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Brazil (IFMSA Brazil)

Verschiedene - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Aileen, Leipzig

Motivation

Ich wollte diese Auslandsfamulatur bewusst in einem tropischen Land wie Brasilien oder Indonesien absolvieren. Ich wollte dort mehr über typische und auch seltenere Tropenkrankheiten lernen und sie eventuell auch einmal live sehen.

Vorbereitung

Von der bvmd erfuhr ich über ehemalige Austauschstudenten. Außerdem gibt es regelmäßig Informationsveranstaltungen der Lokalvertretung an meiner Heimatuniversität.
Meine Vorbereitungen für die Famulatur beschränkten sich auf Deutschland. Sie verliefen problemlos. Ich brauchte noch das Englisch-Sprachzertifikat. Spezielle Vorbereitungskurse besuchte ich nicht. Als ich in Brasilien ankam, waren alle Praktikumsformalitäten vor Ort schon geregelt.

Visum

Ein Visum brauchte ich für meine Famulatur in Porto Velho nicht. Dies ist bloß notwendig, wenn man länger als 90 Tage im Land bleiben will. Ansonsten reicht ein gültiger Reisepass. Nur für einige wenige Fakultäten ist ein Studentenvisum erforderlich (s. IFMSA Exchange Conditions).

Gesundheit

Bereits im Vorfeld verlangte die medizinische Fakultät in Porto Velho den Nachweis einer Reihe von Impfungen, z. B. HBV und Gelbfieber. Darüber hinaus traf ich, abgesehen von einer reisemedizinischen Beratung, in deren Rahmen ich zwei weitere Impfungen auffrischte und ein Rezept für ein Malaria-Medikament bekam, das ich letztendlich jedoch nicht nutzte, keine speziellen Gesundheitsvorkehrungen. Für Porto Velho war das offenbar genug, denn ich war dort niemals krank.
Es ist ratsam, übliche Reisetipps zu beachten und sich z. B. ausreichend vor der Sonne zu schützen, kein Essen von der Straße zu essen oder sich mittels Zwiebellook optimal an die Temperaturen in und außerhalb von Räumen anzupassen. Empfindliche Menschen sollten entsprechende Reisemedizin mitnehmen.

Sicherheit

Spezielle Sicherheitsvorkehrungen für die Famulatur hatte ich nicht getroffen. Ich hatte eine leicht höhere Kriminalität erwartet als im Süden Brasiliens, aber Porto Velho ist keine sehr gefährliche Stadt. Selbstverständlich gibt es auch hier Stadtviertel, die unsicherer sind als andere. Die meisten kleineren Geschäfte schließen um 18 Uhr. Ab diesem Zeitpunkt sollte man sein Sicherheitsverhalten entsprechend anpassen. Während man tagsüber problemlos Bus fahren kann, sind Taxis (am besten per Taxi-App bestellt) oder private Mitfahrgelegenheiten abends die sicherere Variante. Nachts sollte man nicht allein durch die Straßen laufen. Dennoch ist die Gefahrenlage nicht vergleichbar mit Metropolen wie São Paulo oder Rio de Janeiro.
Aufgrund der derzeitigen Krisen in Venezuela gibt es viele Flüchtlinge aus diesem Land, die oft auf der Straße leben. Meine Famulatur fiel zudem in die Zeit der Amazonas-Brände. Abgesehen von ein wenig Rauchnebel, war davon in der Stadt jedoch kaum etwas zu spüren.

