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Aserbaidschan (AzerMDS)

Verschiedene - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Leandra, Berlin

Motivation

Nachdem ich das letzte Jahr Erasmus in Frankreich gemacht habe, hat mich die Neugier aufs Ausland gepackt. Vor allem das außereuropäische Ausland fand ich dabei interessant; wie das Gesundheitssystem und das alltägliche Leben aufgebaut sind in Kulturen, die sich von der unseren doch etwas unterscheiden. Neben Nepal war Aserbaidschan mein Zweitwunsch und eigentlich eher eine Entscheidung aus dem Bauch heraus, da ich beim Durchscrollen der Länderliste feststellte, dass ich über Aserbaidschan und ganz Zentralasien nicht wirklich viel weiß und das gern ändern würde. Nach einigen Recherchen klang die Aussicht auf gutes Wetter, Meer und ein touristisch nicht ganz so erkundetes Land also sehr verlockend für mich.

Vorbereitung

Nach Erhalt der vorläufigen Zusage der bvmd musste man sich über das ifmsa-Portal direkt bei der Zielorganisation anmelden und einige Dokumente wie Motivationsschreiben für die Wunschfachrichtungen, Englischnachweis und Empfehlungsschreiben von der Heimatuniversität hochladen. Da die endgültige Zusage erst 6-8 Wochen vor Beginn des Praktikums kommen sollte, beschloss ich auf gut Glück schon vorher meine Sprachkenntnisse etwas zu erweitern. Für die Famulatur waren gute Englischkenntnisse gefordert und die Sprachen Russisch und Türkisch empfohlen, da Englisch in Aserbaidschan nicht immer gängig sei. Ich entschied mich dafür, anzufangen, Russisch zu lernen.
Zum Praktikum musste man dann noch Tbc-Test-Ergebnisse, Hepatitis B-Titer, HIV- und HCV-Serologie mitbringen, diese wurden in meinem Fall jedoch nicht kontrolliert.

Visum

Nach Erhalt der endgültigen Zusage konnte ich dann ein Visum beantragen. Man kann entweder bei der aserbaidschanischen Botschaft ein richtiges Visum für 90 Tage beantragen, braucht dafür aber eine offizielle Einladung vom Auswärtigen Amt in Aserbaidschan. Oder man beantragt ein e-Visum, das 24$ kostet. Dabei ist zu beachten, dass es nur 30 Tage gültig ist und man nur einmalig in das Land einreisen kann. Wer also zwischendurch einen Ausflug zum Beispiel nach Georgien machen möchte, sollte das im Hinterkopf behalten. Innerhalb der ersten 10 Tage nach Ankunft musste man sich dann beim „regional office of Migration“ registrieren, da sonst eine heftige Geldstrafe droht. Theoretisch kann dies online gemacht werden, bei uns hat das jedoch nicht funktioniert und wir mussten zu einer der vielen Amtsstellen gehen.

Gesundheit

Für die Famulatur wurde eine Auslandskrankenversicherung gefordert. Da ich Mitglied beim Marburger Bund bin, lief meine Versicherung darüber.
An medizinischen Nachweisen benötigte man einen Hepatitis B-Titer, einen negativen Tbc- sowie HIV und HCV-Test, die in manchen Fachrichtungen eingesammelt wurden.
Als Reiseimpfungen wurden laut Auswärtigem Amt neben den Standardimpfungen Hepatits A und B und bei besonderer Exposition FSME, Tollwut und Typhus empfohlen. Besonders die Hepatitis B-Impfung ist zu empfehlen (wenn man diese als Medizinstudent nicht sowieso schon hat), da es im Krankenhaus viele Hepatitis B- Patienten gibt und die Sicherheitsmaßnahmen im OP nicht unbedingt denen in deutschen Krankenhäusern entsprechen. Bis auf die Impfungen gegen Hepatitis B und A, die ich beide schon vorher hatte, habe ich mich nicht impfen lassen.
Meine Reiseapotheke beinhaltete neben Sonnencreme (ganz wichtig für alle eher blassen Menschen) lediglich Mückenschutzspray, das ich auch nur bei dem Ausflug nach Sheki (im Kaukasus) gebraucht habe.
Neben ein paar vereinzelten Episoden von Durchfall unter den Incomings gab es keine nennenswerten Erkrankungen und auch so mussten wir keine besonderen Vorsichtsmaßnahmen bezüglich Hygienevorkehrungen oder Lebensmitteln beachten. Trinkwasser konnte entweder günstig im Supermarkt gekauft oder teilweise auch einfach aus der Leitung getrunken werden, wie es in unserer Wohnung der Fall war.

