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Orthopädie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Maren, Aerzen

Motivation

Da ich schon lange Jahre für andere Studierende über die BVMD den Austausch organisiert habe, wollte ich gerne ebenfalls diese Chance nutzen. Dabei war Australien ein Kontinent, der mich schon immer interessiert hatte, und mit Melbourne wurde es dann auch noch eine der interessantesten Orte in Australien.

Vorbereitung

Sehr wichtig ist, schon frühzeitig an das Sprachzertifikat der BVMD zu denken. Dieses muss schon bei der Bewerbung eingereicht werden. Australien verlangt ein Zertifikat C1 in Englisch. Das ist machbar, aber je nach dem, wie lange das Abi zurück liegt, braucht man dennoch etwas Training.

Visum

Das war sehr einfach - als Europäer (insbesondere aus Deutschland) hat man beim Reisen ja so manche Privilegien. Man geht auf die Internetseite australia.visapply.org für ein "ETA"-Touristenvisum, zahlt 50AUD per Kreditkarte und kann das Visum dann abrufen/kriegt es per Email geschickt. Nach der Beantragung muss man innerhalb eines Jahres einreisen. Das Visum selbst ist 3 Monate gültig.

Gesundheit

Über die Apobank bekommt man die Auslandsreisekrankenversicherung während des Praktikums über die AXA. Für die Reise vor meiner Famulatur hatte ich die Auslandsreisekrankenversicherung kostenlos über meine Mastercard bei der Sparkasse und habe mir diese vorher bescheinigen und zuschicken lassen.
In Australien braucht man noch eine "Malpractice Insurance", das möchte das Krankenhaus. Dabei hat mir die Studentenkoordinatorin vor Ort geholfen - das sind auch nur ein paar Klicks auf einer Internetseite - das gibt es kostenlos.
Vorher musste ich mich noch Grippe impfen lassen, einen Tuberkulose-Test und MRSA-Test für das Krankenhaus machen lassen.

Sicherheit

Wenn ich mich auf eine Reise begebe, gehe ich immer mit dem vollen Vertrauen und einem guten Gefühl zuhause los. So auch dieses Mal. Australien ist ein sehr sicheres Reiseland. Allerdings war mir vor meinem Aufbruch der Corona-Ausbruch nicht wirklich bewusst. Die ganze Lage hatte sich während meines Aufenthaltes vor Ort ebenfalls verschärft. Gegen Ende (Mitte März) war fast alles in Melbourne geschlossen. Im Nachhinein betrachtet bin ich froh, zum richtigen Zeitpunkt zurück geflogen zu sein. So wie die Lage in Melbourne aktuell ist (Ende August 2020) würde ich mich dort nicht mehr sicher fühlen, wenn ich die ganze Zeit in Lockdown hätte verbringen müssen, durch Drohnen überwacht und bei kritischen Äußerungen gegen die Corona-Politik womöglich verhaftet.
Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben ;-)

Geld

Australien ist SEHR TEUER. Ich kann nur jedem empfehlen, sich das vorher klar zu machen.
Man kann überall ganz einfach mit der Kreditkarte bezahlen oder an Automaten AUD abheben. Während der Zeit gab es Schwierigkeiten, eine Unterkunft für mich zu finden. Darum hatte ich mich selbst auf den Weg gemacht - man zahlt für WG-Zimmer in Melbourne zwischen 150-300AUD pro WOCHE!

Sprache

Diese Frage erübrigt sich fast - da man sowieso C1 vorweisen muss, um sich überhaupt bewerben zu können. Vor Ort hatte ich keine Probleme in der Kommunikation - im Gegenteil: die Menschen waren von der Qualität unserer Fremdsprachen-Ausbildung in Deutschland beeindruckt.

Verkehrsbindungen

Habe mir ca. 2 Monate vorher ein Ticket bei QuatarAirways gekauft - für 800-900€ hin und zurück. Das war ein Glücksgriff. Auch die Airline kann ich nur weiter empfehlen (sollte es sie nach Corona noch geben).
Im Land bin ich Fahrrad gefahren (Melbourne). Auf der Reise im Inland hatte ich mir einen CamperVan gemietet - der war sehr neu und ist sehr zuverlässig gefahren. Nur unbedingt die Versicherung mit buchen! :-)

Kommunikation

Für mein Handy habe ich mir eine australische Sim-Karte geholt von Telstra. Die haben Daten-Tarife, die bei 30MB anfangen (pro Monat) für ca. 30AUD. Damit war die Kommunikation im Land und nach Deutschland gesichert (dank kostenloser "International calls" - im Tarif mit inbegriffen).

