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Jordan (IFMSA-Jo)

Pädiatrie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Annalena, Rostock

Motivation

Ich finde es bereichernd, neue Länder, Kulturen und Gesundheitssysteme kennen zulernen. Es erweitert meinen Blick und lässt mich mit einer andere Perspektive auf das Leben, Studieren und das Gesundheitssystem zu Hause blicken.
Ich wollte sehr gerne ein arabisches Land, die Kultur und Sprache dort kennen lernen. Das gelingt am besten, wenn man mit den Leuten vor Ort unkompliziert in Kontakt kommen kann. Die Möglichkeit war mit Hilfe der IFMSA gegeben.

Vorbereitung

Eigentlich waren nur zwei Dinge in Vorbereitung nötig. Zum einen meinen Contact Persons (CPs) schreiben, von wann bis wann ich genau komme (daraufhin haben sie mir eine Wohnung, Abholung,usw. organisiert) und zum Anderen den Jordan Pass online kaufen. Der Jordan Pass kostet 70JD (ca. 90€), er enthält die Visagebühren für einen Monat sowie den Eintrittspreis für alle wichtigen Sehenswürdigkeiten (v.a. Petra).
Bei meiner Bewerbung war ich unsicher, weil ich weder eine TBC-Impfung (gibt es in Dtl. nicht) hatte, noch für 90€ einen Quantiferontest machen wollte. Ich habe das einfach weggelassen und auch in Jordanien mit den IFMSA-Leuten darüber gesprochen, sie meinten sie wissen, dass das teuer ist und sehen einfach darüber hinweg wenn man das nicht hat.

Visum

Ein Touristen Visum reicht. Am Flughafen bekommt man das on arrival, kostet 40JD (ca. 50€), es sei denn man hat vorher den Jordan Pass gekauft (s.o.), was sich auf jeden Fall lohnt.
Wer länger bleiben will, muss das Visum auf der nächstgelegenen Polizeistation verlängern, kostet noch mal 40JD und geht ganz unkompliziert, auch ohne Arabischkenntnisse.

Gesundheit

Für die Bewerbung möchte die Partnerorganisation eine Auslandskrankenversicherung sowie den Impfausweis mit bestimmten Impfungen vorgelegt bekommen.
Versicherung: ich habe über die Deutsche Ärzte Finanz und den Marburger Bund eine kostenlose Allianzversicherung für ein Jahr bekommen. Informiert auch bei eurem persönlichen Berater bei der Deutschen Ärzte Finanz.
Impfungen: die üblichen, die man fürs Studium hat (z.B. Hepatitis), sowie die üblichen Reiseimpfungen. Man braucht nichts Spezielles.

Sicherheit

Ich habe mich zu keinem Zeitpunkt unsicher gefühlt. Amman ist eine Stadt mit westlichen Standards. Es gibt auch keine Restriktionen bezüglich der Kleidung.
Des Weiteren ist arabische Kultur unglaublich gastfreundlich und offen für Besucher. Sie heißen jeden herzlich willkommen. Ich bin viel durch die Stadt gelaufen (was in Jordanien sehr ungewöhnlich ist, man fährt Auto) und habe mich nie unsicher gefühlt.

Geld

Die Währung ist Jordanien Dinar (JD), 1JD entspricht zurzeit 1,26€. Ich habe einfach mit meiner Girokarte Geld abgehoben (am Besten ist die Kuweit Jordanien Bank), das war überhaupt kein Problem.
Generell ist Jordanien sehr teuer. Die Preise sind ungefähr wie in Deutschland, zum Teil teurer.

Sprache

Natürlich ist es gut, ein paar Worte Arabisch zu sprechen. Aber da Medizin hier auf Englisch unterrichtet wird, sprechen die Studenten und Ärzte alle Englisch und die Berichte sind zum großen Teil auf Englisch verfasst. Nur die Kommunikation mit Patienten oder zwischen Ärzten und Patienten ist ohne Arabischkenntnisse nicht zu verstehen, das macht es schwieriger nur zuzuschauen, aber niemand ist böse, wenn man nachfragt.

Verkehrsbindungen

Es gibt ziemlich billige Direktflüge (Berlin-Aqaba mit EasyJet oder Memmingen-Amman mit RyanAir).
In Amman gibt es kaum öffentliche Verkehrsmittel. Ich bin sehr oft von Jordanier*innen mitgenommen/abgeholt worden. Ansonsten ist Taxifahren nicht empfehlenswert. Am besten und am üblichsten ist es einen Uber zu nehmen. Dafür läd man die App runter, dann funktioniert es ähnlich wie ein Taxi, man gibt Start und Ziel an und an und der Preis wird auch gleich angezeigt. Damit habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht.
Um zu anderen Städten zu kommen gibt es Busse, die ich allerdings nicht genutzt habe.

