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Brazil (IFMSA Brazil)

Dermatologie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Anne, Berlin

Motivation

Ich habe Familie in Brasilien und mag das Land sehr gerne.

Vorbereitung

Die Organisation von Seiten der bvmd und der IFMSA-Brazil war sehr gut. Ich habe keine speziellen Vorkehrungen getroffen. Sollte man aber noch keine Portugiesischkenntnisse haben, ist es sicherlich sinnvoll, sich Grundlagen anzueignen.

Visum

Für Brasiien braucht man für die ersten 90 Tage kein Visum mit deutschem Reisepass.

Gesundheit

Ich hatte eine Auslandskrankenversicherung. Impfungen braucht man nur die, die man in Deutschland für Famulaturen auch braucht. In den großen Städten braucht man sich auch keine Sorgen wegen Malaria zu machen. Man sollte bloß im Norden des Landes (maximal tropisches Klima) keine panische Angst vor Fluginsekten haben, die gibts nunmal und sie sind fast alle ungefählich. Ein Arztbesuch kostet umgerechnet 20-25 €.

Sicherheit

Es gibt etwas Taschendiebstahl und in manchen Stadtvierteln auch mehr Gewalt. Über diese Viertel sollte man sich beim Host informieren und diese dann möglichst meiden und generell nicht mit viel Schmuck herumlaufen. Mehr Vorkehrungen habe ich allerdings nicht getroffen und habe mich auch nicht unsicherer gefühlt als in Berlin.

Geld

Die Lebenshaltungskosten sind generell viel geringer als in Deutschland. Mehr als 150€ wird man in vier Wochen nicht ausgeben, es sei denn, man macht jedes Wochenende einen Ausflug außerhalb der Stadt. Am besten holt man am Flughafen am Automaten Bargeld. Ich hatte eine Visa Karte, damit hatte ich nie Probleme. Man kann auch fast überall mit Karte zahlen.

Sprache

Die Landessprache ist Portugiesisch. Ganz ohne Portugiesischkenntnissse kann ich einen Austausch nicht empfehlen, da zumindest die Patienten meist kaum Englisch können. Von den jüngeren Ärzten und Medizinstudenten können allerdings alle genug Englisch um sich sicher zu verständigen, sodass man in der Hinsicht keine Probleme bekommt.

Verkehrsbindungen

In Brasilien läuft der überregionale Verkehr hauptsächlich über Flugzeug. In der Stadt fahren sehr viele Buslinien, die die lokalen Medizinstudenten einem gerne erklären. Außerdem ist Uber eine sehr gute und günstige Alternative.

Kommunikation

Ich habe mir eine Prepaid-Sim-Karte geauft und konnte mit 15 € Guthaben den ganzen Monat mobile Daten nutzen und telefonieren. Es wird sehr viel über whatsapp kommuniziert und es gibt fast überall WLAN.

Unterkunft

Ich habe bei meinem Cousin gewohnt und kann daher auch über die von der IFSMA vermittelten Unterkünfte nichts sagen. Allerdings habe ich gesehen, dass es genaue Richtlinien für die Unterküfte gab, auf die man sich hätte berufen können.

Literatur

Die Sociedade Brasileira de Dermatologia (Gesellschaft für Dermatologie) hat eine sehr nützlich Webseite mit Informationen zu sehr vielen Krankheitsbildern. Außerdem hatte ich einen Dermatologie-Atlas aus meiner Uni-Bibliothek ausgeliehen und mitgenommen.

Mitzunehmen

Sonnenbrille und Sonnenhut. Man darf die Intensität der Sonne nicht unterschätzen!! Sonnencreme kann man aber besser vor Ort kaufen, da auch günstige LSF 70 Cremes verkauft werden. Deutsche Anti-Mücken-Sprays helfen gegen brasilianische Mücken wenig bis gar nicht, aber in jedem lokalen Supermarkt werden günstige und wirksame Sprays verkauft.

