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GAP Brasilien (IFMSA Brazil)

Tropenmedizin - SCORE (Forschungsaustausch)
Anonym

Motivation

Ich bin Reisen seit meiner Kindheit gewohnt. Es gibt keinen Kontinent, den ich noch nicht betreten habe und ich bin mir bewusst, welches große Geschenk ich damit bekommen habe. Trotzdem verlangt es mir nach mehr, vor allem nach einer Immersion, die oft bei unpersönlichen Kurzbesuchen in von Deutschen übervölkerten Touristenmetropolen völlig verloren geht. Erfahrungsgemäß ist ein Austausch, in dem ich mit Einheimischen zusammen lebe, esse und arbeite eine der besten Chancen auf solch eine Erfahung.
Das meine Wahl nun auf Brasilien fiel, war zwei Faktoren geschuldet:
1. In Brasilien war ich noch nicht.
2. Die bvmd hatte noch Restplätze für den Forschungsaustausch in Brasilien.

Vorbereitung

Meine Vorbereitung bestand daraus, eine Woche vor Abreise einen Online Portugiesisch Kurs zu beginnen, mich kurz über Lepra zu belesen (empfehlenswert) und einen Flug zu buchen.
Das Tübinger Tropeninstitut empfahl mir eine Grippeimpfung für die Reise. Ein Visum war nicht vonnöten. Bloß ein spontaner und unkomplizierter Besuch beim brasilianischen Generalkonsulat Frankfurt zur Beantragung einer Stuernummer (CPF) wurde mir empfohlen, die dabei erworbene Nummer allerdings blieb ohne Nutzen.

Visum

Brasilien und Deutschland haben ein bilaterales Abkommen, das völlig bürokratieloses Reisen ermöglicht. Insofern war kein Visum vonnöten.

Gesundheit

Wie zuvor schon erwähnt, waren für meinen Aufenthalt keine spezifischen Impfungen notwendig. Endemische Krankheiten können durch etwas Vorsicht, gründliche Hygiene und vor allem sauberes Wasser vermieden werden. Nicht wenige Einheimische leiden unter Parasitenbefall oder Schwermetallvergiftungen als Spätfolgen unvorsichtigem Wasserkonsums.

Sicherheit

Persönliche Sicherheit ist in Brasilien nach wie vor problematisch. Mir wurde davon abgeraten, nachts alleine oder in kleinen Gruppen das Haus zu verlassen und tagsüber die belebten Strassen zu verlassen. Auch Kleinigkeiten wie das Auspacken von Geld oder Telefon auf der Straße soll gefährlich sein.

Geld

Lokale Währung in Brasilien ist der Real. Wenn man tatsächlich einen der seltenen Geldautomaten findet, nicht mal am Flughafen gab es einen, ist wohl dort etwas Bargeld zu beziehen die beste Strategie. In den meisten Fällen kann man unproblematisch mit Kreditkarte zahlen, für das Taxi oder eine Kokosnuss muss man dann aber doch ein paar kleine Scheine parat haben.
Trinkgeld wird nicht erwartet, allerdings freuen sich die Menschen dort schon über für uns Europäer lächerlich kleine Beträge.
Insgesamt bin ich in meinen etwa 3 Wochen mit 150 Reals (aktuell 26,33 EUR) sehr gut durchgekommen, 20-30 habe ich noch übrig.
Als Beispiel:
Für eine Mahlzeit an der Universitätsmensa wurden 1,20 Real (0,21 EUR) aufgerufen.

Sprache

Die Sprachbarriere war in meinem Gastland eine große Hürde! Die wurde jedoch durch die Verwendung übertriebener Gestik sowie durch die Verwendung der menschlicher und automatischer Übersetzer überwunden. Im akademischen Kontext fiel die Kommunikation auf Englisch meist leichter. Außer einem Psychologen sprach in der lokalen Klinik für endemische Krankheiten niemand wirklich Englisch. Dies war nicht selten eine Herausforderung, zum Beispiel, wenn ich versuchen wollte, Patienten nach Sensibilitätsstörungen zu testen. Dies ließ sich jedoch durch nonverbale Kommunikation, mein brüchiges Portugiesisch und eingestreute Brocken Spanisch notdürftig beheben.
Ich wünschte, ich hätte fließend Portugiesisch gesprochen, bevor ich den Flieger nach Brasilien bestieg. Selbst am Int. Flughafen von Sao Paulo ist man mit Englisch schlecht beraten. Glücklicherweise lerne ich schnell und nach meinem fast dreiwöchigen Aufenthalt beherrsche ich genug von der Sprache um sicher durch den Alltag zu kommen.

