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Pädiatrie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Anna, Marburg

Motivation

Ich hatte bereits einen selbstorganisierten Austausch in Tansania gemacht und wollte zum Ende meines Studiums vor dem M2 nochmal in ein anderes Land, das entwickungstechnisch mindestens genauso gut ist wie Deutschland gehen. Von Kanada habe ich viel Gutes gehört und habe daher die Gelegenheit genutzt und mich beworben.

Vorbereitung

Der Austausch in Kanada ist zeit- und kostenaufwendig. Abgesehen von den Flug- und leicht gesteigerten Lebenskosten in Kanada selber, muss man den IELTS-Test machen (Sprachzertifikat der Uni reicht nicht) und eine medizinische Untersuchung in einer eigens dafür qualifizierten Praxis mit Rö-Throrax, Bluttests und körp. Untersuchung (300€) machen. Plus ggf. Nachimpfen und Impftiter-Nachweise & 2 Tuberkulose Skin Tests. Man bewirbt sich in Kanada in den KH nochmal über ein nationales Portal, wo diverse Dokumente fristgerecht hochgeladen werden müssen (Immunization Form, eTA („Visum“), Health & Malpractice Insurance (billig über DÄF), IELTS). Dann muss man seine Wünsche ranken und die Bewerbung absenden. Kann sein, dass ihr auch nur 2x2 Wochen machen könnt, ist aber kein Problem. Kanada ist ein riesiges Land, Ausflüge und Attraktionen etc würde ich auch vorher buchen und drucken. Wenn alles klappt, kommen viele Mails von versch. Menschen, einfach das senden und ausfüllen, was die sagen.

Visum

Einfach das eTA beantragen, kommt gleich bestätigt zurück. Zusätzlich braucht ihr noch ein Medical Exam mit Labor etc. (ca. 300€) in spezialisierten Praxen, die Infos findet ihr auf der Website der Immigration, die Bestätigung davon und die eTA müsst ihr per Mail auch an viennimmigration@international.gc.ca senden, und ggf. nochmal nachfragen damit die euch bestätigen, dass alles ok ist. UNBEDINGT DRUCKEN mit den Praktikumsbestätigungen vom Portal, damit es am Zoll keine Probleme gibt.

Gesundheit

Man musste eh alle „normalen“ Impfungen auffrischen (+Grippe, wer das nicht sowieso macht). Ich habe die Basismedis mitgenommen, weil in Kanada die Medis schwächer dosiert und teuerer sind (ASS, Ibu, Loperamid, Vomex, Buscopan, Nasenspray,…). Wie gesagt, Rö-Thorax wird bei der Untersuchung gemacht und man muss sich selbst um den Tuberkulose-Test kümmern (2x, Richtlinien in der Immunization Form, im Gesundheitsamt meist am billigsten).

Sicherheit

Ich habe mich wie immer in https://elefand.diplo.de/ eingetragen. Die Sicherheitslage in Kanada ist sehr gut, ich habe mir keine Sorgen gemacht und habe mir auch als ich dort war keine gemacht. Man sollte halt nichts machen, was man in D auch nicht machen würde.

Geld

Währung sind kanadische Dollar, habe das Geld dort am Automaten geholt. Es gibt es viele Automaten (ATMs) dort. Kreditkartenzahlung (bes. VISA) ist Standard, bar ist auch kein Problem. Lebensmittelkosten waren deutlich teurer (ca. 25%?), alles andere oft billiger (keine MwSt).

Sprache

Die Sprache ist natürlich Englisch, und manchmal französich. Ich emfehle ein sehr gutes Sprachniveau für den Aufenthalt, sonst ist es für beide Seiten blöd. Englische Serien und Bücher vorher sind natürlich eine top Vorbereitung.

Verkehrsbindungen

Man kann natürlich nur hinfliegen. Im Edmonton ist der public transport je nach Wohnort gut bis schlecht, in den Innenstädten der größeren Städte sieht es besser aus. Uber gibt es je nach Stadt, in Edmonton ist es sehr verbreitet. Ansonsten sind Busse bei Kurzstrecke sehr zu empfehlen, Zugverbindungen sind nicht regelmäßig und dauern sehr lange. Der Verkehr ist im allgemeinen sehr zuverlässig (besser als in D.).

Kommunikation

Ich hatte eine Karte von TELUS (50 Dollar, unbegrenzte Anrufe und SMS und 1 GB). Whatsapp ist nicht so verbreitet, Anrufe und SMS sind viel häufiger, seine telefonnr braucht man rel. oft auch bei Buchungen, deswegen rentiert sich das auf jeden Fall.

