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Ägypten (IFMSA Egypt)

Verschiedene - SCORE (Forschungsaustausch)
von Linda, München

Motivation

Ich studiere Pharmazie und wollte unbedingt noch vor Studienabschluss ein Auslandspraktikum absolvieren, weil ich denke, dass das sehr viel für die persönliche Entwicklung bringt. Da ich sehr interessiert in die klinische Anwendung von Medikamenten und allgemein die Versorgung von Patienten bin, erschien mir der Austausch der IFMSA passend. Was die Länderauswahl betrifft hatte ich nicht so viele Wahlmöglichkeiten als Nicht-Medizinstudentin und auch Pandemie bedingt. Was allerdings überhaupt nicht schlimm war, da ich sehr offen gegenüber allen Ländern war. Ich habe dann Ägypten gewählt, da ich noch nie zuvor in einem arabischen Land war und sehr interessiert in die Kultur und Geschichte dieses Landes bin.

Vorbereitung

Für meinen Austausch gab es gar nicht so viel vorzubereiten. Ich musste abgesehen vom Bewerbungsprozess eigentlich nur einen Flug buchen sowie einen Test auf Sars-Cov-2 durchführen und das negative Testergebnis der Airline vorlegen. Das habe ich beides sehr kurzfristig erledigt, da ich mir nicht sicher war, ob der Austausch tatsächlich stattfinden kann. Außerdem musste ich mich immer wieder über die aktuellen Einreiseregelungen informieren, wofür ich die App des Auswärtigen Amts Deutschlands benutzt habe.

Visum

Ein Visum für Ägypten zu bekommen ist sehr unkompliziert. Dieses ist am Flughafen bei Ankunft für 25 Euro erhältlich, ohne Vorlage irgendwelcher Unterlagen.

Gesundheit

Ich habe mich zunächst über alle empfohlenen Impfungen für meine Reise informiert. Da ich für diese Krankheiten bereits ausreichend Impfschutz hatte, habe ich nur noch eine zusätzliche Auslandskrankenversicherung bei meiner Krankenkasse abgeschlossen und mich gut mit Sonnencreme eingedeckt. Eine Reiseapotheke habe ich nicht mitgenommen und habe auch vor Ort nichts benötigt.

Sicherheit

Ich habe mich zu keiner Zeit während meines Aufenthaltes in Ägypten unwohl oder nicht sicher gefühlt. Zur Sicherheit habe ich aber darauf geachtet möglichst wenig alleine draußen herumzulaufen, wenn es dunkel ist. Meistens war ich aber sowieso mit einer anderen Austauschstudentin oder ägyptischen Studenten der Gastgeberorganisation gemeinsam unterwegs. Als Fußgänger im Straßenverkehr ist Vorsicht geboten, da man oft auf der Straße bei viel Verkehr laufen muss. Besonders das Überqueren von Straßen war nicht so einfach für mich, da die Autos meistens bei einer roten Ampel nicht anhalten und man trotz fließendem Verkehr auf die andere Seite gelangen muss.

Geld

Am besten ist es, Euro in bar mitzunehmen und vor Ort in Ägyptische Pfund wechseln zu lassen. Dazu kann man ganz einfach zu bestimmten Geldautomaten gehen. Das Abheben mit einer Kreditkarte ist aber natürlich ebenfalls problemlos möglich. Bezahlt habe ich vor Ort alles in Bar, das ist am Einfachsten und wird von vielen Ägyptern auch bevorzugt. In großen Geschäften und Hotels kann man aber auch direkt mit Bankkarte bezahlen. Die Preise sind definitiv niedriger als in Deutschland. So haben in Tanta z.B. Falafel-Sandwiches, was mein Lieblingsessen war, nur 2 Pfund bzw. etwa 10 Cent gekostet und eine Flasche Wasser 5 Pfund also etwa 25 Cent.

