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Chile (IFMSA-Chile)

Chirurgie - SCOPE (Famulaturaustausch)
Anonym

Motivation

Das Ausland und andere Kulturen haben mich immer schon gereizt und so wollte ich für meine letzte Famulatur noch einmal die Gelegenheit nutzen, um ein wenig zu reisen und gleichzeitig ein fremdes Gesundheitssystem am anderen Ende der Welt kennen zu lernen.

Vorbereitung

Ich muss ehrlich gestehen, dass ich mich kaum vorbereitet habe und von einer Famulatur direkt in die nächste gesprungen bin. Ich kann jedoch nur empfehlen, dass man sich noch einmal mit der spanischen Sprache vertraut macht, da wirklich kaum jemand in Chile englisch spricht. Zu beachten ist zusätzlich, dass das chilenische Spanisch viele eigene Begriffe und Ausdrücke, sogenannte „Modismen“, enthält. Es kann daher durchaus praktisch sein, sich bereits vor dem Austausch damit auseinanderzusetzen. Falls das nicht möglich ist, kommt man aber auch vor Ort binnen 1-2 Wochen gut ins Chilenisch hinein. :)
Es lohnt sich ebenfalls die basics wie korrektes OP Verhalten, chirurgisches Nähen etc. zu wiederholen.
Ansonsten sollten eventuell noch die Reiseinformationen beim auswärtigen Amt durchgelesen und der Impfstatus überprüft werden.

Visum

Für Chile musste ich kein Visum beantragen.

Gesundheit

Für Chile gab es neben den Standardimpfungen, die in Europa durchgeführt werden, keine weiteren Impfpflichten. Vom Krankenhaus selbst war lediglich der Nachweis einer Hepatitis B Impfung gefordert. Ich habe mich dennoch prophylaktisch gegen Typhus, Meningokokken ACWY und B und Tollwut impfen lassen. Auch wenn in Chile kaum noch Tollwutfälle bekannt sind, habe ich mich vor allem in Städten wie Valparaíso, in denen sehr viele Straßenhunde leben, mit der Schutzimpfung sicherer gefühlt.
Ansonsten hatte ich lediglich eine Standardreiseapotheke mit Ibuprofen, PPI, Amoxicillin etc mit, die vollkommen ausgereicht hat. Generell ist Chile ein sehr entwickeltes Land mit dementsprechenden Hygienestandards (so kann beispielsweise das Leitungswasser bis auf im Norden Chiles bedenkenlos getrunken werden), sodass ich bis auf eine selbstverschuldete Erkältung keinerlei Probleme hatte.
Ich hatte bereits für vorherige Auslandsfamulaturen eine kostenfreie Krankenversicherung über den Hartmannbund abgeschlossen.

Sicherheit

Chile ist aus politischer und ökonomischer Sicht gesehen ein ziemlich stabiles südamerikanisches Land. Es gab ein paar Stadtteile in Santiago, die nachts als Tourist eher gemieden werden sollten (vor allem im Süden Santiagos). Diese wurden mir gleich nach meiner Ankunft von meinen Gastbrüdern und später auch von den Ärzten im Krankenhaus genannt. Des weiteren wurden wir gewarnt, dass es am 11.09. in Chile nach wie vor zu Unruhen kommen kann und das Stadtzentrum daher ab Nachmittag besser nicht mehr besucht werden sollte. Ansonsten habe ich mich nie wirklich unsicher oder unwohl in Chile gefühlt.

Geld

In Chile ist der chilenische Peso die offizielle Währung (800 CLP entsprechen ungefähr 1 EUR). Chile zählt zu den teuersten Ländern Südamerikas und die Preise von Lebensmitteln, Eintritten und Verbrauchsgütern sind vergleichbar zu Deutschland. Es lohnt sich meiner Meinung nach eher Bargeld in Euros mit nach Chile zu nehmen und diese vor Ort in Pesos umzutauschen, da viele Oficinas de Cambio im Vergleich zu den Banken bessere Wechselkurse anbieten und keine Gebühren anfallen. Ebenfalls rentabel ist es, ein paar Dollar zur Hand zu haben, da viele Hostels auf die Mehrwertsteuer verzichten, wenn der Preis in Dollar gezahlt wird.