Verkehrsbindungen

Bus, Bahn und Flugzeug sind übliche Verkehrsmittel zwischen und in Großstädten. Für relativ wenig Geld kann man vor allem mit ersteren beiden große Distanzen gut bewältigen. Um lokal in Städten herumzukommen kann ich meiner Erfahrung nach Uber empfehlen, wobei hier Barzahlung erwartet wird. Von den Studenten und Ärzten besitzen fast alle eine Auto, sodass ich persönlich beinahe täglich auf diversen Strecken mitgenommen wurde.

Kommunikation

Brasilien kommuniziert über Whatsapp und lebt über Instagram. Jeder Moment muss festgehalten und gepostet werden, egal mit wem man unterwegs ist. Tatsächlich hat Instagram nach den USA seine zweitgrößte Nutzerbasis in Brasilien. Blöd nur, dass ich nicht besonders Social-Media-affin bin.
So ist es nicht überraschend, dass Internet- und Mobilnetzausbau, zumindest in Städten, der deutschen merklich überlegen ist. Eine SIM mit 3GB Internetvolumen für 30 Tage bei unlimitierter Nutzung von Whatsapp, Facebook, Instagram und normaler Telefonie & SMS kostet 15 Real (keine 3 Euro) prepaid bei vivo und ist meiner Meinung nach eine Empfehlenswerte Investition.

Unterkunft

Untergebracht war ich zusammen mit meiner Kontaktperson Pedro in seinem Schlafzimmer. Durch die zwei Betten in dem kleinen Zimmer war das ganze etwas beengt, zum Schlafen war die Bescheidenheit der Situation jedoch gänzlich ausreichend. Pedro hat auch sonst alles für mich vorbereitet, mich mit Essenscoupons für die Universitätsmensa ausgestattet und mir einen Platz im Kleiderschrank und Kühlschrank freigehalten. Die unkomplizierte Natur dieser Vorkehrungen kam mir sehr entgegen.

Literatur

Literaturempfehlungen kann ich keine abgeben. Im Unterschied zu unserer deutschen Medizinbibliothek ist die in Brasilien, wie in den meisten Teilen der Welt, US-amerikanischer Herkunft, allerdings auf portugiesisch übersetzt. Eine Grundkenntnis wissenschaftlicher Literatur ist dort allein schon dank mangelnder Englischkenntnisse unter Medizinstudenten unüblich.

Mitzunehmen

Schutz gegen Mückenstiche in Form von DEET-Spray, sowie dünner, langärmliger Kleidung ist ganz essentiell. Die Zahl der Dengue-Erkrankungen steigt in Endemiegebieten weltweit jährlich und ich kann nach einer Ersterkrankung aus Erfahrung sagen, dass das keinen Spaß macht.
Auch die Chance auf andere durch Insekten übertragene Krankheiten lässt sich so effektiv reduzieren: Chagas, Malaria, Chikungunya, Zika, etc.

Reise und Ankunft

Hätte ich Portugiesich gekonnt, wäre die Anreise einfach gewesen. Glücklicherweise hat mich Kontaktperson Pedro fast von Anfang an betreut, mich in Belo Horizonte abgeholt um dann mit mir den Bus 300km nach Governador Valadares zu nehmen. Rückblickend tut es mir leid, dass ich das Angebot ausgeschlagen hatte, wenige Tage vorher noch den Karneval mitzuerleben, so habe ich meine Chance verpasst, mehr vom Land zu erleben.
Nichtsdestotrotz hat man mich in Brasilien sehr herzlich in Empfang genommen, nach etwa vier Tagen traf ich dann auch die Leiterin unseres Forschungsprojekts, die selbst erst aus dem Ausland zurückkehrte.
Es ist erstaunlich und faszinierend, wie jeder Mensch dem man begegnet, nach kürzester Zeit dein bester Freund zu sein scheint.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Liebend gerne würde ich hier lang und breit über meine Erfahrungen und Erlebnisse in der brasilianischen Lepraforschung berichten, letztlich kann ich aber keine regelmäßige oder koordinierte Tätigkeit für die Dauer meines Austauschs vorweisen, was nicht nur auf das chronisch unterfinanzierte brasilianische Gesundheits- und Bildungssystem, sondern vor allem auf die unerwartet erdrückenden Konsequenzen einer plötzlichen globalen Pandemie zurückzuführen ist, die Bildung, Forschung und Gesundheitsvorsorge bis zum Stillstand lähmt.
Die Universität besitzt keinen eigenen Campus, nicht mal ein einziges Gebäude, sie besitzt keine eigenen Labors und nur ganz spärlich gestreut mal Geräte (Eine Zentrifuge war nicht aufzufinden). Die einzige Resource, auf die man sich verlassen kann ist hier das Lehrpersonal.
Und doch haben wir immer wieder Patienten in Kliniken aber auch abgelegenen ländlichen Regionen besucht um Blut-, Stuhl- und Urinproben einzusammeln, immer wieder Proben von schlechten in bessere Kühltruhen verfrachtet, immer wieder Labortreffen mit allen Kollaborateuren veranstaltet. Die Laboranalyse unserer Proben sollte in den USA stattfinden. Dabei wurde mir, meist aufgrund meiner unzureichenden Portugiesischkenntnisse die angenehme Rolle des Beobachters zuteil.