Sprache

In Ägypten wird Arabisch gesprochen. Bei Ankunft konnte ich kein einziges Wort verstehen, ich habe aber während meines Aufenthaltes versucht ein paar Worte zu lernen. Das ist mir echt schwer gefallen, da die Aussprache und Schrift ganz anders ist. In Touristen-Gebieten sprechen die Leute alle möglichen Sprachen, natürlich Englisch und oft auch Deutsch. In Tanta, was keine Touristen-Stadt ist, konnte man allerdings nur wenige Personen finden, die Englisch sprechen konnten.

Verkehrsbindungen

Innerhalb des Landes ist es am günstigsten mit Bus oder Bahn zu reisen. Das empfehle ich allerdings nur mit Hilfe der Gastgeber, die aber sowieso bei allen Aktivitäten des social programs mitgefahren sind und sich um alles gekümmert haben. Bei der Reise mit dem Bus gibt es sehr viele Militär-Check-points wo Gepäck und Pässe kontrolliert werden, da wird man als Ausländer aber schnell und einfach durchgelassen. In Tanta bin ich fast alles zu Fuß gegangen oder habe die App Uber benutzt.

Kommunikation

Mit Ärzten fiel mir die Kommunikation leicht, da diese einigermaßen gut Englisch gesprochen haben. Allerdings hatten einige einen starken Akzent, was es etwas schwieriger gemacht hat diese zu verstehen. Trotz, dass das Medizinstudium dort komplett in englischer Sprache absolviert wird, sind die einheimischen Ärzte nicht sehr geübt englisch zu sprechen, da der Fokus eher auf lesen und schreiben liegt. Das übrige Krankenhauspersonal, Mitarbeiter im doctors house, Patienten und die meisten anderen Einheimischen konnten allerdings nur Arabisch sprechen, weshalb ich mir oft mit Zeichensprache und meinen wenigen gelernten arabischen Worten aushelfen musste.
Den Kontakt nach Deutschland und auch zu den Gastgebern konnte ich ganz einfach über Whatsapp halten, da ich mir eine ägyptische SIM-Karte (ca. 12 Euro) gekauft habe und so immer Internetzugang hatte.

Unterkunft

Gewohnt habe ich während meines Aufenthaltes im doctors house direkt neben dem Universitätsgelände und vielen Krankenhäusern, was von den Gastgebern organisiert worden ist. Ich habe mir ein Zimmer mit einer anderen Austauschstudentin geteilt, Bäder waren zur allgemeinen Nutzung auf dem Gang. Einmal am Tag konnte man sich kostenlos zwei Mahlzeiten (ein Hauptgericht und Frühstück) bei der Essensausgabe abholen. In diesem Wohnheim waren nur Frauen untergebracht und Männer durften nur die Eingangshalle betreten. Die Trennung von Männern und Frauen findet man sehr oft in Ägypten.

Literatur

Zur Vorbereitung auf mein Projekt hat mir die Forschungsgruppenleiterin schon vorab einige Publikationen zukommenlassen, die ich lesen sollte und dann an meinem ersten Tag mit ihr gemeinsam besprochen habe. Während meines Aufenthaltes habe ich ebenfalls ein paar Dateien zum lesen von ihr bekommen, diese waren hauptsächlich über die Durchführung von klinischer Forschung im Allgemeinen.

Mitzunehmen

Ich habe für mein Praktikum nur einen Laborkittel und ein Notizbuch benötigt. Für das social program lohnt es sich eine ISIC Studentenkarte mitzunehmen, da man hiermit fast immer 50% Nachlass bei Eintritten zu Touristenattraktionen bekommt.

