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Brazil (IFMSA-Brazil)

Innere - SCOPE (Famulaturaustausch)
Anonym

Motivation

Vor dem Ende meines Studiums wollte ich die Gelegenheit nutzen, ein neues Land und Gesundheitssystem kennen zu lernen. Da ich Freunde in Brasilien habe und mich für Tropenmedizin interessiere, war Brasilien von Anfang an mein Wunschland. Mit der Tropenmedizin hat es am Ende leider nicht geklappt, dafür bin ich aber in meiner Wunschstadt Belém gelandet.

Vorbereitung

Um eine gute sprachliche Grundlage für den Austausch zu haben, habe ich im Vorfeld Portugiesischkurse besucht. Die benötigten Impfungen hatte ich bereits alle wegen vergangener Auslandsreisen. Inhaltlich habe ich mich mit Büchern, Musik und Filmen auf den Austausch vorbereitet. Meine Kontaktperson sowie Freunde haben mich mit Informationen über die Bedingungen vor Ort versorgt.

Visum

Mit dem Schweizer Pass konnte ich problemlos ohne Visum einreichen. Das Touristenvisum für 90 Tage wird kostenlos am Flughafen ausgestellt.

Gesundheit

Für den Austausch hatte ich über den Marburger Bund eine Reisekranken- und Haftpflichtversicherung abgeschlossen. Diese werden von der Organisation vor Ort erwartet und der Nachweis muss spätestens vier Wochen vorher vorliegen. In Brasilien gibt es ein öffentliches Gesundheitssystem (SUS), das die medizinische Grundversorgung für alle kostenlos anbietet. Daneben gibt es private Kliniken, die besser ausgestattet sind und von allen genutzt werden, die sich eine private Krankenversicherung leisten können. Meine Gastfamilie hat mir angeraten auf jeden Fall die privaten Einrichtungen aufzusuchen, falls es nötig sein sollte. Zum Glück musste ich das Gesundheitssystem nicht in Anspruch nehmen. Mein Aufenthalt fiel in die Regenzeit und die Stadt war mehrere Tage überschwemmt. Mir wurde dazu geraten, in dieser Situation entweder zuhause zu bleiben oder mich nur mit Auto/Taxi fortzubewegen bzw stehende Gewässer wegen der Infektionsgefahr (Leptospirose, Leishmaniose) zu meiden. Ich war trotzdem oft zu Fuß unterwegs. Gummistiefel hatte ich keine dabei, sind aber sicher zu empfehlen. Masern ist in Brasilien wieder auf dem Vormarsch. Wer keinen Schutz hat, kann sich kostenlos vor Ort impfen lassen. Malaria gibt es in Belém selbst kaum und eine Prophylaxe ist überflüssig, solange man nicht eine Flußreise auf dem Amazonas plant. Gegebenenfalls kann man eine Packung Malarone für den Notfall einpacken.

Sicherheit

Belém gilt nicht als besonders sicher. Man sollte sich unbedingt darüber informieren, an welchen Orten man sich zu welcher Uhrzeit sicher aufhalten kann. In der Regel kann man sich tagsüber an belebten Orten gut zu Fuß durch die Stadt bewegen. Allgemein sollte man aber möglichst wenig mit sich tragen und Handy und Wertgegenstände nicht auf der Straße rausholen. Am besten ist es, sich am Verhalten der Lokalbevölkerung zu orientieren. Meine Gastfamilie war meist mit Auto/Uber unterwegs, ich habe tagsüber den Bus genutzt oder war zu Fuß unterwegs. Abends ist ein Taxi jedoch sicherer und es empfiehlt sich, immer den Standort mit jemandem zu teilen. Meistens waren wir in einer kleinen Gruppe unterwegs, in der man gegenseitig aufeinander aufpasst.

