zurück

Brazil (IFMSA-Brazil)

Gynäkologie - SCOPE (Famulaturaustausch)
Anonym

Motivation

Mich hat es schon immer begeistert, andere Länder und Kulturen zu entdecken. Nach meinem ersten Studienjahr, habe ich die Ferien genutzt, um in Indien ein Pflegepraktikum zu absolvieren. Nun wollte ich eine Famulatur ebenfalls dafür nutzen, um neue Gegenden zu erkunden und Einblicke in ein anderes Gesundheitssystem zu erhalten.
Ich wollte schon sehr lange Südamerika bereisen. Als ich mir die Bedingungen für eine Famulatur bei der BVMD durchlas, fiel die Entscheidung dann relativ schnell auf Brasilien, da dies das einzige Land war, in welchem man mit reinen Englischkenntnissen Chancen auf einen Platz hatte.

Vorbereitung

Ich habe versucht im Semester vor dem Austausch, einen Portugiesisch Kurs zu belegen. Leider überschnitt dieser sich mit Pflichtveranstaltungen meines Studiums und so musste ich diesen nach zwei Wochen wieder aufgeben. Im Nachhinein wünschte ich mir, ich hätte ihn länger besuchen können. Ohne Portugiesisch kommt man bei den Einheimischen oft leider nicht weit. Ansonsten habe ich mich im Internet ein wenig über das Land belesen und mir diverse Erfahrungsberichte auf der Website der BVMD durchgelesen. Auch habe ich mir einen Reiseführer zugelegt, der hier und da noch ein paar nützliche Tipps enthielt.
Viel Vorbereitung hat es für die Reise auch rückblickend nicht benötigt.

Visum

Ein Visum benötigt man als Deutscher Staatsbürger nicht. Ein Reisepass genügt. Dieser wird bei Ein- und Ausreise abgestempelt. Das war’s.

Gesundheit

Ich habe mich vor der Reise über das auswärtige Amt über empfohlene Schutzimpfungen informiert und mir diese entsprechend geben lassen. Sie wurden auch alle finanziell von meiner Krankenkasse übernommen. Auf die Reise selber habe ich eine klassische Reiseapotheke mitgenommen (Magen-Darm, Fieber, Schmerzen, Allergie, Desinfektion). In Brasilien hat jeder (auch Touristen) kostenlosen Zugang zu grundlegender medizinischer Versorgung (zumindest offiziell). In Anspruch nehmen musste ich davon von zum Glück nichts. Bis auf einen kleinen Schnupfen durch die Klimaanlagen, bin ich von allen Erkrankungen verschont geblieben. Generell gab es auf meiner Reise auch keine größeren Probleme mit der Hygiene.

Sicherheit

Brasilien wird immer wieder mit vielen Straftaten in Verbindung gebracht. Auch die Einheimischen vor Ort haben mich beispielsweise davor gewarnt, mit dem Handy in der Hand durch die Straßen zu laufen. Ich habe mich stets an die Anweisungen der Einheimischen gehalten und auch vermeintlich gefährliche Gegenden gemieden. Alles in allem kann ich sagen, dass ich während meines gesamten Aufenthalts nicht eine einzige unangenehme Situation erlebt habe. Ich habe mich zu keiner Zeit unsicher gefühlt und die Brasilianer, denen ich begegnet bin, waren alle super lieb und sehr herzlich.

Geld

In Brasilien wird mit Reais bezahlt (1€ = 5R). Am besten war der Kurs, wenn man mit Kreditkarte bezahlt hat. Der Kurs beim Bargeld war häufig etwas schlechter. Auch war das Umtauschen gar nicht so einfach. Am besten gleich auf dem Flughafen wechseln oder in touristischen Gegenden. Ich war in Pelotas und hätte nicht gewusst, wo ich dort Bargeld wechseln soll. Dies hatte ich zum Glück vorher während meines Aufenthalts in Rio de Janeiro gemacht.

