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Brazil (IFMSA-Brazil)

Gynäkologie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Nadhi Josefine, Berlin

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Motivation

Meinen Famulaturaustausch im Mai 2018 über die bvmd habe ich im Hospital Escola der Universidade Fédéral de Pelotas in Brasilien auf der Gynäkologie verbracht.
Nach Brasilien wollte ich, da ich bereits über Kenntnisse der portugiesischen Sprache verfügte und diese noch vertiefen wollte. Zudem war ich gespannt auf die lateinamerikanische Kultur!

Vorbereitung

Im Vorfeld hatte ich bereits einen Sprachkurs Portugiesisch belegt. Dies würde ich in jedem Falle empfehlen, denn nicht viele Brasilianer sprechen auch Englisch. Ein kleines Reisewörterbuch Brasilianisch hat mir durch so manche schwierige Situation geholfen! Über die bvmd habe ich eine Zusage für eine finanzielle Unterstützung erhalten. Spezielle Vorbereitungsseminare habe ich jedoch nicht besucht.

Visum

Ein Visum für Brasilien benötigt man nicht im Voraus. Kurz vor der Landung in Brasilien wird ein Formular ausgeteilt, in welches man seine persönlichen Daten und Aufenthaltsdauer, -grund, -ort einträgt. Dieses wird zusammen mit dem Reisepass bei der Einreise vorgelegt und gestempelt. Unbedingt aufbewahren! Dieses Formular wird auch zur Ausreise genutzt!

Gesundheit

Alle Impfungen nach STIKO-Empfehlung sind sicher sinnvoll. Die Gelbfieberimpfung empfiehlt sich vor allem bei einer Tätigkeit im Krankenhaus. Dies kostet ungefähr 50 Euro, wird aber von der Kasse in der Regel erstattet. Laut der Internetseite des Auswärtigen Amtes benötigt man eine Gelbfieberimpfung auch, wenn man von Brasilien nach Argentinien reisen möchte. Dies habe ich zwar getan, nach meinem Impfbuch hat mich aber während des gesamten Aufenthaltes nie jemand gefragt.
Da es in Pelotas ein sehr feuchtes Klima gibt, habe ich mich immer wieder erkältet – Paracetamol, abschwellende Nasentropfen und Halstabletten hatte ich ein Glück dabei. All dies kann man jedoch auch günstig in der Apotheke erstehen.
Im Hospital Escola UFPEL gab es wenig bis keine Desinfektionsmöglichkeiten, weshalb ich mir selbst eine kleine Flasche aus meinem Reisekoffer mitgenommen habe.

Sicherheit

Im Vorfeld habe ich das von der bvmd empfohlene Versicherungspaket der Ärzte und Apothekerbank abgeschlossen, welches man im Gegenteil zu vielen anderen Versicherungen nur für einen Monat abschließen kann. Eine ADAC-Auslandskrankenversicherung tut es aber bestimmt auch.
Gerade der Süden Brasiliens wird gerne als Brasilien „light“ beschrieben und ist es durch die hohe europäische Kolonialisierungsdichte wohl auch. Pelotas selbst wird jedoch von den Einheimischen selbst als sozialer Brennpunkt mit wiederholten Raubüberfällen beschrieben. So wurde ich mehrfach darauf hingewiesen, mein Handy nicht auf der Straße zu benutzen oder als junge Frau nicht allein durch gewisse Teile der statt zu gehen und nach 20 Uhr das Haus nicht mehr zu verlassen. Eine kritische Situation habe ich selbst allerdings nicht erlebt. Die Sorge davor schränkt jedoch schon etwas ein. Wenn man sich jedoch viel an die einheimischen Studenten hält, Wertsachen nicht unbedingt mit aus der Wohnung nimmt und ein wachsames Auge hat, dann sollte es nicht allzu gefährlich sein.

Geld

In Brasilien zahlt man in Reais. Im Mai 2018 war ein Euro ungefähr 4,5 Reais wert, wodurch alles relativ günstig für mich war. Wenn man auf dem Wochenmarkt einkauft, wird es wirklich günstig.
In ganz Südamerika werden die Währungen der Nachbarländer aber auch akzeptiert (z.B. Pesos aus Uruguay oder Argentinien), was gerade auf meiner späteren Reise durch die anderen Länder hilfreich war. Am einfachsten ist es natürlich in bar zu zahlen, aber auch Visa-Karten werden sehr oft akzeptiert. Es ist etwas schwierig, Geldautomaten zu finden, welche Visa-Karten zur Auszahlung akzeptieren und die Auszahlungs-Gebühren sind teilweise recht hoch. Trotzdem ist es am einfachsten, direkt am Flughafen etwas Geld abzuheben.