Unterkunft

Ich war in einer WG mit zwei super lieben Mädels, ganz nah am KH. Es war sehr sauber und so, wie man es in D. gewohnt ist. Ich konnte mich dort in der Küche selbst verpflegen und musste nichts mitbringen.

Literatur

Ich habe die Homepages der jeweiligen Städte und Wikipedia-Aritkel gelesen. Außerdem hatte ich mir ein Buch der Secrets-Reihe und das Englisch-Wörterbuch von Thieme für die Vorbereitung auf das Vokabular gekauft.

Mitzunehmen

Ich habe ganz normal und sehr warm gepackt (ich bin ja im Winter hin). Als überflüssig hat sich nichts herausgestellt. Für das KH empfiehlt sich ein eher schickerer Dresscode (dunkle Jeans ja, aber nichts modisch zerissenes, die Students laufen da meist mit Hemd und Anzughose herum). Also nach oben ist kaum eine Grenze gesetzt, es ging allerdings auf den Stationen meist ziemlich leger daher. Ballerinas vielleicht nicht, einfarbe dunkle Sneaker würden zB gehen. Ich hatte dunkle Chelseaboots. In Kanada kann man aber auch alles kaufen, was man vergessen hat.

Reise und Ankunft

Die Flugreise verlief ohne Probleme, am Zoll wurde ich kurz etwas herumgereicht, bis sie das mit dem Praktikum verstanden haben (wie gesagt, die ausgedruckte Bestätigungsmail von viennimmigration@international.gc.ca und die Praktikumsbestätigungen und die ausgedruckte eTa-Mail mitbringen, dann läuft alles easy).
Ich wurde von meiner Contact Person abgeholt, und in die WG gebracht. Man muss sich ziemlich viel selbst zurechtfinden, auch im KH, die Mails, wo man hinmuss werden einem von den Contact persons des jew. Departments vorher zugesendet, bei Fragen einfach bei denen melden. Ich habe vorher von den Departments meinen Stundenplan oder Info zugesendet bekommen, wann ich wo sein soll. An meinem ersten Tage habe ich auch einen Kurs besucht, um das PC-System kennenzulernen.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Auf Station wurde 2018 ein Alberta-zusammenfassendes elektronisches PC-System ConnectCare eingeführt, dass alle Gesundheitsinfos zum Patienten von verschiedenen Ärzten einpflegt und ziemlichen cool ist. Am ersten Tag gibt es einen Kurs dazu (das sind die verwirrenden Emails, die ihr bekommt). Ich würde auf jeden Fall hingehen, da man nur so freigeschaltet wird und auf die Patienten zugreifen und Berichte schreiben kann.
Bei meinem ersten Teil in der Pedriatic Gastroenterology war ich in der ersten Woche im Consult Service und bin jeden Tag mit der Oberärztin (das wird hier „staff“ genannt) und manchmal einer Assistenzärztin (Residents, wenn FA= fellow) die Consult-Liste durchgegangen und haben die Patienten besucht. Ich konnte am Ende selber Aufnahmegespräche machen, und die täglichen Update-Gespräche führen und die Berichte (sog. Progress Reports) dazu schreiben, die dann mein Staff abgesegnet hat. Auch die Lerneinheiten und Fortbildungen durfte ich besuchen (es gab auch immer Essen). Alle waren unfassbar nett und haben gerne Teaching gemacht. So eine respektvolle, lernfreundliche Atmosphäre habe ich noch nie erlebt.
In der zweiten Woche war ich dann in den Sprechstunden, der sog. Outpatient Clinic und habe auch dort die Patienten aufgenommen, den Bericht geschrieben und es dann meiner Ärztin vorgestellt. Als ich sicherer wurde, hat es auch immer mehr Spaß gemacht.
In meinem zweiten Teil war in der NICU im RAH und bin dort täglich bei der Visite mitgelaufen (sehr intensiv, jeder Patient wird mit Respiratory Therapists und Dieterian diskutiert), ich durfte auch die Progress Reports (tägliche Berichte über den Zustand des Patienten) schrieben und die Babys untersuchen, was für mich gut war, um die Nervostität zu verlieren (schon mal ein beatmetes 500 g Baby umgedreht?). Ich war bei Entbindungen und Reanimationen mit dabei. Das Teaching und die Atmosphäre war auch hier wie oben beschrieben. In der Früh wird immer besprochen, welcher der Anwesenden noch was lernen will und dann wurden die Leute bei Intubationen etc. tatsächlich auch angepiept. So eine lernfreundliche Umgebung, so viel Respekt auch Medizinstudenten gegenüber, habe ich noch nie erlebt.
Die Medizin ist top, auch wenn sie ein anderes Hygieneverständnis als wir haben. Alles wird nach neuesten Leitlinien mit neuen Geräten gemacht, Änderungen werden in Fortbildungen besprochen, wenn Fragen sind, wird das mit dem Staff diskutiert, der sehr freundlich und respektvoll im Umgang mit den residents ist und man hatte wirklich das Gefühl, dass sie sich bemühen, dass jeder Resident jeden Tag schlauer nach Hause geht. Es ist auch beeindruckend, wie das Land organisiert ist. Edmonton ist für die gesamten Northern Territories zuständig, was ein gigantisches Gebiet ist. Es gibt ein eigenes Transport Team, das auf Abruf bereit ist, in die entlegensten Gebiete zu fliegen und dort Patienten einzusammeln. Wenn sie die Schicht beginnen, wissen sie nicht, ob sie abends wieder zuhause oder im Flieger sind. Auch die Sozialstation schaut bei allen Eltern vorbei und versucht zu helfen, wo sie können.

