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Neurologie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Judith, Raubling

Motivation

Ich stehe kurz vorm Abschluss meines Studiums und wollte auf jeden Fall in einem englischsprachigen Land eine Famulatur machen, um möglichst viel Fachwissen mitzunehmen. Ich werde auch einen Teil meines PJs im englischsprachigen Ausland machen und fand, dass eine Famulatur eine gute Möglichkeit ist, sich schon mal mit der Arbeit in Krankenhäusern außerhalb Deutschlands vertraut zu machen. Kanada hat sich da, fand ich, gut angeboten. Ich habe nach längerem Hin und Her einen Platz in Edmonton (Alberta) bekommen. Ich hatte hohe Erwartungen an den Austausch, die wie ich finde alle erfüllt wurden. Ich habe meinen Aufenthalt sehr genossen.

Vorbereitung

Für Kanada ist eine sorgfältige Vorbereitung notwendig. Nachdem ich über die IFMSA eine Zusage für Kanada bekommen hatte, musste ich mich nochmal über das kanadische AFMC Student Portal bewerben. Hier muss man genau angeben, welche Kurse man während seines Studiums schon belegt hat und von wann bis wann, genauso welche Famulaturen usw. Es gibt normalerweise eine Gebühr, die man zahlen muss, um sich überhaupt in dem Portal zu bewerben, diese entfällt aber für IFMSA Austauschstudierende. Außerdem wird eine Haftpflichtversicherung gefordert, die eine gewisse Summe abdeckt. Normalerweise sollte aber die gewöhnliche Berufshaftpflicht, die man als Medizinstudent beim Marburger Bund oder so kostenlos hat, ausreichen. Welche Summen eure abdeckt und ob das ausreicht, würde ich aber auf jeden Fall davor nochmal nachschauen. In dem AFMC Portal kann man dann seine Prioritäten für den Zeitraum und den Fachbereich angeben. Allerdings glaube ich, dass man sich nicht für jede Stadt in Kanada über das AFMC Portal anmelden muss und es manchmal auch direkt über die LEOs geht. Bei mir ging es offiziell über das AFMC Portal. Allerdings hat mein LEO auch noch direkt dem Fachbereich, in dem ich dann Famulatur gemacht habe, geschrieben.

Visum

Man braucht ein Visum, allerdings geht das online super entspannt. Kostet ca. 10 Euro.

Gesundheit

Auf dem AFMC Portal gibt es ein Formular, dass euer Hausarzt/Betriebsarzt ausfüllen muss, sämtliche Titer für Hep B, Varizellen usw. die man evtl. auch nochmal bestimmen lassen muss. Außerdem wird ein Tuberkulosetest verlangt. Dann braucht man für Kanada eine ärztliche Untersuchung, die nur ein von der Botschaft anerkannter Arzt durchführen kann. Von denen gibt es nur ein paar in Deutschland, z.B. in München. Das Ganze kostet ca. 250 Euro, ist also nicht billig. Zusätzlich wird noch ein Röntgen-Thorax gemacht. In meinem Fall hat die Arztpraxis die Ergebnisse direkt an die Botschaft geschickt, ich musste mich also um nichts Weiteres kümmern.

Sicherheit

Kanada fand ich ein sehr sicheres Land. Ich habe mich zu keiner Zeit unsicher oder unwohl gefühlt. Klar gab es auch in Edmonton Stadteile, wo mir gesagt wurde, dort abends besser nicht alleine hinzugehen, aber die würde ich sagen gibt es in jeder größeren Stadt.

Geld

In Kanada zahlt gefühlt jeder alles mit Kreditkarte und hat meistens auch mehrere. Ich würde euch eine Kreditkarte mit guten Konditionen fürs Ausland empfehlen. Die Lebenshaltungskosten sind vergleichbar, wobei im Restaurant zu essen schon teurer ist als in Deutschland.

Sprache

Englisch und Französisch. In Alberta fast ausschließlich Englisch. Ich musste für die Bewerbung den IELTS Test machen. Um in Edmonton eine Famulatur zu machen, brauchte man C1. Ein sehr gutes Englisch würde ich auf jeden Fall empfehlen, damit man im Krankenhaus gut zurechtkommt und sich gut und verständlich ausdrücken kann.

Verkehrsbindungen

Ich hatte für eine Zeit lang ein Auto gemietet, was zum Rumreisen praktisch war. In Edmonton habe ich hauptsächlich die Metro und Busse benutzt. Das Netz ist gut und zuverlässig. Allerdings gibt es keinen Studentenrabatt für die öffentlichen Verkehrsmittel, wenn man nicht an der UofA immatrikuliert ist.

