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Israel (FIMS)

Neurologie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Jeremy, Heidelberg

Motivation

Schon zu Beginn meines Studiums hatte ich vor, eine der Famulaturen im Ausland zu absolvieren. Nachdem ich über die bvmd vom IFMSA-Exchangeprogramm gehört hatte, habe ich mir aufgrund der vielen Vorteile eine Bewerbung dort vorgenommen. Aufgrund meiner relativ limitierten guten Sprachkenntnisse kamen eigentlich nur Länder in Betracht, in denen Englisch als Sprache ausreicht. Dies brachte zum ersten Mal Israel ins Gespräch. Da ich mich schon in der Vergangenheit viel mit dem Nahostkonflikt, auseinandergesetzt hatte, jedoch stets gerne aus nächster Nähe und in persönlichen Gesprächen die medial doch oftmals sehr auf den Konflikt beschränkte Sichtweise auf das Land mit eigenen Erfahrungen erweitern wollte, bot sich eine Famulatur dort in jedem Fall an. Aufgrund der geringen Größe, des guten Transportsystems und Infrastruktur boten sich Wochenendausflüge im gesamten Land von vornherein an.
Zusätzlich zählt das Gesundheitssystem zu einem der besten der Welt, ich hatte mir schon lange vorgenommen, ein dem deutschen vergleichbares System näher anzuschauen und in der Folge zum einen unser System mehr zu schätzen, aber auch Ideen zur Verbesserung aufzunehmen.

Vorbereitung

Ich habe an keinen Vorbereitungskursen oder ähnlichem teilgenommen, sondern lediglich mit einem Bekannten, der ebenfalls eine Famulatur im Land gemacht hat, gesprochen. Zusätzlich habe ich durch mein generell großes außenpolitisches Interesse schon immer viel über den Staat Israel und den Nahostkonflikt gelesen, und daher bereits eine gewisse Grundlage, die ich auch jedem durchaus empfehlen würde. Es ist zwar ungemein wichtig, das Leben im Land auch unabhängig von diesem Konflikt aufzunehmen und zu beurteilen, letztendlich begründet sich vieles aber auf seiner Geschichte und seiner aktuellen Situation. Man erfährt und sieht vieles spannendes, muss sich aber bewusst sein, dass aus jedem Blickwinkel die Situation teils komplett anders geschildert wird. Sich dessen bewusst zu sein und die Sichtweisen grob einschätzen zu können, ist im Voraus sicher hilfreich und hilft, Gespräche schneller zum interessanten Teil zu bringen sowie Informationen besser einordnen zu können.
Die konkrete Vorbereitung und Kommunikation vom IFMSA-Austausch selbst mit den israelischen zuständigen Studierenden war leider katastrophal, fast nicht vorhanden, mit keinen oder kurzfristigen Infos und generell sehr wenig Engagement, was sich auch im Verlauf der Famulatur nicht änderte. Zum Glück gab es in Jerusalem selbst tolle motivierte Studierende und Angestellte, die uns sehr geholfen und eingebunden haben.

Visum

Man bekommt bei der Einreise ein Visum für drei Monate, das auf einem kleinen Plastikzettel ausgegeben wird, damit kein Stempel benötigt und man in Zukunft in arabische Länder einreisen kann. Den Zettel braucht man bei der Ausreise erneut und sollte daher gut auf ihn aufpassen.
Die Einreise und Ausreise aus Israel wird dann kompliziert, wenn man bereits ein muslimisches Land besucht hat oder aus einem kommt (bei Ausflug nach Jordanien z.b.), wenn man einen muslimischen Namen oder Background hat oder ähnliche Verdachte aufkommen. Dann muss man sich einigen Fragen stellen und ggf. stärkere Sicherheitskontrollen wahrnehmen, mehr Zeit einplanen, um am Ende dann im Normalfall aber natürlich trotzdem durchgelassen zu werden.

