zurück

Fundacion Omar (Lateinamerika)

Verschiedene - SCOPH (Public-Health Austausch)
von Sarah, Brunnthal

Motivation

Ich wollte die Zeit nach meinem 3. Staatsexamen gerne nutzen, um a) nochmal richtig weit zu reisen und b) Erfahrungen zu sammeln, die mir vielleicht eines Tages dabei helfen, bei einem Projekt von Ärzte ohne Grenzen, German doctors o.ä. mitzuarbeiten.
Die Idee war noch ein letztes Mal als Studentin (wenn auch schon fertig examiniert) in geschütztem Rahmen eine völlig andere Arbeitswirklichkeit kennen zu lernen und, wenn möglich, auch einen sinnvollen Beitrag zu leisten, weil ich mit meinem Wissen vielleicht doch mehr unterstützen kann als jemand im – sagen wir – 7. Semester.

Ich habe mich gemeinsam mit einer Kommilitonin beworben. Wir haben uns einige Kriterien überlegt und anhand dessen unsere Top-3-Projekte ausgewählt:
1) Projekt mit medizinischem Schwerpunkt (auch wenn andere Projekte sicher extrem sinnvoll sind, dachten wir, dass wir am effektivsten eingesetzt werden können, wenn es nicht um Möhren schnippeln geht)
2) Keine riesigen Volunteergruppen, weil wir dachten, dass es wenig Sinn macht, wenn um jeden Arzt vor Ort tausende Medizinstudenten rumspringen.
3) Lieber direkter Patietenkontakt, als „Forschung und Austausch“
4) Wenn möglich, ein Land, dessen Sprache wir beherrschen, um nicht mehr Arbeit durch Übersetzen zu verursachen, als wir abnehmen.
Unsere Wunschliste war daher: Ecuador mit Fundacion Omar Mosquera, El Salvador mit einem ähnlichen Projekt im Amazonas und Indien mit dem Institute for mother and child care. Während des Jahres bis zu unserem Flug hat sich jedoch immer mehr herauskristallisiert, dass wir unsere Erstwahl so stark favorisieren, dass wir auch privat mit Omar Kontakt aufgenommen haben.

Vorbereitung

Leider war die weitere Organisation dann etwas schleppend. Wir hatten beide schon SCOPEs mit der bvmd gemacht und waren mit der unkomplizierten Organisation sehr zufrieden. Dummerweise haben wir diesmal wohl einen schlechten Zeitpunkt erwischt. Uns wurde im normalen Zusagezeitraum (Frühsommer) mitgeteilt, dass wir lediglich eine vorläufige Zusage hätten, weil gerade noch Gespräche/Verhandlungen mit unserem Projekt laufen würden. Wir würden im Herbst Bescheid bekommen. Da kam dann erstmal nichts. Wir waren immer in der Zwickmühle zwischen: einerseits würden wir gerne planen, müssen Flug buchen und zukünftigen Arbeitgebern sagen, ob und wann wir weg sind und andererseits dem Wissen, dass alles ehrenamtlich von Studenten organisiert wird, die für gewöhnlich ihr Bestes geben, alles für alle zufriedenstellend zu organisieren, sodass wir nicht unnötig nerven wollten. Wir haben dann doch irgendwann über das Bewerbungsportal und E-Mail Kontakt aufgenommen, jedoch entweder eine aufschiebende oder gar keine Antwort erhalten. Wir hatten auch immer wieder Kontakt zum Büro in Berlin, wo wir immer eine sehr freundliche Antwort erhalten haben, aber vertröstet wurden, da die neue SCOPH-Koordinatorin gerade noch eingearbeitet würde.
Wir haben uns dann Mitte November selbst bei Omar Mosquera (dem ecuadorianschen Chef der Organisation in Riobamba) gemeldet, um zu klären, ob wir notfalls auch ohne Unterstützung der bvmd kommen dürften. Er hat sofort auf unsere E-Mail geantwortet (wir glauben manchmal, er schläft nie wirklich ;-) ) und wir haben dann per Whats App telefoniert. Wir hätten auch ohne bvmd zu den gleichen Konditionen kommen können: 300€ für Kost und Logie für 4 Wochen + 1 Koffer mit Medikamenten. Mit seiner Zusage haben wir uns dann nochmal an die bvmd gewand. Es hat sich rausgestellt, dass es beim Personalwechsel wohl Kommunikationsprobleme gegeben hat, sodass wir einfach irgendwie durchs Netz gefallen sind. Wir haben unsere mündliche Zusage also letztendlich im Dezember bekommen. Geflogen sind wir am 7.1., um noch etwas vom Land sehen zu können. Unsere CA wurde erst nach unserem Projektzeitraum hochgeladen…
In den 5 Wochen vor Abflug mussten wir uns jedoch auch noch mit „Unified for Health“ (UFH) in Verbindung setzen bezüglich der Medikamente, die man als Freiwilliger von UFH mit nach Riobamba bringt. Die müssen das aber auch erst mal bestellen, sichten, sortieren und wir mussten dann auch noch organisieren, dass wir das als Übergepäck (ich hatte allein 40kg Medis dabei) mit den Fluglinien organisieren. Kleiner Tipp hier: bucht KEINEN GABELFLUG. Ich hatte einen und konnte deswegen nichts online hinzubuchen, sondern hing jedesmal 100 Stunden in der Telefonwarteschleife von Air France… Letztendlich haben wir unsere Postpakete mit den Medis kaum 48 Stunden vor Abflug erhalten. Alle Dokumente, die man für den Zoll braucht (v.a. De-facto-Rechnung), wurden jedoch direkt mitgeschickt.

