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Estonia (EstMSA)

Pathologie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Wiebke, Hannover

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Motivation

Für mich war klar, dass ich einige Monate der Famulaturen gerne im Ausland machen wollen würde. Die Kombi aus neuer Kultur, anderem Gesundheitssystem sowie die Möglichkeit andere internationale Studenten zu treffen, hatten mich motiviert bei der bvmd mitzumachen. Vorab hatte ich keine großen Erwartungen, nur die Hoffnung, dass es trotz einer Sprachbarriere auch im Krankenhaus gut laufen würde.

Vorbereitung

Das Problem bei der Vorbereitung war eher die Zeit, in die diese fiel. Wir bekamen kurz vor den Weihnachtsferien die Rückmeldung, dass wir im Sommer ins Ausland gehen würden. Zumindest die vorläufige Zusage. Nun musste man ab Zusendung der IFMSA Zugangsdaten innerhalb von 2 Wochen die Application Form und die Card of Documents ausfüllen. Das Problem war die ganzen Dokumente zusammenzukriegen in einer Zeit, wo viele Sekretariate/Dekanate in der Uni schon in den Ferien waren. U.a. braucht man eine englische Übersetzung seiner Noten und eine englische Immatrikulationsbescheinigung - also wenn möglich, diese einfach schon einmal im Voraus beantragen.
Doch leider brauchte man für Estland auch ein Röntgen Thorax als Ausschluss von Tbc. Dies fand ich etwas übertrieben, da man schließlich einfach pro forma ein Röntgenbild machen lassen muss, aber dort hat man nichts anderes akzeptiert.

Visum

Da Estland in der EU ist, brauchte ich kein Visum.

Gesundheit

Wie schon oben beschrieben musste ein Rö-Thorax gemacht werden. Zudem war es verpflichtend, dass jeder einen MRSA Test macht. Das Dokument musste vorab per Mail an den NEO von Estland geschickt werden. Vor Ort im Krankenhaus hat aber keiner mehr danach gefragt. Auch dies fand ich etwas übertrieben, da ich in der Patho gearbeitet habe und keinen Patientenkontakt hatte. Aber auf Nachfrage wurde gesagt, dass jeder den Test machen muss.
Zudem habe ich mich gegen FSME impfen lassen, da Estland ein Risikogebiet ist und wir auch viel in der Natur/Wälder unterwegs waren.

Sicherheit

Tartu und auch Estland im Allgemeinen würde ich als sehr sicher bezeichnen. Wir sind viel auch in kleineren Gruppen durchs Land gereist oder auch alleine mit den Bussen und es gab nie irgenwelche Probleme.

Geld

Estland ist ein technologisch weit fortgeschrittenes Land. Überall, wirklich überall, kann man mit Karte zahlen, wenn man wünscht. Aber natürlich auch bar mit Euros möglich.
Die Preise waren zum Teil günstiger als in Deutschland (Busse ab 2 Euro möglich), Lebensmittel zum Teil teurer, da viel importiert wird.

Sprache

Estnisch ist die Hauptsprache und gehört mit seinen 14 grammatikalischen Fällen zu einem der anspruchsvollsten Sprachen überhaupt. Viele Menschen sprechen aber aufgrund der Vergangenheit und deutschen/russischen Besatzungszeiten auch entweder etwas Deutsch oder Russisch.

Verkehrsbindungen

In Tartu haben wir uns alle eine Monatskarte für den Bus geholt (15 Euro), die es auf jeden Fall Wert war, da man das Krankenhaus so am besten erreichen konnte. Außerdem war es auch angenehmer so in der Stadt herumzukommen.
Allgemein gibt es mit LUX Express und Ecolines gute Fernbusverbindungen - sowohl innerhalb Estlands als auch zum Rest der baltischen Staaten. Wenn man früh genug bucht, kann man Preise ab 2 Euro ergattern.
Alle Busse waren soweit pünktlich und komfortabel (vor allem LUX Express mit Film/Musikangeboten).

Kommunikation

Überall in Estland gibt es kostenlos WLAN, sodass man immer die Möglichkeit hat online zu gehen, wenn nötig. Auch im Hostel gab es WLAN zur freien Verfügung. Seit Abschaffung der Roaminggebühren aber vielleicht nicht mehr ganz so wichtig wie früher.