Gesundheit

Israel ist ein hochentwickeltes Land mit sehr guter medizinischer Versorgung, sowie wenigen Unterschieden in Krankheitsprävalenzen oder Behandlungsmethoden zu Deutschland. Daher ist keine größere Vorsicht oder Vorbereitung notwendig, ein Mückenspray hat sich als hilfreich erwiesen. Bzgl. Impfungen wird neben den Standardimpfungen ein Tuberkulosetest explizit in der Bewerbung vorgeschrieben. Dieser ist natürlich etwas kostspielig (bei meinem Betriebsarzt an der Uniklinik konkret 45€, beim Hausarzt wohl mehr), und sollte mindestens einen Monat vorher geplant werden. Im Endeffekt, und das hatte ich auch schon zuvor gehört, hat niemand auch nur einen von unseren Exchangestudents danach gefragt, weder von der Organisation, noch vom Krankenhaus.
Da der Test evtl. im weiteren Verlauf meines Studiums oder des Berufs jedoch sicherlich nochmal benötigt wird, habe ich ihn in diesem Zuge einfach mal gemacht. Aber ich würde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen, dass es dort niemand überprüfen wird.
Meine Auslandsreisekrankenversicherung hat sich zum ersten Mal sehr rentiert, da ich aufgrund einer kleinen Lungenentzündung tatsächlich zum Arzt musste. Innerhalb eines Tages erhielt ich einen Termin und eine gute Behandlung.

Sicherheit

Sicherheit, ein großes und komplexes Thema, wenn es um Israel geht, und wahrscheinlich der Hauptgrund, weswegen Menschen dort nicht hinreisen, oder besorgt sind. Vorneweg: Ich habe mich zu keiner Zeit in Israel unsicher gefühlt. Der Staat ist sehr erfolgreich darin, in allen Gegenden außerhalb der rund um den Gazastreifen ein sehr großes Vertrauen in die Sicherheit zu erzielen. Dies wird durch große Polizeipräsenz und zahlreiche Kontrollen an öffentlichen Gebäuden gewährleistet, aber auch durch die generelle Stimmung im Land, die keineswegs angespannt oder unsicher ist. Im Gegenteil, der Alltag der Menschen wird vom äußeren Konflikt quasi nicht beeinflusst. Zusätzlich kommt hinzu, dass es in Israel kaum „Kleinkriminalität“ wie Diebstähle, Beleidigungen, Überfälle oder ähnliches gibt. So kann ich sagen, dass ich alleine abends im Dunkeln lieber durch Jerusalem und Tel Aviv, als durch Frankfurt laufe. Und auch das mach ich gerne :D
Es gibt sicherlich kleinere Aspekte, die man beachten sollte. Am Freitag gibt es rund um Klagemauer und Tempelberg oft Ausschreitungen durch große Demonstrationen nach dem Freitagsgebet. Ebenso sollte man das ultraorthodoxe Viertel Mea Sharim in Jerusalem abends oder am Shabbat meiden, da die Bewohner dort unter sich bleiben möchten. Auch in Ostjerusalem oder bei einem Trip im Westjordanland (den ich sehr empfehlen würde!) sollte man abends etwas vorsichtiger sein, und insbesondere als Frau auf lange und angemessene Kleidung achten. Ansonsten gilt absolut, nicht in die Nähe des Gazastreifens fahren.
Insgesamt gewährleistet der Staat also trotz der konstanten Bedrohung von außen allen Bürgern ein sicheres und friedliches Zusammenleben, an dem man sich ohne Vorbehalt beteiligen sollte. Natürlich gilt es, die aktuellen Entwicklungen zu beachten, aber aus diesem Gesichtspunkt spricht nichts gegen einen Israeltrip.

Geld

Die Währung heißt Schekel (NIS), 4,3Schekel sind 1€. Man kann in jedem zweiten Laden an einem kleinen ATM Geld mit Kreditkarte zu Gebühren von ca. 2€ abheben.
Insgesamt ist das Preisniveau in Israel sehr hoch, und höher als ich dachte. Insbesondere übliche Produkte im Supermarkt wie Milch, Joghurt, Wurst, Käse, Süßigkeiten oder ähnliches, im Prinzip alles bis auf Pitabrot, ist mindestens doppelt so teuer wie in Deutschland. Es gibt auch kaum größere Supermärkte innerhalb der Stadt (in Jerusalem), meist muss man bei kleinen Shops einkaufen. Auf dem Unicampus, in dem ich wohnte, war ein solcher Laden, der mich mit seinen Preisen tatsächlich in den Wahnsinn trieb.
Teuer sind außerdem Restaurantbesuche sowie insbesondere Alkohol in Restaurants, Bars und Clubs. Wo man im Supermarkt mit etwas Glück noch Bier für 1,50 oder 2€ pro Flasche/Dose (ja, da vermisst man seit 29Cent Turmi) findet, muss man sonst mit mindestens 6€ für ein Bier rechnen.
Verhältnismäßig günstig sind die zahlreichen Schnellimbisse, bei denen ein Falafel meist zwischen 3 und 4€ kostet, dafür aber auch super gut schmeckt und sättigt. Zudem gibt es viele leckere Bäckereien, die zu bezahlbaren Preisen eine große Variation anbieten.
Das Beste hier kommt zum Schluss: Die öffentlichen Verkehrsmittel sind in der Tat ein Schnäppchen. Fernbusse zwischen Städten (man zahlt einen Festpreis direkt beim Fahrer) bewegen sich zwischen 4 und 8€, einzig nach Eilat kostet es ca. 15€. Innerhalb der Stadt kostet eine Busfahrt ca. 1,20€, es gibt, zumindest in Jerusalem ein etwas aufwendig zu besorgendes (an einem speziellen Schalter) Monatsticket, was ca. 45€ kostet.

