zurück

Tunesia (ASSOCIA MED)

Innere - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Marlene, München

Motivation

Ich wollte eine Famulatur im Ausland machen, da ich gerne die Arbeit in einem anderen Gesundheitssystem miterleben wollte und ich besonders an einem System interessiert war, das weniger finanzielle Mittel zur Verfügung hat als Deutschland. Da ich als Fremdsprache lediglich Englisch fließend beherrsche, kam für mich nur ein Land in Frage, das keinen Nachweis über eine andere Fremdsprache erfordert. So habe ich mich für Tunesien entschieden.

Vorbereitung

Ich habe im Vorfeld keinen Kurs zur Vorbereitung auf die Famulatur in Tunesien besucht und es wäre auch nicht notwendig gewesen. Auf den Seiten des Auswärtigen Amtes habe ich mich über die aktuellen Reisewarnungen informiert, da die politische Situation in Tunesien aufgrund der Flüchtlingsproblematik und der landesinternen Probleme im Jahr 2017 etwas schwierig war. Über die Gepflogenheiten, wie man sich insbesondere als Frau in Tunesien verhalten sollte, wurde ich im Vorfeld vom lokalen Organisationsteam aus Tunesien über Facebook informiert: Es ist zum Beispiel sehr ratsam, sich mit vielen luftigen, langen Hosen einzudecken, da kurz Hosen, Röcke und Kleider im öffentlichen Leben und ganz besonders im Krankenhaus nicht gern gesehen sind. Bei Oberteilen sollten zumindest die Schultern bedeckt sein. Außerdem musste ich Kittel, Stethoskop und Namensschild mitbringen. In chirurgischen Fächern muss man Kasack und Hose für den OP selbst mitbringen. Teilweise wird auch gefordert, dass man Handschuhe mitbringt. Darüber wird man aber je nach Fach, in dem man sein Praktikum machen wird, informiert. Das lokale Organisationsteam ist insgesamt schon im Vorfeld sehr engagiert und ich wurde von meinen beiden Contact Persons (CP) kontaktiert und ermuntert, jegliche Fragen, die sich schon im Vorfeld ergeben, jederzeit zu stellen. Da viele Informationen über Facebook bekannt gegeben werden ist es grundsätzlich ratsam, einen Account bei Facebook zu haben und wenn möglich auch What’s App auf dem Handy zu installieren, da das vor Ort der wichtigste Kommunikationskanal ist.

Visum

Als Deutscher muss man für Tunesien kein Visum beantragen. Der Reisepass sollte noch mindestens sechs Monate gültig sein. Man muss lediglich bei der Ein- und Ausreise einen kleinen Zettel ausfüllen, auf dem man die Daten seines Reisepasses, eine Zieladresse in Tunesien und noch ein paar Kleinigkeiten zur geplanten Reise eintragen muss. Diesen erhält man im Flughafen in Tunesien bei der Passkontrolle und muss sich im Vorfeld nicht darum kümmern.

Gesundheit

Für die Arbeit im Krankenhaus musste ich im Vorfeld ein paar Impfungen durch einen Scan meines Impfausweises belegen. Darunter waren aber nur Impfungen, die auch in Deutschland gefordert werden, wie zum Beispiel Mumps, Masern, Röteln, Hepatitis B, etc. Laut Auswärtigem Amt sollte man bei einem Langzeitaufenthalt auch Hepatitis A und Tollwut in Erwägung ziehen. In der Tat gibt es viele streunende Hunde und Katzen in Tunesien. Da man aber den Kontakt mit diesen Tieren auf jeden Fall vermeiden kann und man sich im Praktikum sowieso in einem großen Krankenhaus und damit an der Quelle der medizinischen Versorgung befindet, ist eine Tollwutimpfung meiner Meinung nach für den Austausch nicht unbedingt erforderlich. Ratsam ist es, sich mit Medikamenten gegen Durchfallerkrankungen einzudecken, da man häufig außer Haus isst und somit oft wenig Einfluss auf die hygienische Lebensmittelzubereitung hat. Außerdem ist das Leitungswasser in Tunesien kein Trinkwasser. In unserer Gruppe hatte fast jeder mindestens einmal Probleme mit Durchfall. Auf Grund der Zustände in den öffentlichen Krankenhäusern ist es auf jeden Fall ratsam sich im Falle einer schwereren Erkrankung in einer Privatklinik behandeln zu lassen und eine Auslandskrankenversicherung mit Rückholoption abzuschließen. Optimal ist diese natürlich, wenn sich die Rückholoption nicht nur auf medizinische Indikationen beschränkt.

