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Brasilien (DENEM Brazil)

Verschiedene - SCORE (Forschungsaustausch)
von Florian, Kiel

Motivation

Brasilien stand eigentlich nie auf meiner Wunschliste. Nach einem Pflegepraktikum in Argentinien bin ich trotzdem für einige Wochen dort gelandet und habe mich irgendwie in das Land verliebt. Weil ich schon viel im Süden des Landes unterwegs war bewarb mich für einen Forschungsaustausch im Nordosten, in João Pessoa (JP).

Vorbereitung

Ich konnte schon Portugiesisch und habe mir nach einer kleinen Prüfung am Romanischen Institut in Kiel ein Zertifikat ausstellen lassen. Außerdem sollte man sich rechtzeitig um ein Empfehlungsschreiben kümmern. Ein Blick ins Impfbuch kann nicht schaden, zwar werden zur Einreise keine Impfungen vorausgesetzt (auch nicht Tuberkulose, obwohl das da steht), insbesondere die Gelbfieber- und Tollwutimpfung sollten aber nicht fehlen. Ich war zu dem Zeitpunkt auch gegen Corona geimpft, sonst wäre ich wohl nicht zur Pandemie-Hochzeit nach Brasilien geflogen.

In einem anderen Bericht steht, dass man nicht unbedingt eine CPF (brasilianische Steuernummer) braucht, hatte ich auch nicht - ist aber sehr praktisch und wird oft verlangt. Vor allem, um sich vor Ort eine SIM-Karte zu besorgen (das ist ein Muss!). Die CPF kann man in Deutschland beantragen.

Visum

Ein Visum ist bei Aufenthalten unter drei Monaten nicht erforderlich.

Gesundheit

Auslandskrankenversicherung abschließen (gibt es über den Marburger Bund bei der Allianz umsonst) und viel Sonnencreme einpacken, die ist dort nämlich recht teuer. Ansonsten kann man eigentlich alles in den zahlreichen Apotheken/Drogeriemärkten kaufen.

Sicherheit

João Pessoa gilt, auch in der Wahrnemung der Bewohner und im Vergleich zu Recife/Natal, als relativ ruhige Großstadt und ich habe mich eigentlich immer sicher gefühlt. Dennoch sollte man nicht vergessen, dass man in Brasilien ist. Wenn man sich nicht auskennt und besonders abends/nachts, auch für kurze Wege, daher immer Uber fahren. An der Promenade und im Parque da Lagoa kann man sich bspw. auch im Dunkeln sicher bewegen. Man kann sich schick anziehen, aber auf sehr auffällige Markenkleidung würde ich verzichten. Das Handy bleibt in der Öffentlichkeit am besten in der Tasche und es lohnt sich einzustellen, dass Bilder direkt in die Cloud übertragen werden. Auch ein Billig-Zweithandy kann man mitnehmen, um es im Fall der Fälle herzugeben.

In meinem Monat dort wurde vier (brasilianischen) Kollegen das Handy gestohlen. Auch wenn einem dabei eine Waffe an den Kopf gehalten wird – ruhig bleiben und herausgeben, was verlangt wird, dann passiert auch nichts weiter. Mit ein bisschen Menschenverstand und Vorsicht kann man aber vieles vermeiden. Ich kenne Brasilianer, die noch nie Opfer von Kriminalität wurden.

Geld

Aktuell ist Brasilien dank schwachem Real ziemlich günstig. Bargeld braucht man kaum, da man überall (selbst die Kokosnuss am Strand) mit Kreditkarte zahlen kann. Trotzdem würde ich immer ein bisschen Bargeld dabeihaben. Bankomaten finden sich oft an Tankstellen und in den zahlreichen Shoppingcentern. Ich würde empfehlen, mindestens zwei Kreditkarten mitzunehmen.

Sprache

Wer schon Spanisch kann wird sich mit Portugiesisch leicht tun. Ich habe mir Podcasts (von B9, sehr zu empfehlen) angehört, versucht, viel zu lesen und konnte es dann irgendwie relativ schnell ganz gut. Der „Sotaque nordestino“ war allerdings eine Herausforderung, da es dort einen ganz eigenen Slang gibt und die Sprachmelodie anders ist als im Süden des Landes. Ich habe einige Zeit gebraucht, um mich reinzuhören.