Sprache

Alle wichtigen Schilder sind auf Hebräisch, Arabisch und Englisch geschrieben, sodass man sich in dieser Hinsicht gut zurechtfindet. Hebräisch selbst zu lernen, halte ich ob der Komplexität der Sprache und der komplett anderen Schriftzeichen für nicht sinnvoll, wenn man nicht gerade mehrere Monate dort verbringt. Jeder Verkäufer oder Busfahrer beherrscht zumindest die Basics in Englisch, wenn nicht sogar mehr.
Im Krankenhaus hing es schlicht von der Motivation der Ärzte zur Übersetzung oder zum kompletten Wechsel zu Englisch ab, was von Situation und Arzt abhängig war. Im Schnitt über alle Austauschstudenten, mit denen ich gesprochen habe, hat dies eigentlich sehr gut geklappt, bei mir persönlich hätte ich mir mehr Übersetzung gewünscht. In der Vorbereitung Hebräisch zu lernen, um im medizinischen Kontext etwas verstehen zu können, halte ich in einem akzeptablen Zeitrahmen für sehr schwierig.

Verkehrsbindungen

Wie bereits beschrieben, gibt es ein sehr dichtes und gut funktionierendes Busnetz der Gesellschaft „Egged“, das in jede israelische Stadt zu einem zentralen Busbahnhof mit hoher Frequenz fährt. Tickets kauft man beim Einsteigen beim Busfahrer, falls der Bus voll ist, muss man den nächsten nehmen (Tel Aviv-Jerusalem alle 5-10Min!). Einzig nach Eilat sollte man zuvor reservieren. Züge (die roten Doppeldecker der Deutschen Bahn :D) gibt es in der Achse Haifa-Tel Aviv-Beer Sheva, nach Jerusalem wird aktuell eine Verbindung gebaut. Wenn man ins Westjordanland will, fährt man mit einer arabischen Firma zu ähnlich günstigen Preisen von einem anderen Busbahnhof in Jerusalem los.
Für den Nahverkehr benötigt man in Jerusalem eine aufladbare Karte, die man auch beim Busfahrer bekommt.
Als App wird Moovit empfohlen, ich bin mit Google Maps allerdings meist besser zurechtgekommen. Im Nahverkehr in Jerusalem, bei dem Verspätungen ziemlich normal sind, war mal der eine Dienst, mal der andere meinen Erfahrungen besser informiert.

Kommunikation

Israel ist ein Land voller WLAN-Netzwerke. Egal wo, irgendwo findet man eines, das meist keiner Registrierung bedarf und offen zur Verfügung steht. In meinem Dorm gab es sogar Eduroam, und zusätzlich ein offenes Netzwerk. Eine SIM-Karte vor Ort ist relativ teuer und etwas umständlich, daher hatte ich mich angesichts der guten WLAN-Abdeckung dagegen entschieden. Im Endeffekt habe ich dann doch einige Male telefoniert (Taxi, Freunde, Arzt etc), und somit auch einiges an Geld ausgegeben. Ist wohl Abwägungssache.