Unterkunft

Wir waren in einem Student Hostel untergebracht. Dort gab es kleine Apartments für jeweils 6 Leute (3 Zimmer à 2 Personen), die sich dann eine Küche und Bad geteilt haben. Die Küchen waren mit ein paar Töpfen und Geschirr etc ausgestattet, jedoch von Apartment zu Apartment unterschiedlich. Es gab keinen Ofen, sondern nur Herde. Man konnte also selber kochen und auch Lebensmittel in Kühlschränken lagern.
Bettwäsche wurde auch gestellt und konnte man einmal die Woche wechseln. Außerdem gab es die Möglichkeit für 2 Euro zu waschen.
Die Unterkunft an sich war modern, auch wenn die Zimmer schon länger nicht renoviert waren.

Literatur

Ich habe keine Bücher oder Internetseiten gelesen, um mich irgendwie vorzubereiten, denn ich habe einfach meine Uniunterlagen mitgenommen. Vor Ort hatte die Pathologie aber eine kleine Bibliothek, wo ich etwas hätte nachschauen können, wenn nötig.

Mitzunehmen

Da das Wetter in Estland normalerweise eine Lotterie ist, sollte man sich auf alles einstellen. So hatte ich trotz Sommermonat langärmelige Pullover, Strickjacken, Regensachen, etc dabei. Am Ende war es der heißeste Sommer, den Estland seit langem hatte, sodass die wärmeren Sachen alle überflüssig waren. Jedoch kann man dort sonst nicht darauf bauen.

Reise und Ankunft

Die günstigsten Flüge, die ich finden konnte, waren nach Riga und nicht in die Hauptstadt Tallinn, weshalb ich letztlich von Berlin Schönefeld mit RyanAir geflogen bin. Von Riga aus kann man entweder direkt nach Tartu fahren (2x täglich) oder aber über Pärnu als Zwischenstopp und somit einem Buswechsel. Dies war aber immer noch günstiger für mich als die Flüge nach Tallinn und Bus Tallin-Tartu gewesen wären.
In Tartu wurde ich dann am Busbahnhof von meiner CP abgeholt und wir sind die 10 Minuten zum Hostel gelaufen.
Da ich am Sonntagabend angekommen war, hatte ich nicht viel Zeit bis es dann am Montag mit dem Praktikum losging. Andere waren hingegen schon am Samstag angekommen.
Am Montagmorgen wurden wir dann von estnischen Studenten zum Krankenhaus und dem jeweiligen Department gebracht.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich kann gar nicht genau beschreiben, was für ein großes Glück ich mit meinem Pathologie Department hatte. Das ganze Arbeitsklima war so viel herzlicher und besser als ich es in Deutschland je erlebt hatte. Die Chefin war mir auch als Supervisor zugeteilt und hat mir von der ersten Sekunde an das Du angeboten. So gut wie jeden Tag hat sie mir Präparate zum Durchsehen gegeben, um sie mir dann später ausführlich an einem Doppelmikroskop zu erklären. Dass sich ein Chef so viel Zeit pro Tag für einen Studenten nimmt, hatte ich bisher noch nie erlebt. Generell hat sie mir immer Bescheid gegeben, wenn sie etwas Interessantes hatte und dies hatte sie vorab auch ihre Kollegen gebeten. So wurde ich direkt am zweiten Tag von einem Assitenzarzt gefragt, ob ich Lust hatte, mit zur Autopsie zu kommen. Immer kamen die meisten zu mir, auch etwas, was ich aus Deutschland so nicht kannte, wo man immer eher am bitten ist, ob man nicht dies oder das sehen kann. Zudem wurde mir ein eigener Arbeitsplatz mit Mikroskop zugewiesen und alle waren unglaublich bemüht, mir jeden Tag zu helfen, mir etwas beizubringen oder meine Fragen zu beantworten. Ich lernte alle Stationen des Departments kennen (von der Zytologie, Immunohistochemie, Präparateherstellung, Biopsiebeurteilung bis hin zu Autopsien).
Dadurch dass jeder so bemüht war, habe ich viel mehr aus dem Praktikum mitgenommen, als ich es mir vorgestellt habe. Und ich bin ziemlich sicher, dass es auch mehr war, als ich in Deutschland in einer Pathoabteilung mitgenommen hätte. Am Ende durfte ich sogar eine überwachte Autopsie durchführen, Biopsiestücke zurechtschneiden und generell helfen, wo ich konnte und wollte.
Die Kommunikation auf Englisch verlief problemlos, zumindest alle Ärzte konnten gut Englisch sprechen.
Meistens war ich von 9 bis halb drei im Krankenhaus. Wenn ich aber mal eher gehen musste, war dies auch nie ein Problem.
Ich hatte die Pathologie aus strategischen Gründen gewählt, da ich das Fach kurz zuvor erst in der Uni hatte und ich wusste, dass man in der Inneren große Sprachprobleme haben würde, da die Patientenkommunikation natürlich auf Estnisch stattfinden würde. Deswegen wollte ich einen Bereich, wo ich möglichst nur Englisch mit dem Arzt reden konnte und ich kann nur sagen, ich könnte nicht glücklicher über meine Entscheidung sein. Da ich mich so gut ins Team integriert hatte, haben sie mich sogar zu einem Ausflug nach Südestland eingeladen, um mir ein wenig ihr wunderschönes Land zu zeigen. Welcher Chef/welche Abteilung in Deutschland würde das für einen Famulanten schon machen?
Ich kann dieses tolle Department also allen wirklich nur ans Herzen legen - sowhl vom Fachlichen als auch vom Menschlichen.