Geld

Das Leben in Belém ist verhältnismäßig günstig. Ich habe einmal zu Beginn 200 € abgehoben, die mir sechs Wochen gereicht haben. Was sicherlich mit daran lag, dass ich drei Mahlzeiten bei meiner Gastfamilie bekommen habe und sie mich auch bei Restaurantbesuchen und Museen eingeladen haben. Die Landeswährung ist Real, der Wechselkurs lag bei 4,7 Reais zu 1 €. Bei den meisten Läden, auch kleinen Kiosken, kann man mit Karte bezahlen.

Sprache

Die Landessprache ist Brasilianisches Portugiesisch. Es empfiehlt sich, im Vorfeld Grundkenntnisse zu erwerben. Sowohl die Kommunikation in der Gastfamilie als auch im Krankenhaus fand ausschließlich auf Portugiesisch statt. Mein Gastbruder sprach sehr gut Englisch. Ansonsten kommt man mit Englisch nicht weit. Mit Spanisch ist es manchmal einfacher. Ich hatte im Vorfeld Portugiesisch bis B2 gelernt. Damit konnte ich mich in der Gastfamilie und mit den Ärztinnen gut verständigen. Die Kommunikation mit den Patientinnen war hingegen oft erschwert, da sie zum Teil einen starken Dialekt sprachen, den ich nicht verstehen konnte.

Verkehrsbindungen

Für den überregionalen Verkehr gibt es Busse oder Flugzeuge. In der Stadt kann man sich mit den öffentlichen Bussen für 3-6 Reais pro Fahrt oder mit den vergleichsweise günstigen Uber, Taxi 99 bewegen. Google-Maps funktioniert in Belém (noch) nicht für die Busfahrzeiten, die Moovit-App ist dafür aber eine gute Alternative. Die Abfahrtszeiten werden relativ zuverlässig angezeigt. Die Bushaltestellen sind meist nicht ausgeschildert, man muss sich darüber im Voraus informieren.

Kommunikation

Über Messenger Dienste war es einfach, den Kontakt nach Hause aufrecht zu erhalten. Im Haus gab es WLAN, das ab und zu mal ausgefallen ist. Das mobile Netz war aber meist gut und günstig zu erwerben. Ich habe mir eine Prepaid-SIM-Karte von TIM geholt und diese immer wieder mit Guthaben aufgeladen. Umgerechnet habe ich dafür ungefähr 15€ ausgegeben. Die Kommunikation im Land auch innerhalb des Krankenhauses lief überwiegend über Whatsapp.

Unterkunft

Ich habe bei einer Gastfamilie eines Studenten der UEPA gewohnt. Meistens war ich mit meinen Gastgeschwistern alleine in der Wohnung, da die Familie noch ein Haus außerhalb der Stadt besitzt und es für die Eltern näher an der Arbeit liegt. Die Familie hat mich sehr herzlich aufgenommen und mir sehr viel gezeigt. Einige der geplanten Ausflüge konnten wir leider wegen der Covid-19 Pandemie nicht realisieren.
Die Familie hatte eine Angestellte im Haus, die für uns gekocht, geputzt und die Wäsche gewaschen hat. Nach der Arbeit habe ich meistens mit ihr zusammen Mittag gegessen und mich auf Portugiesisch unterhalten. Sie war eine große Hilfe und stand für alle meine Fragen zur Verfügung. Bettwäsche, Handtücher etc. wurde mir alles zur Verfügung gestellt. Ich konnte die Küche, Wohnzimmer und Waschküche jederzeit selbständig nutzen.
Am Wochenende habe ich meistens etwas mit meinem Gastbruder, seinen Freunden oder der Familie unternommen. Ich habe mich sehr wohl und aufgehoben gefühlt.

Literatur

Ich habe mich in der Vorbereitung vor allem über das Internet informiert. Die lokale IFMSA-Gruppe hat einen Handbook mit wichtigen Informationen entworfen, das sehr hilfreich ist. Einen Reiseführer hatte ich nicht dabei.

