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France (ANEMF)

Anästhesie - SCOPE (Famulaturaustausch)
Anonym

Motivation

Als ich Ende letzten Jahres einen Post der bvmd auf Facebook gesehen habe, in dem die Restplätze für den Sommer 2020 ausgeschrieben waren, war ich gleich begeistert von der Idee, eine Famulatur im Ausland zu planen. Die Entscheidung für Frankreich fiel mir ebenfalls leicht, da ich Französisch in der Schule gelernt habe und ein großer Frankreich Fan bin. In ein Land zu reisen, in dem ich die Sprache spreche, war mir sehr wichtig, da ich glaube, dass man so einen viel besseren Eindruck bekommt und besser vor Ort in Kontakt kommen kann.

Vorbereitung

Die Vorbereitungen liefen aufgrund der Covid-Situation nicht ganz so wie geplant und ich war lange nicht sicher, ob der Austausch überhaupt stattfinden kann. Deshalb habe ich nicht wie geplant an einem Sprachkurs teilgenommen, sondern habe mich kurz vor dem Austausch vorbereitet, indem ich französische Bücher gelesen und Serien gesehen habe, außerdem war das Buch „Französisch für Mediziner“ von Elsevier sehr gut, um das Fachvokabular zu lernen. Leider konnte ich auch nicht am Pre-Departure Training der bvmd teilnehmen. Da ich das Fach Anästhesie noch nicht in der Uni gelernt hatte, habe ich mich am meisten fachlich vorbereitet und dazu ein Buch aus der Basic Reihe und Amboss verwendet, was sich im Nachhinein als ausreichende Vorbereitung herausgestellt und mir Vieles erleichtert hat.

Visum

Für Frankreich brauchte ich natürlich kein Visum und konnte mit meinem Personalausweis einreisen.

Gesundheit

Aufwendig waren die Vorbereitungen, was die notwendigen Nachweise für gesundheitliche Themen anging. In Grenoble war sogar ein Röntgen-Thorax gefordert, das ich in einem radiologischen Zentrum anfertigen lassen konnte. Nicht notwendig war zum Glück eine Tuberkulose Impfung, den Quantiferon-Test zum Ausschluss einer Tuberkulose-Infektion konnte ich beim Betriebsarzt durchführen lassen. Anders als gefordert war dann doch kein Tuberkulin Hauttest erforderlich. Ansonsten waren die normalen Impfungen ausreichend.

Sicherheit

Bald nach der Ankunft wurde uns erzählt, dass Grenoble eine sehr hohe Kriminalitätsrate habe und man besser außerhalb des Zentrums nicht nachts alleine herumlaufen solle. Die Wohnung meiner Gastgeberin war aber im Zentrum und ich habe mich durchgehend sicher gefühlt. Nur Fahrraddiebstähle schienen wohl ein großes Thema zu sein und ich habe mein geliehenes Fahrrad nachts immer im Keller geparkt.

Geld

Das Leben in Frankreich ist etwas teurer in Deutschland, vor allem was Lebensmittel betrifft. Im Supermarkt habe ich immer ein wenig mehr bezahlt, als das in Deutschland der Fall gewesen wäre und auch die Restaurants und Imbisse waren nicht grade preiswert. Dafür war in Grenoble aber der öffentliche Transport über eine Monatskarte sehr günstig.

Sprache

Da ich Französisch schon in der Schule gelernt hatte, kam ich nach einer kleinen Eingewöhnungszeit gut zurecht. Ich musste meistens meine Gesprächspartner bitten, etwas langsamer zu sprechen, da ich mit dem normalen Sprechtempo Schwierigkeiten hatte, dann gab es aber keine Probleme. Mit den Ärzt*innen und Pfleger*innen im Krankenhaus hat die Verständigung sehr gut geklappt, mit den Patient*innen war es etwas schwieriger, aber dadurch, dass ich nicht in der Sprechstunde war, sondern nur im OP, habe ich nicht oft mit Patient*innnen gesprochen.

Verkehrsbindungen

Da ich in Hamburg lebe und vor und nach dem Austausch wenig zeitlichen Puffer hatte, habe ich das Flugzeug genommen. Ich musste einmal in Frankfurt umsteigen und bin dann in Lyon gelandet, nach Grenoble bin ich dann mit dem TGV weiter gereist. Insgesamt war das sehr entspannt, mit etwas mehr Zeit wäre ich aber wahrscheinlich die ganze Strecke mit dem Zug gereist. Vor Ort habe ich mich hauptsächlich mit der Straßenbahn und dem Fahrrad bewegt. Das Fahrrad habe ich bei dem öffentlichen Fahrradverleih „Métrovélo“ ausgeliehen. Das war etwas schwieriger als gedacht, weil am 1. September alle Studierenden wieder nach Grenoble zurückkamen und deswegen am Anfang keine Fahrräder mehr verfügbar waren. Hier sollte man also auf jeden Fall früh dran sein, um noch eins zu erwischen, das ist dann aber dafür ebenfalls sehr günstig.

