zurück

Eat to Fight your Disease (Ruanda)

Innere - SCOPH (Public-Health Austausch)
von Marius, Münster

Motivation

Ich wollte gegen Ende meines Studiums gerne noch eine Famulatur in einem anderen Gesundheitssystem machen um zu lernen, wie medizinische Versorgung mit weniger luxuriösen Ressourcen als in Deutschland funktioniert. Die Wahl auf den Public Health Austausch mit Eat to Fight Your Disease in Ruanda fiel dabei am Ende eher durch Zufall, weil noch ein Restplatz frei war. Ich habe mir erhofft, neben der Famulatur auch bei der lokalen Partnerorganisation aktiv werden zu können, was im Nachhinein leider weniger gut funktioniert hat.

Vorbereitung

Die Organisation lief überraschend reibungslos. Ich habe sowohl von ETFYD, dem Krankenhaus als auch vom RVCP-Haus meistens recht schnell eine hilfreiche Antwort auf meine Mails bekommen und konnte mich rechtzeitig um alles kümmern. Von anderen habe ich gehört, dass gerade das Krankenhaus auch schonmal länger nicht antwortet, also lieber früher anschreiben. Plant ein, euch rechtzeitig um Führungszeugnis, Versicherungsbestätigung usw. zu kümmern. Grundsätzlich würde ich jedem ein Pre-Departure Training empfehlen, der überlegt ein Praktikum im globalen Süden zu machen.

Visum

Die Einreise nach Ruanda ist sehr unkompliziert, am Flughafen bekommt man für 50 USD ein Touristenvisum für 30 Tage, das 5 Tage überzogen werden kann. Mit diesem Visum darf offiziell nicht gearbeitet werden, wie ihr damit umgeht muss jeder selbst entscheiden. Da ich etwas länger als 35 Tage im Land war, habe ich in Huye das Praktikumsvisum vor Ort beantragt, die benötigten Unterlagen (Versicherungsschein, Passbilder, Führungszeugnis etc.) findet man online. Hier wird es etwas komplizierter: Man braucht eine Bestätigung vom Krankenhaus für den Praktikumszeitraum und bekommt das Visum theoretisch auch nur genau bis zum letzten Tag auf dieser Bescheinigung. Elias vom CHUB ist meistens nicht bereit, auf dem Papier noch ein paar Tage dranzuhängen für ein bisschen Urlaub am Ende. Aber: Wenn ihr euch vor Ort ein bisschen umhört und es direkt zum Chef des Immigration Office schafft, drückt der gerne mal ein Auge zu und stellt das Visum einfach länger aus. Fragt am besten die Leute von RVCP, ob die euch einen Tipp geben können.

Gesundheit

Ich habe mich vor der Abreise gegen Typhus und Tollwut impfen lassen. Rückblickend war Tollwut nicht nötig, da es im ganzen Land praktisch keine freilaufenden Hunde gibt. Eine Gelbfieber- und Meningokokken-Impfung hatte ich schon vorher. Als Malariaprophylaxe habe ich mich für Malarone entschieden, die ich bis auf die üblichen leichten GI-Beschwerden gut vertragen habe. Im RVCP-Haus gab es in meinem Zimmer kein Moskitonetz, darum war es gut eins dabei zu haben, auch Repellents sind in Ruanda sehr schwer zu bekommen. Vor Ort hatten während meines Aufenthalts ausnahmslos alle Internationals einmal eine Reisediarrhö.

Sicherheit

Ruanda ist ein sehr sicheres Reiseland. Allein reisen ist kein Problem und ich habe mich auch absolut wohl dabei gefühlt, im dunklen allein einkaufen zu gehen oder nachts vom Club nach Hause zu laufen. Ich habe dennoch einige Zeit benötigt, mich an die vielen schwer bewaffneten Securities, Polizisten und Soldaten zu gewöhnen.
Trotzdem bleibt natürlich wie überall auf der Welt ein gewisses Risiko, in Huye wurden während meines Aufenthalts zwei Europäer überfallen.