Visum

Bis 90 Tage Aufenthalt für deutsche Staatsbürger nicht notwendig. Bei Einreise theoretisch die Vorlage eines Nachweises über Auslandskrankenversicherung nötig (wurde aber bei keinem vom uns je überprüft).

Gesundheit

Wir waren durch frühere Auslandsaufenthalte von A-Z durchgeimpft. Malarone hatte ich nur als Stand-by-Prophylaxe dabei (hatte ich noch daheim), weil die meisten Gebiete (und v.a. auch Riobamba) auf Grund der Höhe kein Risikogebiet sind. Gegebenfalls vom Reisemediziner beraten lassen!

Sicherheit

Informationen des auswärtigen Amts beachten. Im Herbst 2019 gab es Unruhen und Proteste, allerdings warnte das AA bei unserer Abreise nur noch vor Grenzregionen zu Columbien. Wir haben uns generell sehr sicher gefühlt, waren aber natürlich auch immer zu zweit unterwegs, was es deutlich leichter macht, sich sicher zu fühlen.
Einmal hat jemand in Quito im Vorbeigehen heftig an meiner Kamera gezogen – wohl in der Hoffnung, dass das Lederband um meinen Hals reißt und er damit abhauen kann. Hat nicht geklappt. Er war auch nicht der schnellste und hat mich völlig verwirrt angestarrt, als ich und die zufällig drum rum stehenden Taxifahrer in festgehalten und lautstark zur Rede gestellt haben. Ich glaube, das war kein organisierter Schwerkrimineller, sondern einfach nur ne arme Seele. Und das war schon das „gefährlichste“ was uns passiert ist.
Im Bus wurden wir jedoch immer wieder gewarnt, sowohl am Terminal, als auch im Bus gut auf unsere Sachen Acht zu geben. Alles was man unten in den „Kofferraum“ des Bus reingibt, ist wohl sicher, aber man sollte sein „Handgepäck“ im Bus nie auf den Boden stellen, da wohl unter den Sitzen durchgekrochen wird, um die Sachen (teilweise durch Aufschneiden der Taschen) zu stehlen. Haben wir nie irgendwo mitbekommen, aber wir wurden wirklich andauernd davor gewarnt.

Geld

US-Dollar. Ich war direkt im Anschluss 10 Tage in den USA und konnte – im Gegensatz zu den Gerüchten in Ecuador – alle Teile der Währung, also auch die Münzen, dort problemlos verwenden.
Ich würde empfehlen schon mal einen kleinen Betrag in Bar dabei zu haben. Ich wollte am Flughafen von Quito gerne einen Gepäcktrolley nehmen, um meine 40 kg Medis in einem mit Gaffatape zugeklebten Karton (die Menge hat einfach in keinen einzigen Koffer, den ich irgendwie im Umfeld hatte, gepasst) halbwegs unauffällig am Zoll vorbei zu bekommen (Klar, ich hatte alle nötigen Papiere, aber ich wollte es irgendwie nicht darauf ankommen laassen). Die blöden Trolleys dort kosten aber 2 Dollar und der erste Geldautomat ist hinter der Zollkontrolle. Spaßeshalber habe ich an der Wechselstube am Gepäckband mal gefragt, wie ihr Kurs wäre – macht das nicht! (Ich hab dann übrigens 2 Dollar von meinem netten Sitznachbarn aus dem Flugzeug bekommen und der Zoll hat nichts gemacht, außer mir im Vorbeigehen einen guten Tag zu wünschen.)
Bargeld ist generell empfehlenswert. Bezahlmöglichkeiten mit Kreditkarte haben wir nur wenige gesehen. Wir waren mit der Banco Pichincha sehr zufrieden, weil die einen auch mehrere Hundert Dollar auf einmal abheben lässt und keine sehr hohen Gebühren (bei mir 3-5 Dollar) verlangt hat. Irgendwie fehlt allen immer Wechselgeld, weil die Banken immer nur 20-Dollar-Scheine rausgeben, also versucht immer etwas Kleingeld dabei zu haben.