Sprache

In Chile wird Spanisch (Chilenisch) gesprochen. Ich brauchte durchaus eine Woche um mich an den eigenen chilenischen Slang zu gewöhnen, da die Chilenen nicht nur eigene Begriffe haben, sondern auch wahnsinnig schnell und die Endungen verschluckend sprechen. Die meisten Ärzte bemühen sich allerdings langsam und deutlich zu sprechen, sodass es eigentlich keine Probleme gibt sich zu verständigen, solange man Spanisch einigermaßen gut beherrscht. Es spricht allerdings wirklich kaum jemand Englisch, weder die anderen Studenten noch der Großteil des Krankenhauspersonals!

Verkehrsbindungen

Santiago ist eine der wenigen chilenischen Städte mit einem ausgebauten Metro System. Zusätzlich gibt es Busse (sogenannte Micros). Ich bekam von meinem Gastbruder eine metrocard, die an jeder Metrostation mit Geld aufgeladen werden konnte und zur Bezahlung von Bussen und Metros verwendet wurde. Die U-Bahn Fahrten waren relativ teuer, allerdings konnte damit alles sehr gut und relativ schnell erreicht werden. Allerdings fuhren die Metros nachts nicht mehr, sodass ich mich dann hauptsächlich mittels UBER fortbewegte. Es macht also Sinn, sich die App schon mal herunterzuladen.
Für die Strecke zum Krankenhaus wurde uns ein kostenloser Shuttle-Bus der Universität zur Verfügung gestellt, der an drei Hauptsammelorten die Studenten abholte und zum Krankenhaus brachte. Um 12:00 wurde man mit dem gleichen Bus wieder abgeholt und zurück an die Universität gebracht.
Vom Flughafen Santiago können unzählige Orte innerhalb Südamerikas oder Chile angeflogen werden. Besonders empfehlen kann ich die JetSmart Airline für kostengünstige Inlandsflüge (in etwa vergleichbar mit RyanAir). Ansonsten können näher gelegene Städte auch einfach und günstig mit den Fernbussen erreicht werden.

Kommunikation

Es macht definitiv Sinn sich eine SIM Card mit Internet vor Ort zu holen (am besten fragt man seine Gastfamilie welche zu empfehlen ist). Sollte man die SIM Card länger als 30 Tage verwenden wollen, so muss man sich entweder eine neue kaufen oder sich registrieren, da die Karte ansonsten automatisch nach Ablauf der Frist gesperrt wird.

Unterkunft

Ich wohnte in einem WG-Appartement in Las Condes mit zwei Brüdern zusammen. Einer davon war ebenfalls Medizinstudent und meine Contact Person, sodass ich direkt eine Ansprechperson vor Ort hatte. Ich hatte mein eigenes super schönes Zimmer mit eigenem Badezimmer, den Rest der Wohnung durfte ich ebenfalls problemlos mitbenutzen und konnte mich ganz wie zu Hause fühlen. :)

Literatur

Ich hatte während der Schulzeit mal ein paar Gedichte von Pablo Neruda gelesen und interpretiert, ob mir das jetzt einen sonderlichen Vorteil für den Austausch gebracht hat, sei mal so dahin gestellt. Für Aktivitäten oder Informationen vor Ort habe ich entweder meine Gastbrüder gefragt oder ganz einfach gegoogelt. Wir waren allerdings fast immer mit Chilenen unterwegs, die sich meist besser auskannten und uns die ganzen „Insider Orte“ und „Must-Do-Aktivitäten“ gezeigt haben.