Reise und Ankunft

Ich bin mit dem Flugzeug fünf Tage vor Beginn des Praktikums angereist und wurde am Flughafen von meinem Cousin abgeholt. Den Flug hatte ich ca. zwei Monate im Voraus gebucht. Probleme hatte ich keine.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich war in der dermatologischen Hochschulambulanz (Teil des öffentlichen Gesundheitssystems), in der ca. 12 Ärzte tätig sind, von denen 8 Assistenzärzte sind. Es werden täglich ca. 100 Patienten behandelt. Mein erster Tag war auch gleichzeitig der erste Tag der neuen Assistenzärzte und des neuen Semesters für die Medizinstudenten, sodass ich das Glück hatte, dass vieles von Grund auf erklärt wurde.
Ich habe am ersten Tag eine Dermatologie-Vorlesung mit angehört und danach mit einer Assistenzärztin Patienten aufgerufen und untersucht. Bevor man die Patienten entlässt kommt immer noch eine Fachärztin dazu und bespricht nochmal alles, wobei ich immer viel mitnehmen konnte.
Montags kommt eine bunte Mischung von Patienten zur Erstvorstellung oder zu Folgeterminen, Dienstags werden Biopsien und kleine OPs durchgeführt (wobei ich auch manchmal etwas assistieren konnte), Mittwochs und Freitags liegt der Fokus auf Lepra-Patienten und Donnerstags ist die pädiatrisch-dermatolgische Sprechstunde. Man bekommt also einen sehr guten Überblick über die gesamte Breite der Dermatologie, die in den Tropen auch noch erheblich breiter ist, als in Deutschland. Ich habe viele seltene Krankheitsbilder gesehen und sehr viel gelernt.
In der zweiten Woche durfte ich auch schon bei eigenen Patienten alleine Anamnese und Untersuchung durchführen und sie dann den Ärzten vorstellen und meinen Behandlungsvorschlag schildern.
Mit dem Team habe ich mich generell gut verstanden, alle waren sehr engagiert und haben sich immer gefreut, mir etwas zu erklären und ich habe mich schnell als Teil des Teams gefühlt.
Das brasilianische Gesundheitssystem in von der Idee und Struktur her eines der besten der Welt. Es ist für die Bevölkerung komplett kostenlos, auch alle verschreibungspflichtigen Medikamente sind kostenlos. Leider mangelt es vor allem außerhalb der größeren Städte manchmal an Geld und Kapazitäten, sodass nicht immer alle Medikamente vorrätig sind und Wartezeiten lang sein können.
Das Medizinstudium ist prinzipiell ähnlich wie in Deutschland. Der Hauptunterschied ist, dass das "PJ" zwei Jahre dauert. Öffentliche Universitäten sind kostenlos, einen Platz zu bekommen ist tendenziell etwas schwieriger als in Deutschland. Es gibt mehr private Universitäten als in Deutschland, die sehr teuer sind (ca. 1500€/Monat), was sich aber auf lange Sicht hin lohnt, da Ärztegehälter trotz viel geringer Lebenshaltungskosten etwas höher sind als in Deutschland.
Die Facharztausbildung in der Dermatologie dauert 3 Jahre.

Land und Leute

Ich kenne Brasilien und die brasilianische Bevölkerung schon von früheren Reisen und habe mich dort immer sehr wohl gefühlt. Die Bevölkerunng ist generell sehr offen und warmherzig. Leider konnte ich nicht sehr viel außerhalb des Krankenhauses unternehmen, da bereits kurz nach meiner Ankuft die Restriktionen zur Bekämpfung von COVID-19 sehr stark wurden und Bars, Parks, Sehenswürdigkeiten und Shopping-Center geschlossen wurden. Von früheren Reisen kann ich allerdings den Bosque-Park sehr empfehlen. Das ist eine Mischung aus Zoo und Park und man sieht viele Tiere, die es in Europa nichtmal im Zoo gibt und außerdem sehr viele kleine süße Äffchen.
Das Essen ist vergleichsweise reich an Fleisch und Fisch, Grillerestaurants sind nationale Lieblingsorte. Für Vegetarier könnte es daher etwas schwieriger werden, womöglich müsste man viel selbst kochen. Vielleicht hilft aber das Wissen, dass es in Brasilien praktisch keine Massentierhaltung gibt, da große Weideflächen schlicht günstiger sind als viel Technik auf kleinem Raum. Außederm gibt es sehr viele leckere Süßigkeiten, Eis und Kuchen. Sehr empfehlenswert sind außerdem die in der nördlichen Hälfte des Landes verbreiteten indianischen Gerichte.
Überhaupt wird man die brasilianische Kultur besser kennenlernen, wenn man sich aus den Megastädten wie Sao Paulo und Rio de Janeiro heraustraut. Das sind zwar zwei sehr beindruckende und tolle Städte, kulturell aber sehr viel amerikanisierter als der Rest des Landes, wo die lokale Kultur viel stärker ausgeprägt ist. Die verschiedenen Regionen des Landes haben generell auch sehr verschiedene Kulturen, insbesondere was das Essen angeht.
Politisch ist Brasilien momentan sehr gespalten zwischen Befürwortern und Gegnern der aktuellen Regierung. Generell sind jüngere Leute aber eher negativer gegenüber der Regierung eingestellt, insbesondere aufgrund der homophoben und sexistischen Einstellung des Präsidenten. Es ist wichtig zu wissen, dass er definitiv nicht primär wegen diesen Einstellung gewählt wurde, sondern aufgrund seiner Versprechen, die Wirtschaft zu stärken und gegen die Kriminalität zu kämpfen. Zumindest letzteres hat er auch in gewissem Maße durch erhöhte Polizeipräsenz erreicht. In seinem ersten Amtsjahr sank die Mordrate um mehr als 20% und die Bevölkerung scheint auch sonst wahrzunehmen, dass die Gewalt abnimmt.
Wirtschaftlich war Brasilien in den letzten Jahren dabei, sich langsam von einer Wirtschaftskrise zu erhohlen, wobei diese Entwicklung wohl jetzt aufgrund von COVID-19 rückläufig sein wird. In der Corona-Krise steht die Regierung im Moment in einem offenen Konflikt mit den Gouverneuren der Bundesstaaten, da diese sehr viel mehr Isolationssmaßnahmen ergreifen, als der Präsident es möchte.

Fazit

Ich konnte mir bereits vor der Reise vorstellen, dauerhaft in Brasilien zu arbeiten und das Praktikum hat mich dahingehend weiter bestärkt. Leider konnte ich aufgrund von COVID-19 nicht alles machen, was ich gerne gemacht hätte, aber das werde ich bei meinem nächsten Besuch nachholen.

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