Sprache

Die meisten Brasilianer, die ich kennen gelernt habe, sprechen tatsächlich ausschließlich Portugiesisch. Durch die Nähe zu den Nachbarländern wird Spanisch auch gut verstanden. Bei mir im Krankenhaus haben die Ärzte selten und die Studenten etwas öfter Englisch gesprochen. Wirkliche Verständigung in Englisch war nur mit meinen Kontaktpersonen oder LEOs zuständig, die viel mit Austauschstudenten arbeiten. Deshalb war ich sehr froh, schon vorher einen 1-monatigen Portugiesisch-Kurs in Lissabon belegt zu haben und anschließend selbst weiter gelernt zu haben. Die Brasilianer kürzen ihre Wörter gern ab. So bedeutet „tá“ so viel wie „está bem“ und „tao tá“ so viel wie „entao está bem“. Hier lohnt es sich, nachzufragen ...

Verkehrsbindungen

Um über den großen Teich zu kommen, empfiehlt sich natürlich das Flugzeug. Ich habe relativ früh gebucht und konnte hin und zurück mit KLM für 650 Euros bis Porto Allegre fliegen. Dies ist 300 Kilometer von Pelotas entfernt und die einzige Verbindung zwischen den beiden Städten ist ein Bus. Die Fernbusse sind wahrscheinlich das meist genutzte Transportmittel in Brasilien. Die Preise können allerdings mit unseren Bahnpreisen mithalten. So kostet eine Strecke zwischen 40 und 100 Euro. Ich hatte das Glück, dass eine Bekannte meiner Kontaktperson mich mit dem Auto mitnehmen konnte.

Kommunikation

In Brasilien habe ich mir für 12 Reais (3 Euro) eine Claro-Simkarte besorgt. Diese kann man direkt im Laden aktivieren lassen. Daraufhin folgen einige komplizierte Schritte bis die Karte tatsächlich funktioniert. Ohne die Hilfe meiner Kontaktperson hätte es mich sicher einige Zeit gekostet. Eine Woche Telefon- und Internetflat kosten 8 Reais (unter 2 Euro). Man muss nur dran denken, das Abo jede Woche zu verlängern. Aufladen kann man ganz entspannt im Supermarkt an der Kasse.
WLAN gab es in meiner Unterkunft bei einem Studenten zu Hause. Überhaupt gibt es an vielen öffentlichen Plätzen und Cafés WLAN. Mit WLAN und Whats-App ist es dann natürlich sehr einfach, Kontakt nach Hause zu halten.

Unterkunft

Meine Unterkunft war wirklich toll und wurde von der Lokalgruppe der IFMSA für mich organisiert. Ich habe direkt bei meiner Kontaktperson in der Studentenwohnung gewohnt. Dadurch hatte ich natürlich in jeder Frage einen direkten Ansprechpartner. Das war ein immenser Vorteil.

Literatur

An Literatur habe ich ein Reisewörterbuch Brasilianisch und einen Reiseführer für Südamerika dabei. Heutzutage ist es jedoch sicher nicht schwierig ähnliche Informationen im Internet zu bekommen.
Medizinische Literatur unterscheidet sich nicht deutlich von deutschen Standards. Die Innere Medizin orientiert sich sehr am Harrison.

Mitzunehmen

Wichtig ist, dass die Steckdosen in Brasilien recht schmal sind. Ein normales iPhone-Ladekabel passt jedoch ohne Probleme.
Im Krankenhaus sollte man sämtliche Utensilien (Stethoskop, Lampe …) und auch einen Kittel selbst mitbringen, da das Krankenhaus diese nicht stellt.
Auch eine gut ausgestattete Medikamentenbox kann nützlich sein.

