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Finland (FiMSIC Finland)

Verschiedene - SCORE (Forschungsaustausch)
von Susanna, Halle (Saale)

Motivation

Ich wollte die letzten freien Semesterferien vor dem PJ nutzen, um über den Tellerrand zu schauen und nochmal „raus zu kommen“. Da ich es mir sehr gut vorstellen kann, später im Labor zu forschen, wollte ich dementsprechend gerne Einblicke in ein anderes Forschungslabor gewinnen. Nach Gesprächen mit Kommilitonen und dem Lesen anderer Austauschberichte war für mich klar, dass ich gerne in ein skandinavisches Land gehen möchte, da hier viel Wert auf eine gute Betreuung gelegt und hochqualitativ geforscht wird. Zudem wollte ich mehr über die hohe Lebensqualität der Finnen und das sehr gut bewertete Gesundheitssystem erfahren.

Vorbereitung

Ich habe mich über die bvmd beworben und dafür den IELTS-Test gemacht, um ein entsprechendes Englisch-Zertifikat vorweisen zu können. Das war eigentlich schon das Auswändigste an der Vorbereitung. Probleme mit Formalitäten gab es keine, die Universität hat problemlos ein Empfehlungsschreiben ausgestellt. Somit waren alle Dokumente für die Bewerbung bei der bvmd schnell gesammelt. Ich brauchte nur noch kurz vor Praktikumsbeginn den Flug zu buchen und dann konnte es schon losgehen!

Visum

Nein, Finnland gehört zur EU, somit benötigt man kein Visum.

Gesundheit

Ich habe eine Auslandsreiseversicherung abgeschlossen, weil ich diese für eine weitere geplante Reise sowieso abschließen wollte. Das wäre aber absolut nicht nötig gewesen, da ich über meine Krankenkasse automatisch auch im EU-Ausland versichert bin. Man sollte für Finnland alle Pflichtimpfungen haben, hier gelten strenge Bestimmungen für Beschäftigte im Gesundheitssystem. Das schließt eine aktuelle Influenza-Impfung mit ein. Diese ist unproblematisch über den Hausarzt zu bekommen. Interessanter war der MRSA-Test, den man vor Praktikumsbeginn vorlegen muss. Diesen konnte ich nach einer verwunderten Nachfrage aber ebenfalls über den Hausarzt mit einer Selbstbeteilung von ca. 15 Euro durchführen lassen. Der Test darf nicht älter als 1 Monat vor Ankunft in Finnland sein, bis zum Ergebnis hat es bei mir 5 Tage gedauert, das sollte man einplanen.

Sicherheit

Helsinki ist sehr sicher. Ich war oft in den Wäldern im Stadtgebiet spazieren oder bin nachts durch die Stadt gegangen und habe mich dabei niemals unsicher gefühlt. Gerade in der Natur sind viele Sportler oder Hundebesitzer anzutreffen, sodass man selten wirklich allein ist. Selbst die ab und zu sichtbaren Betrunkenen halten sich an die gernerell höfliche Distanziertheit der Finnen.

Geld

In Finnland bezahlt man in Euro. Man kann aber die 1- und 2-Cent-Stücke zuhause lassen, diese wurden abgeschafft, Beträge werden entsprechend auf- oder abgerundet. Man kann überall, vom Bäcker bis zum Marktstand, mit EC-Karte zahlen, was das Bargeld aus meiner Sicht überflüssig gemacht hat (ich habe maximal 15 Euro in Bargeld ausgegeben). Preislich sind die Waren im Supermarkt (alepa, K-Market) nur wenig teurer, im in Helsinki sehr beliebten Lidl sogar gewohnt günstig, aber das Essen in Restaurants kann schnell 30 bis 40 Euro kosten. Frisches Obst und Gemüse kosten in den Wintermonaten relativ viel. Beim Eintritt in beispielsweise Museen bekommt mit seinem Studentenausweis einige Euro Rabatt, sodass man sich hier noch im einstelligen Eurobereich bewegt. Praktikanten bekommen von der Universität Essensgutscheine, sodass man jeden Mittag kostenlos in bestimmten Mensen essen kann. Vorsicht: Man sollte sich vorher informieren, in welchen Mensen genau diese Gutscheine gelten!