Kommunikation

Für die Zeit in Kanada habe ich mir eine kanadische Sim gekauft. Es gibt verschiedene große Anbieter, einfach im Telefonshop nachfragen. Im Vergleich zu einem festen Vertrag, ist ein fest buchbares Datenvolumen relativ teuer. Hat sich aber meiner Meinung nach trotzdem gelohnt. Die meisten Cafes und Restaurant haben kostenloses Wifi und auch am Uniklinikum konnte ich das Wlan nutzen. Eine kanadische Sim ist also nicht unbedingt nötig. Trotzdem war es praktisch für Anrufe und Internet unterwegs.

Unterkunft

Die Unterkunft wurde von den LEOs vor Ort organisiert. Ich habe bei einem Medizinstudenten und seiner Freundin gewohnt. Mit den beiden zusammen zu wohnen war wunderbar. Ich musste keine Bettwäsche, Handtücher usw. mitnehmen und konnte Kühlschrank, Küche jederzeit benutzen. Wir haben auch viel zusammen unternommen.

Literatur

Ich habe keine speziellen Bücher als Vorbereitung auf Edmonton gelesen. Wenn dann habe ich Wanderkarten und Tourenbeschreibungen für den Banff und Jasper National Park besorgt. Englischsprachige Fachbücher habe ich mir vor Ort in der Bibliothek ausgeliehen.

Mitzunehmen

Ich hatte meine ganze Wanderausrüstung und auch meine Klamotten fürs Krankenhaus dabei. Kittel habe ich keinen gebraucht. Ärzte und Medizinstudenten tragen im Krankenhaus meistens keinen Kittel sondern Business Look. Eigentlich habe ich während meines Aufenthalts nichts vermisst.

Reise und Ankunft

Die Anreise verlief reibungslos. Ich bin zusammen mit meinem Freund nach Calgary geflogen, wir haben uns dort ein Auto gemietet und sind vor Edmonton noch in die Nationalparks in den Rocky Mountains gefahren. Insgesamt hatten wir ca. 2 Wochen Zeit bevor meine Famulatur angefangen hat. Ich habe im Vorfeld eine Email von den zuständigen Koordinatoren der Neurologie bekommen mit Infomaterial zur Vorbereitung. An meinem ersten Tag der Famulatur habe ich zusammen mit den kanadischen Studenten eine Einführung bekommen und mich anschließend dem Team vorgestellt, bei dem ich die erste Woche war.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich war für vier Wochen in der Neurologie am University of Alberta Hospital. Das Klinikum ist neben Calgary das größte Krankenhaus mit einem riesigen Einzugsgebiet. Schon im Vorfeld habe ich eine E-Mail mit dem Plan für meine Wochen bekommen, in welchem Team ich eingeteilt bin, wer Dienst hat und wer Rufdienst hat usw. Am ersten Tag gab es eine Einführung für die Famulanten und die neuen Assistenzärzte. Danach ist jeder zu seinem Team für die Übergabe, es wurden neue Patienten besprochen und die Patienten aufgeteilt. Ich habe mich die Woche über um die Patienten, die mir zugeteilt wurden, gekümmert, habe vor der Morgenbesprechung nach ihnen geschaut, nach der Visite die vom Oberarzt angeordneten Untersuchungen angefordert und in die Patientenakte Ergebnisse der neurologischen Untersuchung sowie gegebenenfalls Zustandsänderungen notiert. Bei Entlassungen habe ich die nötigen Formulare ausgefüllt. Ich hatte zu jeder Zeit einen Ansprechpartner, wenn ich Hilfe brauchte. Die Visite sind alle zusammen gegangen, der Oberarzt, Assistenzarzt, die rotierenden Assistenzärzte aus den anderen Fachgebieten und die Studenten. Wir waren deswegen oft eine große Gruppe. Nach der Visite kümmert sich jeder um seine Patienten. Dann trifft man sich wieder und bespricht. Am Nachmittag, wenn Zeit war, haben die Assistenzärzte oft Themen besprochen, die wir lernen oder vertiefen wollten. Ich habe einmal eine Spätschicht mitgemacht, die für Studenten allerdings an den normalen Tag angehängt wird, dafür aber nur bis 9 Uhr abends dauert. Während meiner Schicht habe ich ein Konsil in der Notaufnahme übernommen mit Anamnese und neurologischer Untersuchung und es anschließend mit der Assistenzärztin besprochen. Jede Woche war ich bei einem anderen Team dabei. Die erste Woche bei den Konsilen, dann klassische Neurologie und Stroke Unit. In meiner letzten Woche durfte ich einige Tage in die angeschlossene Ambulanz. Das war auch ziemlich interessant. Hier durfte ich auch mal das Arztgespräch führen, während der zuständige Oberarzt zugehört hat. Außerdem konnte ich eine Lumbalpunktion machen. Generell fand ich war die Lehre wirklich gut. Es gab nicht nur jeden Morgen eine Teaching Session und die Vorträge von den Assistenzärzten nachmittags, sondern auch während der Visite am Patientenbett oder auch wenn die Oberärzte Zeit hatten. Man konnte nicht nur selbstständig arbeiten, sondern hat auch noch viele Tipps und praktischen Anleitungen bekommen. Zweimal die Woche gab es für alle eine Vorlesung bzw. Fortbildung über verschiedene Themengebiete. Einmal intern für die Neurologen und Neurochirurgen und eine wöchentliche Veranstaltung, bei der auch z.B. ein Kardiologe aus Großbritannien einen Vortrag zu Antikoagulation bei Schlaganfallpatienten gehalten haben.