Kommunikation

Da Frankreich in der EU ist, gab es keinerlei Schwierigkeiten mit der Kommunikation und ich konnte meine mobilen Daten aus Deutschland weiter nutzen. Außerdem hatte ich WLAN in der Wohnung und eduroam im Universitätsklinikum.

Unterkunft

Ich habe in der Wohnung einer Medizinstudentin gewohnt. Da die Wohnung sehr klein war, habe ich größtenteils alleine dort gewohnt und sie hat woanders übernachtet. Zum Klinikum musste ich Straßenbahn fahren, aber in die Stadt konnte ich bequem laufen oder mit dem Fahrrad fahren. In der Nähe waren auch viele Supermärkte, was ich besonders praktisch fand. Bettwäsche und alles andere nötige war dort und ich konnte mir in der Küche selbst etwas kochen.

Literatur

Neben den erwähnten Büchern zur sprachlichen Vorbereitung habe ich mich nur noch im Internet über die Stadt Grenoble informiert. Die bvmd Webseite war sehr hilfreich, um den Dschungel an Formalitäten besser zu überblicken und in Erfahrungsberichten zu stöbern. Über eine Facebook Gruppe haben wir Informationen vom LEO (local exchange officer, Anm. der Berichtekoordination) in Grenoble zum Social Programm erhalten.

Mitzunehmen

Ich war froh darüber, für warmes und kaltes Wetter gepackt zu haben, da die ersten Tage sehr sommerlich heiß waren, dann aber plötzlich der Herbst kam und ich sogar meine Winterjacke ausgepackt habe. Da man in den Alpen tolle Wanderungen machen kann, sind Wanderschuhe essentiell. Fürs Krankenhaus hatte ich einen Kittel eingepackt, den ich aber gar nicht brauchte, weil mir Kleidung gestellt wurde.

Reise und Ankunft

In Grenoble am Bahnhof wurde ich von meiner Gastgeberin abgeholt und zur Wohnung gebracht. Aufgrund meines engen Zeitplans bin ich leider erst am Sonntagabend angekommen und am Montag hat gleich die Famulatur gestartet, was etwas unentspannt war. Am Krankenhaus wurden wir vom LEO und weiteren französischen Student*innen empfangen und erst zum Betriebsarzt und dann in unsere jeweiligen Abteilungen gebracht. In der Anästhesie wusste leider niemand, dass ich kommen würde, aber es fand sich trotzdem schnell ein Assistenzarzt, der mir alles gezeigt hat und so hatte ich doch einen guten Start.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich habe die gesamte Famulatur im OP Urologie / Gastroenterologie verbracht. Da ich vorher sehr wenige praktische Erfahrungen gesammelt und wenig Zeit im OP verbracht hatte, fand ich das super und konnte viel lernen. In Frankreich fängt man nach dem Medizinstudium als „Interne“ an, im Gegensatz zu den Assistenzärzt*innen in Deutschland wird man aber noch nicht als fertige Ärzt*in gesehen, sondern eher als Student*in. Die Bezahlung ist ebenfalls sehr niedrig, trotz sehr langer Arbeitszeiten. In der Anästhesie waren die Internes zusammen mit den Anästhesiepfleger*innen, die dort sehr viel Verantwortung tragen und Tätigkeiten wie Intubieren, Zugang legen, Medikamente geben etc. übernehmen, diejenigen, die während der OP bei der Patient*in blieben. Die Fachärzt*innen sind nur zu Beginn, am Ende, und gelegentlich zwischendurch dort und betreuen mehrere OP Säle gleichzeitig. Ich kam jeden Tag morgens um 7:45 Uhr und suchte mir einen OP Saal, wo ich dann den Tag entweder bei einem Interne oder bei einer Anästhesiepfleger*in verbrachte. Praktisch habe ich hauptsächlich Zugänge gelegt, Präoxygenierung und Maskenbeatmung geübt und bei der Vorbereitung geholfen, also Medikamente aufgezogen und Infusionen vorbereitet. Außerdem habe sich viele Ärzt*innen, Internes und Pfleger*innen viel Zeit für mich genommen und mir die Medikamente, Beatmungsgeräte und Techniken erklärt. Einmal durfte ich auch Intubieren. Insgesamt war ich sehr zufrieden und da ich vorher noch keine Routine im Zugänge legen hatte, war auch das für mich ein großer Lerneffekt. Ich habe mich selten gelangweilt, weil ich in ruhigen Momenten immer der OP zuschauen konnte. Teilweise wurden auch sehr große OPs wie Nieren- oder Lebertransplantationen durchgeführt, was dann sowohl chirurgisch als auch anästhesiologisch sehr spannend war. Ich konnte auch beim Legen von ZVKs oder arteriellen Kathetern zusehen, ebenfalls bei Peridural- und Spinalanästhesien und habe viel dazu erklärt bekommen. Ein weiterer positiver Punkt war, dass ich wie die französischen Student*innen nur bis mittags geblieben bin und somit ausreichend Zeit hatte, die Stadt zu entdecken. Der Umgang zwischen Pflegepersonal und Ärzt*innen war sehr angenehm und auch ich wurde sehr freundlich von allen empfangen. Da das Krankenhaus und der OP Trakt recht groß waren, war der einzige Nachteil, dass es manchmal etwas anonym zuging und da es so viele Ärzt*innen gab, hat es eine Weile gedauert, bis mich alle kannten. Dadurch hatte ich nicht so oft die Möglichkeit, anspruchsvollere Tätigkeiten wie intubieren durchzuführen. Gegen Ende habe ich die meisten Tage mit dem gleichen Interne verbracht, das hat viele Vorteile und das würde ich beim nächsten Mal von Anfang an so machen.

