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Russia (HCCM)

Dermatologie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Dorothea, Heidelberg

Motivation

Schon von Anfang an stand für mich fest, dass ich mindestens eine meiner Famulaturen im Ausland absolvieren wollte. Zum Einen, um mich der Herausforderung zu stellen, in einem fremden Land ganz auf sich alleine gestellt zu sein. Zum Anderen, um ein anderes Gesundheitssystem kennen zulernen und herauszufinden, was in Deutschland vergleichsweise gut läuft und wo noch Verbesserungspotential liegt. Natürlich fand ich aber auch einfach die Vorstellung gut, einen Teil des „Pflichtprogramms“ Famulatur mit einer interessanten Reise zu verbinden.

Vorbereitung

Ich habe ein halbes Jahr vorher angefangen, Russisch zu lernen und in den Tagen vor der Famulatur mein Dermatologie-Wissen nochmal aufgefrischt, was sicherlich nicht geschadet hat. Etwa 6 Wochen vorher, nach Erhalt der CA (Card of Acceptance), habe ich angefangen mich um das Visum und die medizinischen Tests zu kümmern.

Visum

Mit dem Visum-Antrag beginnt man am besten direkt nach Erhalt der CA, damit es am Ende nicht knapp wird. Der Reisepass muss noch mindestens eineinhalb Jahre gültig sein, was er bei mir zum Beispiel nicht mehr war, sodass ich erst noch einen neuen Reisepass beantragen musste. Das Studenten-Visum kann man entweder vor Ort in einer russischen Botschaft beantragen oder mittels einer online-Agentur (vfs global). Letzteres kostet zwar etwas mehr, dafür spart man sich die Fahrt nach Berlin und die Wartezeit auf einen Termin in der Botschaft.

Gesundheit

Für die Famulatur benötigte ich einen vollständigen Impfausweis und Negativ-Tests für HIV, Syphilis und Hep C. Letztere habe ich beim Gesundheitsamt machen lassen, was mich allerdings 70 Euro gekostet hat. Letzten Endes hat mich nie jemand nach den Tests oder Impfausweis gefragt, weshalb ich ganz froh war, dass ich mir das Röntgen-Thorax, welches auch gefordert worden war, gespart hatte.

Sicherheit

Für das Visum musste ich eine zusätzliche Auslandskrankenversicherung abschließen, da meine die von der Botschaft geforderten Kriterien nicht erfüllte. Die Versicherung muss 90 Tage umfassen, da die Art des Visums theoretisch für 90 Tage hätte ausgestellt werden können.
In St. Petersburg habe ich mich zu jeder Zeit sicher gefühlt, was vielleicht auch an der sehr hohen Polizeipräsenz lag. Auch sonst kontrollieren die Russen gerne, zum Beispiel werden am Eingang der Metro stichprobenartig die Taschen kontrolliert und bei Betreten des Wohnheims musste ich jedes Mal meinen Mietvertrag vorzeigen. Taschendiebstähle - teils mit durchaus kreativen Tricks - scheinen hier aber ein Problem zu sein.

Geld

Ich hatte noch in Deutschland von der Reisebank ein paar Rubel geholt, diese aber bis zum Ende kaum gebraucht. Man kann so gut wie überall mit Kreditkarte zahlen. Die Lebenserhaltungskosten sind etwas niedriger als in Deutschland, das merkt man vor allem bei Cafes, Restaurants etc. Drogerieprodukte sind allerdings teurer.

Sprache

Englisch ist leider nicht weit verbreitet, oft sprechen auch junge Leute kein Wort Englisch. Mit meinen Russischkenntnissen kam ich im Alltag halbwegs zurecht, wenn man sich mal gar nicht verständigen konnte habe ich halt Google Übersetzer zur Hilfe genommen. Auch auf meiner Station in der Klinik war es teilweise nicht leicht, einen Englisch sprechenden Arzt zu finden.

Verkehrsbindungen

An- und abgereist bin ich mit dem Flugzeug.
Die Metro ist eindeutig die einfachste und schnellste Art der Fortbewegung in St. Petersburg. Bus und Straßenbahn sind vor allem morgens und nachmittags nervtötend langsam unterwegs, dafür sieht man ein bisschen von der Stadt ;) Ich habe am Anfang eine Monatskarte für umgerechnet etwa 40 Euro gekauft, mit der man Metro sowie Bus und Bahn benutzen kann. Es gibt auch Karten, die nur für die Metro bzw. Busse gelten. Eine Einzelfahrt kostet 50 Rubel, also ca. 80 Cent.