Land und Leute

Ich war zusammen mit meinem Freund zwei Wochen vor Beginn meiner Famulatur im Banff und Jasper National Park in den Rocky Mountains wandern. Wir waren dort Mitte bis Ende September und damit schon eher Ende der Saison. Deswegen waren schon deutlich weniger Leute unterwegs, es war aber auch nachts ziemlich kalt, bis an die 0 Grad. Die Gegend dort ist wunderschön. Ich kann nur jedem empfehlen dort hinzufahren und am besten Mehrtagestouren zu machen, da man wenn man weiter wandert in einsame und wunderschöne Gegenden kommt fern vom Trubel und wirklich die Natur erleben kann. Von Jasper aus waren wir in 3 Stunden in Edmonton. Es ist also gut möglich auch am Wochenende Ausflüge in die Nationalparks zu machen. Mit meinem Mitbewohner war ich noch in dem Nationalpark Elk Island, der nur eine halbe Stunde von Edmonton weg ist und in dem man viele Buffalos sehen kann. Edmonton hat einen schönen Stadtteil direkt an der Uni, in dem es viele Bars, gute Restaurants und coole Geschäfte gibt. Edmonton hat außerdem die größte Mall der Welt. In der es wirklich alles gibt, sogar ein Schwimmbad. Kanada ist von der Kultur schon sehr ähnlich zu den USA. Jemand hat während meines Aufenthalts zu mir gesagt, „Kanada sei das liberale Amerika“ und das ist tatsächlich ein bisschen wahr. Viele Kanadier schauen amerikanischen Sport, so gut wie alle Fernsehsendungen sind aus den USA und auch das Essen ist schon sehr ähnlich. Politisch ist Kanada, finde ich, nicht so gespalten wie Amerika. Es gibt auch zwei große Parteien, die aber beide eher in der politischen Mitte anzusiedeln sind. Einen Tag nach dem ich geflogen bin, haben die Liberalen mit Justin Trudo die Wahl gewonnen. Alberta wählt traditionell konservativ. Es ist Kanadas wirtschaftlich stärkste Provinz und dies vor allem durch Öl und Gas. Doch wird auch in Alberta zunehmend an alternativen Energien geforscht. Alle, die ich kennengelernt habe waren super nett und hilfsbereit. Die Leos vor Ort haben mich auch sehr herzlich aufgenommen. Als ich angekommen bin, haben sie mir die Stadt gezeigt. Ich war zu einem Friendsgiving von ihren Freunden eingeladen und wir waren zusammen in einem Maislabyrinth. Außerdem war ich bei einer Semesterparty meines Mitbewohners und Hausparty von seinen Freunden. Die Medizinstudenten, die ich kennengelernt habe, waren wirklich super offen. Meine Mitbewohner haben mich generell viel mitgenommen, wenn sie was unternommen haben. Wir waren zum Beispiel bei einem Hockeyspiel von den Oilers, in einer Countrybar zum Two Step und Line Dancing und an Thanksgiving haben sie mich zu ihren Eltern eingeladen und wir haben zusammen ein paar Tage in ihrer gemeinsamen Heimatstadt verbracht. Ich habe wirklich nur tolle Erfahrungen gemacht und war wirklich traurig als meine Zeit in Kanada vorbei war.

Fazit

Meine Erwartungen wurden voll und ganz erfüllt, wenn nicht übertroffen. Ich hatte eine super Zeit in Edmonton mit den nettesten Mitbewohnern. Ich würde jederzeit wieder nach Kanada fahren und überlege auch schon, ob ich die beiden nicht irgendwann wieder besuche. Zu einer Famulatur in Kanada kann ich nur jeden ermutigen, auch wenn der Aufwand größer ist als in manch anderen Ländern, darf man sich davon nicht abschrecken lassen. Es lohnt sich! Die Erfahrungen, die ich dort gemacht habe, waren großartig.

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