Reise und Ankunft

Die Anreise verlief tadellos. Durch eine Bekannte meiner Kontaktperson konnte ich vom Flughafen abgeholt und direkt vor die Haustür gebracht werden, wo ich mit selbstgebackenem Kuchen herzlich empfangen wurde. Auch ins Krankenhaus brachte mich meine Kontaktperson mit dem Auto und stellte mich im Arztzimmer allen anwesenden Ärzten vor. Insgesamt hatte ich es so getaktet, dass ich eine gute Woche vor Praktikumsbeginn angereist war. Dadurch war noch Zeit, gemeinsam mit einigen Studenten ein Mediziner-Festival zu besuchen und erste Kontakte zu knüpfen.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

An meinem ersten Tag wurde ich allen Ärzten auf der Gynäkologie von meiner Kontaktperson vorgestellt und erhielt ein Namensschild. Eigentlich hätte ich noch einen persönlichen Zugang zum Krankenhaus-Programm und ein WLAN-Passwort bekommen sollen. Das hat aber während meines gesamten Aufenthaltes leider nicht funktioniert. Ähnlich verlief es mit meinem Code für das Mittagessen, der an einigen Tagen funktionierte und an anderen nicht. Auch deshalb ist es sinnvoll, immer etwas Bargeld dabei zu haben.
Den Vormittag verbrachte ich bis zur Mittagspause auf der Station für Geburtshilfe. Nach dem Essen musste ich dann in die Ambulanz wechseln. Der Weg zwischen Krankenhaus und Ambulanz war etwas mehr als 2 Kilometer und mir wurde abgeraten, alleine zu Fuß durch das Industriegebiet auf dem Weg zu laufen. Dadurch war ich entweder darauf angewiesen, dass andere Studenten mich mit dem Auto mitnahmen oder ein Uber zu nehmen. An beiden Orten war ich einer Gruppe von Studenten zugeordnet, welche in Brasilien standardmäßig im Krankenhaus mithelfen. Ohne die Studenten hätte ich nicht halb so viel gelernt, da die Ärzte sehr wenig erklärt haben.
Der Vormittag im Krankenhaus gestaltete sich so, dass nach der Visite erst einmal die Bürokratie erledigt wurde. Anschließend kümmerte ich mich – zunächst unter Anleitung, später allein – um die Aufnahme neuer Schwangerer. Zur klassischen Untersuchung zählten hier die Blutdruckmessung, die Tastuntersuchung von Zervix und Ovarien, sowie die Auskultation der kindlichen Herztöne mittels Ultraschallsonde. Die bei uns klassische sonographische Kontrolluntersuchung der Schwangeren gehört in Brasilien jedoch nicht zum Standard. So kann einem schon einmal eine Schwangere in der 38. Woche begegnen, welche noch nie sonographisch untersucht wurde. Natürlich konnte ich auch bei Geburten zusehen. Beinahe täglich gab es die Möglichkeit, mit in den OP-Saal zu gehen und am Tisch bei einer Sektion zu assistieren. In Brasilien werden beinahe 70% der Kinder per Kaiserschnitt auf die Welt gebracht. Da das Hospital Escola eher die komplizierten Schwangerschaften übernimmt, sind vaginale Geburten hier eher selten. Dort durfte ich nur zuschauen.
Am Nachmittag in der Ambulanz konnte ich noch mehr helfen. Hier bekommt klassischerweise jeder Student der Gruppe ein kleines Untersuchungszimmer, wo er seine eigenen Patienten aufrufen kann. In der Ambulanz werden so die gynäkologische Vorsorge und Kontrolluntersuchungen abgedeckt. Jeder Student hat die Möglichkeit die Fachärzte im Arztzimmer regelmäßig zum aktuellen Fall zu befragen. Sobald ich es mir zutraute, durfte ich auch allein Patienten aufrufen, ihre Anamnese erheben und die Spekulumsuntersuchung vornehmen. Unter anderem durfte ich auch Spiralen legen und entfernen, HPV-Typisierungen vornehmen und meine eigenen Sekretproben unter dem Mikroskop bewerten. Das selbstständige Arbeiten hat mich sehr weitergebracht.
Insgesamt ist die Gynäkologie in Brasilien im Vergleich zu Deutschland jedoch sehr auf Vorsorge und Schwangerenbetreuung reduziert. Sämtliche Krebsentitäten werden von den Onkologen betreut, vaginale Infektionen eher von Dermatologen und Notfälle von den Chirurgen, sodass ich doch einen schmaleren Einblick bekommen habe.
Technische Geräte wie neue Ultraschallgeräte, CT oder MRT sind für die Klinik einfach zu teuer, sodass auf diese Bildgebung verzichtet werden muss. Dadurch bekommen Anamnese und körperliche Untersuchung natürlich einen neuen Stellenwert. Ich habe sehr gut gelernt, wie viel man mit einer gründlichen Untersuchung doch in Erfahrung bringen kann!