Sicherheit

Da man, wenn man im Ausland ein Praktikum macht, nicht mehr über die Universität versichert ist, lohnt es sich vorab noch eine Berufshaftpflichtversicherung abzuschließen, die auch im Ausland gilt. Diese bekommt man ganz leicht entweder direkt über die Deutsche Ärztefinanz oder sogar kostenlos, wenn man Mitglied im Marburger Bund, Hartmannbund oder beim Medi-Learn Club ist.

Geld

Gezahlt wird in der Währung Tunesische Dinar (TND). Am einfachsten ist es natürlich, ein Bankkonto zu haben, bei dem man ohne viele Gebühren zahlen zu müssen weltweit mit Giro- oder Kreditkarte Geld abheben darf. Ist das nicht der Fall, kann man vor Ort bei den Banken Bargeld in TND wechseln lassen. Zu bemerken ist hier aber, dass die Banken werktags nur bis 12 oder 13 Uhr geöffnet sind. D.h. unter Umständen ist es etwas stressig die Öffnungszeiten zu erwischen und es ist auf keinen Fall ratsam, viel Bargeld mit sich rum zu tragen. In moderneren Restaurants kann man auch manchmal mit Giro- oder Kreditkarte zahlen. Auf den Märkten und in den meisten Geschäften jedoch nicht. Insgesamt ist Tunesien extrem günstig: Die Lebenshaltungskosten belaufen sich etwa auf 1/3 der Kosten in Deutschland.

Sprache

Von organisatorischer Seite heißt es zwar, dass Englisch als einzige Fremdsprache ausreichen würde, ohne Französisch ist man jedoch im Krankenhaus etwas aufgeschmissen, da die meisten Ärzte und andere Angestellte kein Englisch oder nur sehr begrenzt Englisch sprechen. Spricht man Französisch kommt man auch im alltäglichen Leben sehr gut durch. Arabisch zu lernen lohnt sich für die wenigen Gelegenheiten, in denen man es brauchen würde nicht und es gibt kaum Kursangebote in denen man tunesisches Arabisch lernt. Hocharabisch bringt einem im Alltag jedoch nichts.

Verkehrsbindungen

Ich bin mit dem Flugzeug nach Tunis gereist und dann mit dem Zug weiter nach Sfax gefahren. Es gibt zwar auch in allen anderen großen Städten Tunesiens Flughäfen, jedoch sind die Flüge dorthin sehr teuer und man muss meist ohnehin in Tunis umsteigen. Die Zugfahrt war OK. Als Mädchen ist es empfehlenswert, sich vorab mit anderen Leuten aus dem Austausch zu treffen, um im Zug, der meist sehr voll ist und in dem sich hauptsächlich Männer befinden, nicht alleine zu sein. Da es keine Anzeigen oder Durchsagen gibt sollte man sich möglichst bald eine tunesische SIM-Karte holen und eine Internetoption buchen, die sehr günstig ist (etwa 1,70 € pro 1 GB), um im Zug über Google maps rausfinden zu können, an welchem Halt man raus muss. In den Städten ist es am einfachsten Taxi zu fahren. Davon gibt es unendlich viele und wenn man darauf besteht, dass sie den Zähler benutzen ist dies eine sehr günstige Fortbewegungsart.

