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Rwanda (MEDSAR)

Pädiatrie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Esther, Tübingen

Motivation

Ich wollte eine zusätzliche Famulatur am Ende meines Studiums absolvieren und hierfür ein Umfeld wählen, welches mir später nicht mehr zur Verfügung steht. Ich hatte bereits klinische Erfahrungen im Ausland durch ein Auslandssemester und zwei Auslandsfamulaturen gesammelt und davon sehr profitiert, da in vielen Ländern die praktische Ausbildung von Medizinstudierenden mehr im Fokus steht als in Deutschland. Daher erhoffte ich mir auch von dieser Famulatur eine weitere Verbesserung meiner klinischen Ausbildung.
Der afrikanische Kontinent hatte mich schon lange Zeit interessiert obwohl er mir vollkommen unbekannt war, daher bewarb ich mich bei der BVMD auf einige ostafrikanische Länder. Ich war einerseits auf das Gesundheitssystem neugierig, andererseits wollte ich die Kultur und Mentalität näher kennenlernen. In unserem Bildungssystem und Medien wird meist nur im Zusammenhang mit politischen Unruhen, Naturkatastrophen oder der Kolonialgeschichte über viele afrikanische Länder berichtet. Ich wollte die vielen anderen Facetten eines afrikanischen Landes entdecken. Ausserdem werden wir als zukünftige Ärzte Patienten aus verschiedensten Kulturen behandeln. Ein Verständnis für unterschiedliche Krankheits-/Gesundheitskonzepte und Gesundheitssysteme verbessert die Arzt-Patient Beziehung und ärztliche Behandlung.
Ruanda fand ich besonders spannend, da Ruanda laut vieler Artikel/Schulunterricht, die ich im Vorfeld gelesen hatte, den Genozid aufgearbeitet hat und gesellschaftlich überwunden hat. Das Land erschien mir als aufstrebend und fortschrittlich- viele positive Entwicklungen schienen in den letzten Jahren stattgefunden zu haben.

Vorbereitung

Ich hatte mich im Vorfeld wenig inhaltlich vorbereitet- dafür fehlte leider einfach die Zeit. Ich habe einige Zeit vorher die tropenmedizinische Institutsambulanz aufgesucht, um mich zu Impfungen, Malariaprophylaxe (Malarone-Generikum) und Reiseapotheke zu beraten. Dies würde ich auch dringend empfehlen. Außerdem habe ich mir einige Gedanken zu meiner Packliste gemacht, da ich danach noch in Ruanda und Uganda reisen wollte.
Noch eine Anmerkung: nach dem Bewerbungsprozess über die BVMD und der Zusage von ruandischer Seite, mussten wir nochmal weitere Bewerbungsunterlagen an einen “Research Officer” des Krankenhauses in Butare schicken. Dies ist zwar ein formeller Schritt, muss aber natürlich trotzdem gemacht werden. Der “Research Officer” hat uns teilweise nicht geantwortet, da muss man dann teilweise nachhaken- das ging wohl schon einigen Incomings so.

Visum

Wie in vielen vorherigen Erfahrungsberichten beschrieben, ist das offizielle Visum für ein medizinisches Praktikum etwas kompliziert zu beantragen. Daher entschied ich mich auch für ein Touristenvisum. Da ich nach meiner Famulatur noch in Uganda reisen wollte, nahm ich das East Africa Tourist Visum (Kenia, Ruanda, Uganda). Man kann dieses unkompliziert im Vorfeld online beantragen, dann hat man es bei der Einreise einfacher. Die Wartezeiten waren bei uns am Flughafen ziemlich lang.

