnte dadurch den schwierigen Zugang zum kanadischen Gesundheitssystem umgehen.

Sicherheit

Die Sicherheitslage in Montreal ist vergleichbar mit der einer europäischen Großstadt und die Kriminalitätsrate ist sehr niedrig. Ich habe mich zu keinem Zeitpunkt unsicher gefühlt. Man sollte wie in jeder Großstadt lediglich allgemeine Sicherheitsvorkehrungen beachten wie z.B. in größeren Menschenmengen aufmerksam zu sein und auf Wertsachen zu achten. Im Winter kann es in Kanada zu extremer Kälte und Schneestürmen kommen. Über die Webseite der Elektronischen Erfassung von Deutschen im Ausland (Elefand) des Auswärtigen Amts besteht die Möglichkeit sich für den Reisezeitraum zu registrieren, um in Krisenfällen konsularisch betreut werden zu können.

Geld

Die Landeswährung in Kanada ist der kanadische Dollar (CAD). 1 CAD entspricht etwa 0,68 EUR bei aktuellem Wechselkurs. Die Akzeptanz von Kreditkarten ist sehr hoch. Ich hatte eine Kreditkarte der apoBank für Studenten, mit der ich im Ausland kostenlos Geld abheben konnte. Vor Ort erhält man 200 CAD Taschengeld in bar von der Gastorganisation für die Verpflegung im Krankenhaus. Die Preise in Kanada für Lebensmittel und Unternehmungen sind ähnlich wie in Deutschland.

Sprache

Die Amtssprachen in Kanada sind Englisch und Französisch. Beide haben einen gleichberechtigten Status. Quebec ist die einzige kanadische Provinz mit einem mehrheitlich frankophonen Bevölkerungsanteil und hat daher Französisch als alleinige Amtssprache. Das gesprochene Französisch in Quebec variiert stark zwischen internationalem und dialektreichem Französisch. Im Krankenhaus verlief die Kommunikation mit Patienten etwa zur Hälfte auf Französisch und zur Hälfte auf Englisch. Die Kommunikation zwischen Mitarbeitern und die medizinische Dokumentation waren überwiegend auf Englisch. Ich habe im Vorfeld einen Englisch- und Französischkurs für Mediziner belegt, der vom Sprachenzentrum meiner Universität angeboten wurde. Da man während der Famulatur die meiste Zeit eigenständig arbeitet, sind gute Sprachkenntnisse sehr hilfreich.

Verkehrsbindungen

In Montreal gibt es ein gut ausgebautes Metro- und Busnetz. Die Metro fährt zwischen 5.30-0.30 Uhr regelmäßig alle paar Minuten. Man kann sich eine OPUS Card besorgen oder einzelne Fahrscheine am Automaten kaufen. Von Montreal aus habe ich einen Tagesausflug mit dem Bus nach Quebec City gemacht. Nach meiner Famulatur bin ich mit dem Busunternehmen Greyhound noch nach Boston (USA) gefahren. Insgesamt gibt es viele Möglichkeiten über Bus- und Zugverbindungen und Kurzstreckenflüge in die nächst größeren Städte zu gelangen.

Kommunikation

Die Kommunikation im Gastland verlief über Messenger-Dienste und E-Mail. Man hat an vielen öffentlichen Orten und im Krankenhaus WLAN, sodass ich keine kanadische SIM-Karte benötigt habe. Über WhatsApp Call konnte ich kostenlos ins In- und Ausland telefonieren.

Unterkunft

Ich habe während meiner Famulatur in einer WG mit einem Medizinstudenten aus Montreal gewohnt. Das Zimmer wurde von der Gastorganisation gestellt. Bettwäsche und Handtücher habe ich netterweise von meinem Mitbewohner erhalten. Die Klinik war von der Wohnung aus mit kurzem Fußweg erreichbar und in unmittelbarer Nähe befanden sich eine Metro Station und verschiedene Einkaufsmöglichkeiten.

Literatur

Ich habe aus der Neuropädiatrie im Vorfeld Literaturempfehlungen per E-Mail zugeschickt bekommen und es gab Lehrbücher vor Ort zum Ausleihen, diese basierten allerdings meistens auf Facharztwissen. Von einer kanadischen Medizinstudentin habe ich das Buch „Case Files Pediatrics“ aus dem Lange Verlag empfohlen bekommen, das ich sehr gut zum Üben und Abfragen pädiatrischer Krankheitsfälle finde. Über Kanada allgemein habe ich mich vorher über die Webseite des Auswärtigen Amts, verschiedene Reiseführer und Blogs informiert. Speziell für Montreal kann ich den „MTL Blog“ sehr empfehlen. Die besten Tipps bekommt man aber immer noch von den Kanadiern vor Ort.

