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Chile (IFMSA-Chile)

Pädiatrie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Carolin, Göttingen

Motivation

Das Spannendste an einem Auslandsaufenthalt ist für mich das Kennenlernen einer anderen Kultur. Die beste Möglichkeit, neue Kulturen kennenzulernen, bietet sich nicht durch einen flüchtigen Kontakt während einer Reise, sondern während eines längeren Auslandsaufenthaltes. Daher habe ich während meiner Schul- und Studienzeit bereits einige Zeit in verschiedenen Ländern verbringen dürfen. Nun wollte ich mit meiner Wahl Südamerikas noch einmal Erfahrungen auf einem mir noch unbekannten Kontinent sammeln. Meine erste Wahl fiel dabei auf Chile, weil ich erwartete, von dem als besten Südamerikas bekannten Gesundheitssystem sicher auch fachlich einiges lernen zu können. Daneben wollte ich auch meine zuletzt nicht allzu oft angewendeten Spanischkenntnisse mal wieder etwas auffrischen.

Vorbereitung

Vor meinem Auslandsaufenthalt konnte ich leider an keinem Vorbereitungsseminar teilnehmen, allerdings gab es bei der selbständigen Vorbereitung auch keinerlei Probleme. Sicherlich schadet es nicht, wenn du dir vorab schon ein wenig über das Land und das dortige Gesundheitssystem sowie in meinem Fall die aktuelle politische Lage durchliest. Vor allem aber solltest du deine Spanischkenntnisse noch einmal ein wenig aufpolieren, entweder selbständig oder in einem Sprachkurs – du wirst sie im Land brauchen.

Die Bewerbung läuft wie alle bvmd Bewerbungen und am Ende bekommst du, wenn alles gut läuft, eine Rückmeldung (Card of Acceptance) von der IFMSA Chile – da solltest du dich darauf einstellen, dass die Rückmeldungen erst sehr spät kommen (meist kurz vor Ablauf der offiziellen Frist). Im Anschluss kontaktierten mich die zuständige Austauschuni sowie die Kontaktpersonen vor Ort. Als letztes (und das war in meinem Fall gerade mal ein paar Tage vor Abflug) wurde mir meine Gastfamilie mitgeteilt. Am Ende war alles sehr gut organisiert, aber du solltest dich darauf einstellen, viele Dinge erst kurzfristig zu erfahren.

Visum

Für Chile benötigen deutsche Staatsangehörige bei einem Aufenthalt von bis zu 90 Tagen kein Visum. Bei der Einreise werden dich die Beamten nach deinem Aufenthaltsort in Chile fragen und falls die Nachfrage kommt, solltest du wahrscheinlich lieber Urlaub als Praktikum angeben, denn es gibt offiziell auch Praktikumsvisa - für den Aufenthalt über die IFMSA ist dieses jedoch nicht vorgesehen. Lass dich außerdem nicht verwirren, solltest du (wie in meinem Fall auf einem Formular der Austauschuni) gefragt werden nach der „Número Cédula Nacional de Identidad para extranjeros“ – diese gilt nur für Staatsangehörige südamerikanischer Nachbarländer, nicht aber für uns.

Gesundheit

Von der IFMSA Chile wird eine Auslandskrankenversicherung verlangt, die du vorab per E-Mail oder spätestens bei Ankunft nachweisen können solltest. Abgesehen von Hepatitis B und gegebenenfalls Influenza (je nach Jahreszeit) sind offiziell keine weiteren Impfungen oder Untersuchungen erforderlich, ich habe nach einer reisemedizinischen Beratung jedoch noch meinen Impfstatus vervollständigt. Die jeweils aktuellen Empfehlungen findest du beispielsweise auf der Internetseite des Zentrums für Reisemedizin (https://www.crm.de/reiseimpfungen). Auch wenn in Chile sicherlich die meisten Medikamente zu erhalten sind, würde ich auch eine kleine Reiseapotheke empfehlen.