Geld

Die Währung in Brasilien heißt Real (Umrechnungskurs 09/2019: rund 1:4). Man kann bar oder mit Kreditkarte bezahlen. Schecks sollten ebenfalls funktionieren, allerdings habe ich nie jemanden damit bezahlen sehen. Brasilianer bezahlen zunehmend mit Karte, daher sind die meisten Geschäfte und Restaurants darauf eingerichtet. Bei Barzahlung bekommt man keine Cent-Beträge ausgezahlt, diese werden großzügig auf- oder abgerundet. Geldautomaten verschiedener Banken gibt es in den Geschäftsstraßen genug. Wenn man – wie ich – nicht bei jeder Bank Geld abheben kann, sucht man trotzdem manchmal einen. Um horrende Wechselgebühren zu vermeiden, hebt man am besten erst direkt in Brasilien Geld ab. Das ist schon auf dem Flughafen möglich.
Im Allgemeinen sind die Preise höher als in Deutschland. Trinkwasser gibt es in Porto Velho sehr günstig zu kaufen. Auch Taxi-Dienste wie Uber sind sehr billig. Natürlich hängen die Lebenshaltungskosten auch davon ab, wie oft man weggeht, reist etc.

Sprache

Die Landessprache Brasiliens ist Portugiesisch. Da ich diese Sprache studiert habe, brauchte ich für die Famulatur keine besondere sprachliche Vorbereitung. In Porto Velho traf ich nur wenige Einheimische von dort, die meisten Leute waren zugezogen. Sprachlich bedeutet das, dass es ausreichend bzw. eher von Vorteil ist, den Dialekt der Paulistas (São Paulo) oder Cariocas (Rio de Janeiro) zu verstehen. Da Porto Velho nur etwa vier Stunden von der Grenze Boliviens entfernt liegt, verstehen viele Menschen in Rondônia auch etwas Spanisch. Englisch wird eher mäßig gesprochen, im Krankenhauskontext kommt man aber ganz gut damit durch. Einflüsse der indigenen Bevölkerung Rondônias zeigen sich weniger in der gesprochenen Sprache als in Stadt- oder Landschaftsbezeichnungen.

Verkehrsbindungen

Von Deutschland aus fliegt man am besten nach Brasilien. Ich habe meinen Flug ca. einen Monat vor Praktikumsbeginn im Internet gebucht. Dadurch zahlte ich insgesamt rund 1.300 €. Je früher man bucht, desto günstiger ist der Flugpreis.
Innerhalb Brasiliens kann man das Flugzeug, Bus, Zug oder Auto nutzen. Der Flug von São Paulo nach Porto Velho dauert jedoch allein schon drei Stunden. Ein anderes Verkehrsmittel für diese Strecke als das Flugzeug ist daher nicht ratsam, wenn man schnell ankommen will.
Im Norden Brasiliens stehen für Fernreisen nur Busse zur Verfügung. Sie verkehren je nach Reiseziel mehrmals in der Woche oder am Tag. In Porto Velho selbst kann man sich mit Bus (unzuverlässige Fahrpläne, Haltestellen nur im Zentrum bzw. in sehr belebten Vierteln), Taxi (privat wie z. B. Uber, am günstigsten; öffentlich; Mototaxi, auf einem Motorrad, nur für Motorradfahrer oder Abenteuerlustige geeignet), Fahrrad (unsicher auf den großen Verkehrsrouten) oder zu Fuß fortbewegen (nur für Wanderlustige, da Porto Velho eine große Fläche umfasst). Für Ortsunkundige bzw. Ausländer ist das Taxi sicherlich das zweckmäßigste Verkehrsmittel. Viele Studenten haben auch selbst ein Auto und nehmen einen dann gern mit.

Kommunikation

Für den Kontakt nach Hause hatte ich meinen Laptop mit in Brasilien. Auf diese Weise konnte ich E-Mails schreiben oder in die Heimat skypen. Fotos schickte ich meiner Familie und Freunden per Messenger. Internet und WLAN sind in Brasilien sehr verbreitet. Überall in der Stadt gibt es offene Hotspots. Auch in den Apartments, in denen ich wohnte, gab es kostenlos Internet.
Für die Kommunikation innerhalb Brasiliens kaufte ich mir eine brasilianische Prepaid-Karte fürs Handy. Die Nutzung des Festnetzes ist zwar möglich, aber eher unüblich, die meisten verwenden für alles ihr Handy. Es gibt verschiedene Telefonanbieter (Claro, TIM, VIVO). Ich wählte jenen mit dem besten Netz in meiner Umgebung. Der Kauf verlief nicht ganz problemlos. Für die Freischaltung der Karte braucht man eine CPF (brasilianische Steuer-ID), die ich natürlich nicht hatte. Meine Mitbewohnerin half mir schließlich aus und gab ihre an.