Mitzunehmen

Wenn man in den Wintermonaten nach Kanada kommt, sollte man auf jeden Fall warme Kleidung inklusive Schneeboots und dicker Winterjacke im Gepäck haben. Für die Famulatur selbst wird etwas schickere Kleidung gefordert. Kittel werden in der Kinderklinik nicht getragen, daher empfiehlt es sich eine Handtasche für die diagnostischen Instrumente mitzubringen. In der Neuropädiatrie benötigt man kein Stethoskop, man sollte lediglich einen Reflexhammer dabei haben. Ein Maßband für den Kopfumfang kann man vor Ort bekommen und ein Ophthalmoskop für die Pupillenreaktion und die Funduskopie befindet sich neben jedem Patientenbett.

Reise und Ankunft

Die Anreise verlief völlig problemlos. Ich stand frühzeitig in Kontakt mit der Local Clinical Exchange Officer (LEO) der McGill University, die mir bei Fragen immer schnell weiterhelfen konnte. Die Gastorganisation hat mir eine Kontaktperson vermittelt, da neben mir nur eine weitere Austauschstudentin in dem Zeitraum in Montreal war und es daher kein offizielles Social Program gab. Meine Kontaktperson hat sogar angeboten mich vom Flughafen abzuholen und wir haben uns regelmäßig an den Wochenenden getroffen. Die Informationen zur Unterkunft habe ich etwa zwei Wochen vor Famulaturbeginn erhalten, sodass die Kommunikation mit meinem Mitbewohner rechtzeitig möglich war und Absprachen zur Ankunft getroffen werden konnten. Bei Fragen bezüglich meiner Famulatur konnte ich mich im Vorfeld jeder Zeit an die Sekretärin der Neuropädiatrie wenden und Informationen zum Ablauf habe ich eine Woche vorher vom Chief Resident der Neuropädiatrie erhalten. Alles Organisatorische konnte vorher per E-Mail geklärt werden, sodass ich am Morgen des ersten Famulaturtages nur noch meine ID Card am Security Desk abholen musste und direkt starten konnte.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich habe meine vierwöchige Famulatur in der Neuropädiatrie am Montreal Children’s Hospital über die McGill University gemacht. Die Neuropädiatrie hat keine eigene Station, sondern ist ein reines Konsil-Team. Die Arbeitszeit für Studierende war von Montag bis Freitag 8.00-17.00 Uhr. Nachtschichten und Wochenenddienste wurden von den Residents im Team übernommen. Der Arbeitstag begann morgens immer mit einer kleinen Übergabe und danach wurden Patienten auf den verschiedenen Stationen visitiert. Im Anschluss wurden dann den ganzen Tag über neue Konsile in der Notaufnahme und auf der neonatalen und pädiatrischen Intensivstation sowie auf Normalstation bearbeitet. Dabei wurde auch von Studierenden verlangt, dass man eigenständig Patienten konsultiert, neurologisch untersucht, im stationären Verlauf betreut und alles fachgerecht dokumentiert. Die Anamnese hat sich immer sehr langwierig gestaltet und viel Zeit in Anspruch genommen, da man von der Schwangerschaft über Geburt, Meilensteine der Entwicklung, medizinische Vorgeschichte, Familienanamnese bis zum aktuellen Problem viele Informationen ausführlich erfragt. Durch die Sprachbarriere fand ich es bei dialektreichem Französisch manchmal schwierig, jedes Detail zu verstehen, aber sowohl mein Team als auch die Patienten hatten dafür Verständnis, wenn ich manche Aspekte noch einmal nachgefragt habe. Häufige Krankheitsbilder waren Epilepsien, Kopfschmerzen, Entwicklungsstörungen, entzündliche und neurodegenerative Erkrankungen, angeborene Gehirnfehlbildungen, Hirntumore und neuromuskuläre Erkrankungen. Jede Woche hatte man einen anderen oberärztlichen Hintergrund, dem man den Patientenfall ausführlich präsentiert und Vorschläge zum weiteren Prozedere gemacht hat. Am Anfang habe ich mich mit den Aufgaben etwas überfordert gefühlt, da ich das kanadische System nicht kannte, aber man ist schnell in seine Aufgaben hineingewachsen und hat regelmäßig hilfreiches Feedback bekommen. Durch das selbstständige Arbeiten und Denken habe ich in kurzer Zeit große Lernfortschritte bemerkt. Das Medizinstudium geht in Kanada nur vier Jahre. Das Studiensystem ist in allen angloamerikanischen Ländern allerdings so gegliedert, dass man zunächst „Undergraduate Studies“, ein allgemeinbildendes Studium als Voraussetzung für ein weitergehendes Studium, macht und erst danach „Graduate Studies“ wie z.B. Medizin anschließen kann. Die kanadischen Studenten verbringen das dritte und vierte Studienjahr komplett im Krankenhaus. Dadurch hatte ich den Eindruck, dass kanadische Studenten viel sicherer im Umgang mit Patienten und Untersuchen sind, deutsche Studenten dafür mehr theoretisches Hintergrundwissen zu den Krankheitsbildern haben. Einmal in der Woche fand eine Besprechung mit der Neuroradiologie und ein neuropädiatrisches Teaching statt, alle zwei Wochen gab es speziell ein EEG-Teaching.
Insgesamt hat mir die Famulatur in der Neuropädiatrie sehr viel Spaß gemacht, da das Team offen und hilfsbereit war. Ich habe spannende Krankheitsfälle gesehen und fachlich viel dazu gelernt. Besonders gut hat mir auch der freundliche und respektvolle Umgang miteinander in der gesamten Kinderklinik und der ständige interprofessionelle Austausch gefallen. Es wurden regelmäßig multidisziplinäre Treffen für schwer kranke Patienten organisiert, wenn viele verschiedene Fachrichtungen involviert waren, um sich auf den gleichen Stand zu bringen und gemeinsam Therapieentscheidungen treffen zu können. So hatte man unter anderem viel Kontakt zur Intensivmedizin, Humangenetik, Infektiologie, Krankenpflege und Physiotherapie. Die patientenfokussierte Ausrichtung des gesamten Handelns ist mir sehr positiv aufgefallen!