Diese Vorbereitungen zum Beginn des Projekts, die wir trotz aller Widrigkeiten in dieser kurzen Zeit getroffen haben, sind nun größtenteils vergeblich oder bis auf weiteres, wie der Rest der dort ansässigen akademischen Welt und unsere Proben, auf Eis gelegt.

Kurz möchte ich noch über einen Tag erzählen, in dem ich selbst Lepradiagnostik im lokalen Zentrum für endemische Krankheiten mit beobachten durfte. Diese fußt hauptsächlich auf einer Untersuchung der Haut auf Läsionen, Tests auf Sensibilitätsstörungen an Händen und Füßen mithilfe von Monofilamenten und ein Ertasten eventuell verdickter Nervenstränge an Armen und Beinen. Dabei durfte ich mich an allem drei mal probieren und bin sehr dankbar über das Wissen, das so mit mir geteilt wurde.

Land und Leute

Ich habe es sehr genossen, Bekanntschaften und Freundschaften mit so vielen offenherzigen Einheimischen zu machen und die wissenschaftliche Gemeinschaft eines weniger wohlhabenden Landes kennenzulernen. Besonders viele Freizeitunternehmungen hatten zwischen den Trips zum Sammeln von Proben keinen Platz. Allerdings habe ich diese Trips auch besonders zu schätzen gelernt, da ich so die einzigartige Chance bekam, die atemberaubend schönen und bunten ländlichen Regionen unter einheimischer Führung besser kennenzulernen. Besonders waren wir natürlich in armen Gegenden unterwegs (Beispielbild aus der Nachbarschaft Aztecas, GV, MG angehängt). Und trotz ihrer scheinbaren Armut waren die Menschen mir gegenüber sehr großzügig und offenherzig. Am Ende eines Tages kamen wir mit kiloweise Kaffee, Feigen, Zitronen, Orangen, Zuckerrohr und Papayas wieder nachhause, denn trotz ihrer Armut werden, zumindest in ländlichen Regionen, die Menschen reich von der Natur beschenkt.
Entsprechend ist auch das Essen dort günstig und trotzdem reich am Luxus der Natur: viel Reis, viel Bohnen, viel Obst.
Trotz allem fiel es mir in vielen Situationen schwierig, Verbindungen auf persönlicher Ebene aufzubauen, eben wegen der Sprachbarriere. Glücklicherweise sprachen einige Studenten (vor allem die im lokalen IFMSA-Komitee) und Lehrer fließend Englisch, sodass ich mich nun um einige wirkliche Freundschaften bereichert fühle.

Es war immer jemand verfügbar, der trotz begrenzter Möglichkeiten zu helfen versuchte, immer jemand, mit dem man abends ausgehen konnte, immer jemand um ein paar Brettspiele oder Snooker spielen zu gehen.
Ich genoss es, als Abwechslung von der distanzierten Reserviertheit der Deutschen hier mit Menschen "befreundet" zu sein, die ich kaum kannte.






Fazit

Brasilien, normalerweise eines dieser Länder, in das ich eher nicht so schnell zurückkehren würde, die Tristesse der ewig grünen Hügel, die Hürde der weiten geographischen und sprachlichen Distanzen und nicht zuletzt das fehlende Sicherheitsgefühl erschweren die Entscheidung zur erneuten Reise.
Und doch möchte ich nun zurückkehren, ich wollte gar nicht weg, denn ich weiß nun ich habe Freunde dort, die ein Bereisen, des mir unbekannten Landes erleichtern würden. Wüsten und Regenwälder, Ströme, Städte und Strände warten allen noch darauf erkundet zu werden.
Nicht zuletzt fühle ich gegenüber meiner betreuenden Professorin gegenüber schuldig, weiter in der Lepraforschung zu assistieren.

Ganz uneingeschränkt kann ich den Forschungsaustausch der bvmd weiterempfehlen und ich werde die Chance wieder wahrnehmen, sobald mir der Zeitpunkt opportun erscheint. Hoffentlich wird mein Aufenthalt dann nicht erneut von einer globalen Pandemie zerschossen.

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