Sprache

In ganz Ecuador wird Spanisch gesprochen, bis auf in den Touristenorten trifft man nur selten auf Menschen, die auch ausreichend Englisch sprechen. In den ländlicheren Gebieten ist die häufigste Sprache jedoch Kichwa. In den Dörfern um die Städte herum trifft man häufig Menschen, die beides sprechen, wenn man sich weiter von den Städten entfernt kommt man jedoch oft in Regionen, in denen die Bewohner kein Wort spanisch sprechen. Bei unserer Arbeit im Projekt sind wir mit Spanisch sehr gut zurechtgekommen, in den ländlicheren Gebieten gab es auch meistens genügend Familienmitglieder, die übersetzen konnten, wenn jemand nur Kichwa gesprochen hat.

Verkehrsbindungen

Flug: international nach Quito oder Guayaquil. Omar holt einen theoretisch an beiden ab.
Bus: beste Möglichkeit für zwischen den Städten. Selbst wenn man sehr weit fährt, wie z.B. Quito-Guayaquil, muss man kaum mit mehr als 20$ rechnen. Auch innerhalb der Städt gibt es ein gutes Busnetz, allerdings sind da die Routen, Haltestellen und Fahrzeiten etwas schwieriger herauszufinden.
Taxi: günstig, v.a. in Riobamba von uns häufig genutzt, da wir zu 2.-5. Waren und die Fahrt ins Zentrum nue 1-2$ kostet. Immer auf offizielle Taxis (Nummer an der Tür) achten.
Uber: wird häufig als noch sicherer als Taxis empfohlen, hat bei uns in Quito auch immer gut funktioniert (in vielen anderen Städten gibt es es gar nicht). Ist allerdings illegal, was manchmal zu etwas skurrilen Situationen führt: „Wenn uns die Polizei gleich anhält, dann bin ich übrigens euer Freund, der euch vom Flughafen abgeholt hat…"

Kommunikation

Ecuadorianische SIM-Karten für unter 5$ zu haben. Beste Netzabdeckung bei Claro. Alle bieten prepaid-Flatrates an. Ich hatte zweimal 30 Tage mit einigen Freiminuten, 1,5 GB und „Whats App und Facebook unlimitiert“ für je 5$. Das hat bei mir sehr gut gereicht. Normalerweise hat man bei Omar auch WLAN.

Unterkunft

Wenn nicht zu viele Freiwillige auf einmal da sind, wohnt man in Omars Nachbarhaus: 1 Bad, 3 Zimmer mit je 2-3 Betten und eine große Wohnküche mit Sofa, Kühlschrank, kein Herd. Braucht man aber auch nicht. Gefrühstückt haben wir immer etwas Obst bei Omar, dann ging es in die Schulen wo es standardmäßig nochmal eine Art Milchbrötchen und ein hartgekochtes Ei und Kaffe/Tee/Avenita gab. Mittagessen gab es auch in den Schulen. Abendgegessen haben wir unter der Woche das Essen von Omars Ehefrau Susy gemeinsam mit den beiden und ihrem Sohn. Sie kocht super lecker mit viel Gemüse! Für mich als Vegetarierin mit das beste Essen, dass ich in ganz Ecuador erhalten habe :)

Literatur

Reiseplanung: Lonely Planet + auswärtiges Amt
Medizinisches: online Deximed, Apps: Amboss, Azneimittel Telegramm (nur online), Arzneimittel pocket (offline), Pediatrics on call (offline) – ihr werdet vor Ort am Patienten Dinge nachschlagen wollen und habt nur selten dort Empfang. Macht euch das klar und nehmt das mit, was ihr braucht, um fachlich korrekte Entscheidungen zu treffen!