Die meisten Professoren und Mitarbeiter im Labor konnten zwar Englisch, ebenso wie viele Medizinstudenten – das ist aber eher die Ausnahme. Daher würde ich, selbst wenn Brasilien nicht der Erstwunsch war, vorher auf jeden Fall versuchen, so viel wie möglich zu lernen.

Verkehrsbindungen

Ich bin immer mit Uber und BlaBlaCar unterwegs gewesen. Es gibt noch 99 Passageiro, ähnlich gut verfügbar wie Uber und meist günstiger. Die Brasilianer nutzen oft BlaBlaCar, man findet also meist gute Verbindungen zu weiter entfernten Orten. Das Fernbusnetz ist gut ausgebaut und die Busse sind komfortabler als in Deutschland. Innerhalb der Städte sollte man sich aber an Uber halten, da es in den Bussen häufig zu Diebstählen kommt.

Kommunikation

Die Kommunikation mit dem Koordinator war von Anfang an super. Ich habe über die Database den WhatsApp-Kontakt bekommen und immer schnell Antworten erhalten. Auch mit meiner Godmother und meinem Host stand ich schon vor dem Austausch in Kontakt. Mit den Professoren wurde ebenfalls auf WhatsApp kommuniziert.

Wie gesagt sollte man sich eine SIM-Karte zulegen (oi, vivo oder claro). Für weniger als 10 € hatte ich 16 GB Internet, sowie unlimitiert Anrufe und soziale Medien.

Unterkunft

Man kommt bei Medizinstudenten unter, die dafür, dass sie einen aufnehmen, selbst Punkte für ihren Austausch sammeln. Mein Gastgeber hat recht weit weg von der Uni, aber dafür nah am Strand gewohnt. Ich hatte ein eigenes kleines Zimmer, leider ohne Fenster und Klimaanlage (bei Nachttemperaturen über 25 °C schon hart), aber das ist mimimi. Einmal am Tag soll man als Austauschstudent eine Mahlzeit bekommen, da hat er immer etwas bestellt oder gekocht.

Literatur

Zur Vorbereitung auf das Projekt habe ich mir auf Amboss nochmal etwas über PCR und Corona durchgelesen und für Brasilien den Dumont-Reiseführer geholt. Beim Auswärtigen Amt lohnt sich ein blick in die Reise- und Sicherheitshinweise. An sich benötigt man aber nichts.

Mitzunehmen

Ich hatte nur Handgepäck dabei. Warme Kleidung brauchte es nur für den Flug. Eine lange Hose und geschlossene Schuhe sollte man für das Projekt aber mitnehmen. Die Laborkleidung wurde gestellt. Sollte man tatsächlich mal einen Kittel brauchen, findet sich immer jemand, der einem einen ausleiht. Eine Kopfbedeckung ist ein Muss.

Reise und Ankunft

Durch das coronabedingt ausgedünnte Flugangebot flog ich mit LATAM von München über Frankfurt und São Paulo nach João Pessoa. Dadurch bin ich 30 Stunden unterwegs gewesen und war froh, dass mich meine Godmother direkt am Flughafen abholte. Eigentlich gibt es aber super Direktverbindungen von München nach Recife. Vom dortigen Flughafen fahren jeden Tag unzählige BlaBlaCars nach JP.

Die Rückreise war wegen der sich stetig ändernden Coronabestimmungen nervenaufreibend. Da ich im Covid-PCR-Test-Labor gearbeitet habe, durfte ich meinen Test kostenlos machen und mir den Testnachweis selbst auf Deutsch/Englisch übersetzen. Ohne diese Möglichkeit wäre es unmöglich gewesen, außerhalb São Paulos einen den Ansprüchen genügenden Test aufzutreiben. Mein Rückflug wurde mehrmals storniert. Da ich direkt bei LATAM gebucht habe, war das Umbuchen dann kein Problem.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Das Projekt auf das ich mich ursprünglich beworben hatte war „Effects of Lactobacillus metabolism on the bio accessibility of phenolics from red pitaya“ – ehrlich gesagt weniger aus Interesse als wegen der Stadt. Ausnahmsweise führte Corona zu einer guten Wendung: Relativ kurzfristig wurde mir mitgeteilt, dass es nun um „SARS-CoV-2 (COVID-19): A clinical-laboratory approach, epidemiology and genetics in the state of Paraíba, Brazil“ ging. Nach meiner Ankunft durfte ich mir den Montag und Dienstag freinehmen, um mir die Stadt anzusehen.