Generell ist in Chile die Rate an HIV-Infizierten recht hoch, Hantaviren sind besonders in ländlichen Gegenden weit verbreitet und im Krankenhaus habe ich einige weitere auch bei uns bekannte Infektionskrankheiten gesehen, die dort jedoch ein wenig häufiger auftreten. Infektionsschutzmaßnahmen sollten daher besonders ernst genommen werden. Im Krankenhaus wurde die Hygiene auch sehr propagiert mit persönlicher Schutzkleidung sowie gründlichem Händewaschen vor und nach jedem Patientenkontakt, allerdings gab es weniger Desinfektionsmittelspender und diese wurden viel seltener benutzt als in Deutschland – meiner Meinung nach empfiehlt sich daher ein eigenes kleines Fläschchen in der Kitteltasche.

Noch ein weiterer wichtiger Punkt: Über die Sauberkeit des Leitungswassers in Chile herrschen oft Unstimmigkeiten. Mir wurde jedoch von mehreren Ärzten empfohlen, dass man das Leitungswasser im Norden (Santiago de Chile und nördlich davon) auf keinen Fall trinken solle, das Wasser im Süden (Temuco und bis nach Patagonien herunter) aber sehr sauber und durchaus zum Trinken geeignet sei. Daran habe ich mich auch orientiert und während meines Aufenthaltes nie Probleme gehabt.

Sicherheit

Verglichen mit anderen südamerikanischen Ländern ist Chile als recht sicheres Land bekannt und das ist auch in weiten Teilen des Landes korrekt. Allerdings kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen, dass man generell deutlich vorsichtiger sein sollte, als man es aus Deutschland gewohnt ist - gerade da man als europäischer Tourist vielerorts doch sehr auffällt. Besonders Stadtzentren, Verkehrszentren und touristische Orte sind ein Magnet für trickreiche Taschendiebe, daher sollten Taschen/Kameras im Gedränge möglichst vorn getragen und beispielsweise bei Cafébesuchen immer sicher zwischen den Beinen festgeklemmt werden. Nicht benötigte Wertsachen und den originalen Reisepass sollte man am besten in der Wohnung oder im Hotelsafe lassen. Auch Warnungen Einheimischer sowie von Reiseführern sollte man ernst nehmen und eben diese Stadtteile sowie den alleinigen Spaziergang in der Nacht möglichst vermeiden. Wenn man an diese Vorkehrungen denkt, kann man sich jedoch generell sehr frei bewegen und ich habe mich in der Regel nicht unsicher gefühlt.

Außerdem gibt es in Chile viele Straßenhunde, die jedoch ziemlich gepflegt wirken und die ich in keiner einzigen Situation als aufdringlich oder gar aggressiv erlebt habe. Stattdessen wird es während eines Stadtbummels irgendwann zur Gewohnheit, dass man für eine Weile von einem lieben Hund begleitet wird. Anfassen sollte natürlich trotzdem tabu bleiben.

Während meines Auslandsaufenthaltes war die Lage zusätzlich verändert aufgrund der derzeitigen politischen Situation. Glücklicherweise war ich in einer Pausenzeit der Protestbewegung dort, man konnte jedoch fast in jedem Stadtzentrum noch deutlich die Nachwirkungen sehen: verbarrikadierte Banken, Geschäfte und staatliche Gebäude, Graffitis und Farbbeutelreste auf Gebäuden sowie demolierte Ampelanlagen und öffentliche Plätze. Generell wird Ausländern empfohlen, Proteste zu meiden, da selbst gerade beginnende Proteste durch die angespannte und gewaltbereite Stimmung schnell eskalieren können.

