zurück

Institute for Indian Mother and Child (Indien)

Verschiedene - SCOPH (Public-Health Austausch)
von Ulrike, Würzburg

Motivation

Schon seit der Vorklinik interessiere ich mich sehr für Global Health Themen und habe mittlerweile viele Veranstaltungen zu dem Thema besucht. Soweit war aber alles nur Theorie, durch einen Public Health Austausch wollte ich jetzt auch die Realität kennenlernen. Außerdem habe ich mich einige Jahre als LEO in der AG Austausch der BVMD engagiert und wollte einmal die Rolle wechseln und selbst erleben, wie es als Incoming ist.

Vorbereitung

Um sich für ein Projekt zu entscheiden bzw. Prioritäten festlegen zu können, habe ich mir die Erfahrungsberichte durchgelesen, hier bekommt man schon einen sehr guten Einblick. Weil ich vor dem Studium einen Weltwärtsdienst inklusive Vorbereitungsseminaren gemacht hatte, fühlte ich mich prinzipiell bereit für ein neues Projekt im Ausland. Das Predeparture Training der BVMD habe ich in München besucht, es war eine nette Abrundung mit einem Blick in verschiedene Themen, die mit dem Austausch zu tun haben, und schön, andere Leute kennenzulernen, die auch vor ihrer Auslandsfamulatur standen. Von meiner Kontaktperson habe ich Mails und einen Welcome Letter bekommen, in dem sehr viele nützliche Informationen standen, sodass viele offene Fragen schon dadurch geklärt wurden. Und dann standen eben die organisatorischen Aufgaben an: Fahrtkostenzuschuss beantragen (Geht über die BVMD oder ein Stipendium), Visum beantragen, Flüge buchen, Impfen, Auslandskrankenversicherung abklären etc. Zur Sicherheit habe ich auch in meinem Landesprüfungsamt nachgefragt, ob mir das Projekt als Famulatur anerkannt wird, weil es sonst schon zeitlich eng geworden wäre für mich – das war zum Glück dann kein Problem.

Visum

Das Visum war bei mir etwas umständlich. Ich war mir nicht sicher, ob ich es rein online beantragen kann oder in die Botschaft muss bzw. in welche Stadt. Und auf den Internetseiten hieß es oft, dass das Visum frühestens 2 Monate vor Ausreise beantragt werden kann, man aber die Flüge nicht vor Erhalt des Visums buchen soll und so weiter. Ich bin dann letzten Endes in die Botschaft nach München (ist, soweit ich weiß für Bayern und Baden-Württemberg zuständig) gefahren, habe dort meine zuvor im Internet ausgefüllte und gedruckte Application Form, Passbilder, meinen Pass und das Geld abgegeben und dann wenig später meinen Pass inkl Visum zugeschickt bekommen. Es hat knapp über 100€ gekostet und war auch mehr als 2 Monate vor Ausreise kein Problem. Die Flüge habe ich auch vor Erhalt des Visums gebucht, weil sie sonst zu teuer geworden wären. Und man sollte ein Touristenvisum nehmen.

Gesundheit

Wie empfohlen habe ich eine Auslandsreisekrankenversicherung abgeschlossen, das hat mich etwa 10€ gekostet. Außerdem war ich in der Reiseberatung der Tropenmedizin und habe dort meine Impfungen vervollständigen lassen und mir auf Anraten eine Malaria-Stand-by-Prophylaxe gekauft. Gebraucht habe ich sie zum Glück nicht. Ansonsten habe ich Medikamente einer Standard-Reiseapotheke mitgenommen. Es ist sinnvoll, sich gegen Mücken zu wappnen, also lange helle Kleidung und Moskitospray dabeizuhaben. Ein Moskitonetz hatte ich auch dabei, wäre aber nicht unbedingt nötig gewesen. Im Guesthouse in Kolkata und auch in Dhaki gibt es welche, allerdings leider teilweise mit Löchern, wenn man Pech hat. Kommt wohl auf die Jahreszeit und die persönliche Reiseplanung an. Falls man doch irgendein Medikament nicht dabeihat, das man bräuchte, könnte man sich auch ohne Probleme Medikamente in den zahlreichen Apotheken kaufen.

