zurück

Sudan (MedSIN- SUDAN)

Pädiatrie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Leanna Katharina, München

Motivation

Ich habe mich für eine Famulatur im Ausland beworben weil ich ein anderes Gesundheitssystem kennen lernen wollte, fernab von unserer (IGEL) Leistungsgesellschaft.
Über die "Erinnerungsmail" der BVMD bin ich auf die Restplätze aufmerksam geworden und habe den Sudan ausgewählt, weil ich in ein arabischsprachiges Land wollte, um meine zuvor erlernten Sprachskills zu testen.
Von dem Austausch habe ich mir erwartet, viele praktische Tätigkeiten ausüben zu dürfen und Krankheiten zu sehen, die man bei uns nur aus Lehrbüchern kennt.

Vorbereitung

Als Vorbereitung für den Austausch habe ich mir die Erfahrungsberichte der Vorjahre durchgelesen, youtube Reiseberichte angeschaut, sudanesische Bücher gelesen, Infos über dort vorherrschende Krankheiten aus dem Internet eingeholt und einen Auffrischungskurs Arabisch an der Uni belegt.
Es ist ratsam eine Powerbank mitzunehmen, da Stromausfälle von bis zu 12 Stunden möglich sind.
Seinen Laptop/iPad/Smartphone kann man bedenkenlos mitnehmen. Anders als in Südamerika hatte ich zu keinem Zeitpunkt Angst, auf der Straße überfallen zu werden oder Ähnliches. Die heutige Gesellschaft im Sudan ist aus verschiedenen Volksstämmen und Minderheiten entstanden. Das Stadtbild ist geprägt von Moscheen, vereinzelten Kirchen, Neubauten an sandigen, spärlich asphaltierten Straßen und Gebäuden aus der Kolonialzeit. Wenn mich jemand fragt, welches Wort die Sudanesen am ehesten beschreibt würde ich "peaceful" sagen. Hinter der berühmten "Gastfreundschaft" steckt so viel mehr, als das man es mit Worten beschreiben könnte.
Ich habe gelesen, dass es empfehlenswert sei, als Frau lange weite Kleidung zu tragen... Also habe ich mir weite, wallende Oberteile und Hosen eingepackt und kam mir dann mehr als einmal vor, als trüge ich einen Kartoffelsack. Die Studenten dort haben mich gefragt, warum alle Ausländerinnen immer derartige Kleidung tragen würden...Als Ausländerin ist es also voll ok mit (enger) langer Hose und hochgeschlossenem T-Shirt ins Restaurant zu gehen. Weite Hosen/lange Röcke sind aber weitaus angenehmer bei 40°C im Schatten. Nur sehr vereinzelt sieht man Frauen ohne Kopftuch, ich hatte meines nicht gebraucht.
Es gelten einfach andere unausgesprochene gesellschaftliche Regeln für sudanesische Frauen was Kleidung als auch Freizeitgestaltung angeht. Z.B. war meine Gastschwester stets daheim, wenn ich mit meinen Gastbrüdern und ihren Freunden unterwegs gewesen bin.

Visum

Ich würde mich das nächste mal direkt mit der Contact Person kurz schließen, denn es gibt ein Visum on arrival. Ich hatte meines allerdings 6 Wochen vor Austauschbeginn bei der sudanesischen Botschaft in Berlin beantragt und direkt 2 Wochen später erhalten. Auf jeden Fall würde ich länger als die reine Famulaturzeit dort bleiben wollen.