Sicherheit

Aserbaidschan ist aktuell ein relativ sicheres Land. In Baku habe ich mich genauso sicher gefühlt, wie in jeder deutschen Großstadt. Auch im Kaukasus habe ich mich während eines Wochenendausflugs mit der Gruppe. Von Reisen in die Region Bergkarabach (wird von der Bundesregierung nicht anerkannt) sowie in die im Südwesten gelegenen, von armenischen Streitkräften besetzten Bezirke Agdam, Füsuli, Dschabrayil, Sangilan, Kubadli, Ladschin und Kalbadschar, sowie in die unmittelbar auf aserbaidschanischer Seite der Waffenstillstandslinie angrenzenden Gebiete wird aktuell von auswärtigen Amt dringend abgeraten. Zwar finden derzeit keine akuten Kampfhandlungen statt. Dennoch muss dort, sowie an der aserbaidschanisch-armenischen Landesgrenze, einschließlich der Grenze zwischen der aserbaidschanischen Autonomen Republik Nachitschewan und Armenien, mit Schusswechseln und/oder Minen gerechnet werden. Wer sich in diese Gebiete begibt, kann durch die deutsche Botschaft keine konsularische Hilfe oder Beistand erwarten. Eine Einreise nach Bergkarabach ist mit dem Visum für Aserbaidschan auch gar nicht erlaubt und stellt nach aserbaidschanischem Recht einen Strafbestand dar. Bei Zuwiderhandlungen gegen das Verbot der Einreise nach Bergkarabach drohen Geld- und Haftstrafen.

Geld

Die Währung in Aserbaidschan ist AZN (Aserbaidschanische Manat). Aktuell entspricht 1€ etwa 2 AZN. Theoretisch darf man die Landeswährung weder ein- noch ausführen, wobei das jedoch nicht kontrolliert wurde. In Baku kann man problemlos Geld tauschen und gleich am ersten Abend wurde uns von den Locals eine Wechselstube gezeigt. Sonst kann man aber auch jederzeit Geld mit der Kreditkarte abheben. Insgesamt sind die Lebenshaltungskosten in Aserbaidschan niedriger als in Deutschland. Vor allem die Transportkosten (Busse, Metro, Taxen) und die Lebensmittelkosten sind deutlich geringer als in Deutschland.

Sprache

Die Landessprache ist Aserbaidschanisch. Neben dieser Sprache verstehen die Aserbaidschaner Türkisch, da die beiden Sprachen sehr ähnlich sind. Viele sprechen auch Russisch. Einige Ärzte lernen auch Deutsch, da sie in Deutschland arbeiten möchten. Englisch wird nur vereinzelt gesprochen, sodass die Kommunikation ohne Russisch- oder Türkischkenntnisse oft etwas schwierig sein kann. Zu meinem Glück gab es aber in der Gruppe von Incomings eine Menge türkischer Studenten, die dann oft übersetzt bzw. die Dinge geklärt haben.

Verkehrsbindungen

In Baku gibt es ein gut ausgebautes öffentliches Verkehrsnetz. Neben mehreren Metrolinien gibt es viele Buslinien. In der Metro und den neueren Buslinien zahlt man ganz bequem mit der Bakukart, die man für 2 Manat kaufen kann und dann an allgegenwärtigen Automaten aufgeladen werden kann. In den älteren Bussen wird beim Aussteigen in bar bezahlt. Eine Fahrt kostet dabei immer 0,20 Manat. Für die Routenplanung empfiehlt sich Google Maps, da es keine Busfahrpläne gibt und die Stationen selbst meist auch nicht ausgeschildert sind. Oft kann man auch einfach so aussteigen, wenn man das dem Busfahrer irgendwie erkenntlich machen kann.
Dann gibt es in Baku noch die Alternative, Taxi zu fahren, da diese im Vergleich zu Deutschland sehr günstig sind, vor allem, wenn man sich die Kosten zu mehreren teilt. Bei uns hatten alle Incomings die App „Taxify“ mit der man ganz leicht ein Taxi bestellen konnte und der Preis schon vorher je nach Strecke festgelegt war, sodass man nicht mit dem Fahrer verhandeln musste und so keine besonderen Sprachkenntnisse brauchte.

