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Russia - Tartastan (TaMSA)

Gynäkologie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Jana, Düsseldorf

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Motivation

Als ich Freunden und Familie erzählt habe, ich würde mich in Russland für einen Famulatur-Platz bewerben, war die erste Frage stets:
Warum denn Russland?
Für mich war es irgendwie die Idee von Abenteuer- mal wohin Reisen wo die wenigsten Urlaub machen würden. In ein Land, dass mir, wie ich zugeben muss, vorher garnicht bekannt war: Tartastan.
Ich muss zugeben ich stand dem Ganzen ein wenig skeptisch gegenüber. Vorallem nach Bedenken die mein Umkreis äußerte. Ein Monat in Russland- eine Sprache die ich nicht gelernt habe und wahrscheinlich niemals gut sprechen werde...Aber schlussendlich wollte ich mir diese seltene Chance nicht entgehen lassen. Und diese Entscheidung war nicht nur richtig sondern sogar wirklich gut.

Vorbereitung

Als Vorbereitung habe ich mir nur einen Russisch Übersetzer runtergeladen und alles eingepackt was man im Krankenhaus gebrauchen könnte. (Scrubs, Stethoskop, Schutzbrille)
Zudem ist ein relativ ausführliches Gesundheitszeugnis einzureichen. Du solltest deinen Impfpass parat haben und ca 3 Wochen vor Abflug eine Tbc, HIV und Syphilis ausschließlich lassen.

Mitgebracht habe ich sonst noch kleine Geschenke für die Ärzte.

Zudem solltest du dich rechtzeitig darum kümmern dein Visum zu beantragen. Damit kannst du loslegen sobald du den Invitation letter erhalten hast.

Visum

Du brauchst ein Visum für Russland- am einfachsten und billigsten sind die Studentenvisa.
Dein Invitationletter begrenzt leider exakt den Zeitraum deines Visums- solltest du um die Famulatur herum reisen wollen würde ich versuchen mir einen Invitationletter mit größerem Zeitraum zukommen zu lassen.

Beantragen kannst du das Visum entweder in der Botschaft oder in Privaten Agenturen.
Da als ich es brauchte dank der Fußballweltmeisterschaft die Botschaft vor Anfragen platzte, habe ich es in Bonn bei einem Visazentrum beantragt.

Vorteil: es geht relativ schnell
Nachteil: Bearbeitungsgebühr von ca 25€

Folgender Link hat mir sehr geholfen:

http://russlande.de/russisches-visum/

Gesundheit

Es sollte Einem im Krankenhaus stets bewusst sein, dass die Quote an Hepatitis und HIV Infektionen wesentlich höher ist als bei uns.
Ich würde wenn möglich im OP doppelte Handschuhe und Schutzbrille tragen.

Trinkwasser sollte man kaufen und nicht aus der Leitung trinken.
Wenn man doch mal krank ist gibt es Apotheken an jeder Ecke- das meiste ist wohl nicht verschreibungspflichtig. Die Einführung von Medikamenten nach Russland ist so geregelt, dass die eingeführte Menge nicht dem Bedarf einer Person übersteigen darf- weiter ausgeführt wird das allerdings nicht.
Ich hab Sicherheitshalber meine komplette Reiseapotheke mitgenommen, gebraucht habe ich sie nicht.

Sicherheit

Fand ich absolut unbedenklich. Kaum Diebstahl, wenig Pöbelei.
Einziges Manko: Viele Autounfälle- angeblich durch Alkohol am Steuer.
Am besten auch beim Überqueren von Straßen vorsichtig sein- Ampelphasen werden manchmal eher als Vorschlag verstanden.

Wichtig: Es gibt viele Polizeikontrollen. Du solltest deinen Reisepass mit der Migrationcard (die erhälst du bei der Einreise am Flughafen) immer dabei haben. Zudem wirst du dort wo du wohnst registriert. Du bekommst einen kleinen Zettel mit deiner Adresse. Auch diesen solltest du für Kontrollen mit dir führen.

Geld

In Russand rollt der Rubel.
2018 entsprachen 80 Rubel einem Euro. Am Besten vorher informieren wie der Wechselkurs aktuell ist.
Damit kommt man was Essen, Taxifahrten und Nightlife angeht ziemlich günstig weg.
Mit Visa Karte lässt sich fast überall problemlos zahlen. Ich würde immer ein wenig Bargeld für Busfahrten oder Taxis dabei haben die nur Bargeld akzeptieren.
Man gibt in Restaurant ca 10% Trinkgeld.
Bei Touristenattraktion empfiehlt es sich deinen Reisepass mit deinem Studentenvisum vorzulegen- oftmals gibt es Rabatte.