Sprache

Offizielle Sprachen des Landes sind Finnisch und Schwedisch. Englisch konnte eigentlich jeder verstehen und meist auch gut sprechen, gerade im Labor war dies kein Problem. Ich habe vor Praktikumsbeginn ein halbes Jahr lang versucht, ein bisschen Finnisch zu lernen, dies hat sich aber durch den völlig anderen Ursprung der Sprache auf eine handvoll Wörter beschränkt. Englisch sollte man schon gut sprechen können, damit kommt man dann aber in der Regel zurecht. Beschreibungen auf Lebensmitteln, Schildern etc. sind alle auf Finnisch und, wenn man Glück hat, auf Schwedisch geschreiben (letzteres kann man besser verstehen), es hilft auf Nachfrage aber jeder gerne weiter.

Verkehrsbindungen

Mein Flug nach Helsinki war nicht sonderlich teuer (Flüge sind ungefähr für 80 Euro buchbar). Man könnte auch per Fähre nach Finnland kommen, dies dauert aber länger. Helsinki hat ein exzellentes zuverlässiges Nahverkehrsnetz, sodass man via Tram und Bus ohne lange Wartezeiten überall hin kommt, vom Flughafen (in Vantaa) fährt man unproblematisch per Zug in die Stadt. Sehr komfortabel war die HSL-App, mit der ich sämtliche Tickets buchen konnte und die problemlos funktionierte. Diese berechnet sämtliche Routen mit entsprechenden Fahrtmöglichkeiten und Ticketoptionen. Ein Tagesticket für Helsinki kostete 8 Euro, ein Wochenticket 32 Euro.

Kommunikation

Da Finnland zur EU gehört, konnte ich meinen Handyvertrag weiter nutzen. Das Studentenwohnheim hatte pro Zimmer einen eigenen WLAN-Router mit richtig gutem WLAN, welches man problemlos nutzen konnte. In öffentlichen Gebäuden und an vielen Haltenstellen gibt es ebenfalls kostenfreies WLAN. Postkarten sind innerhalb von 2 Tagen in Deutschland angekommen.

Unterkunft

Ich wurde in einer der 1-Zimmer-Wohnungen der universitätseigenen Studentenwohnheime untergebracht, die die Zielaustauschorganisation (FIMSIC) extra für die Austauschstudenten freihält. Hier war ich mit einer anderen Medizinstudentin untergebracht, was aufgrund der Austauschmöglichkeiten und dem direkt geknüpften Kontakt sehr schön war. Ein Kühlschrank, ein kleiner Herdbackofen, ein Waschbecken mit Geschirr und ein Bad mit Dusche waren mit im Zimmer enthalten. Decke und Kissen waren ebenfalls vorhanden, zudem gab es die Möglichkeit, seine Kleidung im Nebenhaus zu waschen.

Literatur

Ich habe mich zu meinem Forschungsprojekt via PubMed belesen und Praktikumsberichte durchforstet. Mehr wäre meiner Erfahrung nach auch nicht nötig gewesen. Vor Ort habe ich mich noch über Literatur der Arbeitsgruppe erkundigt, welche mir daraufhin gerne zur Verfügung gestellt wurde.

Mitzunehmen

Ich bin mit einem größeren Rucksack und einem Handgepäckskoffer angereist, was absolut adäquat war. Da mein Austausch im März stattgefunden hat, kann ich empfehlen, einerseits warme, winddichte Kleidung mitzunehmen (bei Schneetagen um die -3 Grad und Meerwind), andererseits aber auch dünnere Sachen (bei Sonnentagen um die 15 Grad). Man kann ansonsten alles vor Ort kaufen. Es gibt in Helsinki übrigens keine klassischen Drogeriemärkte, sondern man kauft Körperpflegeprodukte etc. in größeren Supermärkten oder gut sortierten Apotheken.

