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Urologie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Eva-Lena, Marburg

Motivation

Ich wollte gerne eine Famulatur in einem englischsprachigen Land machen. Da ich schon einige Zeit in England verbrachte habe, standen daher Kanada und Australien an erster Stelle.
Kanada hat mich schon lange wegen der unberührten Natur und den vielen Nationalparks interessiert. Ich wollte daher die Möglichkeit, Einblicke in das kanadische Gesundheitssystem zu erhalten mit der Möglichkeit, die Natur zu bestaunen, verbinden.

Vorbereitung

Die Vorbereitung war leider sehr aufwendig und kostspielig. Der Kontakt zu den verschiedenen organisatorischen Einheiten allerdings sehr gut!
Schritt 1:
Wenn man sich über die IFMSA-Seite für eine Famulatur in Kanada bewirbt, muss man zusätzlich zum bvmd-Englischzertifikat noch ein Toefl- oder IELTS-Zertifikat nachweisen.
Dieser findet in größeren Städten Deutschlands statt. Schaut frühzeitig nach Terminen hierzu.
Kosten: ca. 230€
Schritt 2:
Relativ früh bekommt ihr eine Mail mit der Aufforderung, euch im AFMC Student Portal (Association of Faculties of Medicine of Canada) anzumelden. Es wird angeraten, sich darum früh zu kümmern und es ist alles gut erklärt, nehmt dies ernst und kümmert euch früh darum! In Canada gelten strenge Fristen für alle Studierende. Auf diesem Portal habt müsst ihr 1. Euer Profil anlegen und 2. Euch für eure electives (Famulatur) bewerben. Für das Profil benötigt ihr:

-Englischzertifikat (in meinem Fall IELTS, 230€)
-Criminal Records Check (Führungszeugnis, kostet ca. 15€)
-eTA (electronic Travel Authorization, erkläre ich unten, 5€)
-Nachweis einer Auslandskrankenversicherung
-Nachweis einer Privathaftpflichtversicherung
-Nachweis einer Malpractice Insurance (Berufshaftpflicht, z.B. über Deutsche Ärzte Finanz, ca. 10€)
--> CAVE: ihr müsst erstmal 214 $ für die kanadische Malpractice Insurance zahlen, bekommt das Geld
aber zurück sobald ihr eure eigene nachweist
- Immunization Form (ein etwas aufwändigeres Dokument, bei dem ihr verschiedene Tests
nachweisen müsst. Kümmert euch frühzeitig darum, damit Laborergebnisse und Tbc-Tests
rechtzeitig vorliegen. Hat mich insgesamt ca. 110€ gekostet)
- Medical Exam: Wenn man nach Kanada einreist und dort im medizinischen Sektor tätig sein wird,
muss man dieses Medical Exam nachweisen. Es gibt über Immigration Canada eine Liste mit
Arztpraxen, die dieses Medical Exam anbieten. Kosten: 275€ plus 80€ Laborkosten)
- Reisepass, Foto
- Nachweis des N95-Mask fitting (kann man in Kanada vor Ort machen und dann nachweisen, die
Krankenhäuser bieten diese Fittings auch in regelmäßigen Abständen kostenlos an)

Sobald man alle wichtigen Dokumente hochgeladen hat, ist das Profil vollständig. Für jede Uni gibt es eine_n visiting electives coordinator, in meinem Fall war das Angie, die mir mit Rat und Tat zur Seite stand. Schritt 2 im AFMC Portal ist dann, aus einer großen Auswahl an electives, das richtige für sich auszuwählen und eine Bewerbungsanfrage abzuschicken. Die meisten electives in Kanada sind 2 Wochen lang und kosten für kanadische Studierende um die 250 $, sind für uns aber kostenlos.