Mitzunehmen

Ich war während dem Winter in Chile und obwohl tagsüber durchaus mal Temperaturen von bis zu 25°C in der Sonne erreicht wurden, war es nachts und morgens doch immer ziemlich kalt. Ich war daher sehr froh, dass ich meine Daunenjacke doch eingepackt hatte. Generell ist das Zwiebelschalensystem für diese Jahreszeit das entscheidende Stichwort. Falls ihr vor habt nach San Pedro de Atacama zu reisen, empfehle ich sehr den Bikini/die Badehose einzupacken und in die Naturthermalbäder (Termas de Puritama) und/oder in die heiße Quelle am Geysir del Tatio auf 4200 m Höhe zu springen.
Des weiteren benötigt ihr einen weißen Kittel für das Krankenhaus. Das Stethoskop habe ich ehrlich gesagt nicht gebraucht, vom Reflexhammer ganz zu schweigen.
Ein Steckdosenadapter war ebenfalls nicht nötig.

Reise und Ankunft

Ich flog mit Air France über Amsterdam nach Santiago de Chile und wurde am Flughafen von meinen Gastbrüdern abgeholt. Am ersten Famulaturtag wurden wir von den Shuttle-Bussen eingesammelt und problemlos zum Krankenhaus gefahren (Fahrtzeit ca. 45 min). Dort wurden wir vom LEO abgeholt und bei unseren jeweiligen Stationen ebenfalls ohne jegliche Probleme abgeliefert und vorgestellt.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Wir waren zu zweit in der Allgemeinchirurgie und uns wurde am ersten Tag von der Chefärztin jeweils ein Assistenzarzt als Tutor zugeteilt. Dieser nahm uns auch in jede OP in die er selbst eingeteilt war mit und war auch bemüht mir die Eingriffe und Krankheitsbilder zu erklären. Das restliche Team bestand aus einem fixen Oberarzt und zwei OP-Schwestern. Da die OP-Schwestern, nachdem sie sich nach meinem Namen und meiner Herkunft erkundigt hatten, direkt die Frage nach meiner Handschuhgröße gestellt hatten, durfte ich tatsächlich von Tag eins an mich in jede OP einwaschen und assistieren. Während der Zeit, die ich in Chile war, war mein Tutor in der ambulanten Viszeralchirurgie eingeteilt, sodass ich hauptsächlich Appendektomien, Cholzystektomien, Hernien und die ein oder andere Bauchstraffung miterleeben durfte. Meine Aufgabe bestand zu Beginn größtenteils aus den Klassikern wie Haken halten, Nähen und dem Halten der laparoskopischen Kamera. In der letzten Woche durfte ich mich jedoch bei Cholezystektomien in der ersten Assistenz versuchen (sprich den ein oder anderen Schnitt und Clips setzen).
Generell war die Stimmung im OP Trakt immer sehr locker und fröhlich und ich habe mich von Anfang an sehr gut ins Team integriert gefühlt! Ich war anfangs etwas überrascht wie entspannt die chilenischen Chirurgen ihren Arbeitstag gestalteten, war ich doch die Hektik und die teilweise nahtlosen OP Übergänge aus Deutschland gewohnt. Stattdessen begann der Tag zwar offiziell um 8:00, doch nachdem der Anästhesist erst kurz nach acht mit der Einleitung begann, wurde erst einmal in aller Ruhe mit dem gesamten Team gefrühstückt. Der erste Schnitt erfolgte in der Regel meist um 8:45. Nach der ersten erfolgreichen OP gab es wieder eine Kaffeepause, während der nächste Patient vorbereitet wurde. Die chilenischen Medizinstudierenden hatten jeden Tag von 8:00 bis 12:30 bedside teaching im Krankenhaus und nachmittags ihre Seminare an der Universität. Da wir das gleiche Curriculum hatten, bedeutete das für uns, dass wir ebenfalls bereits um 12:30 von Station entlassen wurden. Nachmittags hatten wir meistens ein social program, welches entweder aus Ausflügen bestand oder ebenfalls Seminare zu Themen wir Public Health, Human Rights, welche Krankheitsbilder in Chile vor allem prädominant sind (zB. Cholelithiasis auf Grund genetischer Dispositionen des Mapuche Volkes oder die neu ansteigenden Inzidenzraten an HIV und Hepatits Neuinfektionen unter Jugendlichen) und bestimmte Therapiemethoden unterschiedlicher Krankheitsbilder.