Geld

Die Landeswährung sind chilenische Pesos, wobei gerade an touristischeren Orten auch Zahlungen in US Dollar akzeptiert werden. Generell kann fast überall mit Kreditkarte gezahlt werden, auch für kleinere Beträge wie einen Kaffee ist dies durchaus üblich. Nationalparks und kleinere Hotels akzeptieren dagegen oft nur Bargeld. Für Essen- und Souvenirkäufe auf der Straße, für öffentliche Verkehrsmittel sowie für PKW Mautstellen solltest du darüber hinaus am besten immer ein wenig Kleingeld dabei haben. Für Bargeldabhebungen vor Ort empfehlen sich diverse internationale Kreditkarten. Du solltest jedoch darauf achten, dass teilweise erhebliche Gebühren anfallen (oft ca. 8-10 Euro pro Abhebung). Tipp: Bei der Scotiabank konnten zumindest wir überall im Land kostenlos Geld abheben. Außerdem solltest du beachten, dass die chilenischen Banken nur eingeschränkte Öffnungszeiten tagsüber von montags bis samstags haben und du nur während dieser Zeiten auch an die Geldautomaten kommst. Solltest du außerhalb dieser Zeiten dringend Geld benötigen, solltest du nach einem größeren Supermarkt mit Geldautomaten im Eingangsbereich suchen (die haben jeden Tag und bis zum späten Abend geöffnet).

Das Preisniveau ist in Chile, gerade im Vergleich zu benachbarten Ländern, recht hoch. Dies macht sich vor allem bei den Supermarkt- und Restaurantpreisen bemerkbar. Einige Dinge sind deutlich teurer als in Deutschland, andere aber wiederum günstiger, sodass ich insgesamt von einem ähnlichen Preisniveau wie in Deutschland sprechen würde. Sehr günstige Alternativen sind dagegen zum Einkaufen öffentliche Märkte („feria“) oder zum Essen einfache Imbissbuden sowie die Empanadas am nächsten Straßenstand, mit denen wir nur gute Erfahrungen gemacht haben. Außerdem kamen bei uns während der Mittagszeit mehrere Privatpersonen, meist ältere Damen, ins Krankenhaus, die hausgemachtes und sehr leckeres günstiges (umgerechnet 1-2 €) Mittagessen sowie Snacks verkauft haben – eine Mensa gab es nämlich leider nicht, sondern nur eine Cafeteria.

Sprache

Die Amtssprache in Chile ist Spanisch und das ist für die überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung auch die einzige Sprache. Englischkenntnisse sind selbst bei den ärztlichen Kollegen und Studenten kaum vorhanden und auch an touristischen Orten sollte nicht auf generelle Englischkenntnisse vertraut werden. Ein fundiertes Sprachverständnis der spanischen Sprache ist daher für eine Reise, vor allem aber für eine Famulatur in Chile unabdingbar. Ihr solltet euch in Situationen des alltäglichen Lebens wie auch in Gesprächen mit Patienten sowie ärztlichen Kollegen zurechtfinden. Von daher sollte mindestens ein Spanischlevel von B1 oder besser noch B2 Voraussetzung sein.

Ich selbst habe meine ein wenig eingerosteten Spanischkenntnisse vor dem Auslandsaufenthalt im Selbststudium wieder etwas aufpoliert durch spanische Filme, Texte und Podcasts. Dabei suchst du am besten auch nach einigen chilenischen Medien, da das dortige Spanisch sich doch deutlich von anderen spanischen Dialekten unterscheidet und anfangs nicht ganz so leicht zu verstehen ist. Zusätzlich habe ich mir einige medizinische Grundbegriffe angeeignet.

Verkehrsbindungen

Leider gibt es keine Direktflüge von Deutschland nach Chile, von daher bin ich mit einem Zwischenstopp nach Santiago de Chile angereist (mögliche Zwischenstopps sind Paris oder Madrid). Ein Online-Preisvergleich der verschiedenen Anbieter scheint sich hier besonders zu lohnen. Die günstigste Art im Land zu reisen ist per Bus, wobei es zahlreiche zuverlässige Verbindungen gibt und die generell sehr modernen Busse sogar verschiedene Bequemlichkeitsvarianten anbieten (vom einfachen klimatisierten Bus bis hin zu komfortablen Liegeabteilen für Nachtfahrten). Gebucht werden können die Tickets bei den verschiedenen Busanbietern online oder auch recht spontan am Terminal. Eine schnellere und trotz allem oft günstige Art über weitere Strecken zu reisen ist per Flugzeug. Zugverbindungen stehen dagegen nur in wenigen Teilen des Landes zur Verfügung.

