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Egypt (IFMSA- Egypt)

Neurologie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Katharina, Goettingen

Motivation

Moin, mein Name ist Katharina und im Folgenden möchte ich euch sehr gerne von meinem SCOPE-Austausch im März 2020 in Kairo, Ägypten berichten:
Meine Hauptmotivation für den Austausch in Ägypten war, ein arabisches Land kennenzulernen und einen Eindruck zu bekommen, wie dort sowohl die Gesellschaft als auch das Gesundheitssystem funktionieren. Meine Bewerbung lief über das Restplatzverfahren und da ich im Vorfeld einen Arabischkurs belegt hatte, hatte ich die Hoffnung, meine zugegebenermaßen bescheidenen Sprachkenntnisse auch anwenden zu können.
Es war nicht mein erster Auslandsaufenthalt, jedoch das erste Mal in einem arabischsprachigen und mehrheitlich muslimisch geprägten Land. Ich war im Vorfeld sehr gespannt, wie meine Erfahrungen als große blonde Frau in Ägypten sein würden. Auch war schon damals absehbar, dass die sich anbahnende Corona-Pandemie eventuell einen Einfluss auf den Verlauf des Praktikums haben könnte.
Insgesamt war ich sehr gespannt auf Land und Leute, da ich gemischte Eindrücke von einem einheimischen Freund als Grundlage meiner Erwartungen hatte, aber insbesondere die arabische Gastfreundschaft wurden mir wärmstens empfohlen. Meine fachlichen Erwartungen waren recht zurückhaltend. Auch hier hatte ich Unterschiedliches gehört und gelesen und wollte mir selbst vor Ort einen Eindruck verschaffen.

Vorbereitung

Da ich mich recht kurzfristig auf den Restplatz beworben hatte, habe ich mich nicht spezifisch vorbereitet. Den Arabischkurs hatte ich im Vorfeld absolviert, dies ist jedoch auf keinen Fall eine Notwendigkeit. Ich fand es angenehm, ein paar Worte verstehen zu können, aber mit Patient*innen hatte ich kaum direkten Kontakt und wenn doch, dann war immer jemand vom Austauschteam vor Ort an meiner Seite zum Übersetzen.
Zur Vorbereitung habe ich die Erfahrungsberichte der früheren Outgoings gelesen und auch ein wenig im Reiseführer, hierbei vor allem über Politik und Geschichte, um besser zu verstehen, was mich eventuell erwarten könnte. Insbesondere in Bezug auf die Politik kann ich das auch sehr empfehlen, da das immer noch ein sehr heikles Thema in Ägypten ist, über das während meines Aufenthalts wenig offen gesprochen wurde. Auch habe ich die Seite des Auswärtigen Amtes zu Ägypten gelesen. Hiervon raten einige ab, ich denke, jede*r sollte sich selbst ein Bild machen und für mich gehören da auch Informationen zur Sicherheit im Zielland dazu.
Ansonsten habe ich im Vorfeld schon viel Kontakt mit dem Austauschkoordinator vor Ort gehabt und ihm viele Fragen, beispielsweise zum adäquaten Dresscode, stellen können. Die Betreuung vor Ort war von Anfang bis Ende sehr umfassend.
Es ist empfehlenswert, sich für 15€ eine ISIC (International Student Identity Card) anzuschaffen, mit der man sich weltweit als Studierender ausweisen kann. Dies war eine Bedingung für reduzierten Eintritt in vielen Museen. Infos hierzu und wo man in seiner Nähe die ISIC-Card kaufen kann, findet man problemlos im Internet.
Ebenso braucht man bei der Einreise 25 US-Dollar in bar für das Visum sowie für die Bewerbung prinzipiell einen Nachweis über eine gültige Auslandsreisekrankenversicherung sowie eine berufliche Haftpflichtversicherung wie beispielsweise kostenfrei vom Hartmannbund. Der Reisepass muss nach dem geplanten Ausreisedatum noch sechs Monate hinaus gültig sein.
Wenn man Dinge hat, die man während seines Aufenthalts gerne machen und sehen würde, kann man das auch im Vorfeld schon mit dem LEO absprechen, da sie sich in der Gestaltung des social programs auch sehr gerne an den Wünschen der Gäste orientieren.

Visum

Das Visum ersteht man für 25 US-Dollar in bar bei der Einreise am Flughafen. Hierfür benötigt man nur den gültigen Reisepass, der wie bereits erwähnt, nach dem geplanten Ausreisedatum noch ein halbes Jahr gültig sein sollte. Die 25 US-Dollar sollte man am besten in bar dabeihaben.