Sprache

Ich kann nach wie vor kein Russisch- nur ein paar Floskeln. Die Fachsprache ist aber identisch und man versteht bei Patientengesprächen trotzdem worum es geht.
Ich hatte das Glück, dass mein Tutor nicht nur richtig gut englisch spricht, sondern witzigerweise auch noch Deutsch lernt.
Verständnisprobleme gab es kaum welche. Viele Leute sprechen Englisch, scheuen sich einfach ein bisschen. Das lockert sich meist schnell.
Auch mit Googleübersetzer kommt man im Zweifelsfall richtig gut durch. Englisch-Russisch eintippen, dann klappt das auch.

Verkehrsbindungen

Der Verkehr in Russland ist völlig verrückt. Autos fahren kreuz und quer, es scheint kaum Verkehrsregeln zu geben. Jeden Tag bekommt man einen Autounfall zu Gesicht.
Prinzipiell ist es am günstigsten Bus zu fahren für 25 Rubel- egal wo hin. Die Busse fahren zuverlässig und oft, jedoch nicht nachts.
Wenn man zu zweit unterwegs ist, lohnt sich häufig schon ein Uber.

Solltet ihr zwischendurch am Wochenende einen Flug antreten empfielt es sich ca 2h Zeitpolster zum Abflug zu haben.
Ein echtes Highlight war für mich die nächtliche Zugfahrt von Kazan nach Moskau. Man kann sich für 40€ ein Bett buchen und es ist eine interessante und komfortable Art zu Reisen.

Kommunikation

Ich habe mir direkt am 1. Tag eine russische SIM-Karte geholt mit unbegrenztem Internet. Das kostet so ca 400 Rubel. Zum kaufen dieser Karte braucht ihr euren Reisepass.
Achtung: Sie gilt nur für die Stadt und die Umgebung in der ihr kauft- andere Städte sind ausgeschlossen und kosten euch ggfs. Extra-Geld.
Die meisten Ärzte und Austauschpartner haben Whatsapp, sodass ihr darüber kommunizieren könnt.

Unterkunft

Ich habe den Monat in einem Hostel relativ nahe der Innenstadt verbracht und keinen Rubel dafür bezahlen müssen.
Der Standard entsprach einer Jugendherberge- wohnbar aber nicht so richtig gemütlich. Duschen kann man z.B nur kalt.
Dafür fand ich das Zusammenleben mit den anderen Austausch-Menschen (wir wohnten alle im gleichen Hostel) richtig cool. Man fühlt sich fast wieder wie auf einer Klassenfahrt.
Und dafür, dass man wie gesagt nichts zahlt habe ich die Unterkunft als solide empfunden.
Kleiner Tipp: mach nachts keine Fenster auf- du wirst ansonsten mit Mückenstichen übersäht aufwachen.
Ich musste nichts mitbringen- es gab alles vor Ort.

Literatur

Ich habe zwar ein Buch für Innere mitgenommen, dies jedoch nicht benutzt. Ein Buch für die zum Teil lange Busfahrt zum Krankenhaus empfielt sich wahrscheinlich doch.
Zum nachlesen habe ich stets Amboss oder Doccheck und ähnliches benutzt.

Mitzunehmen

Mitzunehmen:

1. Krankenhaus taugliche Schuhe die dort bleiben können (also 1 zusätzliches Paar)
2. Scrubs, Stethoskop, Schutzbrille (für Ops)
3. Insektenspray
4. Kleidung für jedes Wetter (im August von fast 40 grad bis zu relativ kühlen Abenden und Regen war Alles dabei)
5. Dein Gesundheitszeugnis
6. Unbedingt deinen Reisepass mit Visum

Reise und Ankunft

Ich bin von Hamburg über Moskau nach Kazan geflogen. Ankunft war leider mitten in der Nacht, netterweise hat mich meine Kontaktperson am Flughafen abgeholt und zum Hostel gebracht.
Der Flug hatte eine leichte Verspätung- andere Probleme gab es nicht.
Achte unbedingt darauf, deine Migrationcard die du bei Einreise erhälst nicht zu verlieren! Du musst Diese bei der Ausreise wieder vorlegen. Einen Ersatz für diesen winzigen Papierzettel zu bekommen soll nicht nur sehr schwierig sein dank der langsamen Bürokratie, es soll wohl auch ordentlich was kosten.
Am besten mit einer Büroklammer in den Passport heften und erst am Ende wieder rausholen.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich habe meine Famulatur in der Gynäkologie und Geburtshilfe verbracht. Ich war völlig überrascht von den Geburtenzahlen der Klinik. Pro Woche ca 100 natürliche Geburten- plus tägliche Kaiserschnitte die in Anzahl jeden Tag variierten.