Land und Leute

Chile ist ein unglaublich vielfältiges Land mit einem reichen Angebot an Natur und Kultur, jedoch lassen sich vielen europäische Einflüssen in den Städten finden. Santiago de Chile ist eine riesige Stadt (mit den öffentlichen Verkehrsmitteln hätte ich knapp zwei Stunden von meinem Appartement zum Krankenhaus gebraucht), die viele prächtige Sehenswürdigkeiten, aber auch ein lebhaftes Nachtleben mit unzähligen Bars, Straßentanzkursen und natürlich auch Clubs zu bieten hat. Allerdings muss ich gestehen, dass mir in Santiago ein bisschen der „lateinamerikanische“ Charme gefehlt hat – es war eine Großstadt wie viele andere auch. Stattdessen kann ich sehr empfehlen in die umgebenden Städte wie Valparaíso, Viña del Mar oder Talca zu fahren. Valparaíso und Viña del Mar sind mit dem Fernbus schnell und günstig zu erreichen und eignen sich für diejenigen, die nicht viel Zeit haben, auch wunderbar als Tagesausflug. Am eindrucksvollsten fand ich jedoch unsere Reise in die Atacame Wüste und kann jedem nur empfehlen sich ein paar Tage frei zu nehmen, um mit eigenen Augen die Valle de la luna und die Lagunas altiplanicas, in der die Flamingos überwintern, zu besuchen, sowie im Valle de la Muerte sandboarden zu gehen!
Die Einheimischen waren alle wahnsinnig herzlich, offen und hilfsbereit. So wurde ich beispielsweise an meinem zweiten Tag in Chile während der free-walking-tour von einer Gruppe Chilenos, die neu in Santiago waren, adoptiert und zum Abendessen mit der Familie sowie zu einigen „previas“ (Vorglühen vor dem Feierngehen) eingeladen. Aber auch das lokale Komitee war ziemlich aktiv, sodass wir mehrmals pro Woche social program hatten. Da wir allerdings meistens schon intern eigene Pläne hatten, mussten wir jedoch leider öfters absagen oder umplanen. Ich hatte allerdings das Gefühl, dass die chilenischen Studierenden darüber eher erleichtert als beleidigt waren, da sie selbst immer sehr viel für die Uni zu tun hatten und viel für ihre regelmäßigen Leistungsüberprüfungen lernen mussten.
Meine eigentliche Contact Person sah ich kaum, obwohl wir zusammen wohnten, da er seinen Verpflichtungen an der Universität und im Krankenhaus nachgehen musste. Zum Glück hatte sein Bruder zu der Zeit nicht besonders viel zu tun, sodass er uns Incomings unter seine Fittiche nahm und uns „la vida chilena“ beibrachte (mit speziellem Fokus auf die Ess- und Trinkkultur) sowie uns gediegen auslachte, wenn wir unsere neu erlernten Cueca und Salsa Tanzschritte zum besten gaben (scheinbar hatten wir einfach zu europäische Hüften für diese Tänze).

Fazit

Ich kann ehrlich sagen, dass Chile eine meiner schönsten Reisen und definitiv meine Lieblingsfamulatur war. Ich kann daher jedem nur empfehlen ebenfalls hinzufliegen! Allerdings würde ich eher die Monate März oder April statt September empfehlen, da die Tag-Nacht-Temperaturschwankungen nicht zu unterschätzen sind und wir uns allesamt ordentlich erkältet hatten, was man im Sommer vielleicht leichter vermeiden könnte.

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