Gesundheit

Bezüglich der Gesundheitsvorkehrungen habe ich mich im Vorfeld auf der Seite des Auswärtigen Amtes und zu Impfungen in Ägypten informiert. Insbesondere auf die hohe Prävalenz von Hepatitis A sei hingewiesen. Wenn man aber ungewaschenes Obst und Gemüse und Leitungswasser meidet, ist das eigentlich kein Problem. Die Impfung Hep A und B ist auf jeden Fall zu empfehlen, haben wir als Medis aber ja eh schon. Ich persönlich habe dort auch Obst und Salat gegessen und das Trinkwasser gibt es sowieso nur in abgefüllten Flaschen zu kaufen. Da muss man sich also keine Sorgen drum machen.
Eine Auslandsreisekrankenversicherung ist Pflicht und muss auch im Prozess der Bewerbung auf dem Portal der IFMSA nachgewiesen werden.
Da ich mir dachte, dass Desinfektionsmittel eventuell nicht so reichlich vorhanden sein könnten, wie man das aus deutschen Kliniken gewohnt ist, habe ich mir einen kleinen Vorrat mitgenommen, um immer ein Fläschchen in der Kitteltasche zu haben. Dies hat sich als gute Idee herausgestellt. Ansonsten habe ich keinerlei außergewöhnliche Medikamente mitgenommen. Für die eigene Vorbereitung sollte man einfach überlegen, welchen Bedarf man sonst so hat und sich seine Reiseapotheke mitnehmen.
Ich habe vor Ort keinerlei gesundheitliche Probleme erlebt. Es gibt aber im Zweifelsfall auch einige englischsprachige Ärzt*innen.

Sicherheit

Mit dem folgenden Absatz möchte ich auf keinen Fall Ängste schüren, ich möchte euch nur an meinen Überlegungen und Recherchen teilhaben lassen:
Denn bezüglich der Sicherheit hatte ich mir im Vorfeld einige Sorgen gemacht. Sowohl die Einschätzung meines einheimischen Freundes als auch die der Austauschtruppe waren aber so, dass ich mir unter Einhaltung gewisser Regeln keine Sorgen zu machen brauchte. Obwohl mir das sehr unangenehm war, bin ich nie allein irgendwohin gegangen, nicht einmal zum Einkaufen in der eigenen Straße. Mein Mitfamulant aus Deutschland hat das schon gemacht und kam wohl auch gut klar. Als Frau wurde es mir ausdrücklich empfohlen, nicht ohne Begleitung zu gehen. Wäre ich länger geblieben, hätte ich das sicher mal ausprobiert, aber unter den gegebenen Umständen hat es sich nicht ergeben.
Die lieben Leute der Austauschgruppe waren so motiviert, dass sie uns sowieso immer und überallhin begleitet haben und wir ständig im Pulk unterwegs waren und selbst bei den alltäglichsten Dingen sehr viel Spaß hatten.
Unangenehme Blicke und catcalling (anzügliche Sprüche) auf der Straße gab es weniger als erwartet und als mir angekündigt worden war. Das war sehr angenehm und liegt wahrscheinlich auch leider daran, dass wir immer in der Gruppe und eigentlich immer im Auto unterwegs waren.
Nebenbei bemerkt, sollte man sich bewusst sein, dass die ägyptische Regierung ein Regime ist, dass Oppositionelle (nicht nur aus der Politik) massenweise inhaftiert und daher mit politischen Aussagen absolut vorsichtig sein, auch um niemand Anderen zu gefährden. Ich hatte ein wenig Bedenken, da ich früher mit Amnesty International auch häufig zu Ägypten gearbeitet hatte, doch ich bekam nie irgendwelche Probleme.
Seit dem arabischen Frühling gibt es kaum noch Pressefreiheit und Meinungsfreiheit, insgesamt muss man mit politischen Aussagen sehr vorsichtig sein. Ich habe auch krude Erfahrungen gemacht, als eine Frau mir eröffnet hat, dass sie Hitlers Ansätze sehr gut fände. Antisemitismus ist leider auch verbreitet, insbesondere, da sich die Lage im Israel-Palästina-Konflikt zuspitzt. Homophobie ist auch verbreitet.
Die Militärpräsenz ist höher als in Deutschland üblich, es ist vom Aufkommen mit Frankreich vergleichbar. Alle Gebäude der Polizei oder der Regierung sind geschützt und man darf nicht einmal in der Umgebung Fotos machen. Darauf wird man aber auch freundlich hingewiesen. Sicherlich liegt die höhere Präsenz des Militärs auch daran, dass die Männer einer dreijährigen Wehrpflicht unterliegen. Gerade ist Ägypten an einem bewaffneten Konflikt mit der Türkei in Libyen involviert. Davon habe ich aber vor Ort nichts mitbekommen.
In Bezug auf die Corona-Lage lässt sich sagen, dass das Land Stand Ende Juli noch immer in einem partiellen Lockdown ist und das Leben noch nicht wieder zum Alltag zurückgekehrt ist. Dies könnte evtl. bei manchen organisatorischen Angelegenheiten relevant sein. Meine Einschätzung ist aber, dass die Austauschteams alles Mögliche unternehmen werden, um keine Unannehmlichkeiten entstehen zu lassen.
Insgesamt habe ich mich während meines Aufenthalts immer sicher und gut aufgehoben gefühlt und mir keine Sorgen um meine Sicherheit machen müssen. Ob ich derzeit alleine in Ägypten reisen würde, weiß ich aber nicht. Dazu kann ich also keinerlei Empfehlung abgeben.

