zurück

Brazil (IFMSA-Brazil)

Gynäkologie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Bianca Melanie, Münster

Motivation

Ich habe in den letzten zehn Jahren in verschiedenen Ländern im Gesundheitssystem gearbeitet und dabei viel über die Menschen, Kulturen und Gesundheitssysteme gelernt. Deshalb wollte ich auch im Rahmen meines Studiums eine Famulatur im Ausland machen. Da ich noch nie in Südamerika war und mich dort vor allem Brasilien interessierte (Rio de Janeiro, Iguacu Wasserfälle und der Amazonas Regenwald), habe ich mich entschieden dort meine Famulatur zu machen. Weil wir im Februar immer Semesterferien haben und dort um diese Zeit meist der Karneval ist, dachte ich auch, dass das der perfekte Zeitpunkt ist, um mal nach Brasilien zu fahren.

Vorbereitung

Ich habe mich über die Platform der BVMD beworben und anschließend diverse Unterlagen auf der Homepage vom IFMSA hochgeladen. Natürlich habe ich auch nach der Zusage den Fahrtkostenzuschuss beantragt.
Ich habe meinen Flug nach Rio recht früh gebucht, weil ich zur Karnevalszeit dorthin gereist bin und nicht so viel für den Flug zahlen wollte. Hätte ich keine Card of Acceptance bekommen, wäre ich in den acht Wochen durchs Land gereist.
Außerdem habe ich beim MLP eine günstige Auslandskrankenversicherung abgeschlossen, die bis zu 4 monatige Auslandaufenthalte und Praktika abdeckt. Die Auslandskrankenversicherung bei meiner Krankenkasse deckt nur Reisen bis zu sechs Wochen ab.
Ich habe außerdem eine relativ teure Kamera, die ich auch versichert habe, aber teilweise decken die Hausratversicherungen auch Raubüberfälle ab. Einfach vorher erkundigen.

Visum

Für Brasilien ist kein Visum nötig. Man darf mit unserem deutschen Reisepass bis zu 90 Tage ohne Visum einreisen.

Gesundheit

Da ich ein halbes Jahr vorher in Gambia war, hatte ich bereits alle Impfungen, die man auch für Brasilien braucht (es wird u.a. eine Gelbfieberimpfung empfohlen). Am Besten man geht vorher zu einem Reisearzt, der im Impfausweis nachschaut, was man noch für Impfungen benötigt. Da ich auch ins Amazonas- und Pantanalgebiet gereist bin, habe ich eine Malaria- Prophylaxe mitgenommen. Für andere Gebiete ist das aber nicht notwendig. Auch da am Besten den Reisearzt fragen.

Sicherheit

Ich habe mir im Vorfeld einige Gedanken zur Sicherheit gemacht und auch mit einem Pj-ler der BVMD, der gerade da war, gesprochen, da Fortaleza zu den gefährlichsten Städten der Welt zählt.
Meine Gastgeberin (auch eine Medizinstudentin) hat mir immer gesagt, wo es sicher ist und wohin ich mein Handy und ggf. meine Kamera mitnehmen kann. Sie sagte, dass 70% der Leute aus Fortaleza, die sie kennt, bereits überfallen worden sind, weshalb sie sehr vorsichtig war und ich mich immer auf ihr Urteil verlassen konnte.
Ich bin zur Arbeit immer mit dem Uber gefahren, weil der Bus zu gefährlich gewesen wäre. Ich habe in einem sicheren Viertel in Fortaleza gewohnt ( Aldeota) und das Krankenhaus war in einem eher unsicheren Viertel ziemlich weit entfernt (ca. 11km). Da auch die Uberfahrten irgendwann recht teuer wurden, habe ich an manchen Tagen länger gearbeitet, damit ich auch mal frei machen konnte.
Auch wenn man Nachts nicht alleine durch die Straßen laufen sollte, habe ich Abends immer etwas unternommen und mich z.B. am sicheren Iracema Beach aufgehalten oder mich mit Freunden, die ich dort kennengelernt habe, getroffen. Meist bin ich mit dem Uber von A nach B gefahren, was wirklich sehr gut war. Wenn ich Ausflüge in die Umgebung gemacht habe, habe ich meist Touren im Internet gebucht. Das war auch immer sehr sicher.
Ich habe keinen Schmuck getragen und auch sonstige Wertgegenstände nicht auf der Straße sichtbar getragen, sondern sie immer in der Tasche gehabt. Ein Bauchgurt ist z.B. für das Handy sehr praktisch.
Die Angst habe ich relativ schnell abgelegt und ich habe mich sowohl in Fortaleza als auch im Rest des Landes relativ sicher gefühlt. Man sollte keine Angst haben, aber trotzdem immer aufmerksam und vorsichtig sein.