Kommunikation

In den meisten Teilen des Landes gibt es eine sehr gute Internetabdeckung, selbst in einigen ländlichen Gebieten ist sie besser als in Teilen Deutschlands. In meiner Unterkunft hatte ich sehr gutes Internet und für unterwegs hatte ich mir eine chilenische SIM-Karte mit mobilem Internet zugelegt. Es gibt mehrere Anbieter, die Internet sowie Freiminuten für einen Monat für etwa 6 – 10 € anbieten – zusätzlich ist die Nutzung von WhatsApp, Instagram, Facebook und Twitter bei diesen Tarifen in der Regel unbegrenzt möglich. Allerdings sollte beachtet werden, dass jegliche chilenische SIM-Karten in ausländischen Handys nur für 30 Tage genutzt werden können und danach automatisch deaktiviert werden – Tipp: bei Wechsel in ein anderes Handy funktioniert die Karte jedoch weiterhin ;)

Unterkunft

Von der IFMSA Chile organisiert, habe ich bei einer chilenischen Gastfamilie gewohnt. Unter der Woche wohnte ich mit meinem chilenischen Gastbruder in dessen studentischer WG in der Stadt, fußläufig zum Krankenhaus, und am Wochenende waren wir bei der ganzen Familie im Haus auf dem Land. In der modernen Wohnung sowie auch im gemütlichen Landhaus standen alle Dinge des täglichen Bedarfs zur Verfügung. Ich hatte ein Zimmer mit eigenem Bad und habe die Küche sowie das Wohnzimmer mit meinem Gastbruder geteilt. Generell durfte ich mich an allen Vorräten bedienen. Meist frühstückte ich morgens zu Hause und oft aßen mein Gastbruder und ich auch gemeinsam zu Abend, tagsüber versorgte ich mich aber in der Regel selbst und auch abends war ich oft noch unterwegs. Bei Ausflügen mit der Familie wurde ich wie ein Familienmitglied behandelt und in alle Aktivitäten und Mahlzeiten integriert.

Literatur

Ich habe mir ein spanisches Medizinwörterbuch besorgt: „Spanisch im klinischen Alltag: Kitteltaschenbuch für den Auslandsaufenthalt “ (Sabine Müllauer). Dieses habe ich bereits vor dem Auslandsaufenthalt zum Lernen der spanischen medizinischen Fachbegriffe und von Arzt-Patienten-Kommunikation verwendet, es hat aber auch während der Famulatur ein praktisches Format für die Kitteltasche. Anmerkung: Einige Fachbegriffe in diesem Wörterbuch können im Chilenischen jedoch abweichen.

Mitzunehmen

Kittel und Stethoskop sind auf jeden Fall nötig im Krankenhaus. Das Personal und die Studenten vor Ort müssen ihre eigenen Kittel kaufen und waschen, von daher wirst du dir vor Ort leider keinen leihen können. Die Kleidung im Krankenhaus würde ich als sportlich-leger bis semiformal beschreiben. Vielleicht brauchst du auch ein Schloss für deinen Spind. Ansonsten solltest du dich je nach Region in Chile auf alle Wetterlagen einstellen und auf jeden Fall auch regen- und windfeste Kleidung sowie Sonnenschutz mitnehmen. Für viele Ausflüge sind auch gute Wanderschuhe ein Muss. Gegebenenfalls solltest du dir einen Steckdosen-Adapter besorgen, allerdings passen dünne deutsche Stecker (wie bei Smartphone- oder Kameraladegeräten üblich) auch ohne Adapter in die chilenischen Steckdosen. Und natürlich Gastgeschenke… bei mir kamen besonders die deutschen Süßigkeiten sehr gut an.