Geld

In Ägypten zahlt man mit Egyptian Pound (EGP), der Wechselkurs derzeit ist ca. 1€ = 20 EGP. Man kann sich vor Ort Geld abheben. Ich habe eigentlich alles in bar bezahlt. Traveller Cheques werden meines Wissens kaum noch benutzt, aber mit Bargeld kann man alles gut klären. Dort gibt es viele Banken zur Auswahl, bei dem Bankschalter am Campus der University of Science and Technology (MUST) konnte ich persönlich kein Geld abheben, aber an allen ATMs hat es problemlos funktioniert. Ich war mit einer DKB-Karte gut aufgestellt.
Mit dem LEO (Local exchange officer) haben wir immer recht direkt Spritgeld etc. abgerechnet. Ansonsten haben wir eigenständig unsere Finanzen verwaltet. Es gab den Vorschlag, dass wir auch eine Art all-inclusive-Paket buchen könnten für das komplette social program (Eintritte und teils auch Essen), um sich die einzelne Rechnerei zu sparen. Ich wollte aber gern den Überblick und die Entscheidungsfreiheit behalten und habe mich dagegen entschieden.
Vielleicht als grobe Orientierung: Ich habe vor Ort im Schnitt 15-20€ ausgegeben, für Essen, Eintritte in Museen / kulturelle Plätze, Souvenirs etc.). Bei unserem Austausch kam aber hinzu, dass es einen Hurricane gab, der die Zugangswege nach Kairo downtown überflutet hat, sodass wir uns drei Tage nicht aus dem Vorort von Kairo bewegt haben. Zudem sind viele Programmpunkte des social programs aufgrund von beginnenden Coronaausbrüchen ausgefallen, bevor der Austausch abgebrochen werden musste, weil plötzlich die Flughäfen geschlossen wurden.

Sprache

In Ägypten wird überall der ägyptische Dialekt des Arabischen gesprochen. Ich hatte einen Grundkurs (A1) in Arabisch belegt und es kam mir zugute, da ich zumindest lesen konnte, auch wenn ich kaum etwas verstanden habe. Mein Arabisch ist zu begrenzt, um damit wirklich eine Konversation zu führen. Also abschließend ist es zwar nett ein bisschen was zu verstehen, aber keinesfalls notwendig, um sehr gut klarzukommen.
Untereinander wurde in der Austauschgruppe immer Englisch gesprochen und das auf einem meist hohen Niveau, sodass man sich sehr gut unterhalten konnte.
Mit den Ärzt*innen im Krankenhaus war es unterschiedlich, viele waren sichtlich unsicher mit der englischen Sprache und haben dann lieber unsere Begleitung vom Austauschteam übersetzen lassen. Mit Patient*innen habe ich nie direkt selbst gesprochen, sondern war immer nur Beisitzerin.
Mindestens ein B1, besser ein B2 sollte man schon als Niveau haben, damit man auch persönlich und fachlich von dem Austausch profitiert. Ich hatte vorher noch keinen Kontakt zu medizinischem Englisch gehabt und war erstaunt von der Vielzahl an Abkürzungen, die verwendet werden. Hier hilft es, sich zumindest grob in seiner Fachrichtung vorzubereiten. Da ich ständig die Ambulanzen gewechselt habe, habe ich einfach jedes Mal nachgefragt und das war auch gar kein Thema.
In Ägypten wird sehr viel mit den Händen geredet und sehr gerne diskutiert. Das klingt dann oft sehr turbulent, geht aber eigentlich sehr friedlich vonstatten.