Sicherheit

Ich habe mich eigentlich bewusst nach meinem Auslandsaufenthalt mehr mit der Thematik Sicherheit befasst als davor, weil ich keine übertriebenen Ängste kurz vor der Ausreise in mir aufkommen lassen wollte. Letzten Endes ist es sicherlich sinnvoll, vorsichtig zu sein, und ich persönlich hatte auch nie den dringenden Wunsch nachts alleine in der Stadt umher zu laufen oder ähnliches, aber ich muss sagen, dass ich vor Ort doch recht entspannt war und mir eher weniger Gedanken darüber gemacht habe. Wir waren viele Freiwillige (etwa 25) und waren dementsprechend sowieso immer in kleineren Grüppchen unterwegs. Dabei habe ich mich nie unwohl gefühlt. In dem Monat als wir in Indien waren, war gerade der Kaschmir-Konflikt relativ angespannt mit Protesten und Auseinandersetzungen. Das haben wir natürlich per se in unserer Reiseplanung berücksichtigt, aber sonst gab es zum Glück nicht wirklich Grund, sich Sorgen zu machen, und auch keine Zwischenfälle.

Geld

In Indien wird mit Rupien bezahlt. Ich hatte bereits bei meinem Zwischenstopp am Flughafen in Delhi die mitgebrachten Dollar in Rupien getauscht, um etwas zur Hand zu haben, falls ich in Kolkata am Flughafen doch Geld für ein Taxi oder ähnliches brauche. Außerdem gibt es ja noch einen Betrag für Abholung + Unterkunft, den man am Anfang des Aufenthalts in Dollar oder Rupien bezahlen soll. Ich musste leider für jede Kreditkarten-Abhebung etwas zahlen, was etwas nervig war, weil man dann immer gleich größere Summen auf einmal abheben und herumtragen musste. Hier wäre es vielleicht hilfreich gewesen sich vorab nach einer Option umzusehen, bei der man nichts für eine Bargeldabhebung zahlen muss. Manchmal funktionieren die Geldautomaten auch nicht, das ist soweit nichts besonderes. Man muss ein paar ausprobieren und sich dann merken, welche funktionieren. Hier können manchmal auch die Freiwilligen des Vormonats schon Hilfestellung geben. Für den Alltag im Projekt braucht man sehr wenig Geld für Lebenshaltungskosten. Man kann im IIMC oder in einem Straßenrestaurant für teilweise weniger als einen Euro Mittagessen und für abends kauft man sich im Normalfall auch nur ein paar Grundnahrungsmittel, um zu kochen. Indisch essen zu gehen ist per se auch günstig. In der Mall kann man eher mit europäischen Preisen rechnen, aber das ist ja auch die Ausnahme.

Sprache

Englisch ist zwar mitunter Amtssprache in Indien, vorrangig ist in Kolkata aber auf jeden Fall Bengali. Letzten Endes konnten wir nur mit ein paar wenigen, höher gebildeten Mitarbeitern des IIMC Englisch sprechen, die Kommunikation mit den anderen Mitarbeitern und den Patienten war aber mehr oder weniger unmöglich. In der ersten Woche im Projekt gibt es jeden Tag Bengali-Unterricht. Eine nette Idee, aber die Umsetzung ist leider nicht so toll. Hilfreich fand ich die Poster, die in den Behandlungszimmern hingen und wenigstens ein paar Übersetzungen für medizinische Begriffe Deutsch – Bengali vergegenwärtigt haben. Am Ende konnte man dann solche Dinge wie „Sie haben hohen Blutdruck.“ Sagen, aber von einer Unterhaltung war das leider noch sehr weit entfernt. Die Sprachbarriere war für mich mitunter das größte Problem im Projekt. Ich fand es sehr schade, nie mit den Patienten wirklich sprechen zu können und sie zum Beispiel fragen zu können, ob ihnen das, was wir im Projekt tun hilft, oder mit den Mitarbeitern über ihre Lebensbedingungen zu sprechen. Auch war es schwierig sich über Politik, Kultur oder Gesellschaft zu unterhalten, weil man ja nur sehr wenige und selektierte Gesprächspartner hatte. Mit denjenigen, mit denen es möglich war, habe ich aber versucht so viel wie möglich über diese Themen und auch über das Projekt zu sprechen und bin immer auf Freude über mein Interesse und interessante Gedanken gestoßen.

