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Anästhesie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Ann-Kathrin, ann-kathrin.balzer@stud.mh-hannover.de

Motivation

Ich habe die Vorklinik bereits im Ausland gemacht und hatte nach zwei Jahren Studium in Deutschland Lust mal wieder für eine längere Zeit in einem anderen Land zu leben. Ziemlich spontan habe ich mich noch auf einen Restplatz beworben. Unter den verbliebenen Ländern hat mir Aserbaidschan nach einer kurzen Recherche am besten gefallen. Baku, die Hauptstadt Aserbaidschans, liegt direkt am Kaspischen Meer und so haben mich Meer und gutes Wetter gelockt. Außerdem liebe ich es in Länder zu reisen, in denen man normalerweise keinen Urlaub verbringen würde. Da ich mich sehr spontan beworben habe, hatte ich wenige Erwartungen an meinen Auslandsaufenthalt. Ich wollte einfach vier schöne Woche verbringen, mein Englisch etwas verbessern und ein anderes Gesundheitssystem kennenlernen.

Vorbereitung

Durch meine sehr späte Bewerbung, etwa 6 Wochen vor dem Beginn der Famulatur, habe ich die Zusage erst knapp 3 Wochen vor dem Austausch erhalten, weshalb ich mir kaum vorbereitet habe. Da ich mich auf einen Restplatz beworben hatte, musste ich anfangs nur sehr wenige Dokumente/Nachweise hochladen. Erst nach der Zusage ist mir dann klargeworden, dass ich etliche Dokumente/Nachweise jetzt noch hochladen und vor allem erst mal besorgen muss. Im Gespräch mit anderen Incomings hat sich dann aber herausgestellt, dass das scheinbar nicht so streng gehandhabt wird. Manche haben z.B. kein Sprachzertifikat hochgeladen, sondern einen anderen Nachweis. Die geforderten Laborwerte/Impfnachweise wurden zwar vor Ort eingesammelt, aber meiner Meinung nach nicht kontrolliert. Neben der Organisation dieser Dokumente/Nachweise musste ich auch noch das Visum beantragen und parallel noch ein paar Klausuren schreiben. Einen Reiseführer habe ich zwar bestellt aber vorher nicht gelesen, da einfach keine Zeit für weitere Vorbereitungen blieben.

Visum

Seit diesem Jahr kann man ein eVisum beantragen (https://evisa.gov.az/en/). Die Beantragung kostet 24 USD. Die Bearbeitung dauert 2-3 Werktage und hat bei mir (und auch bei allen anderen Incomings) problemlos geklappt. In Aserbaidschan muss man sich innerhalb der ersten 10 Tage registrieren. Leider hat das Online-Portal (http://en.e.migration.gov.az/) quasi gar nicht funktioniert (bei den meisten wurde die Adresse „declained“ und insgesamt dauert der Prozess mehrere Tage). Man sollte daher innerhalb der ersten Tage direkt zum „regional office of Migration Service“ gehen, um eine Strafe zu vermeiden. Am 11. Tag muss man lediglich eine geringe Strafe zahlen, ab Tag 12 wird es richtig teuer (350 AZN). Um eine weitere Strafe und/oder Probleme zu vermeiden sollte man auf jeden Fall darauf achten, auf gar keinen Fall länger in Aserbaidschan zu bleiben (der erlaubte Zeitraum steht im Visum, normalerweise 30 Tage).

Gesundheit

Für eine Famulatur in Aserbaidschan benötigt man eine Auslandskrankenversicherung. Ich habe einfach den Nachweis meiner Auslandskrankenversicherung beim ADAC mitgenommen. Weiterhin benötigt man einen aktuellen (nicht älter als 1 Monat) HIV und HCV Test. Außerdem den Hep B-Titer sowie einen negativen TBC-Test (das Testverfahren ist egal). Alle Nachweise wurden zwar zu Beginn des Praktikums eingesammelt aber meiner Meinung nach nicht kontrolliert. In der Klinik gab es auffallend viele Patienten mit Hepatitis. Man sollte daher wirklich gut aufpassen, vor allem in der Chirurgie. Meine Reiseapotheke bestand lediglich aus Mückenschutzspray, Sonnencreme, After Sun Gel und Fenistil Gel. Alles weitere hätte ich wahrscheinlich problemlos dort in der Apotheke besorgen können, benötigt habe ich allerdings nichts. Durchfallerkrankungen, wie man sie von südlichen Ländern kennt, traten bei uns nicht gehäuft auf, obwohl wir keine besonderen Hygienemaßnahmen beachtet und auf keine Lebensmittel verzichtet haben. Für einen Aufenthalt in Aserbaidschan empfiehlt das Auswärtige Amt aktuell die Standardimpfungen gemäß aktuellem Impfkalender des RKI. Als Reiseimpfungen werden Hepatitis A, bei Langzeitaufenthalten oder besonderer Exposition auch FSME, Hepatitis B, Tollwut und Typhus empfohlen. Hepatitis B wird ja auch von der Organisation gefordert und jeder Medizinstudent, sollte ja eigentlich sowieso dagegen geimpft sein. Da auch ein Ausflug in den Kaukasus angeboten wird, empfiehlt sich die Impfung gegen FSME. Gegen Tollwut und Typhus habe ich mich nicht impfen lassen. Wie groß die potentielle Gefährdung ist kann ich aber leider nicht sagen.