Kommunikation

Meine CP (contact person) hat am Anfang eine russische SIM-Karte mit mir gekauft, mit der man 5 GB Internet im Monat bekam. Das hat zum Whatsapp-Telefonieren nach Deutschland locker ausgereicht. Im Wohnheim gab es zwar theoretisch WLAN, allerdings hat es in unseren Zimmern nicht funktioniert.

Unterkunft

Wir drei Austauschstudenten waren in einem Studentenwohnheim untergebracht. Wir hatten eine Dreier-WG mit eigenem Badezimmer, eine Art Küche gab es auf dem Gang für die ganze Etage. Geschirr und Besteck sollte man selbst mitbringen. Die Wohnung war nicht die neueste, hygienisch aber absolut in Ordnung. Der Türsteher passt genau auf, wer ein- und ausgeht und lässt Menschen, die nicht dort wohnen, meist nicht rein. Einen Supermarkt gab es direkt vorm Wohnheim. Generell hat so gut wie alles auch Sonntags geöffnet.

Literatur

Ich hatte kurz vorher noch einen Reiseführer von Baedecker über St. Petersburg gekauft, den ich – dank fehlendem WLAN – sogar fast durchgelesen habe. So habe ich einiges über die Stadt gelernt, was man sonst nicht erfahren hätte und man sieht die Sehenswürdigkeiten mit anderen Augen, wenn man etwas Hintergrundwissen hat.

Mitzunehmen

Ich hatte schon bei der Hinreise Schwierigkeiten, den Koffer zu schließen, was bei der Rückreise natürlich nicht besser wurde. Letztendlich hätten es weniger Klamotten auch getan, da es im Wohnheim einen Wäscheservice gab. Unbedingt mitnehmen sollte man warme (!!!) und wasserfeste Kleidung sowie Geschirr/ Besteck.
Für die Klinik benötigt man einen Kittel und saubere Schuhe.

Reise und Ankunft

Ich bin am Samstag Nachmittag angekommen und wurde von zwei russischen Studentinnen abgeholt, die mit mir eine SIM-Karte gekauft haben und mich zum Wohnheim gebracht und dort registriert haben. Am Montag musste ich mich dann auch in der Uni registrieren, wobei ich ebenfalls Hilfe bekam.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Da die ziemlich aufwendige Registrierung am ersten Tag bis in den Nachmittag hinein dauerte, begann meine Famulatur erst am nächsten Tag. Die Woche war ich auf der Station für pädiatrische Dermatologie, welche wohl eine der größten in ganz Russland ist. Die Eltern waren mit ihren Kindern teilweise aus mehreren hundert Kilometern Umkreis angereist. Dadurch bekam man einige seltene Krankheitsbilder zu Gesicht. Obwohl auf der Station laut den Ärzten zurzeit wenig los war, hatte ich den Eindruck, dass alles auf sehr engem Raum stattfand. So gab es nur ein Untersuchungszimmer für alle Kinder, sodass teilweise fünf Ärzte gleichzeitig ihre Patienten in dem kleinen Zimmer untersucht haben. Auch die verschiedenen Phototherapien fanden alle im gleichen, nicht gerade großen Raum statt. Statt Doppelzimmern gab es einen großen Schlafsaal für alle Kinder.
Leider sprach auf der Station kaum jemand Englisch und es war auch nicht wirklich jemand für mich zuständig. Wenn man sich aber an jemand gewandt hat, der einen halbwegs verstanden hat, waren die Ärzte und Pflegekräfte alle sehr hilfsbereit und konnten mich oft an einen befreundeten Arzt verweisen, der besser Englisch sprach. So war ich ein paar Tage in der Allergologie-Sprechstunde, einen Tag in der Ophthalmologie (hier sprach die Ärztin sogar deutsch) und die letzten eineinhalb Wochen auf der dermatologischen Station für Erwachsene und der dortigen Ambulanz. In der kurzen Zeit konnte ich so also viele Eindrücke sammeln und habe auch einiges über das russische Gesundheitssystem und die medizinische Ausbildung erfahren. Viele – vor allem jüngere – Ärzte, haben mir gesagt, dass sie in ein europäisches Land auswandern wollten, um dort zu arbeiten. Die Facharztausbildung dauert in Russland drei Jahre und wird wenig bis gar nicht bezahlt (100 Euro im Monat sind schon gut). In einem beliebten Fach wie Dermatologie müssen viele Assistenzärzte ihre Ausbildung sogar selbst zahlen, was bis zu 10 000 Euro im Jahr kostet. Ärztemangel scheint – zumindest in den größeren Städten – nicht zu herrschen. Da es die meisten Ärzte nach Moskau oder St. Petersburg zieht und nicht in die weit abgelegen Kleinstädte und Dörfer, ist es in diesen zwei Städten wohl schwierig, überhaupt eine Stelle zu bekommen und das Gehalt dementsprechend schlecht. Auf der anderen Seite ist dadurch der Klinikalltag für die Ärzte etwas entspannter, Patienten müssen nicht ewig auf einen Termin bei Facharzt warten, sondern bekommen ihn in der Regel innerhalb von ein bis zwei Wochen und die Ärzte können sich auch wesentlich mehr Zeit für ihre Patienten nehmen.