Reise und Ankunft

Der LEO aus Tanta hat mich am Flughafen in Kairo direkt nach der Landung in Empfang genommen und wir sind mit einem vorher gebuchten Fahrer nach Tanta weitergefahren. Er hatte auch schon eine ägyptische SIM-Karte und ein paar Snacks für mich mitgebracht. Der Fahrer hat mich dann direkt vor meiner Unterkunft abgesetzt. Den ersten Tag nach meiner Anreise hatte ich noch frei, bevor ich dann mit meinem Forschungsprojekt begonnen habe.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Zur Durchführung meines Forschungsprojekts „Commitment to antihypertensive medication among Tanta University Hospital patients”, habe ich zunächst ein paar Vorlesungen meiner Tutorin bezüglich der allgemeinen Vorgehensweise mitangehört. Zudem sollte ich mich mit Hilfe der Skripte der Medizinstudenten selbst einlesen, was bei der Durchführung einer Studie alles zu beachten ist. Danach haben wir einen Fragebogen entworfen, um die notwendigen Daten von den Patienten zu erfragen. Das Interviewen der Patienten haben die Ärzte auf der Station für uns bei ihrer Visite übernommen, da diese nur drei Punkte zusätzlich zu ihren üblichen Fragen für uns hinzufügen mussten. So konnte vermieden werden, dass die Patienten mehrmals dieselben Fragen beantworten mussten. Außerdem konnte so die Personenanzahl auf der Station reduziert werden, was hinsichtlich der COVID-19-Maßnahmen sehr förderlich war. Nachdem genügend Patienten befragt worden waren, haben wir dann die Daten in Excel übertragen und mit Hilfe des Statistikprogramms SPSS analysiert. Zusätzlich zu meinem Projekt wurden einige Trainings für uns Austauschstudenten organisiert und jeweils von einem Fachschaftsmitglied der Universität gehalten. Diese waren zu allen möglichen Themen wie Public Health, Basic life support, Emergency cases, aber auch fachfremdes wie conflict management. Diese Trainings haben mir sehr gut gefallen und zu viel Abwechslung beigetragen. In meinen letzten Tagen durfte ich sogar auch mit einem Arzt mit in das Universitätskrankenhaus gehen und Operationen mitansehen, was ich sehr interessant fand. Ich habe drei Notoperationen nach Verkehrsunfällen, eine Operation in der Orthopädie sowie zwei Kaiserschnitte und eine weitere Geburt sehen dürfen. Das Universitätskrankenhaus bietet Menschen ohne Krankenversicherung eine kostenlose Behandlung an. Es müssen nur eventuell Kosten für Materialien wie Masken oder Schläuche übernommen werden. Der Rest wir über Spenden finanziert. Deshalb ist die Ausstattung dort sehr minimalistisch und teilweise veraltet. Die Hygienestandards waren definitiv geringer als in Deutschland. In den Gängen des Krankenhauses sitzen viele Angehörige auf dem Boden und Essen und rauchen während sie warten. Es ist kulturell Brauch, dass die gesamte Verwandtschaft auf dem Gang wartet, während ein Angehöriger behandelt wird. Was den Ärzten leider ihre Arbeit etwas erschwert, da man nur schlecht an all den Leuten auf dem Gang vorbeikommt. Diese stellen außerdem viele Fragen und können manchmal sogar auch aggressives Verhalten den Ärzten gegenüber zeigen. Da die Verwandten dem Arzt die Schuld geben, falls es Komplikationen gibt oder der Patient stirbt. Außerdem laufen Straßenkatzen im Gebäude herum und essen einen Teil der Abfälle. Eine der Katzen hat in der Orthopädie sogar ihre Jungen auf die Welt gebracht. Im OP selbst wurde natürlich mehr auf die Hygiene geachtet. Doch hier wurden zum Beispiel auch die Fenster geöffnet, da es sehr heiß war an diesem Tag und die Klimaanlage nicht funktioniert, weshalb ein paar Fliegen hereingekommen sind. Alles in allem in dieses Krankenhaus nicht mit einem in Deutschland zu vergleichen. Es war aber eine sehr interessante Erfahrung das alles gesehen zu haben!