Visum

Als deutsche Staatsbürgerin brauchte ich kein Visum, sondern nur eine eTA (electronic Travel Authorisation), war unkompliziert und schnell, 5€.
https://www.canada.ca/en/immigration-refugees-citizenship/services/visit-canada/eta.html

Für die Einreise ebenfalls benötigt:
Medical Exam:
https://www.canada.ca/en/immigration-refugees-citizenship/services/application/medical-police/medical-exams/requirements-temporary-residents.html

Gesundheit

Wie oben bereits beschrieben, muss man einen Auslandskrankenversicherung nachweisen, ich finde es aber sowieso sinnvoll, eine zu haben. Ich musste für das Immunization Form meinen Impfstatus nachweisen, habe daher noch die Influenza-Impfung bekommen. Außerdem musste man 2x den Tbc-Skin-Test nachweisen. Zusätzlich zum normalen Impfstatus noch Hep-B-Antigen UND Hep-B-Antikörper...
Zum Medical Exam gehörte: kurze Anamnese, körperliche Untersuchung, Sehtest, Röntgen-Thorax, Blutentnahme und Urinabgabe.

Sicherheit

Ich habe keine speziellen Vorkehrungen bezüglich meiner Sicherheit getroffen. Ich habe mich zu jedem Zeitpunkt absolut sicher gefühlt. Ich bin viel mit Mitfahrgelegenheiten gefahren und habe auch nur positive Erfahrungen gesammelt.

Geld

Währung ist der kanadische Dollar, der zur Zeit etwas schwächer als der Euro ist. Trotzdem fand ich besonders Kosten für Lebensmittel recht hoch. Im Bus in Edmonton muss man passend zahlen, es gibt kein Wechselgeld. Sonst zahlen eigentlich alle mit Karte. Als "Taschengeld" der Gastorganisation habe ich 200 $ erhalten, allerdings erst am Ende und bei Nachweis von Quittungen (100 $ gibts für das ordentliche Verlassen des Zimmers und 100 $ als Unterstützung für Essen & social programm).

Sprache

Die Zweisprachigkeit in Kanada sieht man überwiegend im öffentlichen Leben. Beschilderungen, Verpackungen oder Ansagen sind auf Englisch & Französisch. Im Krankenhaus haben wir in Edmonton, Alberta nur Englisch gesprochen und die Französischkenntnisse der englischsprachigen Kanadier sind eher mittelmäßig.

Verkehrsbindungen

Ich bin 9,5 h von Frankfurt - Calgary geflogen. In Alberta gibt es einige Busunternehmen, die Calgary & Edmonton verbinden, diese sind preislich auch in Ordnung. Ansonsten habe ich größere Strecken sehr gut über Mitfahrgelegenheiten (Facebook-Gruppen, Apps, Webseiten: poparide, rideshare) bewältigt. In Edmonton bin ich immer gelaufen, es gibt aber auch ein gutes Busnetz.

Kommunikation

Ich habe mich gegen eine kanadische Simkarte entschieden, da ich 45 $ pro Monat einfach zu teuer fand.
Es gibt eigentlich überall WLAN und für die Situationen, bei denen ich dann doch mal unterwegs Internet brauchte, habe ich 5€ / Woche bei AldiTalk bezahlt.

Unterkunft

Ich habe in einer WG mit zwei kanadischen Studentinnen gewohnt, mit denen ich mich super verstanden habe. Ich konnte die große Küche und alles weitere mitbenutzen und Bettwäsche und Handtücher wurden zur Verfügung gestellt.

Literatur

Medical Exam:
https://www.canada.ca/en/immigration-refugees-citizenship/services/application/medical-police/medical-exams/requirements-temporary-residents.html

Nationalparks Jasper & Banff:
https://icefieldsparkway.com/

Mitzunehmen

Zusätzlich zu normaler Kleidung, habe ich auch meine Ski-Klamotten mitgenommen. Über die Skihose war ich bei meinen Wanderungen bei -25 Grad auch sehr dankbar.
Für die Famulatur sollte ich meinen eigenen Kittel und "professionelle Kleidung" (es wurde deutlich beschrieben, dass man keine Sportschuhe/Sneaker oder Jeans anziehen darf) mitbringen. Letztendlich bin ich in der Urologie aber nur in Scrubs rumgelaufen und habe meine Sportschuhe mit besserer Sohle an den langen Tagen vermisst.