Verkehrsbindungen

Indien hat ein gut ausgebautes Eisenbahnnetz. Wir sind auch öfter mit der Bahn gefahren und das war soweit eigentlich ganz angenehm. Auch die Nachtfahrt war in Ordnung. Andere Volunteers sind auch längere Strecken mit Bussen gefahren, das scheint auch gut zu funktionieren. Allerdings sollte man darauf achten, die Zugtickets etwas im Voraus zu kaufen. Unsere Idee, spontan in ein paar Tagen nach Varanasi zu fahren, hat uns dann doch erstmal vor ein paar Schwierigkeiten wegen der Tickets gestellt. Im Internet wird auch auf vielen Reiseblogs von einem Ticketkontigent speziell für Touristen gesprochen, auf das man aber scheinbar nur direkt am Schalter an den Bahnhöfen (und auch nicht allen) zugreifen kann, aber das haben wir nie richtig herausgefunden. Ansonsten gibt es natürlich die Möglichkeit, zwischen den größeren Städten zu fliegen.

Kommunikation

Die Kommunikation ist in Indien wirklich kein Problem. Die Freiwilligen des Vormonats haben mir gleich in den ersten Tagen einen Laden in der Nähe des IIMC gezeigt, wo ich eine indische Simcard kaufen konnte. Mit dieser hat man ein hohes tägliches Datenvolumen zur Verfügung und das Netz ist in Kolkata und Umgebung auch sehr gut. In Dhaki war es teilweise nicht so perfekt, aber das ist ja auch nicht weiter schlimm. Als Freiwillige haben wir in einer Whatsapp Gruppe kommuniziert, um uns abstimmen zu können sowohl bezüglich Arbeitsaufteilung als auch Freizeitaktivitäten. Und die Kommunikation ist ja auch per Internet kein Problem.

Unterkunft

Vom Projekt wird die Unterkunft gestellt. Uns wurde angeboten, dass wir sowohl in Zimmern direkt auf dem Gelände des IIMC unterkommen können oder im Guesthouse, das etwa 45min entfernt, etwas näher am Zentrum der Stadt liegt. Auch wenn es komfortabel erscheint, nicht täglich eine Stunde zum IIMC und zurück in der Gegend umher zu fahren, würde ich trotzdem jedem raten, ins Guesthouse zu ziehen. Dort ist Platz für alle Freiwilligen und dort ist es schön, Zeit als Gruppe zu verbringen! Das Guesthouse an sich ist wie Dr. Sujit es immer bezeichnet „schlicht“. Damit hat er auch recht und es würde sich auch falsch anfühlen, in einem Luxusappartement unterzukommen, wenn man dann immer auf die Straßen Kolkatas hinausgeht, aber man muss schon auch etwas tolerant sein. Weil bei uns keine Freiwilligengeneration wirklich Wert auf Sauberkeit gelegt hatte, war es schon recht dreckig, irgendwo im Bad hatte man immer ein Leck und mit Ungeziefer musste man schon auch rechnen, um nicht böse überrascht zu werden. Aber ich möchte da nicht undankbar sein oder das Guesthouse schlecht machen. Man sollte sich nur nicht unbedingt auf europäische Standards einstellen. Bettwäsche und ein Moskitonetz sind vorhanden. Wer allerdings sicher sein will, dass keine Löcher im Moskitonetz oder ähnliches sind, tut vielleicht gut daran, diese Dinge von zu Hause mitzubringen.

Literatur

Ich denke, von der medizinischen Seite her, muss man sich nicht vorab in ein spezielles Gebiet einlesen. Ich muss sagen, ich habe kaum Tropenkrankheiten oder exotisches gesehen. Hauterkrankungen sind wohl die Themen, denen man am häufigsten begegnet. Ich habe mich medizinisch also nicht speziell vorbereitet. Ein bisschen über Indien als Land Bescheid wissen, wollte ich aber auf jeden Fall. Ich fand ,die Info-Seiten im Lonely Planet haben schon einen interessanten Einblick gegeben. Und ich bin dann noch auf eine Zeitschrift (kostenlos) und ein Buch über Indien von der Bundeszentrale für politische Bildung gestoßen. Die fand ich sehr spannend und würde sie weiterempfehlen, wenn jemand sich vorab ein wenig mit Politik und Gesellschaft bzw. aktuellen Problemfeldern auseinandersetzen möchte. Reiseführer sind sehr viele auch im Guesthouse verfügbar, sowie ein Buch, in das die vorangegangenen Freiwilligen-Generationen Tipps zu Reisen, Essen etc. geschrieben haben.