Geld

Bezahlt wird vor Ort in Rwandan Francs. Ich hatte als Sicherheit etwas Bargeld als USD mitgenommen, habe es aber außer für das Einreisevisum nicht benötigt. Kostenlos Geldabheben war mit meiner Apo VISA an vielen Automaten unkompliziert möglich. Die Lebenshaltungskosten sind grundsätzlich sehr gering, in Huye kostet ein „teures“ Abendessen im Restaurant etwa 5€, ein billiges etwa 1,50€. In Kigali kann man je nach Restaurant oder Café auch europäische Preise bezahlen. Bei verhandelbaren Preisen wie auf dem Markt oder bei Mototaxis wird von Weißen zwar meistens ein wenig mehr verlangt, aber ich hatte nie das Gefühl, abgezockt zu werden. Teurer wird es plötzlich, wenn man den Alltag verlässt und touristische Aktivitäten macht. Billige Hostels kosten ca. 8-15€ pro Nacht, Wanderungen in Nationalparks gerne 50 oder mehr.

Sprache

-

Verkehrsbindungen

Reisen in Ruanda ist unglaublich einfach. Erstens sind alle Strecken sehr kurz, zweitens ist das Busnetz sehr gut ausgebaut. Man kann einfach zum Busbahnhof gehen und bei den verschiedenen Busunternehmen fragen wann der nächste Bus zum gewünschten Ziel abfährt, bezahlt einen Festpreis und fährt in den meisten Fällen pünktlich los. Wenn man mal auf jeden Fall einen bestimmten Bus nehmen muss, kann man die Tickets auch schon am Tag vorher kaufen. Für kurze Strecken bieten sich die Mototaxis an, die an jeder Ecke stehen.

Kommunikation

In ganz Ruanda inklusive der Nationalparks gibt es lückenlose 4G-Abdeckung. Es gibt ständig neue Anbieter von mobilem Internet, darum einfach vor Ort fragen welche SIM-Karte gerade billig ist. Ich habe für einen Monat unlimitierte Daten etwa 5€ bezahlt.

Unterkunft

Wie fast alle Internationals zu meiner Zeit war ich im RVCP-Haus untergebracht, einem Komplex von mehreren kleinen Gästehäusern fußläufig vom Krankenhaus. Hier lernt man automatisch sowohl Internationals als auch Ruander kennen und unterstützt durch die Miete von ca. 100€ im Monat auch noch die Arbeit dieser studentischen NGO. Die Ausstattung ist vergleichsweise luxuriös mit warmem Wasser, Gasherd und allem was man braucht. Seid darauf vorbereitet, dass es in quasi allen Unterkünften und Wohnheimen immer wieder Bettwanzen gibt, entweder ihr bekommt sie oder ihr bekommt sie nicht.

Literatur

Vor einer Reise nach Ruanda würde ich auf jeden Fall empfehlen, sich zumindest grundlegend mit der Geschichte inklusive Kolonialzeit und Genozid auseinanderzusetzen. Als Reiseführer vor Ort ist der Bradt super, es sollte eine neue Ausgabe im RVCP-Haus geben. Für die Arbeit im Krankenhaus habe ich recht viel die MSF Medical Guidelines App benutzt, wo es kostenlos übersichtliche Leitlinien für die wichtigsten (Tropen-)Krankheiten gibt.

Mitzunehmen

Ich war im Praktikum in der Inneren, hier braucht ihr keine Kasacks, sondern könnt euch einfach einen Kittel überziehen. Die Studenten tragen darunter fast alle ein Hemd oder eine Bluse, einen festen Dresscode mit Krawatte o.ä. wie in anderen Ländern gibt es aber nicht. Für das Krankenhaus solltet ihr außerdem neben eurem Stethoskop noch einen Karton Handschuhe und am besten auch Händedesinfektion mitnehmen, weil letztere auf Station ab und zu leer war.
Kurze Hosen habe ich in Ruanda außerhalb von Kigali fast gar nicht gesehen, ansonsten rechnet je nach Jahreszeit mit sehr viel (warmem) Regen. Insgesamt habe ich eher mehr eingepackt als ich gebraucht hätte.

