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Bolivia (IFMSA-Bolivia)

Gynäkologie - SCOPE (Famulaturaustausch)
Anonym

Motivation

Die Moglichkeit eine weitere, zum deutschen Gesundheitswesen moglichst verschiedene Perspektive auf Gesundheitsversorgung zu bekommen, begeisterte mich sehr. Da mir bewusst war, dass die dortige Gesundheitsversorgung mit Fragestellungen wie z.B. Ressourcenknappheit, die ich aus meinem Klinikalltag in Deutschland nicht kenne, zu kämpfen hat, wählte ich Bolivien als meine erste Präferenz. Meine Erwartungshaltung war, genau diese Unterschiede in Technik, Patientenversorgung und Priorisierung einzelner Arbeitsschritte besser kennen zu lernen.

Vorbereitung

Für mich ergaben sich kaum Probleme bei der Organisation des Auslandaufenthalts. Ich kann einem*r Jedem*n nur empfehlen, sich an die lokalen oder nationalen Organisator*innen zu wenden. Auf jede meiner Fragen erhielt ich dort schnelle und kompetente Antwort. Das wichtigste in der Vorbereitung sollte die Fokussierung auf die Sprache sein. Es ist einfach alles besser, wenn man die Sprache beherrscht. Sei es der fachliche Lernerfolg, die Interaktion mit den Patient*innen oder der kollegiale Umgang auf Station.

Visum

Für deutsche Staatsbürger*innen ergeben sich keine Schwierigkeiten bzgl. Visa. Den Stempel in den Reisepass inklusive 30 Tagen Aufenthaltsberechtigung erhaltet ihr direkt am Flughafen. Für weitere 60 Tage reicht ein unproblematischer Dreiminutenbesuch in einer der in jeder Stadt auffindbaren Migrationsbehörden.

Gesundheit

Ohne Gelbfieberimpfung kommt ihr offiziell nicht ins Land. Ein Nachweis wurde in meinem Fall zwar nicht eingefordert, jedoch kann es passieren, dass der*die Grenzbeamt*in danach fragt. Egal welches Austauschland, ein Besuch in einem Tropeninstitut ist hilfreich und sinnvoll. Ich habe mich zusätzlich zu Gelbfieber noch gegen Tollwut und Meningokokken impfen lassen. Beide Impfungen wurden mir vollständig von der Krankenkasse erstattet. Tragisch, jedoch medizinisch spannend sind die häufigen Falle von Dengue und Tuberkulose, die ihr während eurer Arbeit im Krankenhaus antreffen werdet.

Sicherheit

Im Vorfeld der Reise ist es nötig, eine private Auslandskrankenversicherung abzuschließen. Informiert euch dazu und vergleicht die Preise der verschiedenen Anbieter*innen. Ich bin während einer sehr bewegten Zeit in Bolivien gelandet. Durch den, je nach politischer Sichtweise beschriebenen Staatsstreich oder legitimen Aufstand der Bevölkerung, war die Situation stets sehr ungewiss. Während es in den Städten täglich zu Demonstrationen und gelegentlich zu Zusammenstößen kam, blockierten die Menschen der ländlichen Gebiete die Überlandstraßen, was dem Umherreisen einen anderen Charakter verlieh. Die Menschen waren extrem freundlich und solange man den Ratschlägen der einheimischen Bevölkerung ein bisschen Aufmerksamkeit schenkte, fühlte ich mich nie persönlich bedroht. Auch das verantwortliche IFMSA Team half mir mit jeder Schwierigkeit weiter.

Geld

Bezahlt wird mit Bolivianos, die ihr auch am besten stets in bar dabei habt, da Kartenzahlung, zumindest auf dem Land, eine Rarität ist. Einige Banken bieten kostenlose Abhebung mit der Kreditkarte an.

Sprache

Einen Austausch ohne ein zumindest moderates Spanischniveau stelle ich mir weniger spannend und in einigen Aspekten schwierig vor. In den Zentren der großen Städte, kommt man sicherlich auch mit Englisch zurecht. Sobald man sich jedoch von diesen entfernt oder gar in die ländlichen Regionen reist, verpasst man ohne gute Spanischkentnisse sehr viel. Eine Besonderheit Boliviens sind die zahlreichen indigenen Sprachen, die noch immer aktiv gesprochen werden und für deren Sprecher*innen es im Krankenhaus zeitweise Dolmetscher*innen gab.

Verkehrsbindungen

Gereist wird in Bolivien mit „trufis“, was kleine von Privatpersonen gefahrene Minibusse sind. Das ist die schnellste und billigste Reisemethode, da trampen aufgrund der abgesehen von diesen Minibussen leeren Straßen, mit ziemlich viel Warten verbunden ist. Zwischen den großen Städten verkehren auch Reisebusse verschiedener Gesellschaften.