Unterkunft

Ich bin in einem Doppelzimmer, gemeinsam mit einem anderen Austauschstudenten, im Dorm der Hebrew University auf dem Campus Givat Ram untergekommen. Eine Bushaltestelle mit einem häufig kommenden Bus in die Innenstadt, sowie einem selten kommenden Bus zu der Klinik meiner Famulatur war quasi direkt vor der Tür.
Das Dorm selbst war ausreichend, aber nichts Spektakuläres. Ein etwas karges Zimmer mit zwei Betten, Schreibtisch, Schrank, Kühlschrank, Waschbecken, sowie, und das war das allerwichtigste, funktionierender und moderner Klimaanlage. Duschen und WC waren auf dem Gang und wurden regelmäßig gereinigt. Eine Küche war auch vorhanden, allerdings komplett ohne Utensilien, die dort scheinbar jeder selbst mitbringt und im Schließfach lässt. Somit war kochen leider eher hinfällig.
Bettwäsche gab es zu unser aller Überraschung prinzipiell keine, nach einigen Beschwerden bekamen wir aber noch etwas, keine Ahnung wie das üblicherweise vorgesehen ist.

Literatur

Ich habe keine Literatur benutzt, ein wenig im Internet recherchiert und Reiseerfahrungsberichte gelesen. Ansonsten habe ich das meiste nach Tipps vor Ort erledigt und unternommen, und bin damit auch sehr gut gefahren.

Mitzunehmen

Das Klima ist im Sommer wirklich grezwertig, insbesondere in Tel Aviv ist es ungemein schwül. Somit muss man oft waschen (was im Dorm zum Glück gut ging), und kann aber im berzug auch auf die Nachttemperaturen auf viele wärmere Klamotten verzichten. In Jerusalem weht ein etwas kühlerer Wind abends, und in Tel Aviv kann es auch mal tröpfeln, aber allgemein reichen Sommerklamotten. Im Klinikum und bei religiösen Stätten werden manchmal lange Hosen sowie Schulter- und Kopfbedeckung verlangt, bei den religiösen Stätten erhält man aber in der Regel Leihklamotten am Eingang.
Insgesamt habe ich nichts Spezielles eingepackt. Ansonsten kann man sich in Israel natürlich auch alles Übliche vor Ort kaufen, falls etwas Wesentliches fehlt.

Reise und Ankunft

Die Flüge sind relativ teuer, es empfehlen sich gute Vergleiche und frühes Buchen. Vom Flughafen Ben Gurion kommt man schnell und einfach in alle Städte. Wichtig!!! Kommt nicht samstags an, oder fliegt samstags zurück. Dort ist Shabbat und es existieren nur Taxis, die allein nach Tel Aviv ca. 25-30€ kosten. Also nur buchen, wenn der Flug signifikant günstiger ist.

Ich bin 5 Tage vor Praktikumsbeginn angereist, und konnte somit erste Eindrücke vom Land sammeln und Kontakte knüpfen, was ich absolut empfehlen würde. Falls du Lust hast, in ein internationales Hostel mit vielen offenen Leuten und cooler feierlicher Atmosphäre zu gehen, kann ich Florentines Hostel in Tel Aviv absolut ans Herz legen.