Mitzunehmen

Ich fand auch, wie in einigen vorangegangenen Erfahrungsberichten, am angenehmsten, die Kleidung, die man vor Ort kaufen konnte, zu tragen. Sie war luftig und leicht und man hat darunter nicht ganz so sehr in der Hitze gebrütet wie unter eng anliegenden Kleidungsstücken, die man in Deutschland eher tragen würde. Allerdings – vielleicht war ich auch einfach in den falschen Geschäften – war ich sehr enttäuscht, weil die Kleidung bei mir teilweise sehr schnell kaputt gegangen ist, sodass ich mir auch kaum etwas am Ende mit nach Hause genommen habe. Mehrere Päckchen Untersuchungshandschuhe mitzunehmen, war nicht nötig. Es gibt in den Behandlungsräumen eigentlich immer welche und im Guesthouse lagen auch noch Packungen. Ich würde nur eine Packung mitnehmen. Und über das Moskitonetz muss man auch nachdenken. Es verbraucht recht viel Platz und eigentlich gibt es in den Unterkünften welche. Allerdings kann man Pech haben und diese sind zerrissen – oder man kommt im Rahmen der Reise irgendwo unter, wo es keine gibt. Sehr zu schätzen gelernt habe ich in der Zeit meine Flipflops. Noch optimaler wären etwas festere Sandalen gewesen, in denen man auch in der Regenzeit durch die Pfützen laufen kann ohne dabei seine Schuhe zu verlieren. Und auch ein bisschen Vorrat an Händedesinfektionsmittel dabeizuhaben, fand ich angenehm.