Mitzunehmen

Man sollte sicher Sonnenschutz, einen Regenschirm (den bekommt man aber auch günstig vor Ort für ca 10 Reais), Mückenspray und einige Notfallmedikamente (ist aber sonst auch nicht schwer vor Ort zu bekommen) dabei haben. Ich hatte auch ein Moskitonetz dabei, das sich als unnötig erwiesen hat, da es in der Stadt so gut wie keine Moskitos gab. Warme Kleidung ist nicht nötig. Die Temperatur liegt immer über 30°C und ich habe vielleicht ein oder zweimal einen Pullover getragen.

Reise und Ankunft

Da ich den Karneval miterleben und mich vor dem Praktikumsbeginn eingewöhnen wollte, bin ich bereits zwei Wochen früher angereist. Von meiner Gastfamilie aus war das kein Problem. Meine Kontaktperson hat mich am Flughafen abgeholt und zu meiner Unterkunft gefahren, wo mich mein Gastbruder in Empfang genommen hat. Es ist trotz einer großen Verspätung beim Umstieg in Lissabon alles glatt gelaufen.
In der Zeit bis zum Praktikumsbeginn war ich vor allem mit meinem Gastbruder und seinen Freunden unterwegs. Wegen des Karnevals hatte die Familie ebenfalls frei. Außerdem habe ich angefangen die Stadt auf eigene Faust zu entdecken und habe mich um Handy etc. gekümmert.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Anders als ursprünglich geplant, bin ich nicht in der Gynäkologie, sondern in der Inneren Medizin gelandet. Über den Kontakt von einem Studenten der UEPA konnte ich immerhin während eines Nachtdienstes in die Gynäkologie und Geburtshilfe hineinschnuppern und habe dort drei Sectiones miterlebt. Das Zentrum, wo ich tätig war, war die erste Anlaufstelle für internistische Patientinnen, die über die Ambulanzen oder Rettungsstellen kamen. Falls sie vor Ort nicht behandelt werden konnten, wurden sie auf spezialisiertere Stationen weitergeschickt. Das Krankenhaus, wo ich war, „Hospital Santa Casa de Misericórdia“ ist Teil des öffentlichen Gesundheitssystems und die Behandlung wird vom SUS (Sistema Único de Saúde) übernommen. Die Mehrheit der Patientinnen kamen aus dem ärmeren, ruralen Teil der Bevölkerung, waren davor oft noch nie in ärztlicher Behandlung und kamen mit entsprechend eindrücklichen Befunden. In den drei Wochen meines Praktikums habe ich viele Krankheitsbilder in einer Ausprägung gesehen, wie ich sie nur aus dem Lehrbuch kannte, da sie in Europa viel früher diagnostiziert und behandelt werden. Es gab beispielsweise Aidspatientinnen mit opportunistischen Infektionen wie zerebrale Toxoplasmose oder Kryptokokkose, viele Tuberkulose Verdachtsfälle, Patientinnen mit systemischem Lupus, Leberzirrhose nach Hepatitisinfektion mit Aszites, Nierenversagen und Pneumonien.
Ich habe mich schon darauf eingestellt, dass das Stationsleben sehr anders sein wird als in Deutschland, war dann aber doch überrascht, dass es an so vielen Dingen mangelte wie z.B. Handschuhen, Masken, Schutzkittel und auch bei den Medikamenten gab es immer wieder Engpässe, sodass auf Alternativen ausgewichen werden musste. Die Ärzte waren alle sehr kompetent, haben gerne alle Fragen beantwortet und regelmäßig Studierendenunterricht abgehalten. Auf der Station gab es drei Oberärzte und fünf Assistenzärzte, dazu kamen jeweils vormittags Studierendengruppen aus den staatlichen Universitäten, mit denen ich zusammen die Patientinnen untersuchte und die Krankengeschichten erhob. Wenn wenig zu tun war, habe ich mich in die Krankenakten eingelesen oder mein Wissen über die verschiedenen Krankheitsbilder aufgefrischt. Oft konnte ich schon gegen Mittag nach Hause. Die Betreuung durch die Ärzte war sehr gut und persönlich. Wir standen auch über Whatsapp in Kontakt und sie haben mir Materialien zur intensiveren Beschäftigung mit einzelnen Themen zugeschickt.
Bedauerlicherweise musste ich mein Praktikum auf Grund der Covid-19 Pandemie vorzeitig abbrechen.