Wie bereits beschrieben, war die Organisation von national israelischer Seite katastrophal, aber in Jerusalem selbst sehr gut, sodass wir, als wir das Student Office im Krankenhaus gefunden haben, uns auch von der Austauschorganisation wirklich willkommen geschätzt hießen.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Meine Erwartungen waren, ein qualitativ ähnliches medizinisches System wie hierzulande vorzufinden, dass sich aber in gewissen Punkten unterscheiden und mir damit die Chance gibt, auf ähnlicher Basis konkrete Plus- und Minuspunkte mit nach Deutschland zu nehmen und dies dort dann dementsprechend kritisch zu hinterfragen.
Mein Krankenhaus, das Hadassah Ein Kerem Hospital im Westen von Jerusalem, ist das größte Krankenhaus der Stadt und eine der größten und renommiertesten medizinischen Einrichtungen Israels. Vor wenigen Jahren wurde ein komplett neues Gebäude mit Stationen und OP-Sälen in Betrieb genommen, das mich von seiner Geräumigkeit und Modernität absolut begeistert hat. Die alten Gebäude fallen dementsprechend deutlich ab, jedoch findet man diesen Unterschied ja in beinahe jeder Klinik.
In meiner Station, der Neurologie, die im neuen Gebäude untergebracht war, gab es nur Einzel- oder Doppelzimmer, sowie ein in meinem Gefühl breit aufgestelltes Team aus Arzt- und Pflegepersonal, bei dem zahlreiche Überstunden offenbar nicht zur Tagesordnung gehören. Die Stationsarbeit selbst wird ebenso hauptsächlich von Residents (=Assistenzärzten) durchgeführt, bei Besprechungen, komplexe Fälle und besondere Meetings, sind nach Möglichkeit alle Ärzte/innen der Abteilung anwesend. Hierbei wird nach einem sehr flachen Hierarchiesystem besprochen und entschieden, die „Chefs“ haben zwar das letzte Wort, involvieren aber alle Ärzte in die Entscheidung, stellen kritische Nachfragen und verknüpfen dies auch mit Lehre an die Assistenzärzte. Dies hat mich sehr überzeugt und die Arbeitsatmosphäre auch insgesamt durchaus entspannt. Auf Nachfrage seien diese Prozesse wohl auch auf anderen Stationen ähnlich.
Die Stationsarbeit selbst war von Tagesablauf, Aufgabenzuteilung und auch medizinischen Grundlagen vergleichbar mit dem in deutschen Kliniken. Einzig aufgefallen ist, dass die Ärzte kaum bis keine „simplen“ Tätigkeiten am Patienten wie Blutentnahmen etc. erledigen mussten, und die Visite, evtl. auch aufgrund dessen, deutlich länger und ausführlicher war.
Für mich persönlich muss ich leider feststellen, dass der Lernerfolg nicht so hoch ausgefallen ist wie erhofft. Das Personal war zwar sehr nett und freundlich zu uns (wir waren bis zu vier Austauschstudierende gleichzeitig), und das Englisch, auch bei den meisten Patienten, sehr gut, doch die Motivation uns viel zu erklären und zeigen war leider eher gering. So mussten wir meist aktiv nachfragen, wo wir mitgehen können, oder oft auch explizit Übersetzungen einfordern. Aufgrund der Tatsache, dass der Stresspegel nicht allzu hoch schien und die Patientenfälle prinzipiell höchst interessant waren, hätte ich mir deutlich mehr Input und Motivation erhofft.

Das Highlight war mein eigeninitiatives Wechseln in die Neurochirurgie in der letzten Woche, bei denen ich einigen spannenden OPs beiwohnte, und unter anderem eine Metastasektomie, sowie eine Resektion einer Gefäßmissbildung am wachen Patienten (aufgrund Nähe zum Broca-Areal) gesehen habe. Die Mikroskope wurden auf Monitore im Saal übertragen, daher habe ich dort sehr viel sehen und beobachten können.