Unterkunft

Während meines Aufenthalts wohnte ich in zwei Apartments mit Medizinstudentinnen. Die Unterkünfte hatte die Austauschkoordinatorin in Porto Velho organisiert. Sie befanden sich in verschiedenen Vierteln in so genannten Condomínios. Das sind durch Wachpersonal geschützte Wohngebiete. Insofern konnte man die Apartments sogar offen lassen, wenn man wegging.
Die Apartments waren modern und sehr komfortabel. Ich hatte in beiden mein eigenes Zimmer mit Bett und Schrank. Zum Arbeiten setzte ich mich in die Küche oder ins Wohnzimmer. Bettwäsche und Handtücher bekam ich von meinen Mitbewohnerinnen. Es gab eine Waschmaschine zum Wäschewaschen (In älteren Wohnungen fehlt die manchmal.). Auch Kochen war möglich, i. d. R. bestellen Brasilianer aber ihr Essen oder gehen dafür aus. Auch ich habe mir nie die Mühe gemacht, etwas frisch zuzubereiten.
Alles in allem waren beide Unterkünfte super und ich habe mich sehr wohl gefühlt.

Literatur

Auf Rondônia und die Amazonas-Region bereitete ich mich nicht besonders vor. Von meinen Aufenthalten im Süden Brasiliens hatte ich bereits einen Eindruck vom Land, und im Norden erwartete ich, grob gesagt, das Gegenteil. Über Porto Velho las ich die Wikipedia- und ein paar touristische Seiten im Internet. Die Tipps dort waren vor allem informativ und weniger praktisch von Nutzen.

Mitzunehmen

Ich bin sehr minimalistisch gereist. In Porto Velho braucht man nur leichte Kleidung. Auch nachts kann man problemlos in kurzen Sachen, ohne Jacke herumlaufen. Viele Brasilianer ziehen sich sogar mehrmals am Tag um. Die Kleidung wird dementsprechend häufig gewaschen. Für die Reise bzw. je nach Tageszeit sollte dennoch zur Sicherheit Übergangs- oder wärmere Kleidung mitgenommen werden.
Im Krankenhaus tragen alle Studenten komplett weiß (Hose, T-Shirt, Kittel), in der ambulanten Sprechstunde wird nur der Kittel vorausgesetzt. Als festes Schuhwerk sind sowohl Turnschuhe als auch Ballerinas erlaubt. Im Krankenhaus wird des Weiteren ein Stethoskop verlangt. Nützlich ist auch eine kleine Diagnostikleuchte. Viele Studenten besaßen außerdem ein Pulsoxymeter, da die meisten Krankenhausbetten kaum über technische Ausrüstung verfügten.
Duschen war eine meiner Lieblingsbeschäftigungen in Porto Velho, nicht nur, um sich des Schweißes zu entledigen, sondern auch als Erfrischung. Wer gerne gut riecht, sollte ausreichend Duschgel mitnehmen, da Drogerieartikel in Brasilien relativ teuer sind.
Falls man elektrische Geräte benutzen möchte, braucht man unbedingt einen Adapter (am besten Universaladapter). Fön oder Rasierer funktionieren dennoch nicht besonders gut, da sie geringere Leistungen als die in Deutschland üblichen 220 Volt aufnehmen.