Kommunikation

Am einfachsten ist es wohl, sich eine SIM Karte einer der lokalen Anbieter zu kaufen. Diese sind preiswert und bei fast jedem*r Straßenhändler*in aufladbar. So sind die Internetnutzung, die bis auf einige Bergregionen gut funktionierte, sowie Inlandsanrufe möglich.

Unterkunft

Ich wohnte in einem Haus gemeinsam mit chilenischen Studierenden, die Dank des neoliberal reformierten und deswegen teuren chilenischen Bildungswesens an die privaten bolivianischem Universitäten kommen müssen. Mein Zimmer und die gestellte Wohnung waren ausgestattet und ich brauchte mich um fast nichts mehr kümmern.

Literatur

Im Vorfeld habe ich mir keinerlei spezielle Literatur besorgt. Dafür wurde ich in Bolivien damit förmlich überhäuft. Fragt die Studierenden in eurem Krankenhaus nach den Powerpoints oder Zusammenfassungen ihrer Universitäten, falls ihr Interesse daran habt. Ansonsten wird euch eure Gastfamilie oder eure Mitbewohner*innen mit berühmter nationaler Literatur versorgen.

Mitzunehmen

Das einzig Elementare ist wohl an euer Stethoskop und zusätzlich benötigte Dinge im Krankenhausalltag zu denken, da diese vor Ort zu kaufen sehr teuer werden kann. Ansonsten gibt's alles, manches teurer, das meiste billiger auch dort zu kaufen.

Reise und Ankunft

Vor Beginn meines Praktikums blieben mir noch zwei Wochen, um in Bolivien zu reisen. Als ich schließlich in meiner „Austauschstadt“ ankam, war der Empfang herzlich und die lokale Austauschorganisation tat alles, um mir den Start so bequem wie möglich zu machen.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich absolvierte meinen Austausch in einem auf Gynäkologie und Geburtshilfe spezialisierten Krankenhaus, welches Teil des Universitätsklinikums „San Simon“ ist. Die erste Besonderheit war, dass man eine*n Ärzt*in vermittelt bekommt, der*die die komplette Zeit für einen verantwortlich ist. Dies ist gleichzeitig der Unterschied, der mir im Vergleich zur deutschen Lehre am meisten auf- und gefiel. Das Verantwortungsverhältnis, in dem man zu den Lehrenden stand, förderte den Lernfortschritt und die Motivation. So gehörte es zum Alltag, dass man Antworten auf spezielle Fragen vorbereitete und über einen langen Zeitraum gefördert wurde. Lehre funktioniert in Bolivien durch Zusehen und das Mitleben des ärztlichen Alltags. Nach einer Einführung und Prüfung des theoretisch erlernten Wissen, wird einem Verantwortung übertragen, für deren Ausfüllen man selbstständig zuständig ist. Es herrscht eine Mentalität, die Eigenorganisation und Motivation voraussetzt. Insgesamt ist die Lehre wesentlich weniger theoretisch als das Studium in Deutschland. Studierende verbringen meist drei oder vier Stunden am Tag mit dem*r gleichen Doktor*in und besuchen in den Abendstunden einige Vorlesungen. Innerhalb des Krankenhauses herrscht eine recht strenge Hierarchie, in der man als Austauschstudent jedoch stets eine Sonderrolle einnimmt. Von den „PJ’ler*innen“ sowie sich in Ausbildung befindenden Fachärzt*innen erlernt man eine Menge praktischen Wissens, während Oberärzt*innen eher theorieorientiert prüfen.
Mein Tagesablauf war stets abwechslungsreich, da die Ärzt*innen durch verschiedene Arbeitsbereiche wie OP, ambulante Sprechstunden und Stationsarbeit rotieren. Auch das Teilnehmen an 24 Stunden-Diensten inklusive Nachtschichten war möglich. Insgesamt ist man sehr frei, kann sich je nach Interessenlage seine Aufgaben suchen und Wünsche äußern. Eine Konstante im Alltag war die morgendlich stattfindende Übergabe, bei der es immer einen fachlichen Vortrag zu einem Fallbeispiel oder Krankheitsbild gab. Insgesamt hatte ich das Gefühl, dass der Lehre ein sehr viel größerer Stellenwert eingeräumt wird, als dies in Deutschland der Fall ist.
Konfrontation mit mir bis dahin nur vom Namen her bekannten Krankheiten oder Problemen in Bezug auf Ressourcenknappheit oder Unterfinanzierung, forderten viel Eigeninitiative und teilweise Improvisationskünste. Dieses gänzlich anders funktionierende System, was nach der letztjährigen Umstellung auch noch in der schwierigen Anfangsphase steht, war wertvoll um bestimmte Dinge wie Hygienevorkehrungen oder apparative Techniken in Deutschland stärker wertzuschätzen und gleichermaßen zu merken, welche Punkte im deutschen Gesundheitswesen zu kurz kommen. So erlebte ich, dass den im Krankenhaus Tätigen wesentlich mehr Zeit für Pflege und Patientenersorgung eingeräumt wurde, was unter Anderem an dem weniger verdichteten Arbeitsalltag sowie an der konsequenteren Einbindung von Studierenden in die Arbeitsabläufe lag. So war es Standard, dass Studierenden einzelne Patient*innen zugeordnet wurden, für deren Behandlungsverlauf Erstere dann vollständig verantwortlich waren.
Digitalisierung fehlte komplett. Das Verwaltungssystem wurde ausschließlich manuell mittels Akten erstellt. Es dauerte eine Weile bis ich mich, mit meinen unwissenden und ungewohnten Blick, in diesem Zettelchaos zurecht fand.
Obwohl es Arbeitsprozesse verlangsamte und oft schwieriger macht, war es doch eines der vielen kleinen Dinge, die dazu beitrugen, dass das Arbeitsklima von viel Austausch und kollegialer Nähe geprägt war. Während der tagtäglichen Arbeit auf Station fühlte ich mich sehr wohl, legten doch trotz oft langer Arbeitszeiten alle eine sehr viel freudigere Attitüde an den Tag, als das in meiner Wahrnehmung in deutschen Krankenhäusern der Fall ist. Ob dies dem „lateinamerikanischem Lebensgefühl“, schlechten Beispielen aus Deutschland oder der hierzulande herrschenden Arbeitsverdichtung und Belastung des Personals liegt, wage ich nicht zu sagen. Vielleicht eine Mischung als all dem.