Gesundheit

Ich hatte mich im Vorfeld in der tropeninsitutmedizinischen Ambulanz beraten lassen, wie bereits beschrieben. Nach deren Empfehlungen hatte ich noch einige Impfungen durchführen lassen (z.B. Gelbfieber, Cholera..). Über die Notwendigkeit einer Malariaprophylaxe lässt sich wahrscheinlich diskutieren- wir haben im Krankenhaus wenig Malaria- Fälle gesehen, allerdings wurde uns berichtet, dass im letzten Jahr ein Incoming Malaria bekommen hat…
Die Apotheken in Butare sind an sich nicht schlecht ausgestattet, trotzdem können manche Medikamente manchmal „ausgehen“. Eine gute Reiseapotheke ist daher zu empfehlen.

Sicherheit

Die Ruander haben uns immer versichert, dass man sich zu jeder Tageszeit auf beleuchteten Strassen aufhalten könne und Kleinkriminalitaet kaum vorkomme. Wir (ich war viel mit einer anderen Incoming unterwegs) haben uns auch immer sicher gefühlt, waren allerdings auch zu zweit unterwegs. Eine andere Incoming berichtete, dass sie abends alleine von Fremden angefasst wurde, was ihr unangenehm war. Ausserdem wurde einer Incoming ein Rucksack in Kigali mit allen Wertsachen geklaut. Man kann sich in Ruanda also frei bewegen, sollte aber dennoch grundlegende Sicherheitsregeln beachten wie sonst auch und die Wertsachen am Körper tragen.
Das Auswärtige Amt informiert auf seiner Website über die allgemeine Sicherheitslage in einzelnen Landesteilen. Als wir in Ruanda waren, gab es eine Reisewarnung für den Nyungwe Nationalpark. Wir waren trotzdem dort, da fast alle Incomings dort gereist sind, allerdings haben uns „Expats“ (Def.: ausländische Fachkräfte, die für begrenzte Zeit ins Ausland entsendet werden) aus Kigali berichtet, dass selbst kurz vor unserer Anreise noch Auseinandersetzungen zwischen ruandischen Rebellengruppen, die aus dem Kongo oder Burundi gewissermassen „einfallen“, und der ruandischen Armee stattgefunden hatten. In den Medien wird über solche Vorkommnisse wenig/nichts berichtet, da die Medien in Ruanda zensiert sind. Daher wissen selbst Ruander teilweise nur bedingt über solche Vorfälle Bescheid. Dies war uns vor unserem Aufenthalt nicht in diesem Ausmaß bewusst und hat unseren Blick auf die Sicherheitslage im Laufe unseres Praktikums kritischer werden lassen.
Zudem kam es während unseres Aufenthalts zur Ausbreitung der „Covid-19“- Epidemie. Einerseits wurden Nachbarländer für Reisende aus Europa unzugänglich (z.B. Uganda)- unser Reiseplan wurde durchkreuzt, andererseits wurden wir selbst in Butare von Mitstudierenden kritische beäugt. Wir bekamen öfter das Wort “Musungo” (Fremder) und “Coronavirus” zu hören. Unglücklicherweise hatte ich mich zu diesem Zeitpunkt auch noch bei einer anderen deutschen Studierenden mit einer Sinusitis angesteckt. Das war durchaus eine unangenehme Zeit, da die Ruander scheinbar auch Angst vor uns hatten, wir aber nicht einschätzen konnten, ob Handlungen aus dieser Angst entspringen.

Geld

Im Alltag wird alles mit Ruanda Franc bezahlt. Insgesamt sind die Lebenshaltungskosten natürlich deutlich niedriger als in Deutschland. Eine Hauptmahlzeit kostet zwischen 2-6 Euro. Daher ist eine Kreditkarte hier das einfachste. Man kann in jeder größeren Stadt an ATMs Geld abheben, auch in Butare.
In vielen Reiseführern wird außerdem empfohlen, Dollar und Euro mitzunehmen um diese umtauschen zu können. Dies haben wir kein einziges Mal gemacht, darauf würde ich das nächste Mal verzichten. Bei den touristischen Aktionen oder in Hotels zahlt man meist wie bei uns mit Kreditkarte. Ausserdem ist beim Reisen zu beachten, dass dies eine sehr teure Angelegenheit in Ruanda ist (v.a. die Permits in den Nationalparks), insbesondere im Vergleich zu den Lebenshaltungskosten.