Unterkunft

Jetzt kommt der spannende Part. Vor meiner Anreise und zur Zeit meines Aufenthaltes gab es diverse Schwierigkeiten bei AMSA Australia und in der lokalen Ortsgruppe. Eigentlich gab es nur eine Studentin, die die ganze Koordination zu der Zeit übernommen hatte. Sie war sehr unerfahren und hatte wohl auch keine richtige "Übergabe" des Austauschgeschäftes bekommen. Außerdem hat/hatte die Ortsgruppe große Finanzierungsprobleme. Durch meine Reise vor der Famulatur war ich schon vor Ort - und zwei Wochen vor Praktikumsbeginn war immer noch nicht klar, wo und zu welchem Preis ich unterkommen sollte. Also habe ich mir in einer australischen App "Flatmate-Finders" selbst versucht, eine Unterkunft zu organisieren. Leider hat mir die gefundene Unterkunft am Wochenende vor Beginn des Praktikums abgesagt. So hat sich eine Sandwich-Lösung aus Hostel, Privatzimmer und Unterkunft bei Freunden der Familie einer Studentenkoordniatorin ergeben.
Trotz der Tatsache, dass sich am Ende eine Lösung fand, war es für mich sehr belastend kurz vor Beginn noch nicht zu wissen, wo ich schlafen sollte und wer es bezahlen solle.

Literatur

Für all das hatte ich wenig Zeit. Im Krankenhaus gab es eine Bibliothek, dort konnte man lesen oder auch medizinische Fachliteratur ausleihen. Da ich vorher schon in der Orthopädie famuliert hatte, hab ich der Vorbereitung nicht sehr viel Beachtung geschenkt - und habe mich überraschen lassen, wie das vor Ort so läuft ;-)

Mitzunehmen

Die ganzen geforderten Dokumente "Upon Arrival" hatte ich ausgedruckt dabei - im Endeffekt war wie so oft mit der Bürokratie: viel Lärm um nichts. Am Ende wollte niemand mehr irgendwelche Papiere von mir sehen. Ich hatte einen Kittel dabei - welcher dort nicht zur Anwendung kam.
Für den OP sollte man sich bequeme Schuhe mitnehmen. Und für Station gilt in Australien: Smart Casual oder so ähnlich. Also sollte man dort etwas schickere Kleidung (Business-Style) mitnehmen. Schade, dass es nicht überall für Ärzte und Ärztinnen die Regelung der Hose und Kasack gibt, welche vom Krankenhaus gestellt werden und dort verbleiben (viel hygienischer) :)

Reise und Ankunft

Ich wurde von der Studierendenkoordinatorin vor Ort abgeholt. Sie hat mich über den Stand der Dinge in Kenntnis gesetzt (Unterkunft etc.). Da ich fast einen Monat vorher angereist bin, war das optimal, mich auch etwas in Melbourne selbst umzuschauen, die Wege auszutesten, um dann am 1. Famu-Tag pünktlich zu erscheinen.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Leider hatte ich meine Famulatur nicht in vollem Umfang so erleben können, wie eigentlich geplant (Corona-bedingt). Ich wurde sehr nett und freundlich aufgenommen und mit einbezogen. In der Orthopädie haben sehr viele Männer gearbeitet (wie so oft). Das hierarchische System ist ähnlich gegliedert, wie in Deutschland, allerdings gibt es ein paar Besonderheiten:
Nach der theoretischen Ausbildung startet man als "Intern" - wie bei uns PJ, allerdings haben die Interns noch mehr Zuständigkeiten und auch mehr Verantwortung in der Patientenversorgung. Danach beginnt die "Residency" - wie bei uns die Assistenzarztzeit. Anschließend kann man "GP Registrar" (Allgemeinmedizin. Facharzt) werden, oder "Specialist Registrar (spezieller Facharzt). Ganz oben steht dann der "Specialist Consultant", der hauptsächlich Beratungsfunktion durch seine Expertise hat. Spannend fand ich, dass innnerhalb des Krankenhauses die Ärzte häufig rotieren und auch die "Specialist Consultants" zwischen den Krankenhäusern in Melbourne rotieren. Somit sind nur an bestimmten Tagen in der Woche bestimmte "Consultants" anwesend, beziehungsweise wechseln diese sich mit ihrer Tätigkeit ab. Meine Empfindung war, dass diese wie Honorarärzte für ihre "Krankenhaus"-Schichten bezahlt werden, manche von ihnen hatten noch ihre eigene Privatpraxis in Melbourne.
Für mich blieb die Frage, ob es sowas wie einen Chefarzt gibt, der am Ende die volle Verantwortung für die gesamte Belegschaft trägt, oder wie es mit den Verantwortlichkeiten letztendlich geregelt ist.
Der Tag begann immer mit der Teambesprechung gegen 7/7:30, anschließend ging es in den OP (wo ich die meiste Zeit verbracht habe) oder auf Stations-Visite. Am Nachmittag konnte man in den Ambulanzen an den regulären Sprechstunden und Spezial-Sprechstunden teilnehmen. Insgesamt kam es mir der Ablauf sehr ähnlich vor wie in Deutschland. Im Gespräch mit der Studierendenkoordinatorin stellte ich fest, dass in Australien (wie erwartet) noch mehr Augenmerk auf das Klinische Wissen und vor allem die Anwendung Wert gelegt wird. Die Prüfungen finden ab einem gewissen Studienfortschritt hauptsächlich im OSCE-Format statt.
Im OP war die Atmosphäre etwas entspannter als in meiner bisherigen Erfahrung in Deutschland, denn die Australier sind einerseits in sich entspannter und lebensfroher (Mentalitäts-bedingt), andererseits hatte ich das Gefühl, dass sehr viel Augenmerk auf Team-Geist gelegt wurde und man wurde für die einfachsten Schritte gelobt - auch beim Haken halten :-) (kann auch Zeichen der Höflichkeit und Gewohnheit dort sein "well done"...). Auch Ärzte und Ärztinnen anderer Nationen, die für eine gewisse Zeit im Krankenhaus arbeiteten, wurden in der Arbeit sehr gut miteinbezogen.