Gesundheit

Meine Impfungen waren alle aktuell und wenn man öfter durch die Welt tingelt hat man meist schon alles notwendige abgedeckt.
In meiner Reiseapotheke, hatte ich neben Kohletabletten und Schmerzmitteln noch Malarone von einer Freundin, weil sie zufällig noch welche da hatte. Da man täglich Patienten mit Malaria gesehen hat, hatte mir das schon ein Gefühl von Sicherheit gegeben, andererseits gibt es die entsprechenden Medikamente auch vor Ort. Das ist aber nicht bei allen notwendigen Medikamenten so!
Ich hatte keine Antibiotika dabei und auch keine benötigt. Durch die Corona Krise gab es aber wohl einige Engpässe in den Apotheken, laut meiner Gastmutter. Also rückwirkend würde ich sagen, lieber zu viel mitnehmen, als zu wenig.

Sicherheit

Außer einer Auslandskrankenversicherung habe ich keine besonderen Vorkehrungen getroffen. Die Sicherheitslage im Land würde ich als relativ stabil einordnen. Ich persönlich habe mich zu keinem Zeitpunkt unsicher oder bedroht gefühlt. Auch wenn es während meines Aufenthalts einen versuchten Autobombenanschlag auf den Präsidenten gab, habe ich keine Angst gehabt. Am darauffolgenden Tag gab es vermehrte Militärpräsenz auf den Straßen, insbesondere im Regierungsviertel. Durch die Coronabeschränkungen und die daraufhin verhängte Ausgangssperre patroullierten Polizei und Militär dann aber sowieso täglich ab 18 Uhr.

Geld

Im Sudan bezahlt man mit Sudanesischen Pounds. Als Ausländer kann man kein Geld an Automaten abheben. Man muss genug Bargeld mitnehmen und es dort umtauschen (lassen). Den besten Kurs bekommt man auf dem Schwarzmarkt habe ich mir sagen lassen ;) Ich hatte ca. 300 Euro mitgenommen und bin damit sehr gut ausgekommen. Die Lebenshaltungskosten sind sehr gering.

Sprache

Im Sudan wird Arabisch und Englisch gesprochen, je nach Bildungsgrad.
Ich hatte schon mehrere Arabischkurse belegt in den letzten Jahren und habe in Vorbereitung auf den Austausch einen Auffrischungskurs gemacht. Auch wenn man mit Englisch dort gut zurecht kommt, finde ich es immer gut einige Sätze in der Landessprache sprechen zu können und die Schrift lesen zu können. Das gibt einfach nochmal einen anderen Bezug zu Land und Leuten, erleichtert die Kommunikation und verleiht Sicherheit und Selbständigkeit.

Verkehrsbindungen

Ich habe im Internet verschiedene Fluggesellschaften im Hinblick auf Preis und Reisedauer verglichen und mich für einen Hin-und Rückflug mit Turkish Airlines für ca. 600 Euro entschieden.
Im Land selber wurde ich von einem Mitstudenten oder der Gastfamilie ins Krankenhaus gefahren, einige Male habe ich Tirhal (Uber) benutzt. Von meinem Wohnort aus zum Krankenhaus (ungefähr 20Min.) hat eine Uberfahrt ca. 1,70 Euro gekostet. Es gibt auch noch Minibusse und Rikschas, die günstiger sind, aber länger brauchen und z.T. auch nicht überall fahren dürfen.

Kommunikation

Bei der Ankunft habe ich von dem LEO eine sudanesische Simkarte bekommen, auf welche man sich Guthaben laden lassen kann und dieses zum Telefonieren als auch für Internetdatenvolumen verwenden kann. 1,5 GB kosten ungefähr 1Euro.

Unterkunft

Ich war die erste Woche in einer Gastfamilie untergebracht, die aus drei Geschwistern bestand, die auch Medizin studiert haben. Ihre Eltern leben allerdings in den Emiraten, sodass es eher eine WG Atmosphäre war, wo jeder sein Ding gemacht hat. Das war etwas schade, weil nicht gemeinsam gekocht und gegessen wurde, weil sie einfach jeden Tag den Lieferservice genutzt haben. In der zweiten Woche musste ich dann umziehen, weil die drei Ihre Eltern besuchen wollten. Das war allerdings mein Glück, denn ich wurde in einer fabelhaften Gastfamilie aufgenommen mit vier Gastgeschwistern. Dort hatte ich ein eigenes Schlafzimmer und Bad. Jeden Tag habe ich der Gastmutter und Schwester beim Kochen geholfen und alle haben mir vom ersten Tag an das Gefühl vermittelt, Teil der Familie zu sein.

