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Brazil (DENEM)

Chirurgie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Samuel, München

Motivation

Nachdem ich letztes Jahr schon in Ecuador war und mir die Mentalität dort sehr zugesagt hat, wollte ich nochmal in das größte Südamerikatische Land. Vor allem nach Rio de Janeiro, auch bekannt für seinen Kulturreichtum und besonders schöne Natur.

Vorbereitung

Ich hatte mich erst auf die Restplätze beworben, sodass es zeitlich schon relativ eng war. Bei Brasilien ist das allerdings kein Problem. Man braucht kein Visum sondern kann als Tourist 90 Tage sehr unkompliziert einreisen. Da ich eine chirurgische Famulatur gemacht habe, habe ich nochmal ein bisschen Nähen geübt. Man sollte auch zumindest die Basics in Portugiesisch lernen um dort leichter Zugang zu den Menschen zu bekommen.

Visum

Das Visum ist kein Problem da man keins benötigt (03/2021). Als Tourist aus DE kann man kostenlos als Tourist einreise und bekommt dann einen Stempel in den Pass „Touristenvisum“ ganz unkompliziert. Im Krankenhaus hat auch keiner nach einer Erlaubnis o.ä. gefragt, sehr schön unbürokratisch-brasilianisch.

Gesundheit

Brasilien ist ein Tropisches Land und ist sowohl TseTse als auch Dengue / Malariagebiet. Es wird jedoch meines Wissens keine Prophylaxe empfohlen also nur Standard: Expositionsprophylaxe. Das staatliche Gesundheitssystem ist zwar an den Uni-Kliniken nicht schlecht aber stark unterbesetzt, sodass man bei Problemen lieber direkt in ein Privates Krankenhaus/ zum Arzt gehen sollte. Hier ist der Standard auf Europäischem Niveau.

Sicherheit

Brasilien ist ein Land mit sehr hoher Kriminalität und sehr großen Ungleichheiten in der Gesellschaft. Viele haben nichts zu verlieren und sind spezialisiert auf Touristen. Alle Grundregeln strikt befolgen: Die bekannt kriminellen Orte meiden, nicht alleine raus, Abends genau überlegen ob man raus gehen sollte, Handy auf offener Straße nicht benutzen wenn möglich. Auch wenn sich in den letzten 10 Jahren wohl sehr viel getan hat und es auch viel Polizeipräsenz gibt ist diese Gefahr absolut real und muss ernst genommen werden.

Geld

In Brasilien gibt es Reais, welcher in den letzten Jahren stark abgerutscht ist. Aktuell ist es also für uns sehr vorteilhaft dort Geld auszugeben. Kreditkarten werden überall akzeptiert. Geldautomaten sind auch dicht vorhanden. Am besten trotzdem immer etwas Bargeld dabeihaben, um bei einem Überfall nicht mir leeren Händen da zu stehen.

Sprache

Es wird portugiesisch gesprochen. Die Menschen im akademischen Bereich können sich meist auch zumindest in Englisch verständigen. Bei den meisten Menschen geht allerdingt auf Englisch fast nichts. Man sollte vorher unbedingt die Basics in Portugiesisch lernen. Es empfiehlt sich auch ein Sprachkurs an eurer Uni. Im Krankenhaus ist es auch sehr vorteilhaft um die Patienten zu verstehen und nicht immer bei euren Kollegen nachfragen zu müssen.

Verkehrsbindungen

Flüge gibt es über Sao Paulo von mehreren Europäischen Städten für meist ca 800 Euro Round Trip.
In Rio de Janeiro gibt es eine Metro-Uban. Diese kann man in Zentra Rio auch empfehlen und diese ist tagsüber auch sicher. Abends kann man sie auch nehmen, sollte aber auf seine Sachen gut achtgeben. Wer nicht möchte kann auch sehr günstig mit Uber/Taxi von A nach B kommen, Uber ist hier wirklich sehr ausgedehnt verfügbar und sehr schnell.

Kommunikation

Wer keine Internationale Flat hat am besten dort direkt eine Sim Karte kaufen. Ich kann VIVO empfehlen. Dann kann man die Prepaid Karte aufladen und dann Günstig Internetpakete mit Brasilianischer Telefonflat buchen. Anrufen nach DE/ Europa am Besten über MYTELLO.de machen, sie bieten weltweite Verbindungen für 1 cent/minuten aus einem beliebigen netz an. Infos auf der Website.