Sicherheit

Aserbaidschan ist aktuell ein relativ sicheres Land. In Baku habe ich mich genauso sicher gefühlt, wie in jeder deutschen Großstadt. Auch im Kaukasus habe ich mich während einer zweitägigen Wanderung mit einer Gruppe sicher gefühlt (abgesehen von den Schäferhunden…). Man muss in den meisten Regionen Aserbaidschan meiner Einschätzung nach nicht übermäßig vorsichtig sein. Die Kriminalitätsrate ist außerdem ziemlich gering.
Von Reisen in die Region Bergkarabach (wird von der Bundesregeierung nicht anerkannt) sowie in die im Südwesten gelegenen, von armenischen Streitkräften besetzten Bezirke Agdam, Füsuli, Dschabrayil, Sangilan, Kubadli, Ladschin und Kalbadschar, sowie in die unmittelbar auf aserbaidschanischer Seite der Waffenstillstandslinie angrenzenden Gebiete wird aktuell von auswärtigen Amt dringend abgeraten. Zwar finden derzeit keine akuten Kampfhandlungen statt. Dennoch muss dort, sowie an der aserbaidschanisch-armenischen Landesgrenze, einschließlich der Grenze zwischen der aserbaidschanischen Autonomen Republik Nachitschewan und Armenien, mit Schusswechseln und/oder Minen gerechnet werden. Wer sich in diese Gebiete begibt, kann durch die deutsche Botschaft keine konsularische Hilfe oder Beistand erwarten. Eine Einreise nach Bergkarabach ist mit dem Visum für Aserbaidschan auch gar nicht erlaubt und stellt nach aserbaidschanischem Recht einen Strafbestand dar. Bei Zuwiderhandlungen gegen das Verbot der Einreise nach Bergkarabach drohen Geld- und Haftstrafen.

Geld

Die Währung in Aserbaidschan ist AZN (Aserbaidschanische Manat). Aktuell entspricht 1€ etwa 2 AZN. Man darf die Landeswährung weder ein- noch ausführen. Ich habe mir Geld mit meiner Kreditkarte am Automaten geholt. Man kann dort aber auch problemlos Geld tauschen.
Insgesamt sind die Lebenshaltungskosten in Aserbaidschan niedriger als in Deutschland. Vor allem die Transportkosten (Busse, Metro, Taxen) und die Preise im Restaurant sind deutlich geringer.

Sprache

Die Landessprache ist Aserbaidschanisch. Neben dieser Sprache sprechen alle Türkisch, da die beiden Sprachen sehr ähnlich sind. Viele sprechen auch noch Russisch. Einige Ärzte lernen auch Deutsch, da sie in Deutschland arbeiten möchten. Englisch wird nur vereinzelt gesprochen, weshalb man selber (meiner Meinung nach) auch kein exzellentes Englisch sprechen können muss (was allerdings formal gefordert wird).

Verkehrsbindungen

Ab Frankfurt gibt es einen Direktflug mit Lufthansa nach Baku. Alternativ kann man auch etwas günstiger mit Umstieg (meistens in Istanbul) fliegen.
In Baku ist das öffentliche Verkehrsnetz relativ gut ausgebaut. In den Bussen und der Metro zahlt man teilweise mit der so genannten „Bakukart“. Diese Karte bekommt man an allen größeren Bushaltestellen und in den Metrostationen. Da eine Fahrt in aller Regel nur 0,20 AZN kostet und man in der Hälfte der Busse bar zahlen muss, sollte man auf keinen Fall mehr als 10 AZN aufladen. Für die Routenplanung empfiehlt sich google maps. Ohne wäre ich ziemlich aufgeschmissen gewesen, da nicht mal die Bushaltestellen beschriftet sind.
Eine gute Alternative sind Taxen, da diese sehr günstig sind im Vergleich zu Deutschland. Man sollte unbedingt den Preis vorher verhandeln. Falls niemand mit dem Taxifahrer verhandeln kann, empfiehlt sich „Uber“.