Reise und Ankunft

Gemeinsam mit einer weiteren Famulantin verbrachte ich nach meinem Hinflug zunächst zwei Tage in Santiago de Chile, bevor wir beide per Flugzeug am Sonntag zu unserem Praktikumsort nach Temuco weiterreisten, wo es dann gleich am Montag losgehen sollte. In Temuco wurden wir von meiner Gastfamilie am Flughafen in Empfang genommen und für mich ging es gleich noch weiter zu einem gemeinsamen Abendessen mit meiner Gastfamilie. Am nächsten Morgen zeigte mir mein Gastbruder den Fußweg zur Klinik. Dort waren wir mit der LEO verabredet, die uns nett begrüßte und zu unserer ärztlichen Supervisorin brachte, wo wir unseren Praktikumsplan erhielten. Danach zeigte sie uns alles Wesentliche in der Klinik, begleitete uns zu den Spinden und im Anschluss auf die jeweiligen Stationen, wo wir an diesem ersten Tag beginnen sollten. Und schon ging es los…:)

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich habe meine Famulatur in der Pädiatrie eines der größten öffentlichen Krankenhäuser der Region Araucanía verbracht. Dabei war ich die meiste Zeit auf der Säuglingsstation (Neugeborene und Kleinkinder bis 2 Jahre) sowie der allgemeinen Kinderstation eingeteilt, habe jedoch tageweise auch in die pädiatrische Notaufnahme, die ernährungsmedizinische Poliklinik sowie ein ambulantes pädiatrisches Versorgungszentrum rotiert. Die Famulatur in Chile war von Beginn an als beobachtendes Praktikum beschrieben worden und so hatte ich einen Plan, wonach ich jeden Tag einem fachärztlichen Betreuer zugeteilt war: Diesen Betreuern folgte ich im stationären Alltag oder eben in den ambulanten Zentren. Gleichzeitig arbeitete ich immer auch eng zusammen mit den Internos (chilenische Medizinstudenten in ihren zwei abschließenden praktischen Jahren – ähnlich unserem PJ) oder Vecados (Ärzte während ihrer dreijährigen Facharztweiterbildung). Die ersten Tage verliefen tatsächlich hauptsächlich beobachtend, wobei dies meiner Meinung auch sehr sinnvoll war, um zunächst einmal alle Abläufe kennenzulernen und sich in das chilenische (!) Spanisch der Ärzte wie auch der Patienten einzufinden. Währenddessen wurden mir aber immer auch viele Erklärungen gegeben und es war viel Raum für Nachfragen und fachliche Diskussionen. Außerdem durfte ich die Kinder von Beginn an mit untersuchen. Im Laufe des Praktikums durfte ich vermehrt auch selbständig Anamnesen sowie körperliche Untersuchungen durchführen als auch dokumentieren, dies geschah natürlich immer unter Rücksprache und mit anschließender Patientenvorstellung gegenüber den fachärztlichen Betreuern. Desweiteren diskutierten wir weitere nötige Untersuchungen sowie Anordnungen. Offizielle Dokumente mussten natürlich immer von den Ärzten unterzeichnet werden.

Der Tag begann morgens um 8:15 Uhr mit einer Frühbesprechung der nächtlichen Aufnahmen aller pädiatrischen Stationen. Anschließend begann die Runde der täglichen körperlichen Patientenuntersuchungen. Täglich wurde außerdem alles akribisch dokumentiert sowie weitere Anordnungen oder Konsile geschrieben – alles außer der Epikrisen und des neu eingeführten Aufnahmebogens wurde handschriftlich erledigt. Von 13 bis 14:30 Uhr ging es in die Mittagspause, die aufgrund eines „turno de día“ (Mittagsdienstes) in der Regel auch eingehalten werden konnte. Teilweise verbrachten wir die Zeit gemeinsam mit den Internos in deren Bereitschaftszimmer und kauften uns ein leckeres Mittagessen bei den das Krankenhaus versorgenden Damen, oft nutzten wir die Zeit aber auch für einen Spaziergang in der Sonne und ein kleines Mittagessen an einem Imbiss oder einem Straßenstand. Die Nachmittage waren meist ruhiger, es folgten weitere Dokumentationen oder gegebenenfalls noch Neuaufnahmen. Offiziell endete der Arbeitstag mit der Patientenübergabe an den Nachtdienst gegen 17:30 oder 18 Uhr, aufgrund der IFMSA Anforderungen durften wir jedoch oft schon früher gehen.