Sprache

Die “Alltagssprache” ist Kinyarwanda, welche in Ruanda und den angrenzenden Gebieten des Kongos und Ugandas gesprochen wird und eng mit Kirundi (Burundi) verwandt ist. Die Sprache ist sehr schwer, wir haben leider nur einzelne Wörter während unseres Aufenthalts lernen können. Die unter 30- jährigen sprechen teilweise gut Englisch, insbesondere auch die Medizinstudierenden im Krankenhaus. Die Lehrsprache in der Medizin ist Englisch. Die über 30- jährigen sprechen oft eher Französisch. Die Fremdsprachenkenntnisse variieren teilweise sehr stark, da sie auch sehr von der Schulbildung abhängen. Je ländlicher man kommt, desto weniger sprechen Englisch oder Französisch. Wir haben allerdings immer einen Weg gefunden, uns zu verständigen und alle, die wir getroffen haben, waren sehr freundlich und hilfsbereit. Im Krankenhaus hilft einem meist ein anderer Medizinstudierender bei de Verständigung mit den Patienten. Fast kein Patient konnte Englisch oder Französisch.

Verkehrsbindungen

Man kann eigentlich jeden Punkt im Land mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen. In der Stadt kann man für kürzere Distanzen Motortaxis nutzen, bei längeren Stecken oder schwerem Gepäck auch ein normales Taxis. Die größeren Städte sind mit Bussen verbunden, welche nach Zeitplan abfahren und sehr billig sind bei meist guten Busfahrzeugen (z.B. Kigali-Butare mit Ritco. Ltd. 2,7 Euro pro Strecke). Die Hauptstraßen sind in sehr gutem Zustand. Man braucht allerdings dennoch relativ lang für die meisten Strecken, weil auf den Landstraßen max. 60 bis 80 km/h (selten) gefahren werden darf und dies auch von Polizisten oder Blitzern (seit neuestem) kontrolliert wird. Insgesamt war der Verkehr sehr angenehm, weil bestimmte Verkehrsregeln herrschen und sich die meisten an diese auch halten. Viele Ruander sind außerdem zu Fuß oder mit Fahrrädern unterwegs.

Kommunikation

Unserer LEO in Butare war immer sehr zuverlässig erreichbar und hilfsbereit. Da haben wir uns sehr gut aufgehoben gefühlt. Wir hatten nur im Vorfeld mit unserer Card of Acceptance zu kämpfen, da die BVMD und die ruandische Partnerorganisation sich nicht einig werden konnten, ob wir einen bilateral oder unilateral Austausch machen (beide Seiten hatten natürlich ihre Argumente). Da war Geduld gefragt…
Vor Ort war die Kommunikation, wie bereits oben beschrieben, kein Problem.

Unterkunft

Wir waren in einem Studierendenwohnheim untergebracht, wo es verschiedene Zimmerkategorien gab (Mehrbettzimmer, Einbettzimmer, Einbettzimmer mit eigenem Bad..). Die Partnerorganisation hat. uns ein Einbettzimmer zur Verfügung gestellt, welches wir gegen einen Aufpreis von 70 Euro in ein Einzelzimmer mit eigenem Bad und warmen Wasser tauschen konnten. In der Unterkunft wurde in einer Großküche gekocht, Mittag- und Abendessen waren inklusive. Für das Frühstück musste man selbst zahlen (ca. 1,5 Euro pro Frühstück).