Land und Leute

Bolivien ist für mich das interessanteste und abwechslungsreichste Land, welches ich bisher in Lateinamerika bereiste. Das unter Morales und Linera verfasste Konzept eines plurinationalen Staates soll die offiziell 36 Nationen in einem gemeinsamen Gesellschaftskonstrukt zusammenfassen. Der überwiegende Anteil von indigenen Kulturen, die Existenz der vielen noch immer gesprochenen Sprachen und der Wunsch eine weniger stark europäisch beeinflusste Lebensweise in den dörflichen Regionen zu erleben, waren letztlich einige der entscheidenden Gründe, warum ich mich für einen Austausch in diesem Land entschied. Bolivien erlebte, während der Wochen, die ich dort verlebte, enorme politische Veränderungen, welche ich mal mehr, mal weniger von innen oder außen miterleben durfte. Da ich mich im Vorfeld schon mit der neuen politischen Idee und ein wenig mit den damit verbundenen gesundheitspolitischen Veränderungen beschäftigte, war dies extrem spannend. Die Menschen waren stets gesprächig und geduldig, mir ihre Meinungen und Sichtweisen mitzuteilen und mir somit eine Vielzahl verschiedener Perspektiven auf die Ereignisse zu geben. Leider ist meine Wahrnehmung zu stark von den Perspektiven der Städter*innen und Menschen aus den größeren Dörfern geprägt, da der Zugang zu den stark bäuerlich/ländlichen Gebieten durch die Blockaden und unsicheren Verhältnisse schwierig war.
Ich erlebte ein Land, in dem sich ein Teil der Bevölkerung erhob und dabei alte, teilweise noch koloniale Gräben aufriss und die Differenzen und unterschiedlichen Leben zwischen Stadt und Land, sowie Menschen mit kolonialem Erbe und indigener Bevölkerung sichtbar machte. Interessant fand ich die Rolle bzw. die Benutzung von Religion und insbesondere der katholischen Kirche, die innerhalb des Transformationsprozesses eine wichtige symbolische Rolle einnahm.
Neben den politischen Beobachtungen blieb trotz der zeitweise schwierigen Reisesituation eine Menge Zeit, die Wunder der Anden und des nur einige Stunden Fahrt entfernten und doch so anderen Dschungels zu erleben, einen Einblick und Hauch des Lebens von Bolivianer*innen zu bekommen und Teile der vielen verschiedenen Kulturen, sei es durch Tänze, Wörter der indigenen Sprachen oder Gerichte kennen zu lernen. Gerade letztere bzw. die Esskultur im Allgemeinen begeisterte mich. Gegessen wird entweder auf der Straße, auf den Märkten oder in einem der kleinen „comedore“, wo meist in einem Familienbetrieb typisches und preiswertes Essen gekocht wird. Wer früh da ist hat noch die Auswahl ! Das man dann mit fremden Leuten am Tisch sitzt, gemeinsam isst und einige Worte wechselt, war Alltag. Ich genoss diese Form von Gemeinschaft, die an dieses Orten kreiert wurde.

Fazit

So fest verankert in einem anderen Freundeskreis und einer Hausgemeinschaft leben zu dürfen, hatte ich bei der doch recht kurzen Austauschzeit nicht erwartet. Dies, verbunden mit der damaligen angespannten politischen Situation und Eindrücken eines in vielen Aspekten sehr anderes funktionierenden Gesundheitswesens, machte diese Zeit sehr besonders.

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