Land und Leute

Montreal ist die zweitgrößte Stadt Kanadas und die größte der Provinz Quebec. Die Millionenstadt liegt im Südwesten von Quebec direkt am Sankt-Lorenz-Strom. Es gibt einige Sehenswürdigkeiten und ein vielfältiges kulturelles Angebot. Das Stadtbild ist geprägt durch französische, britische und amerikanische Einflüsse. Ich habe es immer sehr genossen durch die Stadt zu spazieren und die Architektur mit der Gegenüberstellung von Altem und Neuem und die große Vielfalt an architektonischen Stilen auf mich wirken zu lassen. Es gibt einen großen Hafen am Sankt-Lorenz-Strom und den Höhenzug Mont Royal, von dem sich der Name der Stadt ableitet und von dem man eine schöne Sicht auf Montreal hat. Im Herbst verfärben sich die Blätter der Bäume an der Ostküste Kanadas in den unterschiedlichsten Farbtönen, das Naturschauspiel wird als „Indian Summer“ bezeichnet. Im November kam es dann schlagartig zum Wintereinbruch und ich habe vor meiner Abreise noch den ersten großen Schneefall mitbekommen.
Die Kanadier habe ich als entspannt und gastfreundlich erlebt und schon allein durch den multikulturellen Hintergrund sind sie sehr zugänglich und aufgeschlossen gegenüber neuen Leuten.
Um mehr über Montreal zu lernen habe ich eine Führung durch die Altstadt mitgemacht, die sehr interessant war. Außerdem gibt es viele schöne Parks wie den Parc Jean-Drapeau und Märkte, z.B. den Jean-Talon Market und Atwater Market. Es gibt auch viele hübsche Cafés und Coworking Spaces wie das Crew Collective & Café, die bei schlechtem Wetter zum Verweilen einladen. Das Musée des beaux-arts de Montréal, das älteste Kunstmuseum in Kanada, hat mir auch sehr gut gefallen.
Eishockey wird in Kanada als Sport sehr großgeschrieben und das hiesige Team Montreal Canadiens ist eines der erfolgreichsten in der NHL-Geschichte. Ich kann den Besuch eines Heimspiels im Centre Bell auch als Nicht-Eishockey-Fan empfehlen.
Kulinarisch kann ich „Poutine“ empfehlen, eine kanadische Fast Food Spezialität mit Pommes, Mozzarella-artigem Käse und fettiger Soße. Die beste „Poutine“ gibt es im Restaurant La Banquise. Außerdem sind die Bagels aus Montreal super lecker. Ich habe sogar eine Bagel Baking Class besucht. Anfang November findet in Montreal zwei Wochen lang die Veranstaltung „MTLàTABLE“ statt. In dieser Zeit kann man in teilnehmenden Restaurants verschiedene Menüs zu einem günstigeren Preis genießen. Im Restaurant ist es üblich am Eingang zu warten bis ein passender Tisch zugewiesen wird. Am Tisch wird häufig zusätzlich Leitungswasser serviert, das auf Wunsch kostenlos nachgefüllt wird. Ein Trinkgeld von 15-20% ist üblich.
Als Tagesausflug habe ich einen Kurztrip nach Quebec City, der Hauptstadt der Provinz Quebec, und zum Montmorency-Fall mit dem Bus gemacht. Quebec City ist etwas kleiner und historischer im Vergleich mit Montreal und die Bauwerke sind stark von der Architektur französischer Städte geprägt. Ich fand Quebec City mit dem Château Frontenac und den vielen kleinen Gassen, hübschen Plätzen und alten Stadtmauern wunderschön.

Fazit

Meine Erwartungen an die Famulatur in Montreal wurden übertroffen. Ich hatte leider wenig Zeit, um neben Montreal noch mehr von Kanada zu sehen, aber mir war vorher bewusst, dass die Freizeit neben der Arbeit im Krankenhaus begrenzt ist. So habe ich auf jeden Fall einen Grund noch einmal nach Kanada zurückzukommen. Während der Zeit in der Neuropädiatrie habe ich fachlich und persönlich viel dazu gelernt und möchte die Erfahrungen nicht missen. Ich kann eine Auslandsfamulatur in Montreal sehr empfehlen und würde es jeder Zeit noch einmal machen!

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