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Ethiopia (EMSA)

Chirurgie - SCOPE (Famulaturaustausch)
Anonym

Motivation

Für mich hat sich in den Famulaturen die Möglichkeit geboten, innerhalb eines kurzen zeitlichen Rahmens einen Einblick in ein potentiell völlig anderes Gesundheitssystem zu bekommen. Da für mich Entwicklungszusammenarbeit ein konkreter beruflicher Zukunftsplan ist, hatte ich in ein Land gehen wollen, das vor viele ganz andere Herausforderungen gestellt ist als Deutschland. Für Äthiopien habe ich mich unter anderem entschieden, da es laut Webseite des Auswärtigen Amts zu dem Zeitpunkt als angespannt jedoch mit Vorsicht relativ sicher eingestuft wurde.

Vorbereitung

Ich war so sehr damit beschäftigt noch rechtzeitig mein Visum zu bekommen (siehe „Visum“), dass wenig Zeit für reguläre Vorbereitung war. Woran ich angenehmerweise dennoch gedacht hatte, waren eine großzügige Reiseapotheke (viele Medikamente stehen auch in der Uniklinik nicht regulär zur Verfügung), kleine Flaschen Händedesinfektionsmittel für die Kitteltasche, Taschenlampe, Regenschirm und –Jacke und Klopapier für den ersten Tag…

Visum

Auf der ifmsa-Seite (Exchange Conditions) stand, die Klinik ziehe ein Studentenvisum vor, wofür 5 Tage vor Termin in der äthiopischen Botschaft im eigenen Land ein Bescheid an die ifmsa gegeben werden solle, ein Touristenvisum sei jedoch theoretisch auch ausreichend. Aufgrund der Formulierung habe ich ein Studentenvisum beantragt bzw. dies versucht. Tatsächlich stellte es sich derart schwierig dar, überhaupt eine Reaktion auf Nachrichten oder ausreichende Antworten zu bekommen, dass das mein Pass erst einen Tag vor Reisebeginn fertig war. Von der ersten Kontaktperson kam nach 4 Wochen das erste Lebenszeichen. Nachdem ich mehrere Mails geschrieben hatte habe ich mich nach 2 Wochen an die zweite Kontaktperson (gleichzeitig Präsidentin der äthiopischen Gastorganisation) gewendet, von der ich eine Antwort erhielt. Die ganze Kommunikation lief unglaublich schleppend, die äthiopische ifmsa verwechselte meine Daten, reichte falsche Dokumente ein, wodurch der Prozess nicht einmal in Äthiopien begann. Als dies stellte sich erst auf einen Anruf heraus. Die Botschaft in Deutschland war unglaublich verständnisvoll und hilfreich, andernfalls hätte ich weder Studenten- noch Touristenvisum rechtzeitig bekommen.

Gesundheit

Addis Abeba liegt so hoch, dass es kein Malariagebiet mehr ist, jedoch habe ich genügend Medikamente mitgenommen um theoretisch mit Prophylaxe reisen zu können. Für meine Reiseapotheke war ich manches Mal sehr dankbar und froh, für meine Anliegen nicht in die Klinik gehen zu müssen. Einem anderen Austauschstudenten war es zu einem Zeitpunkt nicht gut gegangen, sodass er unkompliziert über den Studentenarzt in der Klinik untersucht und mit Medikamenten versorgt wurde, als Mitarbeitet dies unentgeltlich und ohne Versicherungsnachweis. Wie es sich bei einem stationären Aufenthalt verhalten würde, weiß ich allerdings nicht. Versicherungsnachweis und Impfausweis waren im Vorfeld als bei Ankunft einzureichend angegeben, wozu es allerdings nie gekommen ist. Nachweise wie HIV- oder Tbc-Tests musste ich auch nicht einreichen. Tuberkulose ist omnipräsent und in der Klinik gibt es weder Isolierungsbereiche noch den entsprechenden Mundschutz, teilweise wird gelüftet, aber auch das ist nicht immer möglich. Ich habe primär gehofft, mich nicht angesteckt zu haben und habe wieder daheim trotz Symptomfreiheit einen Test gemacht, der zum Glück negativ ausgefallen ist. Die generellen Vorsichtsmaßnahmen im Patientenumgang werden sehr unterschiedlich behandelt. Manch ein Arzt verzichtet auf Nadelhalter und Pinzette und Handschuhe, jedoch wurde mein Händedesinfizieren und mein konsequentes Verwenden von OP-Besteck nicht als negativ aufgefasst, was sehr angenehm war.