Sprache

Ich habe mich für Brasilien entschieden, weil dies laut BVMD das einzige Land in Südamerika gewesen ist, in welchem Englisch als Fremdsprache ausreicht. Prinzipiell bin ich mit Englisch gut zurecht gekommen, allerdings nur bei den Studenten und in touristischen Gegenden. Der Großteil der Bevölkerung spricht kein Englisch und auch die Ärzte im Krankenhaus taten sich damit sehr schwer. Ich würde auf jeden Fall empfehlen, vorher einen Sprachkurs zu belegen und eine paar Grundlagen in Portugiesisch zu lernen.

Verkehrsbindungen

Ich bin von Prag über Frankfurt nach Rio de Janeiro geflogen. Das war für mich zu dem Zeitpunkt die beste Verbindung (Preis ca. 800€). Anschießend bin ich von Rio de Janeiro nach Porto Alegre geflogen und von dort weiter mit dem Bus nach Pelotas. Der Bus (ähnlich wie bei uns FlixBus) ist in Brasilien ein sehr gängiges Fortbewegungsmittel und auch deutlich komfortabler als bei uns. Pelotas hat zwar einen Flughafen, dieser ist aber sehr klein und nur sehr wenige Flugzeuge landen dort. Innerhalb der Städte ist Uber die beste Option. Damit hatte ich nie irgendwelche Probleme und auch die restlichen Flüge und Fahrten verliefen problemlos.

Kommunikation

In Zeiten von Social Media ist die Kommunikation sowohl im Gastland, als auch nach Hause kein Problem mehr. Vor Ort habe ich größtenteils über WhatsApp kommuniziert - auch mit den Ärzten aus dem Krankenhaus. Mit Programmen wie Google-Translater kann man auch relativ schnell Sprachbarrieren überwinden. Zu Beginn habe ich mir eine Sim-Karte organisiert. Dafür benötigt man definitiv die Hilfe eines Einheimischen, da die Besorgung und Aktivierung einen Code benötigt, den nur Brasilianer haben (eine Art Steueridentifikationsnummer). Danach konnte ich diese immer wieder problemlos im Supermarkt aufladen (1GB = 10R = 2€). Somit konnte ich überall auch auf das Internet zurückgreifen und die damit üblichen Kommunikationswege.

Unterkunft

Ich bin in der Wohnung eines Medizinstudenten untergekommen. Der Kontakt wurde mir durch die IFMSA vermittelt. Wir wohnten gemeinsam in einer Zweiraumwohnung, die sehr modern war und alles beinhaltete, was man zum Leben benötigt. Bett, Bettwäsche, Handtücher wurde mir alles zur Verfügung gestellt. Ich brauchte nur meine eigene Kleidung und Dinge des persönliches Bedarfs.

Literatur

Ich kann auf jeden Fall die Reiseführer von Lonely Planet empfehlen. Außerdem habe ich mich über die Website der BVMD, IFMSA und des auswärtigen Amts informiert. Wer nicht auf Übersetzungsprogramme steht, dem hilft sicherlich auch ein kleines Wörterbuch. Zudem habe ich mir für die Praxis in der Klinik noch das Buch „Heidelberger Standarduntersuchungen“ mitgenommen, was mir sehr geholfen hat.

Mitzunehmen

Ich hatte wirklich nur Kleidung und Dinge des persönlichen Bedarfs mit. Mir hat es an nichts gefehlt, außerdem bekommt man dort alles wie bei uns in Supermärkten, Drogerien und Apotheken. Überflüssig waren zu der Jahreszeit im März lange Sachen. Ich hatte zwei lange Pullover mit, die ich nicht einmal an hatte. Lediglich lange Hosen hatte ich während der Arbeit in der Klinik an. Denkt vielleicht an Arbeitskleidung, da diese vor Ort nicht gestellt wird. Wenigstens einen Kittel, den ihr euch über eure Straßenkleidung ziehen könnt, solltet ihr dabei haben.