Reise und Ankunft

Ich bin eine Woche vor Famulaturbeginn angereist und habe mir über helpx.net eine Gastfamilie in Golden, BC gesucht. Ich wollte einige Zeit bei den Rocky Mountains verbringen und dort hätte ich auch gerne noch mehr Zeit verbracht. Die Zeitverschiebung von 8h und den damit einhergehende Jetlag sollte man nicht unterschätzen. Von dort bin ich via Mitfahrgelegenheit dann nach Calgary und mit dem bus dann nach Edmonton. Ich wurde von meiner LEO abgeholt und zur Unterkunft gebracht. Den Weg zum Krankenhaus und die Orientierung innerhalb des Krankenhauses musste ich selber finden. Auf Station waren aber nette Medizinstudentinnen, die mir geholfen haben.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Meine Tage in der Urologie haben morgens um 6:00 mit der Visite begonnen und ich war meistens bis 16/17:00 Uhr im Krankenhaus. Ich war pro Woche einem Oberarzt (attending) zugeteilt und habe mich nach seinem Wochenplan gerichtet. Am ersten Tag musste ich noch ein Training für die neue Database, die für Mediziner in Alberta nun benutzt wird, absolvieren. Dieses Database ermöglicht es jedem Mediziner in Alberta, alle Befunde, Arztbriefe, Laborergebnisse, OP-Berichte etc. jeglicher Fachabteilung einzusehen. So muss der Hausarzt (Family Doctor) nicht auf Arztbriefe seiner Kollegen warten, sondern findet diese direkt online. Das Thema Dateschutz wurde daher in der Schulung sehr sehr sehr oft behandelt.
Ich bin zwischen Clinic (Ambulanz), Zystoskopie und OP rotiert. In der Ambulanz hat mich der Oberarzt immer zuerst mit den Patienten sprechen lassen und ich habe ihm dann berichtet. Zu meiner Überraschung, gab es dort leider keine Sono-Geräte, so wie ich es aus Deutschland kenne. Dort wird schneller mal ein CT für die Kontrolle eines Nierenstaus gefahren, was ich recht befremdlich fand. Ansonsten war es spannend zu sehen, wie offen und locker die Ärzte in Kanada mit den Patienten sprechen und auch viel "lehren" schon während sie den Patienten Einzelheiten erklären.
Der Tag in der Zystoskopie hat mir sehr gut gefallen, die Pflege war super nett und hat mir auch viel erklärt. Am Ende jeder Untersuchung durfte ich dann auch mit dem Zystoskop die Blase begutachten. Es gab noch eine Zirkumzision bei der ich dem Arzt assistieren durfte. Im OP durfte ich mich eigentlich immer mit einwaschen und auch mal nähen und tackern. Einen Tag bin ich noch in die Kinderurologie rotiert, das ist in Kanada nochmal eine extra Weiterbildung von 2 Jahren zusätzlich nach 5 Jahren Facharzt in der Urologie. Dort war ich mit einer super tollen Kinderurologin im OP, die viel erklärt hat.
Dadurch, dass die Tätigkeit in der Ambulanz so wenig praktisch war, fand ich das doch eher etwas langweilig und hätte lieber mehr im OP gestanden. Ich habe das Schallen schon sehr vermisst, da ich das bei meiner Famulatur in der Urologie in Deutschland besonders gut fand.
Auch wenn ich am Ende besser mit den Sprachunterschieden zurecht gekommen bin, muss ich doch sagen, dass ich es mir leichter vorgestellt hätte, die medizinischen Begriffe schneller zu verstehen und Fragen der Ärzte schneller beantworten zu können.
Insgesamt war die Stimmung immer ziemlich gut. Die Pflege dort ist deutlich besser besetzt als hier in Deutschland: Für ca. 20 Patienten auf Station stehen dort 6 examinierte Pflegekräfte zur Verfügung und das schlägt sich natürlich positiv auf die Atmosphäre aus. Besonders interessant fand ich auch, dass die Patienten dort früh aufgefordert werden, wieder in Bewegung zu kommen. In jedem Zimmer hängen Plakate, um die Patienten darüber zu informieren, warum es gut ist, wenn sie so viel sie können selbst machen um schneller fit zu werden.
Das Gesundheitssystem in Kanada ist nach Bundesstaaten organisiert. Der Großteil der medizinischen Versorgung wird über Steuern finanziert und jeder kann sich zusätzlich einen "Insurance Plan" dazu buchen, z.B. für teure Medikamente.
Mit einer Patientin mit Colitis ulcerosa hatte ich ein längeres Gespräch, da aufgrund der aktuell konservativeren Regierung von Alberta die Kosten ihrer Biologicals bald nicht mehr übernommen werden und sie die 500 $ im Monat nicht selbst aufbringen kann.