Literatur

Ich fand es im Vorfeld schwer, aktuelle Literatur zu/aus Ruanda (Gesellschaft, wirtschaftliche Entwicklung, Literatur etc.) zu finden.
Reiseführer: Iwanowski’s Ruanda, Kapitel Ruanda aus dem East Africa Lonely Planet (kann man auf deren Website einzeln erwerben).
Hintergründe zum Genozid: Film “Hotel Ruanda” (! Uns wurde gesagt, dass der Film in Ruanda ungern gesehen wird), “Kein Zeuge darf überleben. Der Genozid in Ruanda” von Alison Des Forges, “Shake Hands with the Devil- The Journey of Romeo Dallaire)….

Mitzunehmen

Für die Paediatrie-Famulatur im Krankenhaus sollte man seinen eigenen weissen Kittel mit Namensschild, Stethoskop, Handschuhe, Mundschutz und Desinfektionsmittel mitbringen. Die Amboss-App ist zum Nachschlagen praktisch. In der Unterkunft Fox Hostel wurden Bettzeug und Handtuch zur Verfügung gestellt. Neben den normalen Alltagsgegenständen hatte ich mein eigenes Moskitonetz, Moskito-Repellent und Malariaprophylaxe dabei. Eine gute Reiseapotheke ist zu empfehlen- beispielsweise auch Erkältungsmedikamente. Jeder Incoming auf der Paediatrie hatte während unseres Aufenthalts eine leichte Erkältung. Abends wurde es teilweise kalt, daher war ich über meine warmen Pullover sehr froh. Falls man Safaris oder Wanderungen in Nationalparks plant, sollte man Wanderschuhe, eine gute Regenjacke, Regenhose und lange helle Kleidung (gegen Moskitos) einpacken.