Unterkunft

Ich habe meine eigenen Unterkünfte gebucht, da ich mit meiner Freundin dort war. Da ich in der Corona zeit im März 2021 dort war, waren die Hotels besonders billig und so habe ich öfters mal die Locations gewechselt. Bei Air Bnb gibt es hier auch viele Optionen. Am besten natürlich immer in eine Gast Familie.

Literatur

Youtube Videos, Google Recherche, Wikipedia sollen euch alles Notwendige aufzeigen. Wichtig: immer auch die aktuellen Meldungen des Auswärtigen Amt beachten. Ansonsten habe ich mich nicht großartig eingelesen. Wer möchte kann natürlich noch fremdsprachige medizinische Fachbücher durchgehen oder Reiseführer für Brasilien.

Mitzunehmen

In Brasilien ist es das ganze Jahr warm, sodass mein wichtigster Tipp ist: lasst fast alles Lange zuhause. Eine lange Hose und Jack reicht vollkommen aus. Ansonsten Reiseapotheke, Ersatz Kreditkarte, günstiges Handy wenn man Abends weg geht, Reisepasskopie immer dabeihaben, Impfpass. Sonnencreme ist essentiell aber kann auch dort gekauft werden.

Reise und Ankunft

Ich bin einige Tage vor dem Praktikum angekommen. Wir flogen über Frankfurt und Sao Paulo und kamen am Santos Dumont Flughafen an. Ich wurde herzlich im Krankenhaus aufgenommen und mir wurden gleich alle anderen Vorgestellt. Die Brasilianische Mentalität ist allen in allem super und sie waren richtig froh, internationale Gäste zu haben.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich war an der Uni Klinik Gaffree e Giunle in der Plastischen Chirurgie. Ich kann jedem von euch das Department uneingeschränkt empfehlen. Die Ärzte hier sind super und der leitende Professor hat mein Praktikum unvergesslich gemacht. Er nimmt euch auch ausserhalt des KH mit auf seinen privaten OP`s (größtenteils ästhetisches) und so kann man hier wirklich sehr viel sehen. Die Ärzte sprachen fast alle relativ gute Englisch war sehr von Vorteil war.
Allgemein werden in der Uni Klinik natürlich nur med. notwendige OPs durchgeführt also vor allem Lappenplastiken, Grafts, Brustreduktionen, Krebsresektionen etc. Die OPs habe hier
wirklich eine sehr gute Qualität und auch der Hygienestandart waren fast mit Europa vergleichbar. Spannend wurde es aber dann vor allem außerhalb der Klinik, wo wir in diverse andere Privatkliniken und Tagesklinischen gegangen sind. Hier konnte man nochmal richtig Einblick in das Gesundheitssystem bekommen.
Ich selber durfte im KH bei Untersuchungen mithelfen aber auch zum Beispiel bei Verbandswechsel, OP Vorbereitung usw. Im OP durfte ich im KH eher nichts machen, da es hier immer viel zu viele Ärzte in Ausbildung dabei waren. Außerhalb des Krankenhauses durfte ich aber auch viel im OP helfen so z.B. Nähen, aber auch zum Beispiel mal selber Fett absaugen.
In Brasilien sind die Leute ja sehr auf ihr Äußeres Bedacht und so ist hier das Thema der ästhetischen Chirurgie riesig. Sich hier die Brüste, Nase, Facelife o.ä. zumachen ist für viele völlig normal. Dementsprechend viel Angebot gibt es auch.
Ein großes Problem in Brasilien ist industrielles Silikon, welches sich arme Menschen v.a. in den zahlreichen Favelas in Brüste und Gesäß spritzen lasse. Dies ist natürlich extrem billig und bringt sofortig ein entsprechendes Ergebnis. Vor allem Prostituierten denen die Mittel für eine ordentliche Operation fehlen greifen oft dazu um besser Geld machen zu können.
Das Große Problem kommt dann meist einige Jahre später: Das Silikon löst eine starke Entzündung aus, teilw. kommt es zu Nekrosen und eitrigen, offenen Wunden. Das Silikon kann man wenn überhaupt nur teilweise entfernen zu versuchen, bei vielen wird aber nur mit Glukokortikoiden (teilw. sehr hohe Dosis) ein Leben lang therapiert. Die Menschen habe somit nach einer Injektions ein Lebenslangen Leidensweg und kämpfen mit dieser Behinderung.
Obwohl es offiziell verboten ist und neuerdings auch öffentlich darüber aufgeklärt wird, kommt es heute immer noch viel zu oft vor.
Ein Großteil der Arbeit war es auch diese Menschen zu versorgen. Insofern sieht man auch deutlich, wie schlecht die Allgemeinbildung der Menschen ist, die sich um die Gefahren einer solchen Injektion oft im vorhinein oft gar keine Gedanken machen.
Alles in allem verdient Rio de Janeiro den Namen „Mekka der plastischen Chirurgie“ zurecht, da hier eine so hohe Nachfrage nach Schönheitseingriffen besteht. Wer in diese Welt eintauchen möchte dem kann ich das Praktikum hier sehr empfehlen.