Sicherheit

Ich hatte mich auf der Seite des Auswärtigen Amtes informiert, sowie vor Ort genau die Verhaltensanweisungen befolgt und bin so nie in Bedrängnis gekommen. Allerdings habe ich mich auch nur äußerst selten völlig alleine auf der Straße bewegt und wenn dann nur in bekannten und mir als sicher beschriebenen Gegenden. Ich selbst hatte eine angespanntere Situation erwartet, jedoch war im Alltag nichts von politischen Unruhen zu spüren, das Thema Politik wurde generell weitläufig auch unter Freunden umgangen, wie mir erklärt wurde.

Geld

In Äthiopien werden äthiopische Birr verwendet. Noch vor (!) der Passkontrolle am Flughafen in Addis Abeba war es unkompliziert – und das um ein Uhr morgens – möglich Euro in Birr zu wechseln. Das Geldabheben mit einer ausländischen visa card ist nicht an allen Geldautomaten möglich und oftmals sind sie „out of order“. Mit ein wenig Zeit unterschiedliche abzufahren war es jedoch nie ein Problem, einen funktionierenden Automaten zu finden.
Ich war auf dem Campus mit drei warmen Mahlzeiten am Tag untergebracht. Im Grunde hätte ich nur in Wasser außerhalb der Cafeteria und Toilettenpapier zusätzlich selbst investieren müssen.
Die öffentlichen Verkehrsmittel ermöglichen für 10 cent eine Fahrt ins Zentrum.

Sprache

Neben vielen weiteren Sprachen wird in Addis vor allem Amharisch gesprochen. Eine äthiopische Freundin hatte mir im Vorfeld ein paar Worte beigebracht, auf deren Anwendung immer sehr anerkennend reagiert wurde. Das Pflegepersonal im Krankenhaus kann zum Großteil nur gebrochen Englisch sprechen, die Ärzte jedoch in der Regel gut. Oft wird allerdings auf Amharisch umgeschwenkt, auch in den großen Visiten. Es waren im Hause noch andere afrikanische ausländische Ärzte, sodass nicht nur für mich auf Englisch gesprochen worden wäre. Allerdings bestand bei einigen Ärzten ein wenig Unwohlsein beim Englisch Sprechen mit Ausländern, obwohl die medizinische Ausbildung in Äthiopien auf Englisch ist. Meistens fanden sich dann doch ein paar, die gerne auch deutlich mehr als zwei Worte Englisch mit einem gesprochen haben.

Verkehrsbindungen

Für weite Strecken innerhalb des Landes gibt es Inlandflüge oder Busse. In der Stadt fahren kleine Minibusse für wenige cent auf festen Routen, auf denen sie einen allerdings zu beliebigem Zeitpunkt absetzen können. Sie gelten als sicher und ich konnte ohne Probleme alleine mit ihnen fahren. Generell war mir empfohlen worden, nicht alleine in der Nacht ein gewöhnliches Taxi zu nehmen und auch tagsüber generell lieber in Begleitung eines Äthiopiers. Es gibt darüber hinaus noch größere Busse, die allerdings oft so voll werden, dass die Türen beinahe aufbrechen und die Studenten in solchen Fällen davon abgeraten haben, sie zu benutzen.

Kommunikation

Es empfiehlt sich, eine äthiopische SIM-Karte (für ca. einen Euro) zu erstehen. Dies ist in einigen wenigen offiziellen Läden gegen Vorlage des Passes (Kopie genügt nicht!!) möglich. Das Aufladen geht dann an jedem Straßenkiosk. In Äthiopien kommunizieren die Leute primär telefonierend oder per SMS oder telegram-app. In der 100 Meter vom Dorm gelegenen Campus Bibliothek gab es einen Zugang zum Wlan, der nur verhältnismäßig selten nicht funktionierte.

Unterkunft

Ich hatte ein Bett in einem 6er Student Dorm, der für Austauschstudenten freigemacht wurde. Die Organisatoren hatten netterweise einen Kühlschrank organisiert, was für gewöhnlich in den Dorms nicht gestattet ist. Benutzt habe ich ihn wegen der Vollverpflegung nicht. Der Präsident der ifmsa dort hatte gesagt, Decken, Kissen, Bettwäsche und Handtücher sein vorhanden, aber dies nur begrenzt an sein Team weitergegeben. Nach der Ankunft war es aber möglich diese Dinge zusammenzusuchen. Wasser gab es auch fast immer, sogar meistens warmes. Wegen kaputter Klospülungen standen in den Gemeinschaftstoiletten für alle große Wasserkübel zur Verfügung, also alles sehr gut organisiert.

Literatur

Ich hatte mich im Vorfeld auf der Seite des Auswärtigen Amtes informiert. Vor Ort hatte ich den lonely planet von Äthiopien und einen weiteren Reiseführer von Iwanowski’s. Alle sehr zu empfehlen. Durch den Internetzugang auf dem Campus sind weitere Recherchen vor Ort gut möglich.