Verkehrsbindungen

Nach Ägypten sollte man am besten fliegen, der Landweg ist eher nicht zu empfehlen. Meine ursprünglichen Flüge hatte ich einen Monat vorher für rund 300€ gebucht. Da ich dann spontan wieder abreisen musste, um noch vor der Schließung der Flughäfen nach Deutschland zu kommen (das Rückholprogramm der Bundesregierung war da noch im Anlaufen und ich hatte keine verlässlichen Infos und habe mich daher eigenständig um einen Rückflug gekümmert), habe ich am Tag vor meinem Abflug nach knappen zweieinhalb Wochen für 730€ einen Flug buchen müssen.
Es gibt Direktflüge nach Kairo und auch Verbindungen mit Umstiegen.
Vom Flughafen wird man abgeholt (zu jeder Tages- und Nachtzeit).

In Kairo sind wir mit Bussen (normale wie bei uns, aber auch Microbusses, volle Busse mit 14 Sitzen) und der Metro gefahren. Hier war es kurios, dass es ein Abteil nur für Frauen gab. Die Microbusses fahren los, wenn sie voll sind, die Metro fährt nach einem Fahrplan wie auch hier. Die Transportmittel sind sehr günstig und der Verkehr in Kairo ist berühmt-berüchtigt. Man braucht schon teils sehr lange, um von A nach B zu kommen, da es sehr viel Stau und sehr kuriose Straßenordnungen gibt.

Kommunikation

Bei Ankunft wurden wir mit einer SIM-Karte ausgestattet, die auch schon Guthaben und mobilen Internetzugang hatte, sodass ich vor Ort ohne Probleme zu erreichen war. Nach Hause war der Kontakt nicht ganz so leicht zu halten, zumindest sobald es über Nachrichten hinausging. Der einzige Messenger, über den man anrufen kann, ist der Facebook Messenger oder anscheinend auch Snapchat. Für Skype reichte die Wlan-Verbindung nicht und auch bei Whatsapp war nur ca. jeder 20. Anruf erfolgreich.
In der Unterkunft hatte ich (schwaches) Wlan und bis auf die Zeit nach dem Hurricane auch zuverlässig Strom.

Unterkunft

Für die Zeit meines Austauschs war ich in einer Unterkunft für Frauen untergebracht. Die meisten anderen waren auch Studentinnen, aber auch einige, die schon gearbeitet haben. Eigentlich hätten noch zwei weitere Frauen aus Italien am Austausch teilnehmen wollen, die dann wegen Corona nicht kommen konnten. Deswegen war ich alleine in einer Zweizimmer-Wohnung plus Wohnzimmer und Küche einquartiert. In der Küche gab es einen großen Kühlschrank und einen Gasherd. Da wir eh immer auswärts gegessen haben und ich keinen Topf etc. hatte, habe ich dort aber nie gekocht. Hätte ich es gewollt, hätte ich mir sicher von meinen Nachbarinnen die nötigen Dinge ausleihen können, um mich selbst zu versorgen.
Bei der Unterkunft war schon ein Grundstock an Wasser, Obst, Brot und Käse vorhanden, sodass ich gut eine Woche gar nicht einkaufen war.
Die Unterkunft wurde von der Austauschgruppe organisiert und ich habe mich selbst um nichts gekümmert (auch die Kosten wurden komplett von der Austauschorganisation übernommen, ebenso wie für das Mittagessen).
Wenn der Austausch im August stattfindet, sind die Unterkünfte wohl nahe dem Campus in Studentenwohnheimen organisiert. Damals im März waren wir privat untergebracht.
Theoretisch gab es einige Regeln in der Unterkunft: Männer durften bis auf den Besitzer und einen meiner Begleiter nicht herein und er auch nur, um mir den Wasserkanister hochzutragen. Ab 22 Uhr war die Außentür geschlossen und man musste die „Haushälterin“ wecken, um hereingelassen zu werden. Dies war mir unangenehm, da wir häufiger noch danach auch unterwegs waren. Aber für die Zeit meines Austausches galten für mich Ausnahmen von den Zeitregelungen, für die ich mich mit Schokolade aus Deutschland bedankt habe.
Bis auf die Zeit nach dem Hurricane (es hat einen ganzen Tag lang geregnet, was dort vielleicht alle fünf Jahre einmal passiert) waren Strom und Wasser zuverlässig. Insgesamt habe ich mich sehr wohl gefühlt in der Unterkunft und habe mich auch mit den anderen Bewohnerinnen sehr gut verstanden und wir halten bis heute den Kontakt.