Reise und Ankunft

Obwohl ich an einem Sonntag angekommen bin, wurde ich von meiner Kontaktperson vom Flughafen abgeholt und zur Unterkunft gebracht. Viele Supermärkte haben 24/7 geöffnet, sodass eine erste Versorgung mit Essen schon am Sonntag möglich war. Direkt am nächsten Montag ging das Praktikum los. Nachdem ich das Laborgebäude gefunden hatte, wurde ich von meiner Betreuerin in Empfang genommen, allen wichtigen Mitarbeitern vorgestellt und herumgeführt.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich habe in einem virologischen Forschungslabor an der Universität Helsinki gearbeitet, was aufgrund der SARS-COV2-Situation umso interessanter war! Am ersten Tag hat meine Betreuerin mir alle wichtigen Räume gezeigt und viele Mitarbeiter vorgestellt, dann durfte ich die Stadt erkunden. Generell war ich von morgens bis mittags/nachmittags im Labor, je nachdem, wie viel zu tun war. Ich hatte ein klar definiertes kleines Projekt zu einer Art des Hanta-Virus, in welches ich am zweiten Tag eingearbeitet wurde, das sehr gut zu schaffen und wirklich interessant war. Meine Betreuerin war immer in Rufweite und hat sich total gut um mich gekümmert. Da ich schon Laborerfahrung hatte, konnte ich am dritten Tag bereits alle Versuche alleine durchführen und mich anschließend über die Projekte der anderen Forscher erkundigen. Die Stimmung im Labor war sehr entspannt, nach einer anfänglichen und in Finnland üblichen „Aufwärmperiode“ waren alle Mitarbeiter sehr interessiert und haben mir auch gerne ihre Projekte erläutert. Mir wurde im Labor ein eigener Arbeitsplatz zur Verfügung gestellt, zudem habe ich Laborkittel, Laborbuch und weiteres Material bekommen. Laborschuhe sollte ich selber mitbringen. Die Hierarchien in den Forschungsteams waren sehr flach und die Zusammensetzung international, sodass der ein reger und interessanter Austausch über Tipps und Eindrücke zustandegekommen ist. Ich wurde in der ersten Woche bereits auf eine Laborfeier eingeladen, wo ich gut weitere Kontakte knüpfen konnte.
Mit meinem Projekt war ich nach 8 Tagen bereits fertig und habe daraufhin weitere Versuche und Methoden kennenlernen dürfen. Leider musste ich aufgrund der angespannten Gesundheitslage das Praktikum abbrechen, sodass ich nicht alles erforschen konnte, was möglich gewesen wäre.
Das Gesundheitssystem in Finnland wirkt sehr gut organisiert und ist „zentralisierter“ als in Deutschland, große Qualitätsunterschiede konnte ich aber nicht feststellen. Das klinische Studium in Helsinki ist in Blöcken organisiert (also zum Beispiel 2 Monate Neurologie mit Klausur, dann 8 Wochen Onkologie mit Klausur usw.) und faszinierend war die sehr schnelle Umstellung auf Online-Kurse innerhalb von 2-3 Tagen bei Ausbruch des Covid-19-Virus (ebenso wohl auch im Schulsystem). Zugang zum Medizinstudium erhält man in Finnland über eine sehr gute Leistung in einem zentralen Zugangstest.
Die Mitarbeiter im Labor haben zudem von der flexibel organisierten Kinderbetreuung geschwärmt, sodass keine Einschränkungen der Arbeit bzw. des Studiums durch Familienplanung wahrgenommen wird.
Insgesamt habe ich mich während des Laborpraktikums sehr wohl gefühlt und viel Wissen über Symptomatik, Verbreitung und Eigenschaften von Viren auch im klinischen Kontext gelernt.