Geld

Das Leben in Brasilien ist etwas günstiger als hier in Deutschland. Man kann für wenig Geld super gut und lecker essen gehen und die Caiprinhas mit leckeren frischen Früchten kosten am Strand auch nur 2-3 Euro.
Es gibt natürlich auch teure Lokale und Geschäfte.
Die Touren (die meist nur den Transport beinhalteten) waren in Fortaleza recht günstig (ca.10 Euro) und empfehlenswert. Meist waren die Buggy Touren sehr gut um die Umgebung zu erkunden. Diese kosteten nochmals 15 Euro. Trotzdem finde ich 25 Euro für einen Tagesausflug völlig in Ordnung.
Im Rest des Landes, wo relativ viel Tourismus ist (z.B. Rio, Amazonas, Iguacu) sind die Preise natürlich etwas höher.

Sprache

Ich habe mich letztes Semster für einen kostenlosen Portugiesischkurs am Sprachenzentrum der Uni angemeldet. Leider fand der Kurs immer zu Zeiten statt, an denen ich Pflichtverantstaltungen hatte. Deshalb habe ich mir die Babbel App heruntergeladen und damit etwas Portugiesisch gelernt. Leider hat das im Alltag nicht gereicht und ich war immer darauf angewiesen mit einem Arzt zusammenzuarbeiten, der etwas Englisch kann. Da die Fachbegriffe in der Medizin allerdings recht ähnlich sind, versteht man trotzdem Einiges.
Bis auf Touristenorte sprechen die Leute in Brasilien kaum Englisch und es ist schwierig zurechtzukommen. Deshalb ist es sinnvoll vorher einen anständigen Kurs zu machen, ein paar Floskeln zu erlernen und sich darauf vorzubereiten. Man kann dann auch mehr aus dem Praktikum mitnehmen.

Verkehrsbindungen

Ich habe wie bereits erwähnt kaum öffentliche Verkehrmittel benutzt und bin fast immer mit dem Uber gefahren. Es ist sehr günstig und sicher!
Beim Reisen bin ich entweder mit Fernbussen gefahren (die waren super) oder geflogen.

Kommunikation

Ich habe mir direkt in den ersten Tagen eine brasilianische Sim-Karte zugelegt, was ich sehr empfehlen kann. Es ist nicht so teuer (ca. 10 Euro für 4 Wochen mit 1GB pro Woche) und man kann jederzeit etwas im Internet nachschlagen oder sich ein Uber rufen.

Unterkunft

Ich habe bei zwei Schwestern in Fortaleza, Aldeota übernachtet. Beide haben Medizin studiert (die Ältere war im letzten Jahr und die Jüngere im zweiten Jahr) und sie waren sehr gastfreundlich, nett und hilfsbereit. Es war außerdem total interessant mehr über das brasiliansiche Medizinstudium zu erfahren.
Ich wurde total herzlich in deren Familie aufgenommen (die dritte Schwester und die Eltern waren auch zu Besuch) und mit der jüngeren Schwester bin ich auch nach Guaramiranga und Jericaocaora gefahren. Ich habe durch sie auch andere Medizinstudenten und deren Freunde kennengelernt, sodass ich schnell Anschluss fand und viel unternehmen konnte. Ich wurde z.B. auch zum Pre-Carnaval am Mercado dos Pinhoes mitgenommen.
Ich hatte mein eigenes Zimmer und Bad und habe mich direkt wie zu Hause gefühlt. Die Wohnung war voll ausgestattet. Ich habe fast immer Abendessen angeboten bekommen und Mittagessen gab es im Krankenhaus.

Literatur

Ich habe mich im Vorfeld mit dem Reiseführer DK Brasilien und dem Lonely Planet Brasilien und Südamerika für wenig Geld vorbereitet. Wenn ihr auch nach Rio zum Cristo wollt, dann kann ich euch „Die sieben Schwestern“ von Lucinda Riley empfehlen. Das Buch erzählt auf interessante Art und Weise die Geschichte vom Cristo und man hat einen ganz anderen Bezug zu dieser Sehenswürdigkeit, wenn man dort ist.

Mitzunehmen

Ich würde überwiegend leichte Kleidung mitnehmen, da es immer warm ist (auch nachts) und man höchstens einen Pulli für den Bus oder das Flugzeug braucht. Trotzdem empfehle ich auch lange Hosen und Shirts, wenn ihr in Gebiete fahrt, in denen es viele Mücken gibt (v.a. Pantanal und Amazonas).
Deshalb solltet ihr auch unbedingt Mückenspray mitnehmen.