kurz: essentiell sind Klamotten, Hygieneartikel, Notfallmedikamente, Arbeitskleidung wie Kittel, Schuhe und ein Stethoskop

Reise und Ankunft

Die Flüge bis nach Porto Alegre habe ich alle selber organisiert. Den Bus hat mir mein Host gebucht und mir das Ticket per WhatsApp geschickt. Ich hatte schon einige Monate vor Ankunft mit ihm Kontakt, was die Organisation der Reise erleichterte. Vom Busbahnhof in Pelotas wurde ich von Freunden meines Hosts abgeholt, da er selbst am Tag meiner Ankunft noch unterwegs war. Ich wurde sofort von allen herzlich begrüßt und in unsere Wohnung gebracht. Dort habe ich dann die erste Woche alleine verbracht, da die Studenten noch Ferien hatten und mein Host noch bei seinen Eltern zu Besuch war. In dieser Woche wurde ich aber super durch seine Freunde mit Gesellschaft und Informationen versorgt.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich reiste etwa drei Tage vor Beginn meiner Famulatur in Pelotas an. Innerhalb der ersten Tage habe ich Kontakt zum dortigen LEO aufgenommen, welcher mich am ersten Tag der Famulatur auch in der gynäkologischen Ambulanz begrüßte. Er zeigte mir das gesamte Gelände, erläuterte mir den Ablauf der Famulatur und stellte mich den Ärzten vor, die für mich verantwortlich waren.
Die Lehre in Brasilien ist läuft doch etwas anders ab, als in Deutschland. Wenn man es versucht auf unser System zu übertragen: Die Studenten besuchen im Prinzip vier Jahre die Universität und gehen dann für zwei Jahre ins PJ. Aber schon während der ersten vier Jahre, sind die Studenten sehr viel in der Praxis. So haben zum Beispiel in der gynäkologischen Ambulanz die Studenten des fünften Semesters die Patientenaufnahme, das Patientengespräch und die erste Untersuchung übernommen. Anschließend sind sie zu den Lehrern gegangen, haben um Rat geben, den Fall besprochen und gegebenenfalls hat sich der zuständige Arzt (Lehrer) die Patientin nochmal angesehen.
Auch die PJler haben viel mehr Verantwortung. Die Fachärzte agieren viel mehr im Hintergrund und stehen für Rückfragen, Konsultationen und bei kritischen Entscheidungen zur Verfügung.
Vormittags war ich häufig in der Ambulanz und untersuchte dort gemeinsam mit anderen Studenten und den Professoren die Patientinnen. Patientengespräche, körperliche Untersuchungen, Biopsien, Analysen unter dem Mikroskop, Fallbesprechungen - ich durfte überall dabei sein und diese auch selber durchführen.
Nach der Mittagspause fuhr ich meistens in die Klinik, welche sich etwa zwei Kilometer von der Ambulanz befindet. Dort war ich vor allem in der Geburtshilfe tätig. Schwangere Frauen mit Problemen während der Schwangerschaft, aber auch Routineuntersuchungen waren hier an der Tagesordnung. Körperliche Untersuchungen, Ultraschall, kindliche Herztöne - auch hier konnte ich viele neue Dinge dazulernen. Auch konnte ich bei einigen natürlichen Geburten und Kaiserschnitten dabei sein. Das war jedes Mal ein sehr emotionales Erlebnis und für mich etwas ganz besonderes.
Die Ärzte, aber vor allem die Residents und Interns (vergleichbar mit unseren Assistenzärzten und PJlern) haben sich viel Mühe gegeben und mir sehr viel übersetzt und erklärt. Ich fühlte mich wirklich wohl und akzeptiert. Aufgrund der Sprachbarriere und des fehlenden Fachwissens war es mir leider nicht möglich, Patienten komplett alleine zu versorgen. Dennoch habe ich in dieser Zeit sehr viel gelernt.