Kommunikation

Meine CPs haben mir gleich am ersten Abend geholfen eine jordanische Simkarte zu kaufen. Das hat für den ersten Monat ca. 25JD gekostet (10GB und jordanische Nummer, Telefon, SMS). Damit hatte ich problemlos und jederzeit Internet und konnte vor Ort telefonieren.

Unterkunft

Das Local Committee vor Ort hat mir die Wohnung organisiert und bezahlt. Sie war voll möbliert und auch die Küche war bestens ausgestattet. Ich konnte in 30min zum Krankenhaus laufen, der Supermarkt war gleich neben an.

Literatur

Über Jordanien: ich habe mir den LonelyPlanet gekauft, was ich im Nachhinein allerdings nicht sehr sinnvoll fand. Zum einen war die Sicherheitslage zu negativ dargestellt, zum anderen finde ich, dass die Leute hier vor Ort am besten sagen können, was sich lohnt und wie. Im Sommer gibt es ein Social program, dass alle wichtigen Orte enthält.
Medizin: ich fand es sehr sinnvoll die Amboss-App zu haben, darin habe ich im Krankenhaus viel nachgelesen, sie funktioniert auch offline.

Mitzunehmen

Kittel, Stethoskop natürlich. Ganz normale, dem Wetter angepasste Kleidung (im Winter war es relativ kalt, zumal es keine Zentralheizungen gibt). Kosmetikprodukte wie Shampoo und Zahnbürsten sind teuer, dafür sind Seifen billig.

Reise und Ankunft

Die Reise und die Ankunft waren problemlos. Am Flughafen haben mich 3 IFMSA-Leute abgeholt. Wir haben uns gut unterhalten, sie haben mir alles wichtig erzählt, den Einkaufsladen gezeigt, das it der SIM-Karte geklärt, die Wohnung gezeigt. Mein CP hat mich am ersten Krankenhausrag abgeholt, dem Chef vorgestellt, mich auf die Station begleitet.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich war in einem privaten Krankenhaus, das sich nicht viele Patienten leiseren können, dementsprechend ist die Kapazität nicht ausgelastet. Deshalb sind in dem Krankenhaus auch keine anderen Praktikanten oder Medizinstudenten gewesen. Es gab keine Fachbereich orientierte Trennungen auf den Stationen, sondern chirurgische, internistische und pädiatrische Patienten waren auf der gleichen Station. Am ersten Tag haben sie mich gefragt, wo ich gerne sein möchte, letztendlich war ich die ersten zwei Wochen in der Notaufnahme und dann überall, auf der Intensivstation, der Station und in der Notaufnahme, wo es gerade etwas zu sehen gab oder ein Arzt/Ärztin war, die mir etwas erklärt haben.
Am ersten Tag hat mich der Chef an die Ärztin in der Notaufnahme übergeben, sie hat mich den Schwestern und Pflegern vorgestellt. Ich bin sehr freundlich aufgenommen worden. Auch wenn ich die meiste Zeit nur dabei saß oder zugeschaut habe und sprachlich nicht viel verstanden habe, habe ich mich doch willkommen gefühlt.
Später habe ich mir die Krankenakten auf der Station durchgelesen vor allem aber Zeit auf der Intensivstation verbracht. Zum einen waren die Fälle dort sehr lehrreich, zum anderen hat mir der Arzt dort sehr viel erklärt, mich untersuchen lassen und Input zum nachlesen gegeben.
Es gab wenige schwere Fälle oder medizinisch interessante Fälle und ich konnte nur zuschauen, weil es wenig anderes zu tun gab an ärztlichen Interventionen und Anamnese und Untersuchungen auf Grund der Sprache nicht möglich waren.
Es gibt hier kein ausgebautes primäres Gesundheitssystem, Patienten gehen direkt zum Facharzt, ins Krankenhaus und oft mit einer Erkältung oder anderen wenig gravierenden Problemen in die Notaufnahme. Außerdem gibt es, wie erwähnt, eine große Schere zwischen privaten und öffentlichen Krankenhäusern.
Das Medizinstudium ist allerdings sehr gut ausgebaut. Die ersten drei Jahre sind Grundlagenstudium, danach wird blockweise unterrichtet (Innere, Chirurgie,...) dafür gibt es jeden Tag Vorlesung, Runden im Krankenhaus, in denen ein Arzt am Krankenbett unterrichtet und Seminare für weitere 3 Jahre, danach ein Praktisches Jahr. Das ganze ist auf Englisch. Viele gehen für die Facharztausbildung und das Arbeiten ins Ausland.
In Jordanien gibt es einen großen Unterschied zwischen privaten und öffentlichen Krankenhäusern. Ich war in einem privaten KH, in dem der (Hygiene-)Standart mindestens so hoch war wie in Deutschland. In den public hospitals ist der Standard von der Ausstattung niedriger und man sieht seltenere Fälle. Ich bin allerdings nur aufgrund meines persönlichen Interesses in einem public hospital gewesen.