Reise und Ankunft

Logistisch gesehen, verlief meine Anreise reibungslos. In São Paulo hatte ich einen planmäßigen Zwischenstopp von 17 Stunden, in denen ich mir mehr schlecht als recht auf dem Flughafen die Zeit vertrieb. Direkt auf dem Flughafen gibt es Räume, in denen man sich ein paar Stunden ausruhen kann. Sie sind jedoch nicht nur teuer, sondern oft auch ausgebucht. Bei einem solch langen Aufenthalt ist es empfehlenswert, sich entweder vorab schon ein Hotelzimmer in der Nähe zu organisieren oder einen Ausflug in die Stadt zu machen (Eine Fahrtstrecke vom Flughafen Guarulhos ins Zentrum dauert tagsüber mit dem Taxi ca. 1 Stunde, nachts etwa 45 Minuten. Tagsüber kann man auch kostengünstig mit dem Zug fahren. Dieser braucht ca. 35 Minuten pro Strecke.).
Ich erreichte Porto Velho Samstag/Sonntag Nacht. Vom Flughafen wurde ich von der IFMSA-Koordinatorin und meiner Mitbewohnerin der ersten WG abgeholt. Sonntag Nachmittag bekam ich die erste kleine Stadtführung. Im Krankenhaus stellte ich mich am darauf folgenden Montag vor, meinem ersten Praktikumstag. Ich wurde von zwei Medizinstudenten des 5. Studienjahrs zum Krankenhaus mitgenommen. Dort war meine Ankunft schon bekannt. Vorkehrungen waren dank der guten Organisation vor Ort nicht nötig. Das Student’s Handbook hatte ich mir zwar schon in Deutschland ausgedruckt, es wurde aber erst am Ende des Praktikums wichtig.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Mein erster Tag war nur ein halber Tag, und zwar im Krankenhaus. Für die Famulatur war ich einem Hämatologen als Lehrarzt zugeteilt. Ihn begleitete ich zu all seinen Wirkungsstätten, d. h., vormittags ins Krankenhaus und nachmittags in dessen ambulante Sprechstunden in meist privaten Instituten. In Brasilien ist es üblich, dass Ärzte mehrere Einzelverträge mit verschiedenen Kliniken haben. Dadurch sind sie überall nur ein paar Stunden und behandeln oft nur wenige Patienten. Aus ihren ambulanten Sprechstunden „rekrutieren“ sie häufig ihre Krankenhauspatienten.
Im Krankenhaus kam ich auch mit anderen Ärzten der gleichen oder anderer Fachrichtungen in Kontakt. Jedem Lehrarzt waren meist zwei Studenten sowie ein oder zwei Assistenzärzte zugeteilt. Die Studenten und Assistenzärzte waren gewöhnlich schon früher da. Sie führten bereits vorab eine kleine Visite durch, machten Untersuchungen, sammelten Befunde ein und werteten sie aus, um dem Lehrarzt später davon berichten zu können.
Analoge Untersuchungsmethoden spielten im Krankenhaus in Porto Velho eine zentrale Rolle, da technische Geräte wie z. B. Geräte zur RR-Überwachung oder Ultraschall allenfalls auf intensivmedizinischen Stationen vorhanden waren. Ebenso wurde auf eine eingehende Anamnese großen Wert gelegt.