Mitzunehmen

Tatsächlich hatte ich die Kälte und die Feuchtigkeit unterschätzt. Meistens habe ich meine ganze warme Kleidung übereinander angetragen. Wasserdichte Schuhe wären auch praktisch gewesen. Aber von diesen Dingen muss man in der Regenzeit und bei einem so hoch gelegenen Ort eigentlich ausgehen  … Im Krankenhaus werden Kittel über der normalen Alltagskleidung getragen, Kasacks nur im OP. Derzeit ist das St. Paul’s Hospital eine große Baustelle, sodass die Schuhe eine kleine Schlammwanderung überstehen sollten. Klopapier stets bei sich zu führen ist in jedem Fall sinnvoll.

Reise und Ankunft

Wenn frühzeitig gebucht, sind die Flüge nach Addis aus Europa verhältnismäßig erschwinglich. Ich habe dabei einfach im Internet gebucht und hatte mit Turkish Airlines gar keine Probleme. Vom Betreten des Flughafens in Addis bis in den Wartebereich dauert es einige Zeit wegen vielfacher Sicherheitskontrollen, weswegen es bei der Abreise sinnvoll war, zeitig am Flughafen zu sein. In den letzten Monaten scheint es eine neue Regelung gegeben zu haben, aufgrund derer es nur noch Passagieren gestattet ist auch nur in die Nähe des Flughafens zu kommen. „Wir holen Dich am Flughafen ab!“ bedeutet also nicht, im normalen Ankunftsbereich, sondern draußen auf dem Parkplatz, der vom Ausgang des Flughafens nicht einsehbar ist, was mir nicht gesagt wurde. Einmal die Ausgangstür überschritten, ist es einem nicht mehr gestattet in das Gebäude zurückzugehen. Auf Nachrichten bekam ich keine Antwort, hatte dann aber das Glück, von anderen Fluggästen über diese neue Regelung zu erfahren und es zumindest zu versuchen. Am Ende der Rampe zum Parkplatz wurde ich dann sehr freundlich mit einem Namensschild empfangen.
Ich bin zwei Tage vor Famulaturbeginn angekommen, was einen guten Rahmen bot, sich um eine SIM-Karte zu kümmern und sich auf dem Campus zu orientieren.
Im Krankenhaus wurde ich nicht wirklich vorgestellt, was eher unglücklich war, da so zu Beginn einfach niemand mit mir gesprochen hat, auch wenn ich mich selbst vorstellte und erklärte, was das Austauschprogramm bedeute…

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Offiziell hatte ich einen Famulaturplatz in der Allgemeinchirurgie. Im Laufe der Wochen war ich allerdings, da dort so wenig Raum zum Lernen war (OPs fanden nicht täglich statt und viel Zeit wurde mit den für mich nicht sinnvollen Visiten verbracht), auch in der Notaufnahme, im Kreissaal, der Abtreibungsklinik und in der Radiologie.
Im Krankenhaus wurde ich nicht wirklich vorgestellt, was eher unglücklich war, da so zu Beginn einfach niemand mit mir gesprochen hat, auch wenn ich mich selbst vorstellte und erklärte, was das Austauschprogramm bedeute… Die PJler (hier Interns genannt) arbeiten unseren Assistenzärzten ähnlich und sie werden wenig ausgebildet bzw. zeigen sich mehr gegenseitig, was sie sich angeeignet haben. Darunter leidet die Qualität, das ausgeprägte hierarchische Gefälle sorgt dafür, dass oftmals eher experimentiert wird, als um Hilfe zu fragen. Darüber hinaus sind 36-Stunden-Dienste üblich, was die Leistungsfähigkeit vieler einschränkt. Famulaturen gibt es im äthiopischen System nicht, weswegen ich als Intern mitgelaufen bin. Irgendwann haben die ifmsa-Vertreten am St. Paul’s einen Brief an den Abteilungsleiter geschrieben und meine Anwesenheit offiziell erklärt, was jedoch keinerlei Konsequenzen hatte. Später dann nach meiner eigentlichen Famulatur habe ich mich unabhängig in der Klinik bewegt und Ärzte kennengelernt, von denen ich sehr viel lernen konnte. Vor allem was den Umgang mit der Herausforderung der begrenzen Ressourcen angeht und trotz weltweit fortschreitender Spezialisierung weiterhin als Arzt so ziemlich alle Bereiche beherrschen zu müssen, vor allem in den ländlichen Gegenden, die nur von Ärzten nach ihrem Praktischen Jahr versorgt werden.

