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France (ANEMF)

Innere - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Maike, Tübingen

Motivation

Nach meinem SCORE Aufenthalt im WS 18/19 in Griechenland war ich so begeistert, dass ich auf jeden Fall auch einmal an SCOPE teilnehmen wollte. Eigentlich war meine erste Wahl Spanien, aber ich habe „nur“ meine Zweitwahl Frankreich bekommen. Im Nachhinein war das jedoch ein Glücksfall, da mein Austausch so nicht ausfallen musste. Für Frankreich habe ich mich beworben, da ich an der Uni mehrere Sprachkurse gemacht hatte und mein Französisch auch mal anwenden wollte. Ich hatte keine besonders großen Erwartungen an meinen Aufenthalt. Ich versuche möglichst ohne Erwartungen in Austausche zu starten.

Vorbereitung

Eine besondere Vorbereitung war für Frankreich nicht wirklich nötig. Meine contact person (CP) war großartig und hat mir mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Sonst habe ich in den Wochen vor Frankreich Netflix nach französischen Serien und Filmen durchforstet (am besten nicht französische Originale sondern synchronisiert, die fand ich einfacher zu verstehen). So fiel mir das Alltagsvokabular zumindest etwas weniger schwer.

Visum

Ein Visum ist innerhalb von Europa zum Glück nicht nötig.

Gesundheit

Ich habe nur Medikamente mitgenommen, die ich auch zu Hause ab und an nehme (Ibu etc).
Frankreich fordert eigentlich immer einen Tuberkulose-Test. Laut meiner Hausärztin müsste ich den selber bezahlen (rund 80€). In Frankreich wird oft ein Hauttest gefordert, in Deutschland bekommt man aber eher den Quantiferon-Test. In Grenoble wurde beides akzeptiert. Ich habe meinen Tuberkulose-Test kostenlos im Tunesien-Urlaub gemacht und auf Französisch bescheinigt bekommen. Damit hatte ich keinerlei Probleme.
Grenoble fordert zusätzlich einen Röntgen-Thorax. Das ging bei mir sehr kurzfristig in einer radiologischen Praxis. Meine Krankenversicherung hat die Untersuchung bezahlt, sonst kostet das um die 40€.
Grenoble hat viele Standardimpfungen und Impftiter gefordert. Die Titer hatte ich während dem Studium alle schon einmal bestimmen lassen und brauchte keine zusätzlichen Infos.
In Grenoble ist es üblich, am Morgen des ersten Praktikumstages zum Betriebsarzt zu gehen, wo noch einmal alle Unterlagen geprüft werden. Wenn Tests fehlen, können sie dort im Zweifel wohl auch nachgeholt werden. EIne Incoming wurde sogar vor Ort noch geimpft, weil ihr Titer zu niedrig war. Wir mussten zusätzlich noch Covid-Tests machen.

Sicherheit

Für den Austausch brauchte ich eine private und berufliche Haftpflichtversicherung sowie eine Reisekrankenversicherung. Sonst habe ich mich um nichts kümmern müssen.
Frankreich ist an sich vergleichbar mit Deutschland. Meine Mitbewohner haben mir am Anfang genau erklärt, welche Stadtteile ich vermeiden sollte und wo ich aufpassen muss. In der Innenstadt und meiner Wohngegend habe ich mich auch spät abends alleine sicher gefühlt.

Geld

In Frankreich sind Lebensmittel grundsätzlich etwas teurer, Bäcker etwas günstiger. Restaurants kamen mir ein klein wenig teurer vor als in Deutschland. In Frankreich kann man selbst ein Brötchen beim Bäcker schon mit Kreditkarte zahlen, sodass ich kein Bargeld abheben musste.