Literatur

Ich habe wie oben erwähnt einen Reiseführer dabeigehabt und mich im Vorfeld auf der Seite des Auswärtigen Amtes und grob über die Gesundheitslage in Ägypten informiert. Ansonsten habe ich die Erfahrung einfach auf mich zukommen lassen und mich auf die Betreuung durch die Austauschgruppe verlassen. Ich hatte auch ein kleines Arabischwörterbuch dabei, das braucht man wirklich nicht.

Mitzunehmen

Man brauchte wider Erwarten im März auch warme Kleidung, da es in der Wüste nachts auch gut kalt wird. Neben langer Kleidung, die die Schultern und meist auch die Arme und Beine komplett bedeckt, habe ich Schwimmsachen, einen Satz Kasak und Hose sowie einen Kittel, Stethoskop, Reflexhammer, meine Kamera, einen Tablet-PC, Desinfektionsmittel und Handschuhe (braucht’s nicht unbedingt) dabei. Über die Decke aus dem Flugzeug habe ich mich im Nachhinein auch sehr gefreut.
Evtl. noch ein Satz zu der Schwimmkleidung: Bei unserem Ausflug zum roten Meer waren die Frauen alle bedeckt, also trugen einen Burkini oder, wenn sie sonst auch kein Kopftuch trugen, zumindest lange schwarze Hosen und ein langärmliges Shirt. Mir wurde explizit gesagt, dass ich mich ganz normal kleiden kann und da ich nur einen Bikini besitze, habe ich mir für die Zeit, in der wir nicht im Wasser waren, sondern auf dem Boot, lange Sachen und ein Tuch umgelegt, da ich mich als einzige unbedeckte Frau sonst unwohl gefühlt hätte. Evtl. ist das anders, wenn man mit mehreren europäischen oder „westlichen“ Frauen am Austausch teilnimmt.
Und dann noch die Sachen des Alltags, die man auch sonst auf Reisen mitnimmt. Ich konnte in der Unterkunft waschen und die Kleidung dann über meine Möbel hängen zum Trocknen. Ich wurde belächelt, dass ich eine kleine Tube Reisewaschmittel dabeihatte, fand es aber praktisch, da ich dann nichts kaufen musste.
Die Netzstecker sind die gleichen wie in Deutschland auch, man braucht also keinen Adapter.
Woran man unbedingt denken sollte, ist der Sonnenschutz, also genügend Sonnencreme und evtl. eine Kopfbedeckung mitnehmen, da es sehr heiß wird!

Reise und Ankunft

Die Anreise lief völlig reibungslos und ich wurde nachts um drei Uhr am Flughafen von der Kerntruppe des Austauschteams begeistert in Empfang genommen und zu meiner Unterkunft gebracht. Dort angekommen wurde ich vom Ruf der Muezzine von einer der zahlreichen, wunderschönen Moscheen begrüßt. Leider hatte ich weder Decke noch Laken in der ersten Nacht, doch das hat sich am nächsten Tag direkt klären lassen und ich war sehr froh über die Decke aus dem Flugzeug. Ansonsten war schon Essen für mich gekauft worden, ich wurde mit Plastiktellern und -besteck ausgestattet, die ich einfach immer wiederverwendet habe.
Nach einer kurzen Nacht wurden wir am nächsten Morgen um 10 Uhr abgeholt, um eine Campus- und Klinikführung mit Leuten aus dem Austauschteam zu machen. Hier lernten wir schon einige Leute aus dem Team kennen. Insgesamt waren es ca. 30 sehr motivierte Araber*innen, nicht nur aus Ägypten, die sich um uns gekümmert haben und das unheimlich reichhaltige social program mit uns gestaltet haben. Wir waren jeden Tag gemeinsam unterwegs (sogar die Tage nach dem Hurricane haben wir uns noch getroffen und in Cafés Spiele gespielt und den Abend gemeinsam verbracht).
Wir wurden super lieb aufgenommen und wirklich sehr gut betreut!