Die Arbeit im Labor war im Grunde immer die gleiche. Das Labor war zum reinen PCR-Coronatestlabor umfunktioniert. Jeden Tag wurden 130 Proben vorbereitet, analysiert und die Ergebnisse dann ins e-SUS-System eingespeist. Da wir gut besetzt waren gab es für mich meistens nicht viel zu tun. Ich habe die Listen mit den Namen der Untersuchten geschrieben, die Probenröhrchen vorbereitet und beschriftet und manchmal durfte ich pipettieren. Meistens sollte ich gegen neun kommen und durfte mir aussuchen, wann ich gehen wollte. Das war i.d.R. nach dem Mittagessen mit dem Team in der Uni-Kantine der Fall, so gegen 15 Uhr. Da es um kurz nach 17 Uhr dunkel wurde war der Tag dann gefühlt fast vorbei.

Weil meine Professorin sich schon dachte, dass das im Labor viel Routine ist und ich bestimmt noch mehr sehen möchte, hat sie ein abwechslungsreiches Programm für mich ausgearbeitet. Ich durfte z. B. mit nach Areia (einer Kleinstadt im Inland) fahren und in einer Turnhalle Coronatests an einer Stichproben-Auswahl der dortigen Bevölkerung machen. Das war Teil der tatsächlichen Forschung – zu überprüfen, welcher Anteil der Bevölkerung Paraíbas zu ausgewählten Zeitpunkten positiv getestet wird. Manchmal bin ich nachmittags mit zu Testzentren in JP gefahren, wo wir Speichelproben von symptomatischen Patienten nahmen, um zu untersuchen, ob diese ähnlich valide Ergebnisse liefern wie der Nasenabstrich.

Weil meine betreuende Professorin eigentlich Parasitologin ist ging es zwei Mal auf Exkursionen. Einmal in den Süden des Bundesstaates um mit Schistosomiasis infizierte Schnecken aus stehenden Gewässern zu fischen und einmal in eine kleine Bauernsiedlung, in der vor wenigen Jahren lokal Malaria ausgebrochen war. Dort sammelten wir spätabends Anophelesmücken. Unsere „Beute“ untersuchte ich schließlich mit einem Biologen. Zwei andere Professorinnen nahmen sich Zeit, um mir ihre Forschung an Heilpflanzen vorzustellen. Die wissenschaftliche Infrastruktur ist in Brasilien schlecht ausgebaut, da kaum staatlich gefördert. Viele wandern deshalb aus – die, die bleiben, arbeiten meist umso mehr und härter.

Nebst Forschung wurden mir im direkt neben dem Labor gelegenen Uniklinikum Patienten mit diversen Pilz- und Tropenkrankheiten präsentiert. Auch bei einer Hirn-OP durfte ich zusehen. Dank SUS – dem „Sistema Ùnico da Saúde“ hat jeder Brasilianer das Recht auf kostenfreie medizinische Behandlung, die meisten schätzen das auch wert. Die öffentlichen (studiengebührfreien) Universitäten bieten die beste Ausbildung, die öffentlichen (Universitäts-)Krankenhäuser die beste medizinische Versorgung. Ein Relikt eines vor Bolsonaros Amtszeit ansatzweise erfolgten Versuchs, die enorme Ungleichheit im Land zu bekämpfen.

Die vier Wochen vergingen im Projekt wie im Flug und ich bin sehr froh, dass ich so viel sehen durfte – insbesondere Krankheiten, Erreger und Situationen, die einem in Deutschland nicht unbedingt begegnen.

Land und Leute

Wäre nicht ausgerechnet in diesem März 2021 der Gipfel der Coronapandemie in Brasilien mit Kollaps des Gesundheitssystems in im Grunde allen Bundesstaaten des Landes erreicht worden, sähe meine Bewertung hier wohl ganz anders aus.