Reise und Ankunft

Ich bin mit KLM über Amsterdam nach Kigali geflogen. Ich hatte mich rechtzeitig vorher um eine Reisekostenpauschale beworben (kurz nach Bewerbungszusage). Mein Hotel hat mich und eine weitere Incoming kostenlos vom Flughafen abgeholt. Diesen Service gibt es nur in den etwas „teureren“ Hotels- allerdings kostet ein Taxi sonst 10-20 Dollar in die Stadt, so dass die Option „teures“ Hotel mit kostenlosem Airportshuttle meist billiger als ein Hostel mit Taxi ist. Da die meisten Flüge aus Europa abends ankommen, empfiehlt es sich ein Taxi zu nehmen. Wir sind an einem Freitagabend angekommen und haben das Wochenende in Kigali verbracht, um die Stadt zu erkunden. Die Zeit hat auch vollkommen ausgereicht, um die grossen Sehenswürdigkeiten von Kigali zu erkunden (Stadtzentrum, Genocide Memorial, Ntarama Memorial). Am Sonntagnachmittag sind wir mit dem Busunternehmen Ritco Ltd. Vom Busbahnhof in Kigali zum Busbahnhof in Huye gefahren. Die Fahrt hat 2,7 Euro gekostet und ca. 3,5h gedauert. Die Busse und Strassen befinden sich in gutem Zustand, einzig der Fahrkartenerwerb war auf dem geschäftigen Busbahnhof eine mittelgrosse Herausforderung. Am Busbahnhof in Huye wurden wir von einem ruandischen Studenten in Empfang genommen und sind für 3 Euro (3000 Franc- der übliche Preis) zum Hostel Fox gefahren. Dies hätten wir auch alleine geschafft, da allen Taxifahrern das Fox Hostel ein Begriff ist. Im Hostel konnten wir gegen eine Gebühr von 70 Euro pro Monat unser Zimmer mit Gemeinschaftstoilette, Gemeinschaftsbad und kaltem Wasser upgraden zu einem Zimmer mit größerem Bett, eigenem Bad und warmen Wasser. Das hatten uns andere Deutsche „verraten“. Da das erste Zimmer fuer ruandische Verhältnisse bereits sehr teuer ist, kann man diese Luxusversion keines Falls erwarten. Wir haben den Zimmertausch auch nicht unserer Contact Person mitgeteilt, um ihn nicht zu kränken. Man muss bei einem bilateralen Austausch bedenken, dass diese nur durch „hohe“ Gebühren der ruandischen Studenten möglich ist. Während wir deutsche Studierenden nur die Bewerbungsgebühren für die BVMD bezahlen müssen und diese auch zum Teil wieder erstattet bekommen, zahlen ruandische Studenten alleine für den Austausch 300 Euro. Hinzu kommen noch Visagebühren, Flug und Lebenshaltungskosten in Deutschland. Das monatliche Durchschnittseinkommen liegt bei ca. 120 Dollar. Die meisten Angestellten (Putzfrauen, Kellner, Fahrer etc.) verdienen monatlich 30 Euro. Viele Landwirte betreiben Existenzlandwirtschaft und sind an kein Bargeldsystem angeschlossen- haben also keine Möglichkeiten, ein Konto zu besitzen und Vermögen aufzubauen.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich möchte einen kurzen Überblick über das ruandische Gesundheitssystem geben, um danach die Rolle von Medizinstudierenden und somit auch Famulanten zu erläutern. Ruanda hat ein staatliches Gesundheitssystem mit einer allgemeinen Krankenversicherung, welche inzwischen auch verpflichtend ist. Nach staatlichen Angaben sind inzwischen über 90% der Bevölkerung versichert, obwohl mir Expats im Vertrauen berichtete haben, dass deutlich weniger Menschen versichert sind. Die Versicherungsgebühren sind wie in Deutschland einkommensabhängig- den Ärmsten werden die Gebühren ganz erlassen, die besser Verdienenden zahlen jährlich 8 Dollar. Trotzdem finanziert der Staat immer noch ca. 45% der Gesundheitskosten mit Steuereinnahmen. Die Versicherungsbeiträge werden in „Gesundheitstöpfe“ der lokalen Gemeinde eingezahlt und im Versicherungsfall ausgezahlt. Allerdings müssen Patienten trotzdem Kosten oft im Voraus tragen (z.B. für Medikamente), über bürokratische Prozesse wieder einfordern und 10% der Behandlungskosten selbst tragen, was viele Patienten vor große Herausforderungen stellt (z.B. ein CT kostet ca. 200 Dollar).