Am ersten Tag habe ich vor allem am Rand gestanden und versucht etwas von der Visite zu hören. Dies war auch mein letztes Mal, da der nicht englische Anteil des Gesprächs einfach zu groß war, mehr als 15 Leute teilnahmen und generell geflüstert wurde… Später dann im großen OP wurde klar, dass sogar die Assistenzärzte primär zuschauten und die 20 PJler pro Station weit davon entfernt waren, sich überhaupt einzuwaschen. Generell hatte ich keine Ansprechperson, keine Aufgabe, keine Zeiten und war viel damit beschäftigt meine Bitte, Bescheid gesagt zu bekommen, wenn irgendein Eingriff oder ähnliches durchgeführt werden sollte, zu übermitteln. Gelegentlich hatte ich das Glück auf Ärzte zu treffen, die etwas erklärten oder beibrachten. Diese Erfahrungen waren dann stets sehr positiv. Allerdings war das Betreten des Krankenhauses schon sehr eindrucksvoll. Die anderen Fälle, Vorgehensweisen, Herausforderungen, Standards, Schwerpunkte, hierarchischen Strukturen und vor allem die Einstellung der Patienten zu erleben war nochmals überwältigender als erwartet.

Land und Leute

Direkt am ersten Wochenende bekam ich unerwartet die Chance, an dem 8th Congress of The Africa Middle East Association for Gastroenterology [AMAGE] teilzunehmen. Ich hatte nicht damit gerechnet, neben den Krankenhausbesuchen als kleiner Famulant auch einen Einblick in das Gesundheitssystem zwischen den führenden Medizinern des Kontinents sitzend zu erlangen. Das Programm erstreckte sich über 4 Tage und vor allem die Beiträge nach den Vorträgen waren interessant, da sich in ihnen eine völlig andere Herangehensweise an die Bedeutung von Studien und Datenlage in Bezug auf therapeutische Entscheidungen zeigte.
Abgesehen von einem eintägigen Ausflug in einen Nationalpark der Umgebung habe ich die Stadt nicht verlassen, sondern mich entschieden, länger in der Klinik zu bleiben, um doch noch etwas zu lernen… Das Essen war ausgezeichnet, obwohl ich sagen muss, dass man spätestens an meiner Ungeschicklichkeit mit der Hand zu essen gemerkt hat, dass ich nicht von dort kam.
In Addis selbst habe ich Märkte, Museen, Kirchen und Denkmäler besucht und bin vor allem viel spazieren gegangen. Eine Ärztin hat mich zu der Examensfeier ihrer Schwester mitgenommen, sodass ich, obwohl anders untergebracht, einen Tag in einer äthiopischen Familie erleben, Traditionen, Strukturen und Werte sehen konnte. Vor dem Hintergrund meiner Recherchen war ich davon ausgegangen, mehr von Unruhen zu spüren, jedoch schien Politik nahezu inexistent, da es ein solches Tabu war, darüber zu sprechen. Wahrscheinlich sind gerade im Krankenhaus Armut und deren Folgen schmerzlich spürbar. Jeden Tag aufs Neue wurde mir klar, wie sehr ich mit mehr Wissen und Fähigkeiten zurückkommen und wirklich einen Unterschied machen können wollen würde.
Generell habe ich stets große Herzlichkeit erfahren. Die einzigen wirklichen Schwierigkeiten während meines Aufenthaltes gab es tatsächlich mit den Mitgliedern der ifmsa von St. Paul‘s. Aus anfänglicher Unzuverlässigkeit in großem Stile wurde als ich meine Enttäuschung über die Krankenhaussituation äußerte und sagte, dass ich so nur schwer von einem professionellen Austausch sprechen könne und es mir schwer fallen werde, die Organisation mit dieser Klinik weiterzuempfehlen, völliges Ausbleiben von Angekündigtem bis zum Aggressiven Aussprüchen und Respektlosigkeit. Nach dieser erschütternden Erfahrung hatte ich allerdings das Glück, andere Ärzte und kennenzulernen mit deren Betreuung es die ganze Zeit eine unglaublich lehrreiche, bereichernde Zeit hätte sein können.

Fazit

Leider hatte ich den Eindruck, dass das St. Paul’s Hospital bzw. die Organisation dort noch nicht bereit war, einen Austausch anzubieten. Meine ursprünglichen Kontaktpersonen, die sich leider im Vorfeld der Famulatur als sehr unzuverlässig gezeigt hatten und denen ich im Laufe meines Aufenthaltes zweimal begegnet bin, waren vom Black Lion Hospital, welches sehr gut und erfahren im Bezug auf Austauschstudenten zu sein scheinen bzw. wie es mir vor Ort von anderen ausländischen Studenten berichtet wurde, die dort eingeteilt worden waren. Nach der Famulaturzeit habe ich noch zwei Wochen länger und unabhängig vom Austauschprogramm in der Klinik verbracht, was sehr positiv war. Darum denke ich, dass tendenziell ein Austausch in Äthiopien funktionieren kann, nur dass das derzeitige Team wenig Interesse daran gezeigt hat, den professionellen Teil zu gewährleisten.

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