Zusätzlich zum klinischen Alltag wurden wir auch in die Lehrveranstaltungen der chilenischen Medizinstudenten mit eingebunden und durften freiwillig (und ohne die für die chilenischen Studenten stets zu schreibenden Tests) auch an weiteren Veranstaltungen teilnehmen. Meist handelte es sich um interaktive Seminare oder studentische Vorträge inklusive Falldiskussionen zu verschiedenen Themen wie pädiatrische Ernährung, psychomotorische Entwicklung, Herzerkrankungen, Atemwegsinfektionen, Pilzinfektionen und Tuberkulose. Dabei konnten wir generell fachlich einiges lernen bzw. auffrischen, bekamen oft aber insbesondere auch die länderspezifischen Unterschiede der Epidemiologie, Diagnostik sowie Therapieleitlinien mit. So erfolgt die Patientenversorgung generell sehr nah an Leitlinien orientiert. In der Pädiatrie sind in Chile neben den bei uns eher seltenen Infektionskrankheiten wie Hanta, Salmonellen oder HIV einige genetische Erkrankungen weitaus häufiger anzutreffen. Außerdem kämpft das Land seit Jahren mit einer zunehmend ungesunden Lebensweise und belegt derzeit im weltweiten Vergleich den ersten Platz des Adipositasrankings.

Durch die hervorragende Organisation des Praktikums konnte ich vielfältige Einblicke in die pädiatrische Versorgung in Chile erhalten. Besonders theoretisch konnte ich einiges lernen, aber auch für den Ausbau meiner praktischen Fähigkeiten boten sich mehr Möglichkeiten als erwartet, denn sowohl auf Station als insbesondere auch in der Notaufnahme durfte ich häufig selbständig Anamnesen führen und untersuchen. Nebenbei boten sich sowohl mit den Ärzten als auch mit dem Pflegepersonal viele Möglichkeiten, sich über die verschiedenen Gesundheitssysteme als auch kulturelle und sonstige länderspezifische Unterschiede auszutauschen. Alle waren immer sehr herzlich und zu interessanten Diskussionen bereit. Der engste Kontakt, auch außerhalb des Krankenhauses, bestand jedoch zu den sehr lieben Internos, die gleichzeitig mit uns in die Pädiatrie rotiert waren.

Abschließend kann ich sagen, dass es zwischen dem chilenischen und deutschen Gesundheitssystem einige Unterschiede gibt, sowohl hinsichtlich der ärztlichen Ausbildung (fünf Jahre Studium mit hohen Gebühren, zwei Jahre „PJ“, dann drei Jahre Facharztweiterbildung oder direkte Tätigkeit als Hausarzt), der Tätigkeit im Krankenhaus (keine Visite, sondern feste Zuständigkeit eines Teams aus Interno, Vecado und Facharzt für 3-6 Patienten; Mittagsdienste für eine garantierte Pause; fast alles wird handschriftlich, aber sehr sorgfältig dokumentiert; Privatsphäre, Hygiene und Datenschutz werden anders als bei uns definiert) als auch der Finanzierung des Gesundheitssystems (sehr deutliche Leistungsunterschiede zwischen staatlicher und teurer privater Krankenversicherung). Trotz allem bietet Chile (zumindest für diejenigen, die es sich leisten können) eine medizinische Versorgung auf hohem Niveau, sowohl fachlich als auch von der technischen und materiellen Ausstattung.

Land und Leute

An Chile habe ich einen Teil meines Herzens verloren – und das vor allem an die lieben Menschen und die wunderschöne Natur dort.