Ruanda hat in den letzten Jahren Anstrengungen unternommen, das Gesundheitssystem zu dezentralisieren: auf den dörflichen „Gesundheitsposten“, folgen „Gesundheitszentren“ und vier nationale Krankenhäuser (CHUB (Butare), Universitätsklinik Kigali, Ruandisches Militärkrankenhaus und King Faisal Krankenhaus (modernstes, am besten ausgestattetes Krankenhaus)). Auf den dezentralen Ebenen mit über 58 000 Gesundheitsarbeiter/-innen sollen die Behandlung einfacher Erkrankungen, Impfprogramme oder Familienplanung erfolgen, um die anderen Ebenen zu entlasten. Ruanda hat nämlich einen großen Mangel an medizinischem Fachpersonal (0,84 Ärzte, Krankenschwestern und Hebammen pro 1000 Einwohner (bzw. 0,1 Ärzte pro 1000 Einwohner vs. 4,7 Ärzte pro 1000 Einwohner in Deutschland (Stand 2015)). Ruanda bildet pro Jahr 100 Medizinstudierende aus, die die ersten beiden präklinischen Jahren in Butare unterrichtet werden und für die folgenden drei Jahre zwischen den nationalen Krankenhäusern für klinische Praktika rotieren.
Dieser Mangel an medizinischen Fachpersonal spiegelt sich auch im CHUB wider: den Medizinstudierenden kommt eine große Rolle im klinischen Alltag zu. Die Medizinstudierenden machen die Krankenhausaufnahme, Stationsarbeit und Nachtdienste. Ein Assistenzarzt steht bei Nachfragen zwar zur Verfügung, war auf unserer Station allerdings wenig anwesend (wohl auch aus Motivationsgründen). Ältere ruandische Ärzte habe ich auf der Pädiatrie nur einmal gesehen.
Jedem Medizinstudierenden wurden morgens Patienten zugeteilt (Anzahl variierte nach Ausbildungsstand), welche er nach SOAP Schema betreute (d.h. Anamneseerhebung, körperliche Untersuchung, Zusammentragung angeordneter Untersuchungen und problemorientierte Zusammenfassung und Planaufstellung inklusive Dokumentation). Außerdem fanden am Vormittag Morgenbesprechung und Visite mit amerikanischen Oberärzten statt. Nach dem Mittagessen gab es eine Unterrichtseinheit der amerikanischen Oberärzte (z.B. Themen wie „Neugeborenenuntersuchung“, Schockbehandlung bei Kindern, Mangelernährung…). Danach wurden noch die ausstehende Stationsarbeit verrichtete.
Als Austauschstudierender wird man in diesen Alltag integriert und bekommt auch eigene Patienten zugeteilt, wobei man Unterstützung beim Übersetzen bekommt. Man kann angetragene Aufgaben auch ablehnen, muss sich allerdings selbst äußern und klar positionieren.
Interessant fanden wir, dass das Wissensniveau und die klinischen Fertigkeiten sehr heterogen zwischen den ruandischen Medizinstudierenden waren. Es gab sehr gut ausgebildete Studierende, die sehr selbstständig gearbeitete haben, und andere, die große Probleme bei der Umsetzung des SOAP Schemas hatten. Die „Geschwindigkeit“, mit welcher Anordnungen umgesetzt werden (z.B. Medikationsänderungen, Blutdruckmessung..), war teilweise sehr träge (Medikamente wurden trotz Absetzen weiter gegeben, bei Patienten im Schock wurde kein Blutdruck gemessen etc.). Das hat ein großes Maß an Geduld gefordert, gerade von unserem amerikanischen Oberarzt. Da die Struktur innerhalb der medizinischen Ausbildung meines Eindrucks nach teilweise fehlte, liefen klinische Prozesse teilweise chaotisch ab und Leitlinien spielen nur eine untergeordnete Rolle (das ruandische Gesundheitssystem gibt zwar Leitlinien raus, diese sind teilweise allerdings angesichts der Ausstattung oder finanziellen Möglichkeiten der Patienten nicht umsetzbar). Der klinische Alltag in Ruanda unterscheidet sich also teilweise stark vom deutschen Klinikalltag.
Die amerikanischen Oberärzte waren im Rahmen einer ruandisch-amerikanischen Partnerschaft für medizinische Ausbildung in Butare angestellt, bei der hunderte Ausbilder für medizinischen Fachberufe von 25 amerikanischen Institutionen Ruanda beim Ausbau des Gesundheitssystems unterstützen (z.B. neues Facharztprogramm für die Ausbildung plastischer Chirurgen…). Außerdem versucht Ruanda mit vielen weiteren Programmen das. Gesundheitssystem zu verbessern, um die Millenium Development Goals 4-6 der UN zu erreichen (Säuglingssterblichkeit, Müttersterblichkeit, HIV Prävalenz).