Land und Leute

Die Kanadier sind unfassbar nett und offen. Ich wurde mit offenen Armen emfpangen, meine Mitbewohner haben mich mit zu den Treffen zu ihren Freundinnen genommen und zu Familientreffen eingeladen. Wenn man Hilfe gebraucht hat, hat man sie jederzeit gefunden. Auffällig fand ich die vielen Obdachlosen.
Das Land selber ist sehr, sehr schön, aber sehr sehr kalt im Winter. Ich würde es jederzeit wieder besuchen. Es gibt zwar nicht wirklich historische Stätten, und man merkt, dass die Stadt mit dem Auto und nicht vor dem Auto gebaut worden sind (und dass die Kanadier mehr Platz als Baupläne haben), aber sie haben trotzdem wunderschöne, beeindruckende Orte zum Besichtigen und natürlich die Natur.
Ich war in Banff und habe mir dort die Stadt angesehen und war mit dem Bus für einen Tagesausflug am zugefrorenen Lake Louise (direkt am Fairmont Hotel). Auch mit der Gondel bin ich gefahren und die Museen waren auch sehr interessant. Es war wunderschön, aber ich muss da definitiv nochmal im Sommer hin.
Toronto ist sehr beeindruckend, ich fand die Stadt erstaunlich sauber für ihre Größe. Man kann viel machen und auch wenn sie nicht so schön ist wie Vancouver, war es doch gut, dort gewesen zu sein.
Vancouver war einfach wunderschön, wir haben von dort auch Ausflüge nach Victoria (auf Vancouver Island, war ganz nett, aber das beste war die Fahrt mit der Fähre) und Seattle (mit dem Bus, sehr amerikanisch, fanden wir nett, aber nicht so schön wie Vancouver) gemacht (wenn man schon mal in der Gegend ist). Die Stadt liegt wie Toronto direkt am Meer, es gibt Parks, Museen und Sehenswürdigkeiten und viel zu sehen. Das Shopping ist auch nicht ohne.
Edmonton selbst habe ich natülich auch erkundet. Ich war im Kunstmuseum (gibt dort auch sehr schöne Postkarten), im Legislaturebuilding und habe in der Innenstadt fast alle Sehenswürdigkeiten abgeklappert. Ich war auch bei einem Eishockey-Spiel der University of Alberta (eines muss man sehen, wenn man in Kanada ist, ich bin jetzt Fan!) und auf der Whyte Ave gibt es viele Shops, die erkundet werden wollen. Essen geht es am besten im MEat, Next Act, Cafe 1912 (nicht Remedy!!) und an vielen anderen Plätzen. Sehenswert ist auch der Stadtmarkt mit seinen vielen Ständen.
Das Essen ist amerikanisch und es gibt einen Schwerpunkt mit asiatischer Küche. Bio ist leider nicht wirklich verbreitet und in den wenigen Läden, die sich darauf spezialisiert haben, sehr teuer. Besonders einfallsreich ist es nicht und ich habe den Käse vermisst, aber da kommt man auch drüber hinweg. Poutine und Beaver Tails sollte man auf jeden Fall gegessen haben, um die Burger kommt man kaum herum.

Fazit

Das Land und die Menschen sind sehens- und erlebenswert. Eine offene Kultur, viele Sehenswürdigkeiten und eine traumhafte Natur. Die Medizin ist exzellent und ich habe soviel mitgenommen. Wenn man wirklich etwas lernen will, ist man hier genau richtig (auch wenn man sehen will, wie man es besser machen kann). Kein Gesundheitswesen ist perfekt, aber die Kanadier machen schon vieles richtig. Mir hat es sehr gut gefallen, ich würde jederzeit wieder fliegen.

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