Land und Leute

Als blonde deutsche Frau fällt man in Ägypten definitiv auf und viele Personen wollen sich mit einem unterhalten oder fragen, ob sie ein gemeinsames Foto machen dürfen. Selbst wenn diese kein Englisch sprechen konnten, haben oftmals Personen versucht sich irgendwie mit mir verständigen zu können. Die Leute sind sehr gastfreundlich und hilfsbereit. Ich habe sehr gute Erfahrungen mit meinen Gastgebern und der übrigen Bevölkerung Ägyptens gemacht. Beispielsweise wurde ich von meiner Tutorin mehrmals zum Essen zu ihr nach Hause eingeladen. Sie hat zu mir gesagt, wenn ich am Ende meines Aufenthaltes nicht mindestens fünf Kilogramm zugenommen habe, wurde ich nicht richtig in Ägypten willkommen geheißen. Außerdem hat sie mich mit zum Abendgebet in Tantas größte Moschee genommen und mir etwas die Stadt gezeigt, was sehr interessant war. Am Ende meines Praktikums hat sie mir sogar auch ein paar kleine Geschenke gegeben. Die meist verbreitete Religion ist der Islam. In Tanta sollte ich deshalb darauf achten immer lange Kleidung zu tragen, da dies keine Touristen-Stadt ist und die Menschen es dort nicht gewohnt sind Frauen ohne lange Ärmel oder in kurzen Hosen zu sehen. Sobald man aber in Touristen-Gegenden unterwegs war, konnte man sich kleiden wie man wollte. Bei etwa der Hälfte meines Aufenthaltes begann der Fastenmonat Ramadan, weshalb sich dann einiges im alltäglichen Leben geändert hat. Das Leben in der ganze Stadt war tagsüber heruntergefahren und erst nachts sind viele Menschen auf die Straßen gegangen. Fast alle Restaurants, Cafés und Geschäfte haben erst nachmittags geöffnet und oft erst abends Essen serviert. Deshalb war es für mich manchmal schwer tagsüber etwas zu Essen aufzutreiben, da ich nicht gefastet habe. Im Krankenhaus wurde alles was nicht dringend war verschoben und zum Beispiel nur Notoperationen durchgeführt. Die Ausflüge des social programs waren großartig! Wir sind ein verlängertes Wochenende nach Dahab an das rote Meer gefahren. Die Fahrt selbst war sehr anstrengend, da wir die ganze Nacht mit einem Reisebus gefahren sind und alle paar Stunden eine Militärkontrolle stattgefunden hat, sodass man nicht besonders gut schlafen konnte. Die Reise war es aber definitiv Wert! In Dahab kann man schnorcheln, tauchen und vieles mehr. Die Landschaft ist einfach nur toll, denn die Wüste mit einigen Bergen grenzt unmittelbar an das türkisfarbene Wasser des roten Meers. Zudem haben wir eine dreitägige Kreuzfahrt auf dem Nil von Aswan nach Luxor gemacht, wo wir viele Tempel besichtigen konnten und einiges über die Geschichte im alten Ägypten gelernt haben, was ebenfalls ein großartiger Ausflug war. Obwohl auch hier die Anreise mit dem Zug echt lange und kräftezehrend war, kann ich diesen Trip auch nur empfehlen. Außerdem waren wir jeweils einen Tag in Kairo und Alexandria, was auch auf jeden Fall sehr sehenswert ist. Die Fahrt zu diesen beiden Städten ist gar nicht so lange, da Tanta genau in der Mitte liegt.

Fazit

Ich kann nur jedem empfehlen trotz Pandemie ein Auslandspraktikum zu machen, wenn es möglich ist. Ägypten als Zielland und auch vor allem Tanta war ein echter Glückstreffer für mich persönlich und ich bin sehr froh, dass es mich dort hinverschlagen hat. Es war alles in allem eine großartige Zeit!

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