Land und Leute

Mir ist anfangs aufgefallen, dass die Menschen in Finnland noch zurückhaltender sind als ich es aus Deutschland gewohnt bin. So wurde fast nie "Smalltalk" gehalten und erste Kontakte waren eher kurz und höflich-distanziert. Man gewöhnt sich aber schnell daran und mit der Zeit haben sich schöne Freundschaften entwickelt. Da ich im März in Helsinki war, gab es kein „Social Program“. Mit meiner Ansprechpartnerin und/oder meiner Zimmernachbarin habe ich dafür aber einiges unternommen, wir haben zum Beispiel typisch finnisches Gebäck (Zimtbrötchen) gebacken oder wir waren in kleinen finnischen Cafés frühstücken. Wir haben zudem einige der Museen und den Zoo besucht (empfehlenswert!) und waren im Markt am Hafen. In Helsinki gibt es viele sehr besondere Cafés und einige der besten Kaffeesorten der Welt, sodass Kaffeetrinker definitiv auf ihre Kosten kommen. Das Essen ist in Finnland lecker, deftig und man trinkt fast immer ein Glas Milch dazu. Zudem sollte man in Helsinki auf jeden Fall frischen Fisch essen und den süßen Blaubeersaft probieren! Auch getrocknetes Elchfleisch oder Bärenkonserven sind durchaus empfehlenswert, wenn auch gewöhnungsbedürftig. Zudem findet man überall Lakritze in allen Variationen (besser als gedacht: mit Schokolade) und besonders lecker als Sirup. Empfehlenswert sind weiterhin die Kirchen in Helsinki, so sind der "Helsingin tuomiokirkko" als Wahrzeichen der Stadt, die Uspenski-Kathedrale oder die Felsenkirche einen Besuch wert. Ein Highlight waren auch die Bibliotheken, die in Finnland meist frei zugänglich und kostenlos sind. In der Oodi Zentralbibliothek kann man beispielsweise bei einem Kaffee ein Buch lesen, die 3D-Drucker bestaunen oder sich an der Nähmaschine üben. Mir wurde oft empfohlen, als Tagesausflug nach Lappland zu fahren oder mit der Fähre nach Tallinn rüberzusetzen, dies konnte ich aber in der dank der durch COVID-19 verkürzten Aufenthaltszeit nicht realisieren.
Für verregnete oder windige Tage, von denen es im März durchaus einige gab, bietet Helsinki viele große, neue Malls, in denen man im Warmen Souveniers und finnisch-typische Designs erwerben kann.
Für Sportbegeisterte gibt es einige Parks und Wälder, teilweise mit Workoutstationen in und um Helsinki, sodass man auch während des Praktikums nicht auf Sport verzichten muss. Ich habe mir im Vorfeld vorgenommen, eine finnische Sauna zu besuchen, die es in dem Studentenwohnheim oder auch öffentlich zugänglich überall gibt, dies habe ich aber leider nicht mehr geschafft.

Fazit

Meine Erwartungen wurden übertroffen, auch weil mir im Labor viel Verantwortung übertragen wurde und ich in meinem Wunsch, in Zukunft eine Forschungstätigkeit auszuüben, sehr gestärkt wurde. Leider musste ich meinen Austausch nach 2 Wochen aufgrund der SARS-COV2-Lage abbrechen, allerdings eher aus Angst vor Streichung der Rückflüge - die Gesundheitsversorgung und gesellschaftliche Lage in Helsinki war zu jeder Zeit stabil! Meine Ansprechpartner und LOREs haben mich bei der Organisation der vorzeitigen Rückreise unterstützt.
Insgesamt würde ich jederzeit wieder nach Helsinki reisen und empfehlen ein Forschungspraktikum dort uneingeschränkt weiter!

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