Sprache

Die Studenten, die den Austausch organisieren, haben mehr oder weniger gutes Englisch gesprochen, sodass es keinerlei Schwierigkeiten in der Kommunikation mit ihnen gab. Im Krankenhaus wurde jedoch konsequent Französisch geredet und mehr oder weniger viel Rücksicht auf mich genommen. Der Visite oder Vorträgen konnte ich sehr gut folgen, die Kommunikation mit den Patienten und anderen Studenten war allerdings gar nicht so einfach. Sowohl das Vokabular zum aktiven untersuchen als auch das Alltagsfranzösisch unter jungen Franzosen unterscheidet sich erheblich vom Schul- oder Unifranzösisch. Wenn ich mich auf Französisch nicht gut ausdrücken konnte und etwas auf Englisch gesagt habe, haben mich die Studenten in der Regel verstanden, aber wieder auf Französisch geantwortet. Ich habe in Tübingen an der Uni zwei Französisch C1 Kurse gemacht und war vor Ort trotzdem in vielen Situationen deutlich überfordert. Allerdings muss ich zugeben, dass ich auch recht hohe Erwartungen an mich selbst hatte und zum Beispiel das Stationstelefon beantwortet habe oder andere Telefonate geführt habe. Auch Stadtführungen oder Canyoning haben wir komplett auf Französisch gemacht.
Mir ist die gesamte Zeit über sehr positiv aufgefallen, wie freundlich und zuvorkommend die Franzosen sind, wenn sie merken, dass man Französisch spricht. Auch wenn ich nur stockend geredet habe oder mir Vokabular gefehlt hat, waren die Franzosen sehr geduldig und haben mir einfach das entsprechende Vokabular beigebracht. Wenn man sich traut, kann man sprachlich wirklich enorm profitieren.
Ein Praktikum ist theoretisch auch auf Englisch möglich, man ist aber extrem darauf angewiesen, dass eine Person in der Abteilung Englisch spricht und übersetzen kann bzw. will. Das ist nicht immer der Fall.

Verkehrsbindungen

Der Verkehr in Frankreich ist schon etwas chaotischer als in Deutschland. Für uns hat es sich sehr gelohnt, dass ich ein Auto vor Ort hatte. Wir konnten sehr flexibel wandern gehen oder Ausflüge in die Berge machen. In der Stadt waren die öffentlichen Verkehrsmittel super ausgebaut und vergleichsweise günstiger als in Deutschland. An sich sind die Zug- und Reisebusverbindungen in Frankreich auch super (SNCF, FlixBus, BlaBla-Bus, BlaBlaCar, …).

Kommunikation

Die Kommunikation war immer super unkompliziert, auch wenn das Franglish unseres LEOs (local exchange officer) ab und an Verwirrung gestiftet hat. Mit dem Austausch-Team hatte ich am Anfang über Instagram geschrieben, als wir vor Ort waren lief alles über Facebook messenger. WhatsApp wird in Frankreich fast nicht genutzt.

Unterkunft

In Frankreich muss jeder Student, der als Outgoing ins Ausland geht einen Incoming bei sich aufnehmen. Ich habe also im Zimmer meiner CP gewohnt und sie hat entweder im Wohnzimmer, bei ihrem Freund oder ihren Eltern geschlafen. Ich habe mich immer ein wenig schlecht gefühlt, dass meine CP ihr eigenes Zimmer aufgegeben hat, aber das ist in Frankreich wohl üblich.
Wir haben zu viert in einer 3er-WG gewohnt, und ich muss sagen, die WG war der beste Teil meines Austauschs. Meine Mitbewohner waren alle super lieb und wir haben oft zusammen gekocht, gegessen, Filme geschaut oder einfach zusammengesessen. Auch hier haben alles konsequent französisch mit mir geredet.
Die drei haben mir auch mit allen Sorgen des Alltags geholfen (wo gehe ich Einkaufen, wo sind nette Cafés und Restaurants, …). Ich musste nichts weiter mitbringen und durfte alles in der WG benutzen.

Literatur

Ich habe mich nicht speziell auf die Famulatur vorbereitet. In den Wochen vor dem Austausch habe ich versucht Filme und Serien auf Französisch zu schauen und einfach ein paar YouTube Erklär-Videos geschaut.

Mitzunehmen

Ich habe mein Stethoskop, Reflexhammer und Leuchte mitgebracht und auch vor Ort genutzt. In der Klinik habe ich einen Kittel gestellt bekommen. Mir war allerdings nicht bewusst, dass ich im Krankenhaus neben dem Kittel in privater Kleidung arbeiten würde. Im Nachhinein würde ich weniger luftige und mehr klinik-taugliche Kleidung einpacken (bei uns waren es oft noch über 30°C draußen). Da mein Praktikum nicht besonders spannend war, hatte ich in der Regel mein Tablet dabei und konnte die Zeit zum Lernen nutzen. Über Eduroam hatte ich überall in der Klinik WLAN.
Wichtig ist natürlich, dass ihr an Essen für die National Food and Drinks Party denkt! Die andere Deutsche hatte eine Spätzlereibe dabei, sodass wir Käßspätzle und Streuselkuchen frisch vor Ort kochen konnten.
Vergesst außerdem nichts, was ihr im Alltag oft nutzt. Bei meinem ersten Austausch habe ich zum Bespiel nicht genug Sportsachen dabeigehabt, da ich eher auf Urlaub als auf Alltag eingestellt war. Sport- und Wandersachen habe ich in Grenoble sehr viel genutzt.