Land und Leute

Während meines Aufenthalts gab es wenige Angebote vom social program, da ich in der Klausurenphase und Regenzeit da war. Später kamen die Einschränkungen aufgrund der Covid-19 Pandemie hinzu. Trotz allem hatte ich eine gute Zeit. Ich habe vieles auf eigene Faust erkundet oder war mit meinem Gastbruder und seinen Freunden unterwegs. Für mich hat das so gepasst. Nach der Arbeit war ich oft mit meinem Gastbruder beim Crossfit Training oder im nahen Bosque joggen oder habe mich mit einem Buch in die Hängematte gesetzt. Den Parque Utinga kann ich für sportliche Aktivitäten (Laufen, Fahrrad fahren) oder zum Spazieren gehen ebenfalls sehr empfehlen. Wir waren oft essen, was immer sehr lecker war. Man sollte nicht nach Hause reisen ohne Acai, Tacacá (eine lokale Suppe mit Jambú) oder sich durch die unzähligen, herrlichen Fruchtsorten probiert zu haben. Zum Mittagessen gab es abwechslungsweise Hühnchen und Fleisch manchmal auch Fisch mit Reis, Farofa, Salat und immer einem frischen Fruchtsaft dazu. Das Essen war immer sehr lecker zubereitet und frisch. An den Wochenenden waren wir oft zum churrasco eingeladen, dabei wurde meist laut Musik gehört (Pagode, Sertanejo oder Brega), getanzt und viel getrunken.
Mit meiner Gastfamilie habe ich mich ausgezeichnet verstanden und ich kann auch sagen, in der kurzen Zeit, fast die ganze Verwandtschaft kennen gelernt zu haben. Ich war bei jeder Familienfeier eingeladen und wurde sehr herzlich aufgenommen. An einem Wochenende war ich mit meiner Gastmutter und ihrer Schwester auf der Insel Mosqueiro, wo viele Städter am Wochenende oder in den Ferien zum Baden und Ausspannen hinfahren. Ansonsten waren wir auf dem Ver-o-Peso (der größte Freiluftmarkt Lateinamerikas), der Estacao das Docas oder auf einem Kunsthandwerksmarkt auf der Praca da República, der dort jedes Wochenende statt findet.
An sich war mein Plan im Anschluss an das Praktikum einige Wochen zu reisen. Ich wollte Freunde im Süden des Landes und in Bolivien besuchen. Das hat sich aber bald im Zuge der Covid-19 Pandemie als unrealistisch herausgestellt, sodass ich für die Reise zu einem späteren Zeitpunkt zurück kehren werde. Meine Abreise war sehr überstürzt. An einem Abend nach drei Wochen Praktikum habe ich erfahren, dass ich am nächsten Tag nicht mehr ins Krankenhaus kommen kann und einen Tag später saß ich schon im Flugzeug zurück nach Deutschland, da die Grenzen noch am selben Tag geschlossen wurden.
Die politische und wirtschaftliche Situation war sehr angespannt und es gab immer wieder Proteste gegen die Regierung. Die Bevölkerung ist insgesamt stark polarisiert, was sich durch die Krise des Gesundheitssystems auf Grund von Covid-19 noch verschärft hat.

Fazit

Schon vor meinem Austausch spielte ich mit dem Gedanken, einmal als Ärztin in Brasilien zu arbeiten. Das Praktikum hat mich in meinem Wunsch bestärkt und ich hoffe, bald zurückkehren zu können. Insgesamt war es eine sehr bereichernde Erfahrung.

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