Kommunikation

In der Klinik und auch im Alltag habe ich mit einem Mix aus Russisch, Englisch, Google Translate und einer eigenen Sprache aus medizinischen Fachwörtern, die auch im Aserbaidschanischen sehr ähnlich sind, kommuniziert.
Da es in unseren Wohnungen anfangs kein WLAN gab, haben wir uns alle aserbaidschanische SIM-Karten von Azercell oder Bakcell gekauft. Dabei haben wir für ca. 20 Manat 10GB Internet bekommen, was locker ausgereicht hat. Zu beachten beim Simkartenkauf ist jedoch, dass die Karte von einer Person mit aserbaidschanischem Ausweis gekauft werden muss.
Innerhalb der Gruppe von Incomings gab es eine Facebook- und eine Whatsapp-Gruppe, über die hauptsächlich kommuniziert wurde.

Unterkunft

Eigentlich sollten alle Incomings im Studentenwohnheim in der Nähe der Universität untergebracht werden. Aus organisatorischen Gründen wurden wir 7 Mädchen jedoch in zwei Wohnungen nahe der Altstadt untergebracht, was sich als echter Glückstreffer herausstellte. Während die Jungs im Dorm weder Air Conditioning noch Klimaanlage, dafür aber Stehtoilletten und eine Ausgangssperre ab Mitternacht hatten, hatten wir in den beiden benachbarten Wohnungen jeweils Küchen, Bäder mit fließend Wasser und genügend Platz. Es handelte sich um möblierte, saubere Wohnungen in einem Hinterhofkomplex mit netten Nachbarn, zu viel Luxus durfte man aber nicht erwarten. Eine Waschmaschine gab es nicht.

Literatur

Vor der Abreise habe ich mir vom Trescher Reiseverlag einen Reiseführer über Aserbaidschan gekauft (eine große Auswahl gab es nicht wirklich) und während des Fluges ein wenig darin geblättert.

Mitzunehmen

• Bettwäsche (war bei uns jedoch vorhanden)
• 2 Paar Scrubs (Farbe egal)
• Je nach Station einen Kittel
• Weiße Klinikschuhe
• Stethoskop
• Laborbefunde und Auslandskrankenversicherung
• Kleidung
Da es im Juli sehr heiß ist in Aserbaidschan empfiehlt sich leichte Kleidung. Aserbaidschan ist ein muslimisches Land und außerhalb Bakus sollte man darauf achten, nicht zu viel Haut zu zeigen, in Baku selbst jedoch laufen viele Frauen mit kurzen Röcken und Kleidern herum. Für die Ausflüge in den Kaukasus ist eine leichte Jacke zu empfehlen
• Taschentücher, da es auf den Toiletten oft kein Klopapier gibt
• Fächer sehr zu empfehlen
• Ladekabel (in Aserbaidschan gibt es die gleichen Steckdosen wie in Deutschland auch)
• Sonnencreme!
• Festes Schuhwerk für die Ausflüge
Reise und Ankunft
Seit Neuem gibt es von Berlin aus einen Direktflug nach Baku, der zweimal die Woche fliegt (Dienstag und Sonntag) und so war meine Anreise ein entspannter 5h-Direktflug (mit 2h Zeitverschiebung). Nach meiner Ankunft am Sonntagnachmittag wurde ich von meiner Contact Person abgeholt und zur Wohnung gebracht. Abends gab es dann ein erstes gemeinsames Dinner zum Kennenlernen, bevor wir dann am Montag alle gemeinsam zum Krankenhaus fuhren und jeder dann in seiner Abteilung geführt wurde.