Reise und Ankunft

Da ich vor meinem Praktikum noch in den Alpen in Urlaub war, bin ich mit dem Auto nach Grenoble gefahren. Ich bin am Samstag vor meinem Praktikumsstart am Montag angekommen und musste vor Ort nichts mehr organisieren.
Am ersten Tag wurden wir von den französischen Studenten zum Betriebsarzt gebracht und danach auf unserer jeweiligen Station dem zuständigen Chef- oder Oberarzt vorgestellt. Dieser hat uns dann den entsprechenden Studenten und Assistenzärzten vorgestellt.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich habe meine Famulatur in der Inneren Medizin / Geriatrie gemacht.
Der Anfang meines Austauschs war tatsächlich etwas chaotisch. Zuerst war ich für die Rheumatologie (mein eigentlicher Wunsch) eingeteilt. Da das entsprechende Krankenhaus jedoch am anderen Ende der Stadt war, wurde ich spontan doch in die Innere geschickt. Dies wurde mit mir abgesprochen.
Am ersten Tag meines Praktikums hatte niemand Zeit für mich, weshalb ich nach einer knappen Stunde warten wieder nach Hause geschickt wurde. Am zweiten Tag wurde ich dann von einer Oberärztin den anderen Medizinstudenten (Externes) und den Assistenzärzten (Internes) vorgestellt. Ab diesem Zeitpunkt wurde ich wie eine der Externes behandelt, nur dass ich höchstens einen Patienten zugeteilt bekommen hatte. Morgens mussten wir schauen wie es unseren Patienten geht, ob Untersuchungen anstehen und Berichte verfassen. Nachmittags hatte ich frei, die anderen Studierenden waren auf der Station unterwegs. In Frankreich kommen Neuaufnahmen zwischen 16 und 18 Uhr, was für mich sehr ungewohnt war. Da ich nur morgens im Krankenhaus war, habe ich die Aufnahmen in der Regel auch verpasst.
Montags, mittwochs und freitags war Visite mit Oberarzt und / oder Chefarzt, allen Assistenzärzten und allen Medizinstudenten. In der Regel waren wir mehr als 10 Personen und haben etwa 3h gebraucht für durchschnittlich 16 Patienten. Die Aufgabe der Externes war es, die Patienten vorzustellen und ggf. noch während der Visite zu untersuchen. Die Internes haben die Externes nur ergänzt. Je nachdem, wer die Visite leitete, wurden wir auch zu Theorie und Behandlungen abgefragt. Jeden Freitag gab es zusätzlich noch die „Observation pédagogique“, bei der immer zwei Studenten je eine Fallvorstellung von Patienten halten und die Theorie zu den entsprechenden Krankheitsbildern auffrischen.
Da ich nie wirklich viele eigene Patienten und auch weniger Aufgaben zur Dokumentation hatte, habe ich mich eigentlich ziemlich oft gelangweilt. Selbst auf Nachfrage wurde mir nichts beigebracht. Da ich den anderen Studierenden „zugeteilt“ war, waren diese auch nicht wirklich erfahrener als ich. Im Nachhinein würde ich sagen, dass ich extrem wenig aus der Famulatur mitgenommen habe. Es wurde in der Regel auch wenig Rücksicht auf meine Sprachkenntnisse genommen. Ich hatte aber auch nicht wirklich Probleme im Stationsalltag. Blutentnahmen werden von der sehr gut ausgebildeten Pflege übernommen.
Ich habe recht viel Zeit mit meinem Tablet verbracht (im Krankenhaus gab es EduRoam), um mich auf meine Klausuren vorzubereiten, die wenige Tage nach meiner Rückkehr aus Frankreich anstanden. Das hat weder mich noch die Franzosen sonderlich gestört. Ich habe fachlich wie gesagt wenig mitgenommen, allerdings kamen mir die zusätzliche Zeit zum Lernen auch nicht unbedingt ungelegen.
Die anderen Incomings waren in der Pädiatrie, Chirurgie oder Anästhesie eingeteilt und waren sehr zufrieden mit ihren Praktika. Ich glaube ich habe einfach nicht so viel Glück mit der Station gehabt.