Reise und Ankunft

Ich bin mit Turkish Airlines über Istanbul nach Kigali geflogen und in der Nacht auf Samstag gelandet. Da ich die erste Nacht im RVCP-Haus in Kigali geschlafen habe, hat Martin von RVCP mich netterweise am Flughafen abgeholt. Am Samstag habe ich einen Bus nach Huye genommen, wo ich ebenfalls an der Busstation empfangen wurde. Am ersten Praktikumstag morgens muss man bei Elias vom CHUB im Büro vorstellig werden und seine Unterlagen vorlegen, die Prozedur ist je nach seiner Laune mal mehr oder weniger lang und beinhaltet je nach Tagesform mehr oder weniger Zurschaustellung seiner Machtposition. Hier einfach entspannt bleiben. Nachdem ich von Elias auf die Station gebracht wurde, haben mir nette ruandische Studierende meiner Station schonmal die wichtigsten Abläufe erklärt, der richtige Praktikumsbeginn war aber erst Dienstag.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Das Praktikum im Krankenhaus war sehr lehrreich und gleichzeitig anspruchsvoll, ich war daher froh, dass ich es erst am Ende meines Studiums und nach meinen anderen Famulaturen absolviert habe. Der Tag beginnt mit einer großen Frühbesprechung mit dem gesamten Ärzteteam und den Studenten der jeweiligen Rotation, bei der ein bis zwei Fälle gemeinsam ausführlich durchgesprochen werden. Beteiligung von den Studierenden wird dabei erwartet, zum Beispiel werden öfter reihum Differentialdiagnosen abgefragt oder man wird aufgefordert, ad-hoc ein Röntgenbild zu befunden. Die Stimmung ist aber sehr entspannt und niemand muss Angst haben, bloßgestellt zu werden. Ich hatte den Eindruck, dass die ruandischen Studenten klinisch besser ausgebildet werden als in Deutschland, dafür aber oft Hintergrundwissen fehlt. Nach der Besprechung gehen die Studierenden auf die Station, auf der sie die jeweilige Woche eingeteilt sind, wobei eine Station ein enger, stickiger Raum mit 14 Betten für entweder Männer oder Frauen ab 14 Jahren ist. Die Patienten werden auf die Studierenden aufgeteilt und man hat Zeit, in der Pre-Round „seine“ meist zwei Patienten zu visitieren und die Befunde in der Akte zu dokumentieren. Dabei ist man auf die Übersetzung der ruandischen Studierenden angewiesen. Der Kontakt mit meinen Gruppen war super nett und es hat sich jede Woche schnell eingespielt, wer Lust und Zeit hat zu übersetzen. Auf der eigentlichen Visite stellt man dann seine Patienten den Stationsärzten vor und macht einen Vorschlag zum Procedere, der dann besprochen wird. Nachdem man gegen Mittag alle Rezepte, Anordnungen etc. fertig gestellt hat, kann man nach Hause gehen. Die Untersuchungskurse für die Ruandischen Studierenden nach dem Mittagessen kann man besuchen, er wird aber nicht erwartet und sie sind inhaltlich auf relativ niedrigem Niveau.
Ich fand die Arbeit im Krankenhaus sehr lehrreich, weil ich viel selbstständig arbeiten und denken konnte und meine Vorschläge am Ende immer mit einem Arzt besprechen konnte. Gleichzeitig sind die Zustände in der Klinik oft frustrierend. Trotz Versicherung können sich viele Patienten die (für unsere Maßstäbe sehr geringe) Zuzahlung für Labortests, Medikamente etc. nicht leisten, wodurch sie dann ohne Diagnostik und Therapie prinzipiell unbegrenzt lange krank auf Station liegen und nichts passiert außer zunehmendem Verfall. Wenn keine Angehörigen die Grundpflege und die Versorgung mit Essen übernehmen, passiert auch das beides nicht. Dazu kommt, dass die Patienten im CHUB fast alle aus anderen Kliniken zugewiesen werden, das Patientenklientel ist also insgesamt sehr krank und hat oft schon komplizierte Verläufe hinter sich. Wer sich die Zuzahlungen leisten kann, wird aber grundsätzlich umfassend und kompetent behandelt, wobei man trotzdem keine deutschen Maßstäbe an Effizienz und Leitliniengerechtigkeit anlegen sollte. Während ich also manche „meiner“ Patienten nach wenigen Tagen mit einer Diagnose und einer Therapie entlassen konnte, konnte ich anderen Tag für Tag nur dabei zusehen, wie sie immer kränker wurden.
Ich war über den Public Health-Austausch mit Eat to Fight Your Disease / Growing Health in Ruanda und hatte vor, mich auch in diesem Projekt einzubringen oder zumindest einen Einblick zu bekommen. Im Endeffekt hat das leider nicht wirklich funktioniert, weil sowohl bei KU, der lokalen Organisation, als auch im Krankenhaus die Arbeit vor allem vormittags stattfindet. Es ist grundsätzlich schon möglich, in Absprache mit KU einige Aufgaben von zu Hause aus zu übernehmen, allerdings ist die NGO sehr professionell aufgestellt und auf solche Unterstützung nicht wirklich angewiesen. Wer wirklich Lust auf die Arbeit mit KU hat, sollte daher auf die Famulatur verzichten.