Als Famulantin durfte ich die Anamnese und grundlegende Untersuchungen durchführen. Alles darüber hinaus war nur approbierten Ärzten bzw. den Assistenzärzten gestattet. Selbst Blut durfte nur in den seltensten Fällen und unter Aufsicht von Studenten abgenommen werden. Dennoch machte ich eher selten die Anamnese, da viele Patienten aus dem Hinterland Rondônias kamen und sprachlich daher teilweise schwer zu verstehen waren. Anfängliche Verständnisschwierigkeiten gab es ansonsten lediglich bei den teils sprachspezifischen Abkürzungen medizinischer Termini, z. B. LDH/DHL. Demzufolge war ich die meiste Zeit als Beobachterin unterwegs. Das war schade. Gern hätte ich noch etwas mehr praktisch getan und z. B. mal eine Knochenmarkspunktion selbst ausprobiert. Tätigkeiten, die ich gar nicht mochte, gab es keine.
Die Lehre war sehr gut. Sie fand sowohl am Krankenbett am lebenden Beispiel statt, als auch im Nachgang der Visite, wenn noch einmal spezielle Themen besprochen oder Fragen geklärt wurden. Wenn mein Lehrarzt noch nicht da war, schloss ich mich manchmal den Visiten der anderen Ärzte an. Dabei war es sehr interessant, das unterschiedliche Vorgehen bei der Untersuchung und Diagnosefindung zu beobachten. Darüber hinaus durfte ich Wünsche äußern und z. B. mehrere Tage in der Blutbank und in der Infektiologie hospitieren.
Zu meinen brasilianischen Kommilitonen hatte ich ein gutes Verhältnis. Alle versuchten, mich stets mit einzubeziehen, und standen mir bei Fragen oder Problemen hilfreich zur Seite. Mit dem Pflegepersonal bzw. Sozialarbeitern etc. hatte ich kaum Berührungspunkte.
Einmal besuchte ich auch ein Seminar in der medizinischen Fakultät der FIMCA. Das Medizinstudium in Brasilien dauert wie in Deutschland sechs Jahre. Davon werden vier Jahre lang alle Fächer theoretisch studiert. Die letzten beiden Jahre durchlaufen die Studenten dann im 2-Wochen-Rhythmus alle Sektionen praktisch (Internato hospitalar). Das theoretische Medizinstudium befindet sich derzeit in seiner Form im Wandel, weg vom dozentenzentrierten Frontalunterricht hin zu mehr fallbezogener Gruppenarbeit. Das Internato ist von seiner Art und Weise mit dem Unterricht am Krankenbett an meiner Heimatuniversität vergleichbar, da der Lehranteil noch relativ hoch ist und die Studenten noch nicht so viel selbst tun dürfen.
Grundsätzlich wird im brasilianischen Gesundheitssystem erst einmal j e d e m geholfen, der ein Problem hat. Dafür gibt es so genannte Postos de saúde. Die Behandlung ist kostenlos, allerdings kann es dauern, bis man drankommt. Wenn man eine spezielle Untersuchung braucht, muss man einen Facharzt aufsuchen. Die Anzahl von Hämatologen in Rondônia ist überschaubar, sie beschränkt sich auf Porto Velho und wenige größere Städte im Hinterland. Für einen Termin beim Facharzt hat man oft lange Wartezeiten und die Untersuchungen müssen meist aus eigener Tasche bezahlt werden. Anreisen der Patienten von 8 Stunden oder mehr sind keine Seltenheit. Dafür gibt es an den Behandlungsorten kostenlose staatliche Unterkünfte für sie. Bestimmte Behandlungen können in Rondônia gar nicht durchgeführt werden, z. B. Knochmarkstransplantationen. Dafür werden Patienten in andere brasilianische Bundesstaaten überwiesen. Auch mit Krankenversicherung stehen den Patienten hier somit nicht immer alle Behandlungsmethoden zur Verfügung.