Land und Leute

Die Menschen sind unglaublich nett und hilfsbereit, allerdings etwas zurückhaltend. Dies hat wahrscheinlich verschiedene Ursachen: Expats, die schon länger in Ruanda lebten, erzählten mir, dass dies ihres Erachtens nach auf die gegenwärtige autoritäre Regierung mit zensierter Presse, gut organisiertem Geheimdienst und sozialer Kontrolle (ein „Bürgermeister“ bestimmt für jeden Bürger scheinbar Ziele, die dieser zu erreichen hat – sonst sinkt sein Ansehen in der Gesellschaft) und Folgen des Genozids zusammenhängt. So wurden zwar viele Täter verurteilt, dennoch hätte dieses Ereignis ein großes Misstrauen zwischen Menschen gesät. Viele Opfer und Täter wohnen teilweise immer noch als Nachbarn zusammen und viele Trauma sind auch fünfundzwanzig Jahre nach dem Genozid noch sehr präsent. Da Ruander sehr auf ihre Privatsphäre achten, sollte man daher vielleicht am Anfang etwas vorsichtig bei privateren Fragen sein. Es ist beispielsweise unüblich, private Photos am Arbeitsplatz zu haben und nach Familienmitgliedern etc. nachzufragen.
Man kann das Land gut während der Famulatur erkunden, da es geographisch ja sehr klein ist und alle größeren Städte mit einem guten öffentlichen Transportsystem verbunden sind. Ich habe leider nur ein Wochenende im Nyungwe Nationalpark und Kivu See verbracht, weil meine Famulatur durch die Corona-Epidemie verfrüht beendet wurde.

Ich wiederhole meinen Text nun nochmal, da ich hierzu leider nicht mehr schreiben kann da mein Austausch deutlich verkürzt war wegen der Corona Epidemie.
Die Menschen sind unglaublich nett und hilfsbereit, allerdings etwas zurückhaltend. Dies hat wahrscheinlich verschiedene Ursachen: Expats, die schon länger in Ruanda lebten, erzählten mir, dass dies ihres Erachtens nach auf die gegenwärtige autoritäre Regierung mit zensierter Presse, gut organisiertem Geheimdienst und sozialer Kontrolle (ein „Bürgermeister“ bestimmt für jeden Bürger scheinbar Ziele, die dieser zu erreichen hat – sonst sinkt sein Ansehen in der Gesellschaft) und Folgen des Genozids zusammenhängt. So wurden zwar viele Täter verurteilt, dennoch hätte dieses Ereignis ein großes Misstrauen zwischen Menschen gesät. Viele Opfer und Täter wohnen teilweise immer noch als Nachbarn zusammen und viele Trauma sind auch fünfundzwanzig Jahre nach dem Genozid noch sehr präsent. Da Ruander sehr auf ihre Privatsphäre achten, sollte man daher vielleicht am Anfang etwas vorsichtig bei privateren Fragen sein. Es ist beispielsweise unüblich, private Photos am Arbeitsplatz zu haben und nach Familienmitgliedern etc. nachzufragen.
Man kann das Land gut während der Famulatur erkunden, da es geographisch ja sehr klein ist und alle größeren Städte mit einem guten öffentlichen Transportsystem verbunden sind. Ich habe leider nur ein Wochenende im Nyungwe Nationalpark und Kivu See verbracht, weil meine Famulatur durch die Corona-Epidemie verfrüht beendet wurde.

Fazit

Ich musste meine Famulatur zu meinem großen Bedauern vorzeitig abbrechen wegen der Covid-19 Epidemie, die im März 2019 viele Länder weltweit erreichte- auch Ruanda. Ich hatte eigentlich geplant, noch vier weitere Wochen in Ruanda und Uganda zu verbringen. So hätte ich wahrscheinlich noch einen etwas tieferen Einblick in dieses Land mit seiner bewegten Geschichte und aufstrebenden Gegenwart bekommen. Dennoch möchte ich meine Zeit dort nicht missen. Ich habe mich zu jedem Zeitpunkt sehr wohl in Ruanda gefühlt und viele hilfsbereite Menschen getroffen, insbesondere unseren LEO.
Ich bin sicherlich mit einem anderen Bild von Ruanda abgereist als bei meiner Ankunft. Mir war vorher nicht bewusst, wie autoritär das Land geführt wird und wie viele Fehlinformationen kursieren. Dieser Seite von Ruanda noch weiter zu verfolgen, hätte mich sehr fasziniert. Ich war zuvor noch nie in einem Land unterwegs, wo ich so wenig über die staatlichen und rechtlichen Bedingungen Bescheid wusste.

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