Nicht nur bei den Kollegen im Krankenhaus fühlte ich mich sehr willkommen und herzlich aufgenommen, sondern vor allem auch in der Gruppe der chilenischen Medizinstudenten, mit denen wir auf der Pädiatrie zusammenarbeiteten, aber auch privat einiges unternahmen. Außerdem war ich in der besten Gastfamilie untergebracht, die ich mir hätte vorstellen können. Unter der Woche lebte ich gemeinsam mit meinem Gastbruder, ebenfalls Medizinstudent, in der Stadtwohnung. Wir unternahmen viel gemeinsam, plauderten über kulturelle, politische und sonstige Unterschiede zwischen Chile und Deutschland und bei jeglichen Bedürfnissen meinerseits wie auch bei sprachlichen Nachfragen wusste er mir stets sofort zu helfen. Am tollsten war jedoch die Zeit, die ich mit der ganzen Familie verbringen durfte: mit Mutter, Vater und zwei weiteren Brüdern; aber auch Oma, Opa, Onkels, Tanten, Cousins und Cousinen durfte ich bei verschiedenen Gelegenheiten kennenlernen. Die gemeinsame Zeit in deren Haus auf dem Land während der Wochenenden war wunderschön, aber vor allem auch die zahlreichen Ausflüge, die wir ins Umland unternahmen, u.a. nach Queule und Mehuín an die Küste und in den nahegelegenen vulkanischen Nationalpark Conguillío. Auch in den Familienkurzurlaub in die Region Los Lagos wurde ich wie selbstverständlich mit eingeladen. Ich wurde voll und ganz in das Familienleben integriert und wie eine eigene Tochter behandelt – mit dem Bonus, dass für mich noch einige extra Abstecher gefahren wurden, um mir besonders schöne Orte zu zeigen oder mich besonders leckere Delikatessen probieren zu lassen. Außerdem lernte ich in Gesprächen weiterhin viel über Chile im Allgemeinen und insbesondere auch über die indigene Kultur der Mapuche, in der meine Gastfamilie selbst ihre Wurzeln hat.

Kulturell ist Chile ein sehr spannendes Land und die Menschen sind generell sehr liebenswert und offen, sich mit Menschen aus dem Ausland auszutauschen oder hilfreiche Tipps zu geben. Gerade wenn man spanisch spricht, ergeben sich so täglich Möglichkeiten zum Plausch mit Einheimischen im Café, beim Einkaufen oder auch einfach auf der Straße. Vom ersten Tag an wurden wir überall, wie es in Chile üblich ist, mit Küsschen auf die Wange begrüßt – und das sowohl von meiner Gastfamilie, den Ärzten und Studenten, manchmal aber auch von dem ein oder anderen Patienten. Gerne wird man auch mal auf einen Kaffee oder einen Pisco Sour eingeladen. Darüber hinaus sind die meisten Menschen sehr ehrlich und hilfsbereit – so haben wir während unseres Aufenthaltes in Chile nicht nur ein verlorenes Portmonee mit sämtlichem Inhalt zurückgebracht bekommen, sondern wurden darüber hinaus auch noch von der Finder-Familie zu einem Kaffee nach Hause eingeladen. Und dies war nur eine von vielen tollen Begegnungen mit den liebenswerten Menschen in Chile.

Die Zeit meines Austausches lag inmitten einer Zeit politischer Proteste und so waren natürlich gerade auch wirtschaftliche, kulturelle sowie politische Themen von großer Bedeutung. Ich habe während meiner Zeit in Chile viele verschiedene Meinungen hören und das Gesamtproblem besser verstehen können als vorher von Deutschland aus. Generell geht es dabei natürlich auch um viele sensible nationale Themen, bei denen ich das Gefühl hatte, meine persönliche Meinung war oft weniger gefragt als das generelle Zuhören und Verständnisaufbringen für die Situation.