Land und Leute

Das Land selbst ist wohl bezogen auf seine Fläche das variantenreichste und inhomogenste Land, in dem ich je war. Es gibt Berge, fruchtbares Land, Küste und Strände, 60% Wüste, feuchtes, trockenes und Wüstenklima, Ethnien aus der ganzen Welt, drei Weltreligionen, und innerhalb derer noch zahlreiche Gruppen mit unterschiedlichen Auslegungen, besonders natürlich im Judentum. Somit ist jede Region, jede Stadt und jeder Ort bzgl. seiner geographischen Grundsätze, der Bevölkerung und somit auch des Alltagslebens völlig unterschiedlich. Während in Haifa Juden und Araber eng zusammenleben, Religion kaum eine Rolle spielt und sogar am Shabbat Nahverkehr fährt, lebt in Jerusalem jede Religionsgruppe in ihrem eigenen Viertel, religiöse Symbolen und Praktiken werden viel größere Bedeutung zugewiesen, somit gibt es auch zwischen den Gruppen, wie gesagt auch innerhalb des Judentums, deutlich mehr Distanz. Dies macht es unglaublich spannend und interessant, und ist sicher auch wesentlich im Verständnis, warum das Land so funktioniert, wie es funktioniert.
Ich habe die Gelegenheit gesucht und gehabt, mich mit vielen Leuten vor Ort, insbesondere israelischen Studierenden arabischer und jüdischer Herkunft lange über die Situation innerhalb des Landes sowie im Nahostkonflikt zu unterhalten. Zusätzlich habe ich viele verschiedene Städte und Stätten in Israel besucht, und auch drei Tage im Westjordanland verbracht. Hier könnte jetzt ein ganzer Roman an Fragen, Problemen, aber auch Chancen stehen. Sicher ist, dass jeder sich unabhängig von Vorurteilen sein eigenes Bild machen muss. Jeder Bürger des Landes hat seine eigene Meinung, und begründet sie oft mit Fakten, die den Fakten des nächsten Bürgers diametral widersprechen. Ich habe für mich gelernt, dass eine Verbesserung der Lage nur ersichtlich scheint, wenn die Menschen die aktuelle Situation akzeptieren, und nicht stets nach Schuldigen und Verantwortlichen der Vergangenheit suchen. Die Sätze „wir waren zuerst da, wir wurden als letztes vertrieben, ihr habt viel mehr Menschen umgebracht“ etc. helfen leider in keinster Weise weiter.
Wesentlich ist mir zu sagen, dass mir nicht bewusst war, was nun mit der Verabschiedung des „Nationalstaatsgesetzes“, das ja auch in Deutschland breit publik wurde, auch allgemein sichtbar wurde: Es gibt einen starken innerisraelischen Kulturkonflikt zwischen vielen Juden und vielen Arabern. Letztere fühlen sich trotz gesetzlich garantierter Gleichheit in vielen Belangen des alltäglichen Lebens benachteiligt, und fordern nicht anderes, als dass der Staat, in dem sie gerne leben, nicht nur für die jüdische Bevölkerung demokratisch ist. Dieser Konflikt steht im Schatten des Nahostkonflikts, hat aber für die Bevölkerung einen hohen Stellenwert.
Meine Meinung änderte sich nach jedem Gespräch, nach jedem Ort und nach jedem Geschehnis wieder, und trotz sechs Wochen im Land kann ich keineswegs behaupten und würde es auch niemandem zugestehen, verstanden zu haben, wie die Menschen dort ticken und welche Lösungsmöglichkeiten es gibt. Von Kind auf in einem Land mit diesen Bedingungen aufzuwachsen, prägt sicher ungemein, und wenn man jeden Tag Vorurteile oder Vorkommnisse gegenüber der jeweils anderen Religion hört, ist es sicherlich alles andere als leicht, sich davon zu lösen. Daher, hinfahren, erleben, mit Leuten sprechen, dann wird man vieles nachvollziehen können, aber wahrscheinlich weiterhin weniges verstehen.
Jerusalem ist die unglaublich spannende, historische, zutiefst religiöse Stadt, in der man am meisten erleben und unternehmen kann. Tel Aviv ist die moderne europäische Metropole mit tollem Strand, coolen Bars und Clubs und einer sehr liberalen Atmosphäre. Haifa ist die unreligiöseste Stadt mit ebenso tollem Strand, den wunderschönen Bahai Gardens, aber sonst nicht allzu viel. Ansonsten sind Ausflüge absolut zu empfehlen nach Masada/En Gedi/Totes Meer, zum Wandern nach Tiberias am See Genezareth, zu Wüstenkratern in Mitzpe Ramon, in die Westbank nach Bethlehem, und wenn man interessiert ist, nach Ramallah und Hebron. Mein absolutes Highlight war der Wochenendtrip nach Jordanien, bei dem wir die Felsenstadt Petra und die Wüste Wadi Rum besuchten. Sensationell sehenswert, relativ teuer, aber in allen Belangen lohnenswert.
Ich habe viel zu den anderen Punkten geschrieben, hier kann ich es kurz machen. Wie zu erwarten, esst Falafel und Hummus. Es schmeckt in jedem Laden anders, aber in allen richtig stark. Besondere Tipps sind der Falafel im Carmel Market in Tel Aviv für 7 Schekel (1,50€), der Falafel Shalom in der Betsalel Street in Jerusalem, und der allerbeste, der Falafel (den man bei Maps nicht mit seinem Namen „George“ findet) in der Yohanan Hakadosh St. 26 in Haifa.

Fazit

Ich habe unglaublich tolle, spannende und eindrückliche Erfahrungen in Israel gemacht. Wer sich ein eigenes Bild von einem diversen, multiehnischen, multireligiösen und auch touristisch facettenreichen Land machen möchte, ist dort genau richtig, Das Land ist sicher, die Menschen oftmals offen und erzählungsfreudig. Die Krankenhausarbeit war hinsichtlich eines realistischen Vergleichs mit Deutschland spannend, von meiner persönlichen Erfahrung der Famulatur etwas enttäuschend, aber dies ist überall stations- und arztabhängig.
Insgesamt würde ich Israel absolut empfehlen zu bereisen, und die Vorteile der Famulatur über bvmd und ifmsa erneut nutzen.

Vielen vielen Dank an alle, es war eine unvergessliche Zeit!

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