Literatur

Tajib Salich: Zeit der Nordwanderung
Gesine Auffenberg: Ich trinke den Wind
Julia Dümer: Mein Sudan- Tausche Berlin gegen Khartoum

Länderinfos: wikipedia, youtube
med. Literatur: Fachbücher Uni Bibliothek, med. Englisch Pocket
Langenscheidt Miniwörterbuch Arabisch

Mitzunehmen

Powerbank, langes schickes Kleid für Hochzeitsfeier, Musikinstrument, als Gastgeschenk: Kosmetik/Beautyartikel für Mann/Frau und Schokolade/Pralinen, (Brett) Spiele

Reise und Ankunft

Ich bin abends um halb 12 gelandet und wurde von meiner Contact Person und dem LEO nach einer 20 minütigen Wartezeit vom Flughafen abgeholt. Auf dem Weg zur Unterkunft haben wir noch kurz Halt gemacht und ich wurde bei einem Melonenshake willkommen geheißen.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich habe im Polizei Krankenhaus auf dem Gelände der Ribat Universität meine Famulatur in der Pädiatrie gemacht. Einige Tage habe ich auch in der Notaufnahme gearbeitet und wurde zu Operationen eingeladen.
Am ersten Tag wurde ich morgens um 8 Uhr von einem Studenten des Austauschprogramms abgeholt und zum Krankenhaus gefahren. Dort wurde ich dem Leiter der Pädiatrie vorgestellt und habe eine Führung durch die Station erhalten und habe an der Visite teilgenommen.
Alle Ärzte sind sehr bemüht vieles zu erklären, beantworten Fragen, lassen einen die Patienten untersuchen etc.
In der Notaufnahme war ich einer Assistenzärztin zugeteilt. Sie hat mir alle Räumlichkeiten gezeigt, die Abläufe erklärt und mich Patienten untersuchen lassen, Einmal in der Woche gab es eine Frühbesprechung am Morgen, wo Fälle diskutiert wurden und zuvor verteilte Themen präsentiert und in der Gruppe diskutiert wurden. Ich habe ebenfalls Fallspezifische „Hausaufgaben“ bekommen, welche aber nicht übermäßig viel waren und man vermutlich interessehalber sowieso zu Hause nachgeschlagen hätte.
Gerade in der Pädiatrie gab es einige seltene genetische Erkrankungsbilder, die man in Deutschland nicht sieht.
Wenn mal nicht so viel zu tun war, wurde ich im Krankenhaus herum geführt, vielen Ärzten vorgestellt und dabei habe ich zahlreiche Einladungen in verschiedene Fachbereiche erhalten.
Ich durfte einer Präsentation eines ausländischen Arztes beiwohnen und daraufhin bei einer OP assistieren.
In der Regel habe ich zwischen 8 und 9 Uhr angefangen und bin gegen Nachmittag heim gefahren oder zum Campus gegangen zu den Studenten des Austauschprogramm. Bereits nach den ersten Tagen hatte ich zahlreiche Handynummern von den Mitgliedern des Programms und konnte jederzeit um Hilfe bitten oder Infos erfragen. Alle waren sehr bemüht und interessiert und haben sich vergewissert, dass es einem an nichts fehlt.
Frühstück wurde sehr oft vom Krankenhaus gestellt, oder ich habe mir etwas in der Cafeteria auf dem Gelände gekauft. Das Krankenhaus ist auf dem Gelände der Ribat Universität, also direkt am Nil, zentral gelegen.
Allgemein ist die Stimmung im Krankenhaus zwischen Arzt, Student und Pflegekräften sehr gut, alle behandeln sich mit gegenseitigem Respekt. Vor allem die Studenten habe ich wissbegieriger und engagierter als bei uns in Deutschland wahrgenommen.