Land und Leute

Die brasilianische Mentalität ist typisch südamerikanisch entspannt und unkompliziert. Die Ausgemachten OP-Zeiten oder Treffpunkte werden fast nie eingehalten, aber da jeder daran gewöhnt ist funktioniert am Ende trotzdem alles. Diese Laisse-faire Mentalität öffnet natürlich aber auch die Tür für viele Probleme, und so ist Korruption auf allen politischen Eben an der Tagesordnung.
Was die gesellschaftliche Akzeptanz von Minderheiten angeht ist das Land Zwiegespalten: Einerseits gibt es eine relativ große LGBTQ Bewegung, andererseits werden regelmäßig Transsexuelle kaltblütig ermordet. Alles in Allem ist der Großteil der Menschen die ich getroffen habe aber sehr offen und akzeptierend. Ich wurde besonders warmherzig aufgenommen und durfte im Krankenhaus sofort jeden mit „Du“ ansprechen und die
Atmosphäre war hier immer sehr kollegial. Währen in DE und Europa gerade zwischen Prof. und Student ja doch eine hohe Hierarchie herrscht, war diese bei meinem Prof kaum vorhanden. Wir gingen zum Beispiel abends zusammen im Restaurant essen und unterhielten uns oft über alltägliche Dinge, Politik, und Gott und die Welt. Diese besondesers offene menschliche Art haben mit während meiner Zeit viele entgegengebracht. Die Menschen beharren nicht auf Regeln, und versuchen keine Probleme unkompliziert zu lösen.
Kulturell hat Brasilien enorm viel zu bieten. Leider hat der Karneval wegen Corona nicht stattfinden können, ist sonst aber immer Hauptattraktion in Rio. Es gibt aber viele Museen, Gärten, Parks, Street Art und weiteres in Rio das auch sehr sehenswert ist. Natürlich gibt es auch die klassischen Touristen Ziele wie Pao Azugar und Crist Redendor in Rio.
Besonders schön an Rio fand ich die vielen Bäume, Blumen, Wälder, die zur Stadt gehören. Es ist wohl die grünste Großstadt, die ich bisher gesehen habe.
In Brasilien ist der Familienzusammenhalt enorm groß und oft Leben 3-4 Generationen zusammen.
Aufgrund der problematischen politischen und wirtschaftlichen Situation des Landes gibt es sehr große Ungleichheiten in der Gesellschaft. Es gibt viele „Gated Communities“ in der sich Reiche abschotten. Ein weiteres Problem ist das schlechte staatliche Bildungssystem, weshalb viele reichere Ihre Kinder spätestens zu Universität ins Ausland schicken, auch um dort beruflich bessere Perspektiven zu haben.
Das Essen in Brasilien ist sehr Fleisch-lastig und es gibt nur selten Gemüse / gesundes Essen. Wenn man etwas sucht findet man aber auch gute Buffet Restaurant bei denen es auch gutes Gemüse gibt. Allgemein sollte man aber alles mal probieren solange man da ist. Neben viel Fleisch ist auch das Eis und die Pizza ist ein Brasilien besonders bekannt.
Kulturell kann man sich auch noch an einem Samba-Tanzkurs versuchen.
Unangenehm in Erinnerung bleiben wird mir vor allem die verbreitete Armut. Leider hat Brasilien kein funktionierendes Sozialsystem und so bleiben viele Menschen gesellschaftlich auf der Strecke.

Fazit

Für mich war es eine super Zeit dort. Ich durfte sehr viel lernen und sehen, besonderes die flachen Hierarchien waren sehr angenehm. Kulturell und menschlich war die Zeit auch sehr bereichernd. Ich kann ein Praktikum in der Plastischen Chirurgie sehr empfehlen.

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