Mitzunehmen

Wichtig ist es, genügend warme Klamotten mitzunehmen, da es oft in den Dörfern und Schulen sehr kalt ist. Man bekommt von Omar T-Shirts für die Arbeit gestellt. Wichtig für die Arbeit im Projekt sind Stethoskop, Pupillenleuchte, Handdesinfektionsmittel, Stifte und ein Notizblock.

Reise und Ankunft

Meine Anreise war völlig unspektakulär. Ich bin problemlos mit meinem Karton und meinem Riesenbackpack plus Tagesrucksack durch den Zoll gekommen. Draußen hat Omar schon auf mich gewartet. Er hat mich zu einem Freund gebracht, der in der Nähe des Flughafens wohnt. Da konnte ich die erste Nacht schlafen und auf meine Freundin warten, die mit mir gemeinsam hätte fliegen sollen, deren Zubringerflug aber gecancelt wurde. Meine Medikamente hat Omar direkt mit nach Riobamba genommen. Die Medis, die meine Freundin dabei hatte, haben wir dann bei besagtem Freund für 2 Wochen lagern dürfen und dann mit dem Bus mit nach Riobamba genommen. Das war unser Vorschlag, da wir eh zu zweit waren. Sonst wäre Omar irgendwann nochmal extra mit dem Auto nach Quito gefahren, um die Medikamente zu holen. Er tut alles, um den Volunteers die Anreise so unkompliziert wie möglich zu gestalten!

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Macht euch bewusst, dass ihr hier unter Umständen ALS ARZT EINGESETZT werdet! Ich bin aufgrund der mir vorliegenden Erfahrungsberichte davon ausgegangen, dass ich eben ein letztes Mal als Studentin arbeiten werde und einem Arzt zugeteilt bin. Das hängt allerdings davon ab, welche Freiwilligen gerade vor Ort sind - wenn ihr Pech habt, seid es zeitweise nur ihr. Seid euch daher darüber im Klaren, dass ihr hier enorm viel Verantwortung habt. Ob ihr diese bereits guten Gewissens übernehmen könnt, müsst ihr für euch selbst entscheiden! Wir konnten uns diese Gedanken nicht im Voraus machen, sondern wurden vor Ort von den Umständen überrascht. Die spanischen Projektpartner schicken z.B. nur approbierte Ärzte zu Omar und ich bin mir nicht sicher, ob sich Omar den Unterschied zwischen einem Medizinstudenten im 5. Semester, im 8. oder nach Approbation klar macht.
Wir sind, wie gesagt, beide nach M3 hingefahren, haben jedoch in den ersten beiden Tagen trotzdem gefeedbackt, dass das sehr viel Verantwortung ist, die uns überlassen wird, da wir hauptsächlich mit Kindern gearbeitet haben und beide keine Famulatur-/PJ-Erfahrung mit Päd hatten. Trotzdem waren wir an Tag 3 die einzigen beiden anwesenden Ärzte. Zitat Omar: „Euch fehlt nur die Erfahrung, oder? Die bekommt ihr hier schon!“ In den ersten 2-3 Wochen war meist jedoch noch eine ecuadorianische Ärztin dabei. Diese hat sich in den letzten Jahren auf Naturheilkunde spezialisiert, was durchaus hilfreich war bei einem Patientenklientel, dass nicht immer ausreichend Geld für bzw. Zugang zu Apotheken und damit Schulmedizin hat. Allerdings war sie leider keine Hilfe bei schulmedizinischen Fragen. Das Problem für uns war, dass sie aber häufig trotzdem Handlungsanweisungen geben hat, die sich häufig als entgegen von Leitlinien/Dosierempfehlungen etc. gezeigt haben.
Als Student denkt man sich dann vielleicht, dass der Arzt mehr Erfahrung und am Ende auch die Verantwortung hat. Wir hatten aber beide das Gefühl, dass wir für unsere Patienten verantwortlich sind – und dass wir damit alleine gelassen sind. Wir hatten zum Glück uns gegenseitig und haben viel recherchiert (siehe Apps oben), uns immer abgesprochen und notfalls ins Krankenhaus geschickt, aber am Ende kann man sich nie ganz sicher sein, dass man nicht irgendwas übersehen hat – je früher im Studium desto eher. Überlegt euch bei eurer Bewerbung kritisch, wie ihr euch auf diese Verantwortung vorbereiten könnt!