Land und Leute

In St. Petersburg gibt es sehr viel zu sehen, sodass ich einen Monat kaum ausreichend fand und am Ende immer noch Punkte auf meiner Liste hatte, zu denen ich nicht mehr gekommen war. Es gab ein umfangreiches Social Programm, wovon aber einige Unternehmungen ausfallen mussten, da die einheimischen Studenten keine Zeit hatten. Das war aber nicht weiter schlimm, da ich das dann mit den beiden anderen Incomings oder auch mal alleine nachgeholt habe. Aufgrund der kalten Jahreszeit war man mehr oder weniger gezwungen, sich drinnen aufzuhalten. Bei den zahlreichen Museen war das allerdings kein Problem. Meine persönlichen Highlights waren die Heremitage sowie die Erarta, ein Museum für moderne Kunst. Des weiteren kann man die berühmten Fabergé-Eier bewundern und die Peter-und-Paul-Festung, den Gründungsort der Stadt, besichtigen. Dort gibt es auch ein ehemaliges politisches Gefängnis zu sehen, dessen Besuch sich meiner Meinung nach auf jeden Fall lohnt.
Auch einen Besuch in der Oper oder im Ballett sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen.
Das sind aber nur ein paar der zahlreichen Sehenswürdigkeiten, für mehr Informationen könnt ihr mich gerne kontaktieren :)
St. Petersburg entscheidet sich wohl deutlich von den anderen Teilen Russlands. Nicht umsonst sagen die Russen, nach St. Petersburg zu fahren ist wie ein Ausflug nach Europa. Dabei steht die Stadt in Kultur und Lebendigkeit europäischen Hauptstädten nicht nach. Dennoch merkt man – vor allem, sobald man das Zentrum verlässt – dass es Teil eines Schwellenlandes ist.
Auffallend fand ich, dass der überwiegende Anteil der Restaurants zu irgendeiner größeren Kette gehörte, die mehrere Filialen in der Stadt hatte. Dies gilt teilweise sogar für die Bars. Die Fast-Food-Kette Teremok verkauft traditionelle russische Speisen wie Blini, Borschtsch und Pelmeni, allerdings sind die Portionen nicht gerade üppig. Sehr lecker fand ich das – hauptsächlich asiatische - Essen in den Tokio-City-Restaurants. Außerdem gibt es überall die Stolovayas, eine Art öffentliche Kantinen.
Was mich am meisten überrascht hat, war die Hilfsbereitschaft der Russen. Am Anfang hatte ich etwas Bedenken, wie ich in dem fremden Land mit schlechten Sprachkenntnissen zurecht kommen würde, aber die haben sich bald verflogen, da immer irgendwer bereit war, mir zu helfen. Zwar wird man manchmal etwas genervt angeschaut, wenn man – auf russisch angesprochen – nicht direkt antwortet, aber sobald man klar macht, dass man Ausländer ist, sind alle super freundlich und hilfsbereit. Der Satz „Leider spreche ich kein Russisch“ ist daher sehr nützlich! Allgemein freuen die Menschen sich sehr, wenn man wenigstens versucht, ein paar Worte auf Russisch zu reden.

Fazit

Insgesamt bin ich sehr froh, diesen Austausch gemacht zu haben, da er mich in fachlicher, kultureller und sprachlicher Sicht bereichert hat und ich auch einige nette Menschen kennengelernt habe, mit denen ich sicherlich in Kontakt bleiben. Zukünftigen Austauschstudenten würde ich empfehlen, wenigstens ein paar Grundkenntnisse in Russisch mitzubringen, da das vieles erleichtert. Ansonsten wünsche ich meinen „Nachfolgern“ eine ebenso tolle Zeit in St. Petersburg und Russland, wie ich sie selbst hatte.

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