Land und Leute

Ich habe besonders meine erste Woche in Golden, BC genossen. Von dort war ich einen Tag Skifahren in Kicking Horse und einen Tag in der Touristen-Attraktion Lake Louise. Von dem kleinen Dorf Lake Louise, kann man in 1,5 h super zum eigentlichen See wandern. An dem Tag waren es 3°C und strahlender Sonnenschein, also perfekte Bedingungen. In den Rocky Mountains kann sich aber das Wetter schlagartig verändern. Daher ist es besonders im Winter wichtig, die guten Tage zu nutzen. Bei einer Fahrt gab es z.B. wegen einer Lawine eine Sperrung auf Highway 1, weshalb wir 100 km Umweg fahren mussten. Aber selbst das war toll, denn alleine die Fahrt durch die Rockies ist wunderschön. Am Rand der Autobahn sind einige Nationalparks, bei denen ich auch ein paar Bisons entdecken konnte. Außerdem gibt es dort Reservate der indigenous people der First Nations. Zu dem Thema habe ich ein berührendes Gespräch mit einem Patienten, dessen Frau zu den Siksika gehört, geführt. In den Rerservaten, die nicht weit von den Großstädten Albertas liegen, gibt es kein sauberes Trinkwasser. Daher greifen viele Menschen dort zu Softdrinks oder Alkohol. Auch Drogenmissbrauch und das Verschwinden hunderter indigenen Mädchen und Frauen ist immer wieder Thema. Die Gleichstellung der First Nations hat in Kanada noch einen weiten Weg vor sich.
Abgesehen vom Rassismus gegenüber der Indigenous people, scheint Immigration in Kanada gut zu funktionieren. Anhand der Nachnamen der Patienten habe ich oft ihren Ursprung vermutet und sobald ich erwähnt habe, dass ich aus Deutschland komme, wurde sehr offen über die eigene Herkunft gesprochen. Grundsätzlich sind Kanadier wirklich sehr freundlich und hilfsbereit, ich habe mich immer gut aufgehoben gefühlt und es war nie ein Problem, jemanden zu finden, der weiterhelfen konnte. Auch wenn ich nicht so ein Großstadt-Mensch bin, hat mir Edmonton gut gefallen, es gibt zahlreiche schöne Aussichtspunkte und durch den North Saskatchewan River gibt es einige grüne Ecken an denen man gut spazieren gehen kann. Außerdem kann ich die Art Gallery in Edmonton und das Sportzentrum direkt am Campus der University of Alberta (direkt beim Klinikum) empfehlen. Für einen Tagesausflug ist Elk Island super (ein kleiner Nationalpark, bei dem man Elche und Bisons sehen kann). An meinem Wochenendausflug nach Canmore und Banff waren es -25°, sodass ich dort nur kurze Spaziergänge gemacht habe. Eigentlich hatten meine Mitbewohnerin und ich noch vor, den Icefield Parkway, der die Nationalparks Jasper & Banff verbindet, entlang zu fahren. Das werde ich mal im Sommer nachholen, wenn der Weg nicht zugefroren und einfach etwas gefährlich ist.

Fazit

Ich möchte auf jeden Fall nochmal nach Kanada! Ganz oben auf meiner Liste steht, die Nationalparks der Rockies und die schönen Seen nochmal im Sommer zu sehen, wenn sie nicht zugefroren sind.
Auch von der Famulatur habe ich einiges mitnehmen können, ich war aber einfach jeden Tag super fertig und habe weniger praktisch machen können als in Deutschland.
Ich muss sagen, dass ich die Kosten vorab einfach auch unterschätzt habe und ich trotz es großzügigen Fahrtkostenzuschusses noch einiges draufzahlen musste.
Kanada, bzw. Rocky Mountains nochmal: JA!! Auf jeden Fall!
Famulatur in Kanada nochmal: eher nein.

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