Reise und Ankunft

Im Normalfall wird man am Flughafen von einem Fahrer des IIMC abgeholt (und bezahlt dafür, ist aber tendenziell etwas günstiger als mit Taxi). Bei mir wurde es etwas kompliziert als mein Flug aus Delhi Verspätung hatte und ich dann im IIMC erstmal niemanden erreicht hatte, mit meinem deutschen Handy nicht telefonieren konnte etc, deshalb mein Rat: Installiert euch von vornherein die Uber-App, dann könnt ihr im Notfall einfach damit von A nach B kommen. Ich hatte sie davor noch nie benutzt, aber war in Indien dann schon sehr dankbar dafür. Im Projekt sind wir dann am Tag nach der Ankunft gestartet. Man wird von den Freiwilligen des Vormonats eingeführt, das ist sehr hilfreich. Man sollte also wirklich möglichst am Ende des Vormonats kommen, um einen schönen Einstieg zu haben.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Dr. Sujit hat uns in der Einführung gesagt, dass das IIMC kein medizinisches Projekt ist, sondern ein Entwicklungsprojekt mit einem medizinischen Anteil. Und ich denke, auf genau das sollte man auch eingestellt sein. Wenn man nur am Medizinischen interessiert ist und unbedingt spezifische Diagnostik und Therapie machen will, wird man in dem Projekt nicht glücklich und sollte vielleicht lieber eine klassische Famulatur in einem Krankenhaus machen. Ist man aber bereit, das Projekt einfach kennenzulernen und sich darauf einzulassen, fand ich es sehr bereichernd, auch mal vom Medizinischen wegzugehen und sich mit den beiden anderen großen Themen „Bildung“ und „Women Empowerment“ zu beschäftigen. Letztendlich gibt es sehr viel verschiedenes im IIMC, was man kennenlernen kann. Es gibt viele Gruppen und Aktivitäten und ein paar Tage im Voraus wird immer unter der Freiwilligengruppe ein Wochen- oder Tagesplan festgelegt, wer wann in welchen Teil gehen möchte. Natürlich trifft dann indischer Alltag auf deutsche Planung und es kommt letzten Endes doch sehr oft anders und Aktivitäten verschieben sich, fallen aus oder ändern sich inhaltlich, aber das ist ok. Der Hauptort des Geschehens ist die Indoor Clinic, ein Versorgungszentrum, wo Patienten auch über Nacht bleiben können, allerdings trotzdem nicht mit einem Krankenhaus zu vergleichen. Man legt dort Wert darauf, dass sie ihre Medikamente nehmen und z.B. Hautinfektionen täglich lokal behandelt werden. Das macht man in den vormittäglichen Dressings und nachmittags ist im Normalfall noch eine Runde mit einem Arzt angesetzt, allerdings ist das manchmal eher Glückssache, ob und wann dieser kommt. Ansonsten führt man noch Impfungen, i.m.-Injektionen und Wundversorgungen durch und das wars dann auch so ziemlich an medizinischen Tätigkeiten. Ähnliche Tätigkeiten sind es in den Outdoor-Kliniken, zu denen man von der Indoor Clinic mit Jeep oder Kleinbus startet. Teilweise sind sie in kürzerer Reichweite, teils aber auch mehrere Stunden Fahrt entfernt. Am weitesten entfernt ist die Outdoor Clinic in Dhaki in der Nähe der Sunderbans im Süden. Die Strecke lohnt sich allerdings für einen Tag kaum, sodass die Freiwilligen dort im Normalfall ein verlängertes Wochenende verbringen.
Was man im medizinischen bzw Bildungs-Bereich noch machen kann sind Health Trainings zum Beispiel für Frauen aus den Dörfern, die dann wiederum das Wissen in die Dörfer tragen können. Hier ist man sehr frei, was die Thematik der Vorträge, die man hält, angeht. Generell bietet das IIMC eine wunderbare Basis um eigene Ideen einzubringen und Projekte zu starten. Auch in Schulen sind wir gefahren und haben den Kindern Gesundheitsunterricht gegeben, zum Beispiel, wie man sich die Hände wäscht oder die Zähne putzt, das fand ich auch sinnvoll.
In der größten der Outdoor-Kliniken haben dann auch noch Ärzte aus unterschiedlichen Fachrichtungen ihre Sprechstunden. Und wenn genügend Freiwillige da sind, kann man den Ärzten über die Schulter schauen. Ich habe per Zufall einen Allgemeinmediziner gefunden, der auch zwei Studenten dabeihatte und ihnen und mir aktiv Wissen vermitteln wollte. Das war also auch fachlich interessant, ist aber eher ein Glücksgriff und die Ausnahme. Ansonsten ist es eben mit der Sprachbarriere schwierig und abhängig, ob der Arzt gerade die Zeit hat und es auch sprachlich klappt, dass man etwas mitnehmen kann. Bemüht und freundlich waren aber alle, auf die ich getroffen bin.
Daneben gibt es dann unter anderem noch das Mikrokredit und Women Peace Council – Programm. Auch hier kann man die Gruppen besuchen und einen interessanten Einblick gewinnen. Alle Leiter der verschiedenen Ressorts geben während des Monats irgendwann einen Vortrag zu ihrer Sparte des Projekts. Wenn man besonderes Interesse oder noch Fragen zu einem bestimmten Bereich hat, kann man einfach nochmal auf die Leute zugehen und mit ihnen sprechen und erfährt große Freude von deren Seite, dass man sich interessiert.
Am schönsten fand ich das verlängerte Wochenende in der Outdoor Clinic in Dhaki. Nicht nur, dass man mal raus aus der Stadt in ein ruhigeres, landschaftlich wunderschönes und sehr authentisches Indien kam, fand ich toll, sondern auch die Zeitgestaltung dort. Es gab wieder die üblichen medizinischen Aufgaben und Schulbesuche (allerdings waren wir dort eher als Vertreter des Patenschaftsprogramms angesehen, hatte ich das Gefühl), aber der Leiter dort ist ein sehr offener, freundlicher und reflektierter Mann. Wir hatten mit ihm mitunter die interessantesten Diskussionen zu Gesellschaft, Gesundheitssystem, Politik etc, sodass ich Indien durch ihn besser verstehen konnte. Er versuchte auch aktiv, uns die Kultur näherzubringen mit Kochen, Meditation und Yoga.
Zwischendurch hat man wirklich öfter mal Leerlauf, was die Gefahr birgt, sich zu langweilen und sich zu fragen, warum man denn eigentlich gerade da ist, auch mir ging es auf jeden Fall manchmal so. Die beste Strategie für mich war es, sich möglichst viel mit den Mitarbeitern auszutauschen, mehr über das Projekt herauszufinden und sich evtl. noch Hintergrundwissen anzulesen, wenn einfach nichts zu tun war. Wie gesagt, hat man auch durchaus die Möglichkeit, sich eigene Projekte auszudenken.