Reise und Ankunft

Meine Anreise lief problemlos. Ich wurde von meiner Gastgeberin und ihren Freunden vom Flughafen abgeholt. Zuhause erwarteten mich brasilianisches Essen und brasilianische Getränke. Direkt am nächsten Tag habe ich meine Famulatur angefangen. Da wurde ich von einer anderen netten IFMSA- Mitarbeiterin (Medizinstudentin im 3. Ausbildungsjahr) begleitet. Sie hat mir den ganzen Tag geholfen alles zu erledigen und zu klären. Das war sehr hilfreich.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich habe meine Famulatur in der Gynäkologie gemacht. Da war ich einige Tage auf Station und habe morgens immer die Visite mit den Ärzten und anderen Medizinstudenten gemacht und danach haben wir alle Fälle nochmals durchgesprochen. Ich war erstaunt, dass viele der Patientinnen Erkrankungen wie Syphilis, Toxoplasmose und Praeeklampsie hatten. Auf Station wurden mir außerdem die verschiedenen Stillpositionen gezeigt und worauf man beim Stillen achten sollte.

Natürlich war ich auch im Kreissaal. Dort habe ich mehrere spontane Geburten von Anfang an zusammen mit der zuständigen Medizinstudentin verfolgt und betreut. Die Patienten haben keine PDAs bekommen, so dass sie große Schmerzen ertragen mussten. Auch gab es kein CTG. Der Herzschlag des Kindes wurde mit einem Ultraschallgerät alle 15 Minuten kontrolliert.
Insgesamt verliefen die Geburten ohne Hilfsmittel. Allerdings war immer eine Physiotherapeutin da, die den Frauen geholfen hat schmerzfreiere Positionen einzunehmen.
Bei den Geburten selbst waren auch immer Neonatologen anwesend, die das Kind bei Bedarf versorgt haben. Normalerweise blieb das Kind die erste Stunde nur bei der Mutter. Das Kind wurde auch erst nach 24-48h das erste Mal gebadet. Damit wollte man die Mutter-Kind- Bindung unterstützen. Die Nabelschnur wurde auch erst nach 3 Minuten abgetrennt, um eine Anämie beim Kind vorzubeugen.
Einmal durfte ich nach der Geburt die Plazenta entfernen. Die Plazenta wurde mit Farbe bemalt und das Kind hat als Erinnerung einen Abdruck davon mit nach Hause bekommen.
Die Sectio hingegen verlief so wie in Deutschland. Auch hier waren immer Neonatologen anwesend.

Ich durfte auch eine Woche in der Neonatalogie arbeiten. Das war ebenfalls total interessant. Auch hier war ich einige Tage auf der Neugeborenenstation und habe die Visiten begleitet.
Ich war außerdem im OP. Da habe ich einen Notkaiserschnitt bei einer Patientin in der 34.SSW gesehen. Das Kind kam leider alleine schlecht zurecht und es musste reanimiert werden. Ich habe gesehen, wie das Kind versorgt wurde und dann im Inkubator auf die Kinderintensivstation gebracht wurde.
Danach haben wir (einige Medizinstudenten und ich) mit der Chefärztin einige interessante Fälle mit Hilfe von Röntgenbildern, Laborbefunden und Verlaufsdokumentationen durchgesprochen. Das war sehr lehrreich.
Die Arbeit auf der Kinderintensivstation, sowie auch der Intermediären Station durfte ich mir auch jeweils einen Tag anschauen. Dort waren überwiegend Frühgeborene mit Lungenproblemen, aber auch Säuglinge mit angeborenen Herzfehlern oder einem persistierendem Ductus Arteriosus.
Dort habe ich viele Tabellen gezeigt bekommen, mit denen die Neonatologen das Wachstum und die Entwicklung des Kindes kontrollieren und beobachten.

Ich wollte mir noch einige gynäkologische OPs anschauen, weshalb ich fragte, ob ich in den OP dürfte. Da das kein Problem war, wurde ich in den OP gebracht.
Allerdings gab es hier keine gynäkologischen OPs, sondern nur orthopädische oder unfallchirugische OPs. Also habe ich noch eine Hüft-TEP und eine distale Tibia Fraktur gesehen.
Das OP- Personal war sehr bemüht steril zu arbeiten, allerdings kam der Patient ohne Schleuse mit seinem Rollstuhl direkt in den OP- Saal und wir hatten auch alle unsere Rucksäcke und Handys im OP- Saal. Das war am Anfang etwas seltsam.
Bei den OPs wurden immer wieder mit dem Röntgengerät Aufnahmen gemacht, ob die Prothese richtig liegt. Da haben plötzlich alle den OP-Saal verlassen inkl. Anästhesist. Der ist zwischendurch auch gar nicht mehr in den OP- Saal zurückgegangen, sondern draußen geblieben.
Also insgesamt läuft es schon etwas anderes als in Deutschland, aber für mich war es sehr interessant das mal zu sehen. Im Anschluss habe ich mit dem Chirurg mehrere Röntgenbilder durchgesprochen und er hat mir einiges über Frakturen beigebracht.