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich wollte eigentlich gerne in der Tropenmedizin einen Monat verbringen, da diese Ambulanz aber nicht täglich geöffnet hat, sondern eher eine Art Spezialsprechstunde war, bin ich einfach in die Ambulanzen des Souad Kafafi Memorial Hospitals gegangen, die mich interessiert haben. Ich habe also zwei Tage in der Inneren, vier Tage in der Neurologie und Psychiatrie und zwei Tage in der Gyn verbracht.
Meine Aufgaben waren sehr passiv, ich war immer Beisitzerin und durfte als höchstes der Gefühle mal eine Lunge auskultieren. Es ist sicher keine Famulatur, in der man ärztliche Basisfertigkeiten lernen und ausbauen kann. Aber was der große Vorteil war, war die große Flexibilität und die spannenden Fälle. Ich habe dort Patient*innen mit Krankheitsbildern gesehen, die ich in dieser Ausprägung in Europa noch nicht gesehen hatte.
Am liebsten mochte ich die Zeit in der Neurologie und Psychiatrie, da wir (es hat mich immer jemand vom Team begleitet, um zu übersetzen) gut integriert wurden und der Oberarzt uns auch mit auf die Visite auf Station genommen hat. Dies war ein kurzer Ritt durch die Normalstation, die Notaufnahme und auch die Intensivstation, jeweils zu ausgewählten Patient*innen. Die Lehre war doch recht anders als in Deutschland, doch wurden mir tatsächlich auch mal ein paar Fragen gestellt, die ich dann hätte beantworten sollen (Definition und Former der Epilepsie etc.). Allgemein gab es recht wenig Interaktion mit den Ärzt*innen, je nach Person haben sie gern mal was erklärt und andere waren einfach nur mit ihrem Tagesgeschäft schon ausgelastet. Es war also ein bisschen eine Glückssache, wen man da erwischt.
Die Arzt-Patienten-Interaktion ist recht paternalistisch und ein Großteil der Zeit wird in die Anamnese investiert, da funktionelle Untersuchungen, Blutentnahmen, Bildgebungen etc. teuer und aufwendig sind. Ich hatte gehofft, dass es viele körperliche Untersuchungen geben würde, dies war aber zumindest im ambulanten Bereich nicht der Fall. Auf den Normalstationen mag das anders aussehen.
Insgesamt galt es immer, den „personal space“ der Patient*innen zu respektieren, sodass diese nur soviel wie unbedingt nötig entkleidet wurden und möglichst nicht berührt wurden, außer an gesellschaftlich akzeptierten Körperstellen wie den Händen, vor allem wenn ein Arzt eine Patientin untersucht hat.
In der Gyn wurde neben der Untersuchung und Anamnese geschallt und ich durfte direkt am ersten Tag einem Kaiserschnitt beiwohnen. Am zweiten Tag habe ich eine natürliche Geburt mitbekommen, die so spontan war, dass sie direkt auf dem Klinikflur auf dem Weg zwischen Aufzug und OP stattfand und niemand es wirklich mitbekommen hat, da die Beine der Frau mit einem Tuch abgedeckt waren für den Transport.
Sowohl in der Gyn als auch in der Neuro/Psychiatrie wurde ich von den anderen Studierenden (PJ-ler*innen) eingebunden und sie erklärten mir ihr Vorgehen. Ich selbst habe ich der Zeit wirklich nur zugeschaut und viele spannende Dinge gesehen.
Insgesamt war es eine spannende Erfahrung, auch wenn ich nur 8 Vormittage von den 16 Tagen im Krankenhaus war. Es ist sicher fachlich nicht die Famulatur, die einen viel weiter nach vorne bringt. Eventuell ist es da förderlicher, einen Monat lang auf der gleichen Station/ in der gleichen Ambulanz zu verbringen, aber ich habe die Zeit sehr genossen, da ich mir einfach alles anschauen konnte, was mich interessiert hat. Diese Flexibilität war ein großer Pluspunkt. Außerdem ist es sehr interessant zu sehen, wie unterschiedlich Gesundheitssysteme funktionieren und wie sich Strukturen / Ausstattung etc. unterscheiden.