Land und Leute

Land und Leute waren definitiv das Highlight meines Austausches. Wir waren vier Incomings (zwei Deutsche, eine Tschechin, und eine Bosnierin) und haben viel miteinander unternommen. Durch Corona war unser Social Program sehr eingeschränkt, aber trotzdem vorhanden. Am Anfang sind wir noch oft abends mit anderen Studierenden weggegangen, als die Fallzahlen hochgingen war das nicht mehr möglich.
Wir haben eine Stadtführung mit den Erasmus-Leuten gemacht und auch mit unseren „Koordinatoren“ die Stadt erkundet. Wir waren sowohl nur unter uns Incomings als auch zusammen mit den Franzosen oft abends essen und hatten eine sehr abwechslungsreiche National Foods and Drinks Party.
Unter uns Incomings haben wir viele Ausflüge gemacht (Annecy, Lyon, Fort du St. Eynard, Vizille, Wanderung zu den Lacs Robert, Canyoning, Tour de France schauen, und noch einiges mehr). Wir waren auch mehrmals im Kino und positiv überrascht, wie gut das funktioniert hat. Die anderen Incomings waren unter anderem noch in Paris, Marseille, Avignon oder auf Sizilien unterwegs. Je nachdem, bei wem man gewohnt hat, haben wir an den Wochenenden zum Teil auch verschiedene Dinge unternommen.
Mit meiner WG habe ich viele Abende verbracht und mich sehr wohl gefühlt. Wir haben neben Spiele-, Koch- oder Filmeabenden auch oft über die verschiedenen Ausbildungssysteme und deren Vor- und Nachteile gesprochen (da ist unser unbezahltes PJ eigentlich noch ziemlich gut!). Ich habe auf jeden Fall ein gutes Verständnis für das medizinische System in Frankreich entwickelt. Mir ist noch einmal bewusst geworden, wie gut mir die meisten Aspekte des Medizinstudiums in Deutschland gefallen, auch wenn die praxisnähere Ausbildung in Frankreich sicherlich ihre Vorteile hat. Besonders verglichen zu den extrem harten Examina, die in Frankreich nach dem ersten und letzten Jahr an der Uni anstehen, bin ich aber doch froh, in Deutschland zu studieren.
Da Frankreich für uns ja ein recht bekanntes Land ist, war ich nicht besonders überrascht von kulturellen Unterschieden oder Besonderheiten. Für mich war die Sprache sowohl ein positives als auch negatives Erlebnis. Einerseits kam ich im Krankenhaus besser klar als erwartet, aber andererseits kam ich im Alltag deutlich schlechter klar als erwartet. Das war oft sehr frustrierend für mich.
Im Nachhinein hätte ich nach zwei Wochen meine Station wechseln sollen, um in einen zweiten Fachbereich reinzuschnuppern. Meine Station war nun wirklich nicht spannend und ich hätte auf einer anderen Station wahrscheinlich deutlich mehr lernen können.

Fazit

Ich hatte tatsächlich wenig Erwartungen an mein Praktikum, da ich schon von der Tatsache begeistert war, während Corona nach Frankreich zu dürfen.
Vom Praktikum an sich war ich schon enttäuscht. Allerdings war alles andere um den Austausch drum herum super. Nette Franzosen, super Incomings, die tolle WG und viele Ausflüge haben den Austausch auf jeden Fall zu einer einmaligen Erfahrung gemacht.
Ich kann mir nach wie vor gar nicht vorstellen später in Frankreich zu arbeiten. Das Krankenhaus war nicht besonders einladend, die Arbeitsstrukturen kamen mir noch altertümlicher vor als in Deutschland und die Lehre fand ich auch nicht unbedingt besonders toll. Der Austausch hat mich eher gelehrt, was ich an Deutschland nun umso mehr schätze.
Trotzdem würde ich ohne zu zögern einen weiteren Austausch über die IFMSA machen und bewerbe mich wieder! Mein Bericht beschreibt wirklich nur meine Station und nicht alle französischen Abteilungen, also lasst euch nicht abschrecken! Ich würde den Austausch trotz der Enttäuschungen jederzeit wieder machen, denn auch diese Erfahrungen sind wertvoll gewesen.

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