Land und Leute

Über Land und Leute kann ich nur Positives sagen. Die Menschen in Brasilien sind unheimlich nett und offen. Ich wurde direkt herzlich aufgenommen und habe viele neue Freundschaften geschlossen. Ich wurde direkt überall mit einbezogen und man hat sich sehr um mich und meine Sicherheit bemüht (sowohl im Krankenhaus als auch im Privaten).

Ich habe z.B. auf einer Tour eine Frau aus Sao Paulo kennengelernt, die mich prompt zu sich eingeladen hat. Als ich dann mit meiner Reisebegleitung in Sao Paulo war, hat sie uns mit einem Geschenk begrüßt und sie und ihre Familie haben sich bis spät in die Nacht Zeit genommen uns die Stadt zu zeigen und haben uns mit viel brasilianischem Essen versorgt. Diese Gastfreundschaft habe ich auf so vielen Ebenen erlebt.

Brasilien ist ein unglaubliches Land. Ich bin ca. 4 Wochen durchs Land gereist und ich hatte das Gefühl jeden Tag ein neues Highlight zu erleben. Zu meinen Highlights zählen natürlich der Karneval in Rio (die Sambaparade im Sambodromo) und auch die Stadt selbst, die Iguacu Wasserfälle und das Amazonas und Pantanal- Gebiet. Die Landschaften sind atemberaubend und so viele verschiedene Tiere in freier Wildbahn zu sehen ist einfach faszinierend. Eigentlich hätte ich mindestens noch 2-3 Wochen gebraucht, da ich gerne noch einige Orte im Norden erkundet hätte (wie z.B. Recife, Pipa Beach, Lencois de Maranhenses, Ubajara uvm.) und auch in der Umgebung von Rio hatte ich noch einige Reiseziele, die ich gerne besucht hätte. Ich bin mir sicher, dass man ein ganzes Jahr in Brasilien verbringen könnte und trotzdem immer noch nicht alle interessanten Orte gesehen hätte. Das Land ist so groß und vielseitig! Aber so hat man wenigstens einen Grund nochmal dorthin zu fliegen.

Auch in Fortaleza gibt es viel zu sehen und zu erleben. Ich habe jeden freien Tag genutzt und mir die vielen kilometerlangen menschenleeren Strände, Sanddünen und roten Felsen in der Umgebung angeschaut. Es lohnt sich vor allem ein Ausflug nach Morro Branco und Jericaocaora. Aber auch einfach nach dem Feierabend an den Iracema- Strand zu gehen ist toll! In Fortaleza gibt es außerdem auch eine Free- Walking- Tour auf Englisch.

Das Essen in Brasilien ist einfach nur super! Es gibt in jeder Stadt bzw. in jedem Gebiet typische Gerichte, die man ausprobieren sollte (z.B. gegrillter Käse in Fortaleza). Es wird viel mit Käse, Fisch und Meerestieren und Rindfleisch gekocht. Auch die Desserts sind sehr lecker. Da kann ich vor allem die Brigadeiros und das Acai Eis mit frischen Früchten und leckeren Soßen empfehlen.
Außerdem sollte man unbedingt Caipirinhas trinken.

Fazit

Ich kann nur jedem empfehlen ein Praktikum in Brasilien zu machen. Die Menschen sind so bemüht, dass man viel lernt und ein einzigartiges Erlebnis hat!
Die Krankenhäuser haben eine gute Grundversorgung, die im Alltag auch ausreichend ist, sodass man einiges lernen kann. Durch den Austausch mit den Einheimischen kann man sehr viel über das Land, die Leute und die Kultur lernen und durch den Austausch mit den Medizinstudenten über das Studium in Brasilien, aber auch durch die anderen Austauschstudenten über das Studium in anderen Ländern auf der Welt (bei mir z.B. Serbien und Peru) erfahren.
Wenn ihr die Chance habt, im Februar zu fahren, dann macht das! Der Pre- Carnaval in den Städten ist schon ein Highlight für sich und der Karneval toppt alles. Das ist die beste Zeit, um nach Brasilien zu fahren (leider ist da gerade Regenzeit, aber ich habe davon bis auf ein paar Regenschauer in den Abendstunden in Rio nichts mitbekommen).
Die Menschen sind außergewöhnlich und das Land ist vielseitig und grandios! Egal, wo ihr in Brasilien landet, ihr werdet richtig tolle Sachen unternehmen und sehen können.
Es ist sicherlich nicht das sicherste Land, aber seid achtsam und dann könnt ihr dieses Land erkunden und lieben lernen. Es ist eine einzigartige Erfahrung, die ihr nie vergessen werdet.

zurück