Land und Leute

Das Social Program war sehr voll und umfassend. Wir hatten mindestens jeden Nachmittag etwas vor und meist waren wir auch ganze Tage unterwegs, um uns Museen / das rote Meer / religiöse oder andere Sehenswürdigkeiten anzuschauen. Ägypten hat eine Vielzahl an historischen Gebäuden und Plätzen vorzuweisen, die man gar nicht alle in einem Monat gebührend würdigen kann. Wir waren jeden Tag woanders essen und haben viele typische Gerichte probiert. Vegetarier*innen haben es dort nicht ganz so leicht, aber es ließ sich immer etwas Leckeres finden und es wurde immer Rücksicht darauf genommen. Hier ist es sinnvoll, schon im Vorfeld über besondere Wünsche/Unverträglichkeiten etc. zu informieren.
Wir haben uns auch touristische Orte und beispielsweise eine Tannoura-Show besucht, in der es einen typischen Tanz mit Männern gab, die mit großen, farbenfrohen Röcken mit viel Musik rotierten.
Viele Punkte auf dem Plan mussten leider erst aufgrund des Sturms und danach wegen Corona abgesagt werden. Letztendlich haben wir einige Abende in Kaffeehäusern verbracht und uns gegenseitig typische Spiele beigebracht.
Zum unverhofft frühen Abschluss meines Austauschs sind wir noch zu den Pyramiden von Giza gefahren und haben den Tag dort verbracht und alles erkundet. Wegen der Coronalage waren nur noch sehr wenig andere Leute vor Ort und es war eine wirklich schöne Erfahrung.
Luxor und Assuan sind leider ausgefallen und ich hoffe sehr, dort eines Tages hinfahren zu können, um die historischen Stätten zu besuchen.
Das Ägyptische Museum ist ein Ort voller historischer Reliquien, Mumien, Sarkophage, Statuen, den Reliquien von Tutanchamun etc. Hier haben die fünf Stunden Öffnungszeit nachmittags kaum gereicht, um sich alles anzuschauen.
Das religiöse Viertel hat uns auch einen sehr spannenden Besuch beschert, da man hier in kürzester Entfernung wunderschöne Moscheen, koptische Kirchen und Synagogen besuchen kann, die alle in Nachbarschaft zueinander stehen und die Offenheit der Religionen füreinander symbolisieren sollen. Faktisch ist die Mehrheit des Landes muslimisch geprägt.
Mein Eindruck von Land und Leuten war ein sehr positiver: Die Gastfreundschaft ist legendär und ich wurde überall sehr lieb aufgenommen. Das Team vom Austausch hat sich unheimlich viel Mühe gegeben, uns die wichtigsten Dinge zu zeigen und wir hatten echt viel Spaß zusammen.
Das Land ist sehr trubelig, laut, heiß und staubig. Ich habe mich rundum wohl gefühlt und habe mich, wie oben erwähnt, immer sicher gefühlt. Es wird viel diskutiert und gestikuliert und die Taxifahrer haben sogar einen „Sprachcode“ per Hupe. Es ist also immer was zu sehen und zu erleben. Zu Beginn hatte ich eine gewisse Reizüberflutung, aber ich habe mich sehr schnell eingelebt und dann den Trubel sehr genossen. In den Autos auf dem Weg zum nächsten Programmpunkt stieg immer im Auto eine kleine Karaoke-Party und allgemein hatten alle aus dem Austauschteam unglaublich viel Motivation, eine schöne Zeit mit uns zu verbringen und uns schöne Aspekte des Landes zu zeigen.
Es gab auch negative Aspekte, wie die mangelnde politische Freiheit, Einschränkungen der Frauen (sobald ein Mann in der Nähe ist, mussten sie sich „angemessen“ verhalten und sowieso stets auf ihre Kleidung, ihre Sitzposition etc. achten). Aber insgesamt habe ich mich sehr wohl gefühlt und finde es sehr schade, dass ich den Austausch verfrüht abbrechen musste.
Einmal wurde ich auf der Straße angepöbelt und häufig von Witwen und Kindern angebettelt, aber ansonsten habe ich keinerlei negative Erfahrungen gemacht in der Zeit. Ich wurde wie bereits erwähnt überall nett aufgenommen und integriert, alle waren interessiert und offen im Umgang. Alle haben mich in ihre Ursprungsländer eingeladen und haben darauf bestanden, dass ich unbedingt nach der akuten Pandemie wieder zurückkommen soll.
Die wirtschaftliche Situation des Landes ist angespannt und das zeigt sich an vielen nicht fertig gestellten Gebäuden. Andererseits wird in prestigeträchtige Bauten investiert, während der Großteil der Bevölkerung unter sehr ärmlichen Bedingungen eine Existenz aufbaut. Es gibt keine Sozialversicherung oder ein ähnliches Absicherungssystem wie in Deutschland, sondern die Familie hat in vielerlei Hinsicht eine größere Bedeutung und geht auch mit größeren Verpflichtungen einher als hierzulande typisch.
Unter den Medizinstudierenden waren die allermeisten echt sehr offen und interessiert und recht fortschrittlich in ihren Ansichten. Die kulturelle Prägung durch die viel stärker präsente Religiosität ist an vielen Ecken sichtbar, nicht nur an den Rufen der Muezzins, die einen mehrfach am Tag an das Gebet erinnern.
Die Architektur ist sehr unterschiedlich, je nach Alter der Gebäude. Es gab viele moderne Apartmenthäuser, aber auch sehr viele alte Gebäude, insbesondere in Downtown Cairo.
Die Frage, ob ich etwas anders gemacht hätte, ist schwierig zu beantworten. Ich hätte gern ein wenig mehr Zeit in der Klinik verbracht, aber die war auch nach dem Hurricane für uns nicht zu erreichen und danach stand schon der Abflug an. Dies ist den Umständen geschuldet und war keine Unzulänglichkeit der Planung. Natürlich hätte ich auch gerne alle vorgesehenen Aktivitäten des social programs erlebt, aber dies war aufgrund der Coronalage nicht sicher und ich bin froh, dass dort immer vernünftige Entscheidungen mit uns gemeinsam getroffen wurden. Und natürlich wäre ich gern länger geblieben, um die Zeit in dem schönen Land weiter auszukosten, aber diese Entscheidung lag nicht in meiner Hand. Seit meiner Abfahrt Mitte März befindet sich das Land im Lockdown und kämpft mit steigenden Fallzahlen und großen Schwierigkeiten in der Gesundheitsversorgung.