Der Standart erschien mir sehr gut. Es wird steril gearbeitet, ich habe bei Geburt und Kaiserschnitt nur sehr selten Komplikationen erlebt- und selbst diese waren eher Patienten von anderen Häusern die verlegt wurden.
Ich habe viel Zeit im Kreissaal verbracht. Die Mütter wie die Babys wurden direkt versorgt. Meist befand sich ein Team von 3-5 Ärzten in dem Raum und erledigt penibel die immer gleichen Aufgaben.

Zudem habe ich jeden Tag im Op assistiert. Ich habe viel gezeigt und erklärt bekommen- russische Tips und Tricks zum besseren operieren gesehen und russische Knoten gelernt.
Der Standart der Kaiserschnitte entspricht 1:1 den deutschen. Hysterektomien werden alle offen statt laparoskopisch gemacht.

Zudem war ich noch jeden Tag in der Ambulanz in der ich CTGs Und Transvaginalen Ultraschall, sowie bimanuelle Untersuchung erlernt habe.

Nicht machen durfte ich die Anamnese, da ich schließlich kein Russisch spreche. Bei allem was manuelle Tätigkeiten forderte wurde ich von meinen Arzt mit einbezogen und habe viel lernen dürfen.
Überrascht war ich über den lockeren Umgang der Ärzte und Schwestern untereinander. Man umarmt sich zur Begrüßung, surft mit dem Handy im Netz bei Präsentationen. Geht mitten in Patientengesprächen ans Handy- und es scheint Keinen zu stören. Oftmals gibt es keine richtigen Räume für Untersuchungen, diese finden zum Teil zwischen Tür und Angel statt.
Die verwendeten Geräte sind auf dem neusten Stand, sowohl was zum Beispiel Ultraschall als auch Op-Ausstattung angeht.
In der Regel gibt es ausreichend lange Mittagspausen in denen die Ärzte sich entspannen können. Die Arbeit teilen sich die Ärzte selbst ein- organisiert und abgesprochen sind eigentlich nur die Op-Pläne. Ansonsten bestellen die Ärzte ihre Patientinnen per Whatsapp ein, erhalten regelmäßig Anrufe und Nachfragen auf ihren privaten Telefonen. Es gibt kein Sekretariat, der Arzt organisiert Alles selbst.
Ich hatte zudem die Chance mir auch Nachtdienste anzuschauen. Diese bestehen überwiegend aus spontanen Geburten, leider aber auch aus Notfällen die nicht immer beherrschbar sind. Einige Patienten kommen leider zu spät nach stundenlangen Schmerzen ins Krankenhaus und verlieren ihr Kind.
Die Ärzte sind den Patienten gegenüber sehr fürsorglich und geben sich Mühe, dass der Krankenhausaufenthalt angenehm wahrgenommen wird.

Land und Leute

Ein Freund von mir sagte mal: In Russland sind die Menschen wahnsinnig gastfreundlich- solange du weiß und heterosexuell bleibst.

Mir sind in Gesprächen durchaus auch rassistische Bemerkungen zu Ohren gekommen die mich sehr betroffen gemacht haben. Insgesamt habe ich Russland und seine Menschen aber als freundlich zugewandt erlebt. Das Denken ist zukunftsorientiert- es wird auf mehr Nähe zu Europa, vorallem zu Deutschland gesetzt.

Die Ärzte sind sehr interessiert an den medizinischen Standards in Deutschland, viele von Ihnen haben auch im Ausland gearbeitet und geforscht.
Wirklich wunderbar an Kazan fand ich, das Christen und Muslime gleichermaßen Platz haben, sich tolerieren.
An jeder Ecke findet man wunderschöne Moscheen, Kirchen und Synagogen.
Diesbezüglich habe ich oft gedacht: Hiervon konnte man sich in Deutschland mal was abgucken. Religion ist nicht wichtig- meist garkein Thema.
Feiertage werden beachtet und Kopftücher toleriert.
Ich persönlich hatte riesiges Glück mit den mich betreuenden Ärzten.
Beide waren sehr engagiert, erklärten mir viel, bezogen mich richtig in ihr Team und ihren Alltag mit ein.
Wir haben jeden Mittag zusammen gegessen und einander die einheimische Küche näher gebracht.