Land und Leute

Natürlich war mein Aufenthalt von der Corona-Pandemie geprägt. Anfangs waren wir noch oft abends etwas trinken und haben viel in der großen Gruppe unternommen, gegen Ende war das nicht mehr so möglich und die Region wurde auch Risikogebiet. Trotzdem konnte ich einige Erfahrungen mitnehmen. Grenoble ist bekannt für die vielen Sportarten, die man dort ausüben kann. Selbst im Sommer, wenn Skifahren nicht möglich ist, gibt es genug Möglichkeiten zum Wandern und auch für weitere spannende Aktivitäten in den Bergen, so haben wir etwa Canyoning ausprobiert, was sehr viel Spaß gemacht hat. Leider war es auch manchmal schwierig, viel mit den französischen Medizinstudierenden zu unternehmen, weil sie im Vergleich zu uns in Deutschland extrem viel lernen müssen. Das Studium basiert dort viel mehr auf Leistungsdruck und Konkurrenz, so gibt es etwa am Ende eine große Prüfung, in der das Ergebnis darüber entscheidet, in welcher Fachrichtung in welcher Stadt man danach sein Internat absolvieren darf. Auch die Studierenden sind viel als „Externes“ im Krankenhaus eingespannt, was natürlich mehr praktische Erfahrung bringt, aber auch eine große zeitliche Belastung ist. Deswegen haben wir viel in der Gruppe mit den anderen bvmd-Austauschstudierenden unternommen. Es gibt auch in der Gegend einige tolle Ausflugsziele, Lyon und Annecy waren zwei weitere Highlights.
Ich war sehr froh, französisch sprechen zu können, da das gefühlt sehr oft Türen öffnet zu netten Begegnungen, da es sehr wertgeschätzt wird, wenn man sich bemüht, französisch zu sprechen, selbst wenn das nicht perfekt funktioniert. Außerdem konnte ich mir so auch selbstständig Aktivitäten organisieren und habe beispielsweise an einem Tanzkurs teilgenommen, aber auch bei alltäglichen Situationen, etwa in der Post oder beim Fahrradverleih war das eine große Hilfe.
Wir waren auch ein paar Mal essen, um Spezialitäten der Region zu probieren. Die sind eher Alpen-typisch und beinhalten sehr viel Käse, wie zum Beispiel Raclette und Käsefondue.
Unser Social Program konnte Corona-bedingt leider vor allem gegen Ende nicht mehr so stattfinden wie geplant, aber war doch vor allem zu Beginn super, um die anderen kennenzulernen. Am Anfang gab es zusätzlich ein Programm für Erasmusstudierende, an dem wir auch teilnehmen konnten und eine Stadtführung durch Grenoble gemacht haben, was sehr gut zur ersten Orientierung war. Gerne wäre ich nach Ende der Famulatur noch länger geblieben oder hätte zum Beispiel einen Ausflug nach Paris gemacht, das war aber leider wegen der Umstände nicht möglich.

Fazit

Ich bin vor allem sehr dankbar, dass ich trotz allem meine Famulatur in Frankreich machen konnte. Es war ein tolles Erlebnis, sowohl im Krankenhaus als auch außerhalb und ich würde es jederzeit weiterempfehlen! Ich hoffe, nach Ende der Pandemie noch einmal nach Grenoble reisen zu können, die Stadt hat mich sehr begeistert. Als Wahlhamburgerin war es eine ungewohnte und faszinierende Erfahrung, inmitten der Alpen zu leben. Wenn ihr euch also überlegt, eine Famulatur in Frankreich zu machen, ist Grenoble auf jeden Fall eine super Wahl! :-)

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