Die Maßnahmen zur Eindämmung waren zu Beginn meines Praktikums wesentlich „entspannter“ als in Deutschland. Das lag nicht nur an der Bolsonaro-Regierung, sondern auch daran, dass schon so ein Großteil der Bevölkerung kaum Geld zum Essen hat. Deshalb gab es in Brasilien für Privatpersonen keine Strafen bei Missachtung der Regeln - und Vorschriften wie „Jetzt dürfen sich nur noch zwei Haushalte, aber nur einer aus dem anderen Haushalt“ etc. stießen auf große Verwunderung. Dennoch trug fast jeder überall eine Maske und man sah wenige Menschen auf den Straßen und an den Stränden. Bars und Restaurants hatten abends geschlossen und es gab eine Ausgangssperre ab 22 Uhr. Die Corona-Impfkampagne schritt schnell voran und war meines Erachtens nach besser organisiert als in Deutschland.

Ich verstand mich zwar gut mit meinem Host, er saß aber meistens in seinem Zimmer. Die Stimmung im Labor war sehr entspannt. Wir haben uns zwar nie privat getroffen, aber vor Ort immer gut unterhalten und die meisten waren sichtlich interessiert an mir und Deutschland. An meinem Geburtstag wurde sogar eine kleine Überraschungsparty und ein Buffet organisiert.

Meine Godmother, eine Medizinstudentin, hat mich mal mit an den Strand genommen (Praia de Coqueirinho, wunderschön!) und ein anderer Medizinstudent organisierte mit ein paar Freunden eine Fahrradtour nach Lucena / Bom Sucesso. Man spricht zurecht von der „Brasilianischen Karibik“. Viele Brasilianer verbringen dank des warmen und türkisblauen Wassers im Nordosten ihre Ferien. Im Grunde blieb dies aber das Sozialleben für den Monat, abends saß ich meistens alleine im Appartment und in meiner Freizeit habe ich Strandspaziergänge gemacht. Das war etwas traurig und hätte ohne Pandemie sicher ganz anders ausgesehen. Insbesondere Nordostbrasilien gilt, sogar für brasilianische Verhältnisse, als sehr offene Gegend. Man hätte sich zum Grillen am Strand getroffen, Barabende, Churrascos veranstaltet…

Aber das war irgendwo zu erwarten und ich kann niemandem vorwerfen, in dieser Zeit kein ausschweifendes Sozialleben zu führen. Ich habe trotzdem viele super nette Menschen kennengelernt und stehe mit einigen weiter in Kontakt.

Grundsätzlich hat der Nordosten viel zu bieten und JP ist dafür ein idealer Ausgangspunkt. Ich verbrachte ein Wochenende im Hostel im Strandort Porto de Galinhas und habe mir Olinda und Recife angesehen. Die Strände in und um JP sind eigentlich alle sehenswert. Für größere Ausflüge sollte man auf jeden Fall Pipa und Natal anvisieren, das habe ich leider nicht mehr geschafft. Auch von Maragogi in Alagoas wurde geschwärmt. Im Grunde gibt es an jedem Strand rote Klippen, Palmen, sauberes Wasser und mal mehr, mal weniger Leute die Acai, Kokosnüsse und Garnelen verkaufen. Im Juni findet mit São João eine Art zweiter Karneval statt, es lohnt sich also sehr, zu dieser Zeit oder gleich zum Karneval bzw. den Wochen vor diesem zu kommen.

Fazit

Brasilien ist ein riesiges, faszinierendes und wunderschönes Land, das man nie und nimmer ganz verstehen und kennenlernen kann. Jeder, der es einmal erlebt hat, wird wiederkommen wollen. Es war eine Erfahrung für sich, das von der Pandemie am härtesten getroffene Land zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt kennenzulernen. Beinahe jeden Tag starb ein Mitglied des Professorenstabs, ich habe mitbekommen, welchen Kampf es um Plätze auf Intensivstationen gibt. Dass das Projekt, in dem ich mitarbeiten durfte, einen Beitrag zur Eindämmung lieferte rechtfertigte meiner Meinung nach meinen Aufenthalt und ich bin allen, die mir das ermöglicht haben, sehr dankbar.

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