Die ersten beiden Wochen waren wir in Schulen außerhalb von Riobamba. Die Kinder haben bereits im Vorfeld Probenröhrchen bekommen, sodass alle morgens bei unserer Laborassistentin ihre Stuhlproben abgegeben haben. Wir haben dann alle Kinder und oft auch ihre Familien behandelt. Wir haben in diesen 2 Wochen keine einzige negative Stuhlprobe gesehen. Wirklich jedes Kind dort hatte einen Parasiten (Ascariasis, Amöbiasis, Giardia). Daher war unsere wichtigste Aufgabe das medikamentöse Deparasitieren und die Hygieneaufklärung zur Prophylaxe. Ansonsten behandelten wir die Kinder und Erwachsenen allgemeinmedizinisch.

In den beiden letzten Wochen waren die Schulen in der Examensphase. Daher sind wir in ärmere Communities gefahren, teils direkt in Riobamba und teils in sehr abgelegenen Dörfern. In diesen zwei Wochen waren zusätzlich drei Voluntärinnen aus Spanien dabei, die sich ebenfalls zwischen Studium und Jobbeginnn befanden. Bei unseren Arbeit haben wir grundsätzlich ähnliche Krankheitsbilder wie in Deutschland gesehen. Chroniker mit Hypertonie oder Diabetes haben von uns eine Art Check-up bekommen und, wenn wir die entsprechenden Präparate da hatten, einen Refill ihrer Dauermedikation. Neuein- oder Umstellungen haben wir nicht durchgeführt. Dafür haben wir sie zum Spezialisten schicken sollen. Ansonsten haben wir viel Arthrose, Kopfschmerzen und Gastritiden behandelt. Schwierig war, dass hierbei häufig die Lifestyle-Modifikation das vielversprechendste war – zum einen zur kausalen Behandlung, zum anderen aber auch, weil sich die meisten Patienten keine Dauermedikation leisten können. Dies begreiflich zu machen, war aber teilweise enorm schwierig: wir haben dort ein ganz anderes Konzept von Krankheit und Gesundheit erlebt und ein guter Arzt, ist der, der gute Pillen verschreibt. Je weiter raus wir gekommen sind, desto größer wurde die Sprachbarriere, weil die Patienten zunehmend mehr Kichua als Castellano gesprochen haben. Es hat sich allerdings immer ein freundlicher Dorfbewohner gefunden, der übersetzt hat. Das hat bei manchen Kommunikationsproblemen allerdings nicht gereicht. Ich habe in einem besonders weit entfernten, sehr hoch gelegenen Dorf z.B. einen ganzen Tag damit verbracht, die Leute über gesunde Ernährung aufzuklären, v.a. dass c.a. 50% ihrer Nahrung aus Obst und Gemüse bestehen sollte. Erst beim Abendessen hat mir Susy (Omars Frau, die früher als Lehrerin in diesen Dörfern gearbeitet hat) erklärt, dass das Land dort so karg ist, dass sie nur Kartoffeln, Kohl und Zwiebeln anbauen. Dort wisse man nicht, was Gemüse sei. Man müsse ihnen expilizit sagen: „Iss Tomaten, Salat, Gurken, …“.

Die Arbeit vor Ort kann sehr unterschiedlich aussehen, je nach dem welche Freiwilligen vor Ort sind: Ärzte, Pfleger, MFAs, Labormediziner, Zahnärzte, Psychotherapeuten, Physiotherapueten und all diese Berufsgruppen in Ausbildung sowohl aus Ecuador als auch international, v.a. aus Spanien und Deutschland. Der Bericht kann also nur unsere Situation schildern mit maximal 5 „Jungärztinnen“ aus Deutschland und Spanien plus besagter Naturheilkundlerin aus Ecuador. Nach uns kam eine Gruppe von 15 Leuten aus Spanien verschiedener Professionen – das ist sicher nochmal ein ganz anderes Arbeiten.

Land und Leute

Ecuador ist ein unglaublich schönes, faszinierendes Land. Es hat eine relativ geringe Fläche, sodass man mit verhältnismäßig kurzen Buszeiten das ganze Land bereisen kann. Theoretisch kann man in einem Tag alle 3 Zonen bereisen (ist aber nicht empfehlenswert): den Dschungel des Amazonasgebietes, die Anden und die Küste.

Wir hatten 2,5 Wochen vor und 1,5 Wochen nach unserem Projekt Zeit zum Reisen. Auch unsere Wochenenden haben wir immer zum Reisen genutzt. Riobamba liegt recht zentral und an der Panamericana, sodass es gut möglich war Freitagnachmittag (meist schon gg. 15h) bis Sonntagabend wegzufahren. Unsere Wochenendtrips waren: Banos, Cotopaxi und el Altár.