Darüber hinaus ist die Natur in Chile einfach spektakulär. Auch wenn Temuco als Stadt selbst nicht viel bietet (die Feria Libre, der Cerro Ñielol und der Pabellón Araucanía sind jedoch durchaus empfehlenswert), sind (Wander-)Ausflüge in das Umland durchaus sehr lohnenswert. Zudem machten wir einen Wochenendausflug nach Valdivia, eine studentisch geprägte sehr lebendige Stadt an der Küste. Wenn du vor oder nach dem Austausch noch etwas mehr Zeit mitbringst, lohnt sich auch eine Reise in andere Teile des Landes, denn durch die verschiedenen Klimazonen ist Chile ein Land mit sehr vielfältigen Landschaften. Weitere Ausflüge in Auracanía (z.B. Pucón und Villaríca) kann ich dabei ebenso empfehlen wie eine Erkundung der größten Insel Chiloé, von Patagonien (inklusive Parque Nacional Torres del Paine) sowie der Atacama Region (San Pedro de Atacama und Umgebung). Auch eine Erkundungstour durch Santiago de Chile sollte nicht fehlen – zumal die meisten Flugverbindungen sowieso über die Hauptstadt führen.

Kulinarisch besteht die chilenische Küche aus einer Mischung spanischer und lokaler Küche mit großem Einfluss der indigenen Kultur der Mapuche und außerdem der europäischen Einwandererkulturen. Daher spiegeln sich in vielen Gerichten (und Supermärkten) auch typische Elemente aus der deutschen Küche wider und leckerer „Kuchen“ (so heißt er auch in Chile) ist im ganzen Land in jedem Café oder Bäckerei zu haben. Für Zwischendurch ist typisch chilenisches Fastfood sehr beliebt, wie Empanadas, Completos (Hot Dogs) und Sopaipillas (frittiertes Brot nach Mapuche Rezept) - die auf Dauer für unseren Gaumen jedoch ziemlich fleisch- und fettreich waren ;) Probieren solltet ihr in Chile (je nach Region) auf jeden Fall auch Cazuela, Pastel de Choclo, Humitas, Curanto, Pastel de Jaiba, Ceviche und allerlei weiteren Fisch, Meeresfrüchte sowie Fleisch (inklusive Rind, Lamm und Lama) – und eine Einladung zu einem Asado (Grillfest) lohnt sich definitiv auch immer! Begleitend zum Essen gibt es hervorragende und generell sehr günstige chilenische Weine, eine wachsende Kultur an Craftbieren und ein Pisco Sour oder die klassische Piscola darf natürlich auch nicht fehlen.

Fazit

Eine Auslandsfamulatur in Chile kann ich jedem nur empfehlen! Das Praktikum selbst war super organisiert und ich konnte viele wertvolle fachliche Einblicke in die Pädiatrie gewinnen. Bei den Kollegen wurde ich sehr herzlich aufgenommen. Auch das Leben in meiner wunderbaren Gastfamilie hätte besser nicht sein können. So habe ich während meines Auslandsaufenthaltes nicht nur das chilenische Gesundheitssystem besser kennengelernt, sondern auch viel über Land und Leute erfahren, viele liebe Menschen kennengelernt und sicher auch einige Freundschaften fürs Leben geschlossen.

Auch wenn das chilenische Spanisch anfangs etwas Eingewöhnung erfordert, kommt man mit angemessenen vorherigen Spanischkenntnissen bald gut zurecht – zumal die Chilenen in der Regel viel Geduld haben mit Ausländern, die sich verständlicherweise erst in ihren Dialekt und ihre Modismos (chilenische Wortneuschöpfungen) einfinden müssen. Also keine Angst!

Einziges Manko war wohl die zurückhaltende Betreuung durch die IFMSA Chile vor Ort und das nicht vorhandene Social Program in Temuco (wobei wir zu dieser Zeit auch nur zwei Exchange Students in Temuco waren). Glücklicherweise wurde dies aber durch viele Unternehmungen in die wunderschöne Umgebung mit der zweiten Famulantin, die mir inzwischen sehr ans Herz gewachsen ist, mit den Kollegen aus dem Krankenhaus sowie insbesondere auch mit meinem Gastbruder und meiner Gastfamilie mehr als wett gemacht.

Am Ende fiel mir das Abschiednehmen sehr schwer…zumal sowohl die Kollegen aus dem Krankenhaus als auch meine Gastfamilie noch ganz liebe Abschiedsparties organisiert hatten. Ich werde wohl bald wieder einmal nach Chile zurückkehren müssen!

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