Fazit

Meine Erwartungen an den Austausch wurden in jeder Hinsicht erfüllt und ich bin sehr froh und dankbar für diese Erfahrung, die mich in vielerlei Hinsicht bereichert und meinen Blick auf die arabischen Teile der Welt verändert hat. Sowohl in kultureller Hinsicht als auch in Hinblick auf meine Erfahrungen in der Klinik konnte ich viele spannende Dinge sehen und erleben und bin sehr dankbar für diese Chance.
Ich würde und werde sehr gerne wieder ins Ausland reisen, denn meine Idee ist, später international tätig zu sein und da hilft kulturelle Sensibilität und ein bisschen was an Erfahrungen in anderen Ländern sicher weiter.
Sehr gerne möchte ich wieder nach Ägypten reisen, auch wenn ich mir der schwierigen Lage der Menschen und ihrer Rechte dort durchaus bewusst bin. Dort zu arbeiten, kann ich mir dauerhaft nicht vorstellen, da ich mich als Frau dort nicht so frei fühlen würde wie ich es in Europa bin. Aber für eine gewisse Zeit dort tätig zu sein wäre sicher eine für beide Seiten bereichernde Erfahrung.
Der Aufenthalt klingt noch in mir nach, auch vier Monate später bin ich glücklich und dankbar für die Erfahrungen, die ich mit den Menschen vor Ort teilen durfte. Einige Kontakte halten nach wie vor und wir stehen im regen Austausch miteinander. Ich hoffe sehr, wieder dort hinreisen zu können. Auf professioneller Ebene habe ich sehr viel gelernt, insbesondere im Umgang mit Menschen, die aus einem muslimisch geprägten Land kommen und was das für Auswirkungen auf ihre Erwartungen an die ärztliche Rolle und das angemessene Verhalten hat. Ich denke, dass mir diese Erfahrungen im späteren Berufsalltag sehr hilfreich sein werden.
Nach dem Austausch habe ich einen weiteren Arabischkurs belegt und bin sehr motiviert, diese Sprache zu erlernen, von der ich denke, dass sie nicht nur kulturell einen hohen Wert hat, sondern auch unser zukünftiges Arbeiten in Deutschland und anderswo stärker mit prägen wird.

Insgesamt war es eine sehr positive, wenn auch durch die Umstände unruhige Zeit mit vielen spannenden, neuen Erfahrungen, die ich nicht missen möchte. Ich kann eine Famulatur in Kairo empfehlen, man sollte sich im Vorfeld klar sein, dass es fachlich anders sein wird als eine Famulatur in Österreich oder der Schweiz etc. Kulturell und menschlich lernt man eine Menge dazu und wen das reizt, der*die wird in Ägypten auf seine Kosten kommen.
Insgesamt war es eine sehr gute Erfahrung, die ich gern weiterempfehle.
An dieser Stelle möchte ich gern den Organisator*innen vonseiten der bvmd danken, die Unmögliches möglich gemacht haben, um diesen Austausch zu ermöglichen. Danke für euer Engagement und dass ihr so vielen Leuten wunderbare Chancen eröffnet!

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