Land und Leute

Es gab ein umfangreiches "social program". In der ersten Woche gab es eine Willkommensfeier im Garten einer Studentin des Austauschprogramm, einen Ausflug zum Festival der Afhad Frauenuniversität anlässlich des Weltfrauentag und eine nächtliche Bootsfahrt auf dem Nil. Außerdem waren wir bubble ball spielen, in verschiedenen Restaurants, Fisch essen, auf Märkten und natürlich auf einer Hochzeitsfeier.
Leider konnten viele weitere Aktivitäten nicht stattfinden, weil der Austausch auf Grund von Corona vorzeitig nach zwei Wochen beendet werden musste. Weitere geplante Aktivitäten wären die Besichtigung von Pyramiden und Tempeln gewesen, ein Ausflug ans Rote Meer und, auf was ich mich am meisten gefreut hätte: "Health Education" in abgelegenen Dörfern.
An "freien" Tagen bin ich alleine durch die Stadt gefahren, war im Nationalmuseum oder habe mich mit neu gewonnenen Freunden in Shisha Bars, Cafés am Nil oder zum Billard spielen getroffen.
Mit meiner Gastfamilie habe ich mich super gut verstanden, ich war in die Familie integriert aber trotzdem selbständig und unabhängig.
Die Menschen auf der Straße sind mir neugierig begegnet, viele Schüler/Studenten wollten mit mir in Kontakt treten und ihre Englischkenntnisse demonstrieren.
Ich habe viele interessante, tiefgründige, manchmal auch traurige Gespräche mit meiner Gastfamilie und mit Freunden über die politische Lage im Land gesprochen, wie sie die Revolution erlebt haben und welche Verluste sie erlitten haben. Trotz des Umbruchs im Land läuft noch lange nicht alles reibungslos. Neben täglichen Stromausfällen, gibt es kilometerlange(!) Schlangen vor den Tankstellen und auch vor den Bäckereien muss man teilweise Stunden lang anstehen. In den Supermärkten bekommt man jedoch alles für den täglichen Bedarf.
Die Hitze ist in den Gebäuden gut auszuhalten, da es meist Ventilatoren oder Klimaanlagen gibt. Trotzdem findet das Freizeitleben erst nach Sonnenuntergang statt, weil es einfach zu heiß ist und es nicht wirklich schattige Parks oder ähnliches gibt wo man sich trotz Hitze treffen kann.
Das Essen hat mir gut geschmeckt, Vegetarier dürften an der traditionellen Küche nicht so viel Gefallen finden, da es schon recht viel Fleisch gibt. Was ich nicht erwartet hätte ist die sudanesische Liebe zu Fast Food inklusive Pizza mit Mayo und Ketchup und die Masse an Lieferservices.

Fazit

Ich werde auf jeden Fall wieder in den Sudan reisen. Nicht nur wegen der Hochzeitseinladungen, die ich bekommen habe ;) Es gibt noch so viel, was ich nicht gesehen habe und die Menschen dort sind mir sehr ans Herz gewachsen. Ich kann mir durchaus vorstellen in Zukunft für einige Zeit dort zu arbeiten.
Zu Beginn war ich verunsichert und wusste nicht, ob es die richtige Entscheidung ist, in ein Land zu reisen, wo die politische Lage von unseren Medien als eher instabil bezeichnet wird.
Diese Unsicherheit ist bereits bei der Ankunft am Flughafen verflogen, als ich gemerkt habe, wie friedlich die Stimmung und die Atmosphäre auf der Straße gewesen ist. Ich habe mich zu keinem Zeitpunkt unsicher gefühlt und kann eine Famulatur im Sudan definitiv empfehlen!

zurück