Land und Leute

Man hat generell die Sonntage frei und kann dann gut Kolkata erkunden, dafür hat man unter der Woche wenig Zeit, weil der Arbeitstag meist erst am späten Vormittag beginn und abends endet. Dann erledigt man eher noch Eikäufe oder sitzt gemütlich im Guesthouse zusammen, als nochmal eine Stunde mit der Metro ins Zentrum zu fahren. Die Stadt selbst hat schon viel zu bieten, mir hat besonders der Marble Palace gefallen, aber es gibt viele Sehenswürdigkeiten, teils noch aus der Kolonialzeit. Und auch nur einfach durch die Straßen zu laufen und die Stadt zu erkunden, sollte man nicht verpassen. Natürlich ist es aber genauso in Ordnung, sich ein wenig Zeit für sich zu nehmen, und mal einen Sonntag im Guesthouse zu verbringen. Ein verlängertes Wochenende kann man für eine Reise verwenden, wir sind nach Varanasi gefahren, was ich eine sehr gute Entscheidung fand. Es gab genug interessante Dinge anzusehen, aber es war auch nicht gehetzt. Darjeeling wäre sicher auch schön, scheint aber in der Regenzeit nicht das optimale Ziel zu sein. Eine andere Gruppe von Freiwilligen hat noch eine Tour quer durch das Land gemacht in den freien Tagen, aber das wäre mir persönlich zu anstrengend gewesen. Da ist es sehr hilfreich, dass viele Freiwillige vor Ort sind, und man sich zusammenfinden kann, wie die Interessen übereinstimmen. Nach dem Projekt habe ich mir noch eine Woche Zeit genommen, um mit zwei Freunden das Land noch ein wenig zu erkunden, es hat ja einiges zu bieten. Die schönsten Tage waren für mich dennoch diejenigen in Dhaki, der ländlichen Outdoor-Klinik. Die Inder, die ich kennenlernen durfte, habe ich als sehr gastfreundlich und hilfsbereit erlebt. Um nur dort Urlaub zu machen, fände ich eine indische Großstadt wie Kolkata zu laut, voll und anstrengend, aber für ein Projekt nochmal nach Indien zu gehen, könnte ich mir gut vorstellen. Das indische Essen – besonders in dem Straßenrestaurant in der Nähe des IIMC – fand ich schon lecker. Das einzige Mal, dass gleich mehrere von uns nach dem Essen krank wurden, war übrigens nicht nach dem Straßenimbiss, sondern nach dem Besuch der sehr teuren und westlichen Mall. Weil zumindest mir jeden Tag nur indisches Essen doch irgendwann zu viel gewesen wäre, war ich ganz dankbar, dass man im Guesthouse die Möglichkeit hatte, auch etwas anderes zu kochen. Sehr schön fand ich auch die großen Kochaktionen, bei denen ein paar Freiwillige rieisige Mengen an Essen für die ganze Gruppe zubereitet haben. Besonders die Italiener haben hier bei uns die ganze Truppe verwöhnt.

Fazit

Insgesamt war die Zeit in Indien für mich darauf angelegt, das Projekt kennen zu lernen. Eher zu hospitieren, zuzuschauen und zu versuchen, zu verstehen, warum dieses oder jenes notwendig ist, oder warum es läuft, wie es läuft, statt selbst praktisch Hand anlegen zu können. Ich wollte verstehen, wie das Projekt aufgebaut ist und worauf es abzielt und habe versucht, mich so viel wie möglich mit den Mitarbeitern auszutauschen, die sich immer sehr über Interesse und Nachfragen gefreut haben. Mich hat die Erkenntnis beeindruckt, dass medizinische Probleme immer im Kontext betrachtet werden müssen und das Projekt aus dem Bewusstsein entstanden ist, dass die medizinischen Probleme nicht Grundproblem, sondern Folge von Armut und Analphabetismus sind und dass man deshalb grundlegend auch an diesen Bereichen etwas zu verändern versuchen muss. Die eigene Rolle im Projekt ist schon manchmal ein wenig schwierig, weil man sich schnell untätig und unnütz vorkommen kann, wenn man nicht viel machen darf. Ich habe es so aufgefasst, dass die europäischen Freiwilligen vor allem ein Bindeglied nach Europa sind, teilweise Stellvertreter im Rahmen des Patenschaftsprojekts, laut Dr. Sujit die Mitarbeiter durch ihre Beteiligung motivieren sollen und ansonsten einfach Gäste sind. Ich konnte mit dieser Rolle soweit gut umgehen, das war für mich in Ordnung.

Meine Erwartungen und meine Motivation, Einblicke in ein Entwicklungsprojekt zu erhalten und ansatzweise die Vorgänge zu verstehen, wurden voll erfüllt. Ich kann es aber auch nachvollziehen, wenn diejenige, die in der Zeit klinisch tätig sein wollten, enttäuscht waren. Ich fand vor allem die Felder abseits der Medizin sehr interessant und war dankbar, mich mit Themen wie der Bedeutung von Bildung und der Stärkung der Rolle der Frau beschäftigen zu dürfen.

zurück