Land und Leute

Vor der Famulatur habe ich eine Reise durch Tasmanien geplant. Dorthin bin ich ebenfalls geflogen (70AUD) - eigentlich wollte ich die Fähre nehmen, diese war aber um einiges teurer (230AUD). Tatsächlich kann ich meine Erfahrung zu Land und Leuten hauptsächlich auf Tasmanien beziehen, da ich auf dem Festland Corona-bedingt weniger Zeit verbracht habe. Die Menschen sind insgesamt sehr freundlich, aufgeschlossen und hilfsbereit. Dadurch, dass die Distanzen so riesig sind und es einige gefährliche Tierarten gibt, hält man zusammen. Mit unserem Campervan sind wir die gesamte Ostküste Tasmaniens entlang gefahren, mit Hilfe des National Park-Ticket konnten wir für einen Festpreis in alle Nationalparks reinfahren. Es gab unzählige kostenlose Campingplätze (oder auf Spendenbasis), welche jeweils eine Ökotoilette (Plumpsklo) zur Verfügung stellten, als auch zum Teil Sitzgelegenheiten und beheizbare Grill-Platten. Insgesamt habe ich noch kein reisefreundlicheres Land erlebt, wie Australien. Gerade zu für Camper ausgelegt.
In Tasmanien waren wir zwar in der Hauptsaison, dennoch waren auf unseren Wander-Tracks nur wenige Menschen unterwegs, was sehr angenehm gewesen ist. Es gibt eine Menge Landschaften zu sehen und Tierarten zu erleben, fast überall laufen Wallabys und Wombats rum, auf Maria Island habe ich sogar Kängurus am Strand entlang hüpfen sehen.
Durch die sehr südliche Lage mitten im Pazifik, gibt es dort auch häufig mal Niederschläge und Wetterstürze (vor allem in den Bergen wird gewarnt: ein Tag kann zwischen +30 und Minusgraden mit Schnee bringen). Darauf sollte man mit dem richtigen Outdoor-Equipment vorbereitet sein.
Gekocht haben wir in unserem Campervan selbst, Essen waren wir auf Tasmanien nur selten und dann war es nicht unbedingt kulinarischer Hochgenuss (mag auch am Budget gelegen haben). Es gab jede Menge richtig leckeren Fish (+Chips) auf dem Weg.
In Melbourne habe ich ebenfalls viel selbst gekocht, dort gibt es aber auch jede Menge sehr leckere Restaurants und Küche aus allen Ecken der Welt. Hier habe ich durch den großen asiatischen Einfluss eine Menge neuer Gerichte für mich genießen und mitnehmen können.
Auffallend waren für mich die Preise für Getränke in den Supermärkten, häufig waren Cola, Pepsi und Sprite HALB so teuer wie stinknormales Wasser!
Auch in einer Universität mit Internat, welche ich besichtigt habe, gab es einen Getränke-Automat von der Marke Tasmanian Waters, leider fand man dort alles andere außer Wasser, nämlich Soft- und Energydrinks. Sollte einem das zu viel werden, kann man in einen der RIESIGEN Drogerien/Pillenshops gehen, wo man sicher für jede Lebenslage (fat absorber bis sleep-pills) eine geeignete Tablette kaufen kann. Australien ist ein Land der Kontraste! Ich hätte dort gerne noch mehr Zeit verbracht!

Fazit

Erwartungen habe ich selten, meistens nur Vorfreude, auf das, was ich alles erleben und dazu lernen werde. Es war eine aufregende Zeit in Australien, vor allem gegen Ende meines Aufenthaltes. Ich würde durchaus in Erwägung ziehen, dort eine Zeit lang zu arbeiten. Das Reisen und die Natur dort sind wunderschön und mit dem richtigen Budget kann man es dort gut und gerne eine längere Zeit aushalten :-)

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