Land und Leute

Über meine CPs und deren Freunde bin ich schnell in Kontakt mit Jordanier*innen gekommen. Sie haben mir die kulinarischen Höhepunkte gezeigt, ein wenig von der Stadt, vor allem aber wie sie ihre Zeit verbringen, wie das Studium ist, das Leben hier, die politische Situation. Oft wurde ich gefragt, warum ich ausgerechnet nach Jordanien kommen wollte (die arabische Kultur kennenlernen, das Land, die Situation). Das Leben hier ist sehr teuer. Wer es sich leisten kann zu reisen reist nicht im eigenen Land sondern ins Ausland. Viele sehen keine Perspektive in diesem Land. Das politische System ist kaum zu verändern, die sozialen Normen von religiösen Regeln geprägt, Staat und Religion nicht zu trennen. Familien haben noch einen viel höheren Stellenwert, junge Leute leben bis zu ihrer Heirat bei den Eltern. Um zu Heiraten zahlt der Mann viel Geld und muss eine Wohnung besitzen um eine „gute“ Frau zu heiraten. Das Land hat keine eigenen Ressourcen und lebt von Hilfsgeldern und Steuern. Viele junge Leute erzählen, dass sie ins Ausland gehen wollen, sobald sie das Studium abgeschlossen haben.
Dieses Jahr war das Treffen der EMR (IFMSA Treffen der Region des mittleren Osten) in Jordanien. Ich hatte die Möglichkeit im Anschluss mit auf eine kurze Anreise nach Petra, Wadi rum und Aqaba zu gehen. Vor allem aber konnte ich sehr nette Leute aus Palästina, Irak, Ägypten, Algerien, Marokko und Jordanien kennenlernen und hatte viele sehr interessante Gespräche.
Im Sommer bietet das local committee selbst viele Aktivitäten für die Incomings an.
Am meisten ich die Offenheit und Freundlichkeit der Menschen genossen. Alle haben mich von Herzen willkommen geheißen, zum traditionellen Essen eingeladen, sich für mich, meinen Austausch und Deutschland interessiert. Vor allem haben sie mir das Gefühl gegeben sehr willkommen zu sein.
Oft hatte ich das Gefühl etwas zurück geben zu wollen, was nicht geht, aber auch überhaupt nicht erwartet wird.
Die einzige Kehrseite war für mich, dass ich nur in Kontakt mit der oberen Bevölkerungsschicht gekommen bin.
Aus dem Grund, dass ich es nicht gewohnt bin, dass mir so viel bedingungslos gegeben wird, kam ich mir manchmal etwas unselbstständig vor. Wenn ich erwähnt habe, dass ich eine bestimmte Stadt oder ähnliches sehen will,hat sich immer sofort jemand angeboten, der dort lebt, oder mich hinfährt,... Es war eine Lektion im Annehmen für mich.
Jordanier*innen reisen wenig in ihrem eigenen Land. Es gibt dennoch einiges zu sehen und insbesondere die Natur ist sehr beeindruckend.

Fazit

Ich habe meine Zeit in Jordanien sehr genossen. Vor allem weil ich so herzlich aufgenommen wurde und mich so gut wie nie einsam gefühlt habe. Diese Erfahrung, wie gut es ist, nette Menschen und Freunde um mich zu haben werde ich mit nach Hause nehmen. Versuchen ein Teil der Gastfreundschaft die ich erlebt habe zurück zu geben.
Ich würde jederzeit wieder nach Jordanien kommen oder, wenn ich die Möglichkeit habe, erneut einige Zeit in einem fremden Land verbringen. Es tut gut, das eigene Leben aus einer anderen Perspektive zu betrachten, Dinge die selbstverständlich waren wert zuschätzen und neue, positive Aspekte aus einer anderen Kultur, einem anderen Land zu integrieren.

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