Ich war zum Schluss richtig traurig zu gehen- ich glaube nicht, dass ich eine bessere Famulatur in Deutschland hätte machen können.

Bereist habe ich Moskau und St. Petersburg.
Beide Städte sind natürlich wesentlich touristischer als das gemütliche Kazan. Sie haben dennoch Ihren eigenen Charme und ich empfehle die Reise dorthin.
Zb. Per Nachtexpress in 12h von Kazan nach Moskau für nur 40€- sehr komfortabel und ein echtes Abenteuer. Oder eben den Flieger wenn es schneller gehen muss.

In Kazan selbst solltest du folgendes Sehen:
Den Kreml
Die Baumannstreet (Nachtleben)
Die Wolga (in der man schwimmen kann)
Und den Kabanka lake


Das Essen ist hervorragend- du solltest unbedingt die Tartarische Küche probieren wenn du Gelegenheit dazu hast.
Das Nachtleben macht in Russland richtig Spaß. Normalerweise geht man erst in Bars und dann tanzen- allerdings kommt man nur bis 2 Uhr rein.
Ich hatte vor allem beim Feiern das Gefühl Russland durchlebe gerade seine 80ger.
Ausgefallene Kleidung, junge Menschen die wahnsinnig interessiert sind wie es wo anders zu geht, amerikanische Musik...
Ich habe mich insgesamt einfach wohlgefühlt in diesem Land, das Europa vor allem was die Individuen betrifft viel näher ist als man denkt. Ich hoffe wirklich, dass die Einreise in Zukunft einfacher wird- der Wunsch besteht definitiv auch auf russischer Seite.

Fazit

Ich habe mich in Kazan und Russland im allgemeinen sehr wohl gefühlt. Es war für mich eine völlig neue und unerwartet positive Erfahrung wie freundlich zugewandt die Menschen sind und wie europäisch das Leben dort abläuft. Ich hätte mich genauso gut irgendwo in Italien befinden können. Auch wunderbar war das Zusammenleben mit den anderen Austausch-Studenten.
Wir hatten jeden Nachmittag und Abend die Möglichkeit Etwas zu unternehmen und haben meiner Meinung nach viel von Kazan und seiner Umgebung gesehen.
Die Famulatur hat mir richtig Spaß gemacht, ich bin wirklich gerne hin gegangen.
Nicht zuletzt um einfach meine Mittagspause mit den Ärzten zu verbringen und nochmal ein bisschen in das Leben eines russischen Arztes zu schnuppern und russische Spezialitäten probieren zu dürfen. Ich habe mich für den Monat richtig als Teil von Ihrem Team gefühlt.
Ich wurde selten so herzlich von Ärzten verabschiedet und musste an mich halten keine Tränen zu vergießen.
Ich würde Jedem diese Reise empfehlen. Sie wird dir wahrscheinlich ein ganz neues Bild von Russland vermitteln. So gerne ich auch die Menschen und ihre offene Mentalität mochte, so irritiert war ich von den noch herrschenden Regeln. Zum Beispiel:

Kein Pfeifen im Club. Fliegen geht nur mit gedruckten Ticket weil gefühlt jedes kleinste Blatt Papier aus irgendeinem Grund einen Stempel braucht. Keine Kopfhörer im Flugzeug bei der Landung.
Tickets für Touristenaktionen gibt es fast nie am Eingang- immer irgendwo abseits in irgendwelchen Tickethäusern mit Schlangen von Menschen.

Auch interessant war der Einblick in ein anderes Gesundheitssystem. Das Krankenhaus bekommt jedes Jahr einen festen Betrag an Geld. Genau dieser soll verbraucht werden- nicht mehr, nicht weniger.
Es gibt keine Änderungen durch erhöhte Fallzahlen oder multimorbide Patienten.
Verbraucht das Krankenhaus weniger, gibt es im nächsten Jahr weniger Geld.
Insgesamt wurden meine Erwartungen an Famulatur und Kultur total übertroffen.

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