Land und Leute

Wie bereits erwähnt, habe ich die Brasilianer als sehr herzlich und gastfreundlich wahrgenommen. Viele die ich kennengelernt habe, haben mich zu sich nach Hause eingeladen und wollten viel mit mir unternehmen. Leider fiel mein Aufenthalt genau in die Coronakrise, weshalb größere Ausflüge und Unternehmungen nicht möglich waren. Dadurch kann ich auch leider nicht viel zum Umland sagen. Wir wollten ursprünglich übers Wochenende nach Punta del Diablo in Uruguay, wo es einen wunderschönen Strand geben soll. Außerdem stand eigentlich noch ein Nationalpark im Norden von Pelotas auf dem Plan. Durch die vielen guten Kontakte, die ich in der Zeit vor Ort knüpfen konnte, bin ich mir aber sicher, dass ich das zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal nachholen kann.
Doch auch so verging die Zeit wie im Flug. Pelotas selber ist eine kleine Stadt, in der ohne die Studenten wirklich nicht viel los wäre. Doch während des Semesters kann man das Studentenleben doch sehr gut mit unserem vergleichen. Es finden überall kleine Partys und Grillabende statt. Fragt nicht wieviele im Gesicht bemalte Erstsemester ich im Supermarkt getroffen habe - ja, auch sowas wie eine Erstiwoche gibt es dort. Und auch der Fachschaftsrat steht in Sachen Partyplanung den unseren in nichts nach. Es gibt einen kleinen Strand, an dem man zwar aufgrund der schlechten Wasserqualität nicht baden kann, aber sich bei schönem Wetter dennoch gut die Zeit am Wochenende vertreiben kann. Mein Host und seine Freunde haben mich eines Abends auch zu einem „Churrasco“ eingeladen. Das ist eine landestypische Art Fleisch zu grillen. Sehr lecker! Generell war ich vom Essen in Brasilien begeistert, auch wenn es leider nicht sonderlich gesund war. Pelotas selber ist weltweit für seine dort produzierten Süßigkeiten bekannt. Fleisch, Reis und Bohnen sind die Grundnahrungsmittel. Als Vegetarier hat man es sicher nicht ganz leicht in Brasilien, aber auch dort ist diese Ernährungsform auf dem Vormarsch.
Vor meiner Ankunft in Pelotas, habe ich zwei Wochen in Rio de Janeiro verbracht. Diese Stadt macht ihrem Ruf alle Ehre und ist auf jeden Fall eine Reise wert. Vor allem Die Karnevalszeit war unglaublich. An jeder Ecke fanden kleine Straßenfeste, sogenannte Blocos, statt. Die Menschen singen und tanzen den ganzen Tag und die Paraden im Sambadrom sind live noch viel beeindruckender als vor dem Bildschirm. Die Stände von Rio sind wunderschön und wer auf große Wellen steht, ob zum surfen und einfach nur zum reinspringen, der kommt ihr auf jeden Fall auf seine Kosten.

Fazit

Aufgrund der Coronakrise verlief mein Aufenthalt zwar nicht ganz so wie geplant und ich konnte nicht so viel vom Land entdecken, wie ich mir gewünscht hätte. Dennoch war es eine unglaublich tolle Zeit, die ich nicht mehr vergessen werde. Während meiner Famulatur habe ich so viele neue Dinge gelernt. Auch durfte ich Untersuchungen und Eingriffe durchführen, wovon man als Famulant in Deutschland nur Träumen kann. Die Menschen die ich kennengelernt habe waren alle super nett und ich hoffe, dass wir weiterhin in Kontakt bleiben und die Ausflüge in Zukunft nochmal nachholen können.
Ich kann jeden, der mit dem Gedanken spielt, eine Famulatur in Brasilien zu machen nur darin bestärken. Wirklich in das Leben einer anderen Kultur einzutauchen und nicht nur die schönen Touristenecken kennenzulernen, ist eine unglaubliche Erfahrung und wird jeden in seinem Leben bereichern.
Ich würde jederzeit wieder (für eine Famulatur) nach Brasilien reisen.

zurück