Land und Leute

Porto Velho ist eine Stadt im Nordwesten Brasiliens. Während meines Praktikums war ich die gesamte Zeit dort. Durch ausgedehnte Spaziergänge lernte ich die Stadt näher kennen. Obwohl flächenmäßig sehr groß, strahlt Porto Velho ein eher provinzielles Flair aus. Die Regierungsgebäude gehören zu den wenigen Hochhäusern der Stadt. Dementsprechend ist das politische Leben hier nicht besonders markant. Fast mehr noch als die Politik Brasiliens spürt man hier den Einfluss der politischen Situation der Nachbarländer, z. B. durch die Flüchtlinge aus Venezuela. Wirtschaftlich ist Rondônia vor allem durch die Nutzung des tropischen Regenwalds geprägt. Die wenigen Ausstellungen und Sehenswürdigkeiten beziehen sich gleichwohl zumeist darauf, z. B. über die Gründung Rondônias. Es gibt auch ein Theater in Porto Velho, allerdings gab es dort im September gerade keine Vorstellungen.
Eine persönliche Seite der Stadt lernte ich durch meine Gastgeberinnen kennen. So besuchte ich mit ihnen z. B. am brasilianischen Unabhängigkeitstag (7. September) die Festa das Nações, Gottesdienste und private Bibelstunden oder eine Probe der fakultätseigenen Samba-Batterie. Glaube und Gemeinschaft bilden im Wesentlichen das Herzstück des kulturellen Lebens. Brasilianer sind sehr offen, herzlich, neugierig und gastfreundlich. Es war leicht, mit jedem Taxifahrer oder Verkäufer ins Gespräch zu kommen. Die Religiösität vieler ist auffällig. Sie spiegelt sich nicht nur im Fernsehen in Form mehrerer Bibelsender wider, sondern auch in vielen gängigen frommen Sprachfloskeln. Daneben nutzen Brasilianer jede Gelegenheit, sich miteinander zu treffen. Speziell in der medizinischen Fakultät der FIMCA gab es Feste zu verschiedenen Anlässen, z. B. das „Bergfest“ in der Mitte der Studienzeit, Medimeisterschaften oder eine „100-Tage-Party“ für den 100-Tage-Countdown bis zum Ende des Studiums. Das Verhältnis zwischen Dozenten und Studenten ist deutlich enger als in Deutschland. So ist es beispielsweise normal, nach dem Kurs noch zusammen einen Kaffee trinken oder Brownies essen zu gehen. Dabei wird gern und viel über schlechte Zustände und Mängel in Brasilien gemeckert. Häufig verabredet man sich aber auch zum Essen oder veranstaltet Churrascos, Grillpartys. Brasilianer lieben Essen. Neben Fleisch ist in Rondônia auch Fisch sehr beliebt, z.B. Tambaqui, Schwarzer Pacu. Eine große Leidenschaft besteht auch für alles Süße, wie verschiedene Brownies-, Bubble-Tea- und andere Schokoladen-Geschäfte beweisen. Demgegenüber existieren in der ganzen Stadt Obststände, die rund um die Uhr (24/7) geöffnet sind.
Aber viele Brasilianer essen nicht nur gern, sie gehen auch fast täglich ins Fitnessstudio. Um mich selbst fit zu halten, besuchte ich verschiedene Pilatesstudios. Ich fand es sehr interessant, wie anders im Vergleich zu Deutschland die Art und Weise ist, diesen Sport zu unterrichten.
Leider fiel meine Famulatur gerade in die Klausurzeit der medizinischen Fakultät. Die Freizeit meiner Gastgeber war daher begrenzt, sonst hätten wir sicherlich noch viele weitere Dinge unternehmen können. Zum Alleinreisen fehlte mir die Lust.

Fazit

Ich wusste, dass Famulaturen ein typisch deutsches Konzept sind. Ich blieb daher offen, was die Praktikumsbedingungen betraf, und konnte die Famulatur in Porto Velho so absolut genießen. Ich hatte unheimliches Glück mit meinen Gastgebern. Sprachlich fühlte ich mich wie „ein Fisch im Wasser“. Auch fachlich war der Aufenthalt sehr wertvoll. Dank meines Lehrarztes bekam ich einen super Überblick über die wichtigsten hämatologischen Erkrankungen.
Brasilien lohnt jede Reise. Dort zu arbeiten, vor allem im Norden, erfordert sicherlich ein hohes Maß der Anpassung und Improvisation, da die Gegebenheiten in Porto Velho nicht die besten sind. Grundsätzlich kann ich mir jedoch vorstellen, in Brasilien als Ärztin tätig zu werden.
Ich kann nur jedem empfehlen, ebenfalls Erfahrungen im Ausland zu sammeln. Sie geben nicht nur Einblicke in spezifische Abläufe, Untersuchungsmöglichkeiten und Erkenntnisse im Gastland, sondern fördern gleichzeitig die Wertschätzung der Möglichkeiten, die Deutschland bietet.

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