Land und Leute

Schon während meines Praktikums fiel mir die Offenheit der Brasilianer auf. So gab es in jeder meiner Gruppen einige Studenten, die sich sehr für mich verantwortlich fühlten und mir bei allen Fragen, schon bevor ich sie stellen konnte, halfen! Überhaupt geht es schnell, dass man nach Hause eingeladen und bekocht wird. So ist es sehr einfach, sich einzufinden. Meine Kontaktperson hat mich direkt bei sich in der Wohnung aufgenommen und extra noch eine Schlafcouch für mich besorgt. Er hat mich fast jeden Tag bekocht und regelmäßig gefragt, was ich noch brauche. Zudem hat er mich oft zu treffen mit seinen Freunden eingeladen, sodass es kein Problem war, Kontakte zu knüpfen.
Das klassische brasilianische Essen ist leider sehr fleisch- und fast-food-lastig, wodurch es schnell ungesund wird. Wenn man sich aber auf den lokalen Märkten mit dem regionalen Obst und Gemüse eindeckt, dann kann man sich auch originell und gesund ernähren. Mir haben besonders die Bananen und die italienischen Kürbisse (eine Kreuzung aus Kürbis und Zucchini) geschmeckt. Ansonsten kann man auch auswärts verschiedene Variationen in vegetarischen Restaurants kennen lernen.
Schade ist, dass viele Studenten sagen, dass sie Brasilien lieben, sich aber nicht vorstellen können, dort zu arbeiten. Die Korruption ist einfach zu groß, der wirtschaftliche Zustand doch zu schlecht. Mir ist besonders die mangelnde Infrastruktur aufgefallen: Selten gibt es Züge in diesem Land, das fast so groß ist wie Europa und die einzige Möglichkeit, sich fortzubewegen ist der Fernbus. Die Straßen jedoch sind marode und von den horrenden Steuern und Mautgebühren scheint man nichts im Straßenbild zu bemerken. Zudem gab es eine große Benzinkrise, als ich dort war. Plötzlich gab es kein Benzin mehr im Land und keiner nutzte mehr sein Auto.
Auch ist die Schere zwischen Arm und Reich größer. Oft sieht man Pferdekutschen auf den Straßen, in denen Menschen das transportieren, was sie zuvor aus dem Müll gefischt haben. Manche Kutschen werden von Menschen gezogen. Auch scheinen Bildung und Reichtum noch mehr Hand in Hand zu gehen.
Brasilien ist ein wunderschönes Land. Im Anschluss an mein Praktikum hatte ich Zeit, ein wenig zu reisen. Besonders Florianopolis – die magische Insel - ist einen Besuch wert. Hier gibt es traumhafte Strände und abenteuerliche Wanderwege durch den Urwald. Aber auch tiefer im Landesinneren gibt es das ein oder andere Naturwunder zu bestaunen. So werde ich den Anblick der Wasserfälle von Iguacu nie vergessen! Das lohnt den Ausflug auf jeden Fall!

Fazit

Insgesamt bin ich sehr zufrieden mit meinem Austausch. Sowohl die Organisation über die bvmd und die brasilianische Partnervereinigung haben tadellos funktioniert. Die Brasilianer vor Ort haben es mir sehr einfach gemacht, mich einzuleben und ihre Kultur besser kennen zu lernen. So haben sie für mich typisches Essen gekocht oder mich in der Stadt herumgeführt. Mit ein paar Brasilianern bin ich heute noch in Kontakt und bekomme dieses Jahr wohl noch Besuch in Deutschland. Allerdings würde ich auch gerne noch einmal nach Brasilien reisen, um mir den tropischen Norden anzusehen. Dann aber lieber als Tourist. Unsere guten und sicheren Lebensstandards in Deutschland weiß ich nun wirklich zu schätzen. Gelernt habe ich für meine ärztliche Karriere zudem, wie viel man mit einer gründlichen Untersuchung doch in Erfahrung bringen kann! In meiner persönlichen Entwicklung hat es mich sicher weiter gebracht, komplett auf mich allein gestellt in einem Land, das einfach ganz anders funktioniert klar zu kommen. Die Erfahrung, sich in einer Fremdsprache im Arbeitsalltag adäquat ausdrücken zu müssen, war ebenfalls sehr eindrücklich. Das wird bei der nächsten Reise nach Brasilien leichter.

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