Wer auf Städte steht, wird Quito, Guayaquil und Cuenca mögen. Banos ist wie ein Abenteuerspielplatz für Erwachsene. Die Stadt besteht nur aus Agencys, die Rafting, Canyoning oder Paragliden anbieten und nachts trifft sich alles in der Partygasse. Auch nicht zu verpassen sind die wunderschönen Nationalparks wie Cotopaxi. Von Riobamba kann man den Altár oder Chimborazo besteigen (oder mit dem Mountainbike runter fahren). Wir haben uns auch an der Küste sehr wohl gefühlt, sind allerdings nicht ewig in der Partystadt Montanita hängen geblieben, sondern haben lieber einen Tauchkurs im ruhigeren Puerto Lopez gemacht.

Insgesamt sind die Ecuadorianer sehr angenehme Menschen. Man hat das Gefühl, dass es Ecuador wirtschaftlich besser geht als einigen anderen südamerikanischen Ländern. Dadurch wird man als Tourist als wirtschaftliche Chance wahrgenommen. Tatsächlich haben sich einige Leute sogar bedankt, dass wir hier reisen und für unser Interesse an ihrem Land. Natürlich gibt es auch die Situationen, wo man von 5 Taxifahrern gleichzeitig zugerufen bekommt, ob man nicht einsteigen will, aber wenn man freundlich „nein, danke“ sagt, dann ist es auch gut. Gleiches gilt bei Straßenverkäufern.

Einige Male haben wir uns ein bisschen für dumm verkauft gefühlt und dachten, dass liege an unseren Sprachkenntnissen. Als wir dann mit unseren 3 spanischen Kolleginnen unterwegs waren, haben wir allerdings gemerkt, dass es ihnen auch so geht. Vielleicht ein Mentalitätsunterschied, vielleicht die Tatsache, dass man Ausländer ist, vielleicht unterschiedliche Wahrnehmung von Problemen…
Auch mit Omar hatten wir solche Kommunikationsprobleme teilweise. Er ist super lieb und kümmert sich sehr fürsorglich, aber es war zum Beispiel sehr schwer von ihm einen Zeitplan zu bekommen, der über die nächsten 30min hinausging. Wenn man sich darauf einlässt, Zeitangaben nicht Ernst nimmt und sich einfach treiben lässt, kommt man aber ganz gut zurecht.

Fazit

Mich hat ein Freund vor meiner Abreise nach dem Projekt gefragt und ich habe beschrieben, dass es darum geht als eine Art Hausarzt Menschen in medizinisch unterversorgten Gebieten die Möglichkeit einer Behandlung zu geben. Er hat mich dann kritisch angeschaut und nur gemeint: „Und dafür bist du nach dem M3 die Richtige?“. Ich habe dann gesagt, dass ich ja nur als studentische Hilfskraft dort sei und damit sicher mehr helfen würde, als jemand im 6. Semester. Jetzt weiß ich, dass dem nicht so ist! Und ich frage mich, ob ich die Richtige dafür war. Omar hat aus Deutschland fast nur Medizinstudenten und aus Spanien hauptsächlich „Jungärzte“. Die Idee des Projekts medizinische Versorgung in Gebiete zu tragen, die sonst keine hätten, ist toll! Und das Deparasitieren von Kindern ist unglaublich wertvoll für ihre Zukunft – das ist auch wissenschaftlich gut belegt. Allerdings würde das Projekt sicher deutlich mehr von erfahreneren Ärzten profitieren. Andererseits würde es ohne „uns“ (Medizinstudenten und Jungärzte) wahrscheinlich nicht in diesem Umfang existieren. Ich habe viel gelernt, nicht nur medizinisch, sondern auch kulturell, menschlich und kommunikativ. Aber ich hätte mir einen kompetenten, erfahrenen Ansprechpartner vor Ort gewünscht.
Wenn ihr euch entscheidet hinzufahren, BEREITET EUCH VOR, lest unseren Leitfaden bei UFH zu den wichtigsten Erkrankungen, überlegt euch offline-sichere Nachschlagemethoden und vertraut (auch vor Ort) nur evidenzbasierten Quellen. Vor allem, bereitet euch mental auf die Verantwortung vor - dann werdet ihr es nicht bereuen nach Riobamba zu fahren :)

zurück