Kommunikation

In der Klinik habe ich insgesamt mehr Deutsch als Englisch gesprochen, da erstens viele Mitarbeiter sehr wenig Englisch sprechen und zweitens viele Ärzte Deutsch lernen wollen, um in Deutschland eine bessere Zukunft zu haben. Als Deutsche war ich daher eine sehr willkommene Gesprächspartnerin.
Außerhalb der Klinik habe ich oft mit Händen und Füßen kommuniziert. Manchmal war ich aber auch mit anderen Incomings unterwegs, die Türkisch oder Russisch konnten und dann alles geregelt haben.
Im Dormitory gab es kein WLAN, weshalb ich mir direkt zu Beginn eine inländische SIM-Karte von Azercell gekauft habe. Für ca. 40 AZN hatte ich 50 GB LTE. Skype und Co war damit problemlos möglich.

Unterkunft

Es wurde eine kostenlose Unterkunft im Dormitory gestellt. Meistens Dreibett- oder Vierbettzimmer. Ich war in einem Zimmer zusammen mit zwei anderen sehr netten Incomings. Übermäßigen Luxus darf man allerdings nicht erwarten. Wir hatten ein Bad mit einer Stehtoilette (in manchen Zimmern gab es aber auch normale). Zum Duschen mussten wir die Gemeinschaftsduschen im Erdgeschoss nutzen, die allerdings relativ sauber waren. In manchen Zimmern gab es aber auch eine Dusche. Unser Luxus war der Balkon.

Literatur

Ich habe mir vor dem Aufenthalt einen Reiseführer für Baku und die Umgebung bestellt. Ansonsten habe ich keine spezielle Literatur gelesen oder gekauft. Auch rückblickend war dies absolut nicht notwendig.

Mitzunehmen

- Bettwäsche: Wurde gestellt und war daher überflüssig.
- Scrubs: Sollte man mitbringen. Da man im dormitory Wäsche waschen kann sind 2 paar Scrubs ausreichend. Die Farbe der Scrubs ist egal.
- Kittel: Zumindest in der Chirurgie nicht unbedingt notwendig, einer sollte daher eigentlich reichen.
- Klinikschuhe: Unbedingt mitbringen!
- Stethoskop: Nicht in allen Fachbereichen erforderlich.
- Laborbefunde und Auslandskrankenversicherung: Wird eingesammelt aber meiner Meinung nach nicht kontrolliert.
- Regenschirm: Überflüssig, dafür ist es meistens eh zu windig und außerdem regnet es wahrscheinlich eh nicht.
- Kleidung: Da es sehr warm ist im Juli empfiehlt es sich überwiegend leichte Kleidung einzupacken. Achtet darauf, dass die Hosen, Röcke und Kleider nicht zu kurz sind. Für den Ausflug in den Kaukasus sollte man zumindest ein langärmeliges Oberteil und/oder eine Sweatjacke einpacken.