Land und Leute

Unter der Woche habe ich nach der Arbeit viel Zeit entspannt in unserem Stammcafé Café Connexion oder auf der Veranda unseres Hauses verbracht und gelesen, am Laptop gearbeitet oder gequatscht. Durch unsere Kontakte zu RVCP konnte ich mir außerdem mehrere derer Projekten im Umland von Huye anschauen, was ich wirklich empfehlen kann. Da Ruanda ein kleines Land ist, kann man an den Wochenenden quasi das ganze Land bereisen. Ich habe mit den anderen Internationals daher oft Ausflüge gemacht, zum Beispiel in die verschiedenen Nationalparks zum Wandern oder auch mal für ein Konzert nach Kigali. Auffällig fand ich, dass man in öffentlichen Verkehrsmitteln und außerhalb von Kigali und den Nationalparks kaum weiße Menschen trifft, da die meisten Ostafrika-Safaritouristen in privaten Geländewagen von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten gefahren werden. Entsprechend viel Aufmerksamkeit erregt eine Gruppe junger Weißer vor allem auf dem Land. Da ich zuvor wenig außerhalb von Europa gereist bin, musste ich mich sehr stark an diese Aufmerksamkeit und an die Rolle gewöhnen, die ich in vielen Situationen automatisch hatte. Am Ende meines Aufenthalts war ich noch eine Woche allein unterwegs, was ich als deutlich entspannter empfunden habe.
Kulturell und politisch ist Ruanda sehr spannend und ich habe mit jeder Woche neue Facetten kennengelernt. Dazu gehört einerseits der Umgang mit dem Genozid, den praktisch alle Menschen über 30 miterlebt haben und der im ganzen Land bis heute Spuren hinterlässt. Aber auch die aktuelle politische Lage ist interessant zu erleben. Die Unterschiede im Land sind gewaltig, zwischen Palmen-Alleen und hippen Kunstgalerien in Kigali bis zu Lehmhütten ohne Wasseranschluss auf dem Land kam es mir oft so vor, als wäre ich in einen anderen Staat gereist. Mein Eindruck war, dass die meisten Ruander unter der Oberfläche eher verschlossen sind und es lange dauert, ein Gespräch über ein tiefergehendes Thema wie Politik führen zu können. Das liegt mit Sicherheit nicht zuletzt auch an der autoritären Regierung, die die öffentliche Meinung stark diktiert und freie Diskussionen außerhalb des privaten Rahmens sowie eine echte Opposition nicht zulässt. Nachdem ich mich mit einigen ruandischen Studierenden besser angefreundet habe, hatte ich viele spannende Gespräche über die Gesellschaft und die Regierung, dank derer ich nochmal neue, weniger sichtbare Seiten des Landes kennenlernen konnte.
Nachhaltig beeindruckt hat mich das Engagement vieler ruandischer Studierender, die in unzähligen Initiativen und Projekten im ganzen Land wichtige Arbeit leisten. Dazu gehören Versöhnungsprojekte zwischen ehemaligen Hutu und Tutsi genauso wie IT-Unterricht für junge Menschen auf dem Land. Insgesamt habe ich den Eindruck bekommen, dass die Zivilgesellschaft in Ruanda sehr motiviert ist, sich gegenseitig zu unterstützen und das Land nach vorne zu bringen.

Fazit

Ich bin sehr froh, diese Erfahrung gemacht zu haben, vor allem auch wegen der Menschen, die ich kennenlernen durfte. Auf die Famulatur bezogen bin ich wie bereits erwähnt froh, dass ich nach dem neunten Semester bereits einige klinische Erfahrung gesammelt hatte, sonst hätte mich die selbstständige Arbeit und die vielen neuen Eindrücke im Krankenhaus vermutlich überfordert. So war es eine der lehrreichsten Famulaturen meines Studiums. Ruanda bleibt mir als sehr gastfreundliches, entspanntes und gut organisiertes Land in Erinnerung, der Spitzname „Afrika für Einsteiger“ ist mit Sicherheit nicht unverdient.

zurück