Reise und Ankunft

Seit Neuem gibt es von Berlin aus einen Direktflug nach Baku, der zweimal die Woche fliegt (Dienstag und Sonntag) und so war meine Anreise ein entspannter 5h-Direktflug (mit 2h Zeitverschiebung). Nach meiner Ankunft am Sonntagnachmittag wurde ich von meiner Contact Person abgeholt und zur Wohnung gebracht. Abends gab es dann ein erstes gemeinsames Dinner zum Kennenlernen, bevor wir dann am Montag alle gemeinsam zum Krankenhaus fuhren und jeder dann in seiner Abteilung geführt wurde.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Meine Famulatur habe ich auf der Neonatologie verbracht und hatte damit wirklich Glück, da es im Gegensatz zu vielen anderen Stationen viel zu sehen und zu tun gab. Ein anderer Student und ich wurden vor allem von en Assistenzärztinnen sehr herzlich auf der Station begrüßt und gleich nach ein paar Minuten gab es einen Kaiserschnitt, bei dem ich zuschauen durfte. So verliefen dann auch die folgenden Tage. Morgens gab es eine kurze Visite mit der Chefärztin, dann stellten wir gemeinsam mit den Assistenzärztinnen Therapiepläne auf, untersuchten die Babys und dann kam meist ein Anruf, dass die nächste OP, also der nächste Kaiserschnitt angefangen habe. So eilten wir (in den nahegelegenen OP und warteten darauf, dass Kind in Empfang zu nehmen, zu untersuchen und zu behandeln. Ziemlich schnell hatten wir so die Möglichkeit, aktiv beim Handling er Neugeborenen zu helfen (Auskultation, Aspiration von Flüssigkeit Mund und Nase, Evaluation des APGAR-Scores, Durchtrennen der Nabelschnur). Nach der OP ging es dann zum Untersuchungsraum, wo die Neugeborenen dann weiter untersucht wurden. Neben dem Vermessen der Babys durften wir hier auch Blut abnehmen und Hepatitis B-Impfung und Vitamin K-Injektionen durchführen. Wenn es nichts zu tun gab auf der Station konnten wir an Modellen das Intubieren von Neugeborenen üben und hatten die Aufgabe häufige Krankheitsbilder vorzustellen. Trotz gewisser Kommunikationsprobleme konnte ich also sehr viel lernen und sehr viel selbstständig machen, wahrscheinlich viel mehr, als ich in Deutschland hätte machen dürfen. Die Standards waren allerdings nicht ganz so hoch, wie man es aus deutschen Krankenhäusern kennt, vor allem im OP, wo vieles längst nicht so steril war wie in Deutschland. Auf der Station wurde dann aber sehr auf Händedesinfektion und co. geachtet) und Scrubs waren Pflicht. Die fehlenden „spannenden“ Fälle aufgrund mangelnden Equipments wurden jedoch durch Warmherzigkeit und den Wunsch der Ärzte, uns so viel wie möglich beizubringen, wettgemacht.

Land und Leute

Das Social Program, welches durch die lokale Organisation der Medizinstudierenden (AzerMDS) organisiert wurde, wurde kurz vor der Famulatur schon in der Facebookgruppe AzerMDS-IFMSA incomings (https://www.facebook.com/groups/154752341608589/) bekannt gegeben.
Das Programm hat folgende Ausflüge/Aktivitäten beinhaltetet:
• Baku tour & Treasure hunt (Heydar Aliyev Center, Treasure hunt in der Altstadt, Lunch, history museum)
• Gobustan national park & Petroglyphes (interactive museum of petroglyphs, guided tour, lunch, dinner)
• Wochenend Trip Camping in Şəki (breakfast, Shaki Khans Palace, Old City, Dinner, Camping, open air cinema, breakfast, albanian church in Kish, lunch).
• national food and drink party
Da es für das letzte Wochenende keine geplanten Trips gab, haben ein paar der Incomings auf eigene Faust einen Wochenendtrip nach Tiflis, in Georgien organisiert, was sehr zu empfehlen ist, wenn man nach Baku mal wieder ein paar grüne Bäume sehen will. Mit dem Bus ist Tiflis ca. 8h entfernt (je nach Wartezeiten am Grenzübergang kann es auch etwas länger dauern) und es gibt die Möglichkeit, für wenig Geld mit dem Nachtbus (oder auch Nachtzug) zu fahren und somit etwas Zeit zu sparen. Dabei ist nur zu beachten, dass man entweder ein richtiges Visum benötigt oder einfach noch ein weiteres Mal das e-Visum für Aserbaidschan beantragt (für Georgien braucht man als EU-Bürger) kein Visum.

Fazit

Ohne große Kenntnisse über bzw. Erwartungen an Aserbaidschan wurde ich in Baku verzaubert. Von dem Land (vielleicht nicht gerade von den heißen Temperaturen); der Kultur, die eine Mischung ist aus islamischem und christlichem Erbe und so viel mehr zu bieten hat, als man anfänglich denkt; Baku selbst, einer faszinierenden Stadt, die eben diese Kulturmischung in seiner Architektur, seinen Einwohnern und dem Lebensstil widerspiegelt; und vor allem von den Leuten: Zum einen die anderen Incomings, mit denen ich so viel erlebt und erfahren habe und zum anderen die Aserbaidschaner, die alle so unglaublich nett sind und trotz Kommunikationsproblemen immer helfen wollen, sei es im Krankenhaus, im Straßenverkehr oder sonst irgendwo.
So hatte ich 4 wunderbare Wochen in Baku und würde sofort wieder einen Austausch machen!

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