Reise und Ankunft

Ich wurde am Flughafen von meiner CP (contact person) abgeholt und sie hat mich direkt ins Dormitory gebracht. Am ersten Famulaturtag wurden wir morgens von einigen Studenten der AzerMDS abgeholt und in die Klinik begleitet (zu Fuß ca. 10 Minuten). Hier wurden wir begrüßt, haben ein paar nützliche Infos bekommen und uns gegenseitig vorgestellt. So richtig los ging es dann erst an nächsten Tag, an dem wir zu unseren Abteilungen begleitet wurden.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Meine Famulatur habe ich formal in der Abteilung für Intensivmedizin (anästhesiologisch geführt) gemacht. Da auf der Intensivstation allerdings keiner mehr als ein paar Brocken Englisch gesprochen hat, wurde ich dem einzigen Anästhesisten zugeteilt, der ein bisschen Deutsch sprechen konnte. Dadurch war ich hauptsächlich im OP. Hier durfte ich (dank Eigeninitiative) ziemlich viel machen: Beatmen, Intubieren, Magensonde und Zugänge legen. Außerdem durfte ich einigen Chirurgen auch assistieren (erste und zweite Assistenz). Während den OPs durfte ich deutlich mehr machen als bei meinen bisherigen Famulaturen und Praktika in Deutschland: Saugen, Tupfen, Koagulieren und Nähen. Die Ärzte haben sich Zeit genommen mir zum Beispiel die Nähte zu zeigen und haben dann geduldig gewartet, bis ich mit dem Nähen fertig war. Die chirurgischen Fähigkeiten sind meiner Einschätzung nach ziemlich gut. Viele Chirurgen bilden sich regelmäßig in Europa fort. In der Klinik habe ich auch so ziemlich alle Operationen gesehen, die man sich vorstellen kann (bis auf Transplantationen). Man merkt allerdings, dass teilweise für Materialien weniger Geld vorhanden ist. So werden zum Beispiel meistens keine Tacker verwendet.
Da es sich um eine Privatklinik handelt, müssen die Patienten vorher ihre Operation bezahlen, diese ist allerdings vergleichsweise günstig. Dennoch müssen sich viele Aserbaidschaner dafür verschulden.
Die Ärzte verdienen im deutschen Vergleich sehr wenig. Das Gehalt wird durch „Trinkgeld“ der Patienten aufgebessert. Ohne „Trinkgeld“ würden die Chirurgen die Patienten aber wahrscheinlich gar nicht erst operieren. Das System ist insgesamt sehr korrupt. Wer sich eine Operation in der Privatklinik nicht leisten kann, wird in einem staatlichen Krankenhaus versorgt. Dort soll die Versorgung vergleichsweiseschlecht sein.
Die Ausstattung in der Privatklinik (http://atu-tck.edu.az) ist ziemlich gut und modern, da die Klinik erst in 2014 eröffnet wurde. Sowohl die Intensivstation, als auch der Operationsbereich hat sich nicht wesentlich von denen in deutschen Kliniken unterschieden, was mich sehr überrascht hat. Allerdings sind die hygienischen Standards teilweise schon anders: Das Personal desinfiziert sich zum Beispiel sehr viel seltener die Hände und es werden deutlich weniger (unsterile) Einmalhandschuhe verwendet. Ob es dadurch vermehrt zu (Wund-)infektionen kommt, kann ich allerdings nicht beurteilen.
In der Klinik war das gesamte Personal sehr nett zu mir. Sowohl auf der Intensivstation, als auch im OP-Bereich habe ich regelmäßig Kaffe und Tee, sowie kleinere Snacks angeboten bekommen. Mittags gab es ein kostenloses Essen in der Cafeteria der Klinik. Das Essen war insgesamt ganz gut, auch wenn es jeden Tag die gleiche Auswahl gab.

Land und Leute

Das social program, welches durch die lokale Organisation der Medizinstudierenden (AzreMDS) organisiert wurde, wurde kurz vor der Famulatur schon in der Facebookgruppe AzerMDS-IFMSA incomings (https://www.facebook.com/groups/154752341608589/) bekannt gegeben.
Das Programm hat folgende Ausflüge/Aktivitäten beinhaltetet:
- Baku tour & Treasure hunt (Heydar Aliyev Center, Treasure hunt in der Altstadt, Lunch, history museum)
- Gobustan national park & Petroglyphes (interactive museum of petroglyphs, guided tour, lunch, dinner)
- Wochenend Trip Camping in Şəki (breakfast, Shaki Khans Palace, Old City, Dinner, Camping, open air cinema, breakfast, albanian church in Kish, lunch).
- national food and drink party in einem Sommerhaus mit Pool in der Nähe von Bilgah beach
Das Programm hat zusätzlich 160 AZM (ca. 80€) gekostet. Vor allem der Ausflug nach Gobustan ist wirklich sehr empfehlenswert. Auch die food and drink party war ein voller Erfolg und ein absolutes Highlight!






Fazit

Meine Erwartungen wurden übertroffen. Ich würde jederzeit wieder nach Aserbaidschan / ins Ausland für eine Famulatur gehen. Mir ist allerdings mal wieder bewusst geworden, wie gut unser Sozialsystem in Deutschland ist. Gesundheitsfürsorge ist keine Selbstverständlichkeit und wir sollten uns glücklich schätzen, dass in Deutschland jeder die Therapie erhält, die notwendig ist.
Ich bin sehr froh, dass der Austausch noch so kurzfristig geklappt hat und bin immer noch begeistert von diesen vier Wochen. Ich habe viele neue internationale Freunde gefunden und hatte eine tolle Zeit! Danke bvmd, danke AzerMDS, danke IFSMA!

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