Land und Leute

Estland ist ein viel unterschätztes Land, das eigentlich so viel zu bieten hat. Mit nur 1,3 Mio Einwohnern ist viel Platz für schöne Natur gegeben, ohne dass sich Massen von Menschen dort aufhalten.
Tartu ist eine tolle Stadt gewesen, um dort zu leben. Es gibt eine schöne Altstadt und eine Fluss, der die Stadt durchzieht und so viele Möglichkeiten zum Entspannen und Schwimmen bietet. Generell ist die Stadt sehr schön grün und es lässt sich dort gut einen Monat verbringen.
Das Social Program enthielt einen Trip zu einem Bootshaus in der abgeschiedenen Natur Estlands in der Nähe des Peipsi Sees an der Grenze zu Russland. Dies war ein einmaliges Erlebnis, da man so Estlands Natur sicher kein zweites Mal erleben wird. Auch sind wir zu einem kleinen Nationalpark gefahren, um dort eine kleine Wanderung zu machen.
Darüber hinaus empfiehlt sich der Süden Estlands mit einzigartiger Natur und schönen Moorlandschaften.
Pärnu ist die Sommerhauptstadt Estlands mit einem riesigen Strandabschnitt und einer schönen kleinen Inennstadt.
Darüber hinaus habe ich mit ein paar Incomings ein Auto gemietet und einen Roadtrip zu der Insel Saaremaa im Nordwesten Estlands gemacht. Dies ist auch nur zu empfehlen, wenn man mal wieder seine Energie auftanken muss. Die Natur ist auch hier in großen Teilen unberührt und man begegnet auf weiten Strecken kaum anderen Autos, wenn man nicht grade in der Hauptstadt Kurressare unterwegs ist.
Nicht zu vergessen Tallinn, die schöne estnische Hauptstadt, in der sich auch noch viele deutsche Einflüsse finden lassen.
Die Esten werden als reserviert beschrieben, aber ich muss sagen, dass ich diese Erfahrung nicht gemacht habe. Natürlich hängt es auch immer vom eigenen Auftreten ab, aber wenn ich mit Offenheit auf die Esten zugegangen bin, habe ich nichts anderes als wunderbare Menschen kennengelernt. Dazu beigetragen hat sicher auch, dass ich jeden Tag versucht habe, ein wenig estnisch zu lernen und so die Basisvorstellung auch auf Estnisch durchführen konnte. Das hat die meisten immer sehr gefreut und gleich freundlicher gemacht - selbst wenn mein dritter oder vierter Satz auf Estnisch dann immer war, dass ich kein Estnisch verstehe..
Das Land ist sehr einfach mit Bus und Auto zu bereisen, aber es gibt auch tolle Fahrradstrecken. Ich werde defintiv noch einmal in dieses schöne Land zurückkommen, das mir sehr ans Herz gewachsen ist in diesem Monat und mich alles in allem sehr positiv überrascht hat. Für jeden der schöne Natur und ein paar ruhige Momente sucht zu empfehlen :)

Fazit

Der Aufenthalt in Estland ist gefüllt von tollen Erfahrungen, sodass ich am liebsten gleich wieder einen Auslandsaufenthalt machen möchte. Nie lernt man schneller so viele neue internationale Studenten kennen, mit denen ich zum Teil eine tolle Freundschaft entwickelt habe. Dass die Famulatur im Krankenhaus darüber hinaus auch so unglaublich lehrreich war, ist das i-Tüpfelchen des Aufenthalts.

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