Kommunikation

Wie bereits erwähnt sollte man sich einfach eine tunesische SIM-Karte besorgen und sich mobile Daten kaufen. Darüber kann man dann Kontakt zu anderen Austauschstudenten und nach Hause halten. Leider gab es in unserer Unterkunft kein WLAN.

Unterkunft

In den Sommermonaten Juli und August sind extrem viele Austauschstudenten in Tunesien. Daher wird in Sfax vom Organisationskomitee immer ein ganzes Haus gemietet, in dem alle Studenten gemeinsam wohnen. Man hat dort die Möglichkeit sich selbst zu versorgen. Bettwäsche muss man mitbringen. Es ist natürlich so nicht möglich, dass jeder sein eigenes Zimmer hat: Bei uns haben sich zwischen 3 und 7 Leute ein Zimmer geteilt. Geschlechter getrennt.

Literatur

Um einen Einblick in die politische Situation Tunesiens zu bekommen, habe ich im Laufe des Praktikums den Wikipedia-Artikel über die kürzlich vergangene Revolution in Tunesien gelesen. Da diese auch in Small-Talk Gesprächen immer wieder Thema ist, kann ich das nur empfehlen. Ansonsten wie bereits geschrieben im Vorhinein Auswärtiges Amt. Wenn ich im Praktikum nichts zu tun hatte, habe ich mit der Amboss App ein paar Krankheitsbilder nachgelesen. Um ein wenig Französisch zu lernen, habe ich die App Duolingo benutzt. Macht Spaß und hilft einem auch beim Einstieg in eine neue Sprache.

Mitzunehmen

Mitzunehmen sind Kittel, Stethoskop, Namensschild, in chirurgischen Rotationen (oder, wenn man irgendwie mal in den OP will) Kasack und OP-Hose, Bettwäsche, Badezeug, viele luftige lange Hosen (besonders als Mädchen), einen Schal (wenn man als Mädchen interessiert ist Moscheen zu besichtigen), Vorhängeschloss für Koffer oder Schränke und möglichst wenig wertvolle Dinge.

Reise und Ankunft

Ich wurde von meiner CP am Bahnhof abgeholt und zu Unterkunft gebracht. Angekommen bin ich in Sfax einen Tag vor Praktikumsbeginn. Einige Austauschstudenten sind bei uns auch ein paar Tage zu spät angekommen oder früher gefahren. Das war auch kein Problem. Am ersten Tag wurden wir von unseren CP oder anderen Leuten aus dem Orga-Team ins Krankenhaus gebracht und den für uns zuständigen Ärzten vorgestellt.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich war in der Spezialisierung Endokrinologie und Diabetologie eingeteilt. Als Faustregel gilt: Auf Stationen der inneren Medizin ist man eigentlich nur in der Beobachterrolle, in den meisten chirurgischen Disziplinen und in der Notaufnahme darf man auch mal mithelfen. Ich bin meist kurz vor 9:00 Uhr auf der Station angekommen. Die Assistenzärzte und tunesischen PJ-Studenten waren dann noch dabei die Akten (alles in Papierform) auf Vordermann zu bringen. Sobald ein Oberarzt auf die Station kommt, was meist zwischen 9:30 Uhr und 10:00 Uhr der Fall war, startet die Visite. Diese dauerte bei 15 Pateinten 2 bis 2,5 Stunden und findet am Patientenbett statt. Mit den Patienten wird dabei aber nicht gesprochen. Das hängt auch teilweise damit zusammen, dass medizinische Themen unter den Ärzten auf Französisch besprochen werden, viele der Patienten jedoch nur tunesisches Arabisch sprechen. Nach der Visite tragen die Assistenzärzte dann die neu besprochenen Dinge in die Akten ein. In der Zeit hatte ich meistens nichts zu tun. Ich habe mich daher mit dem Nachlesen von Krankheitsbildern oder klinischen Zeichen, die bei der Visite Thema waren, beschäftigt. Da ich selbst leider kein Französisch spreche war es für mich oft schwierig, der Visite und den Unterhaltungen im Arztzimmer zu folgen. Die für mich zuständige Ärztin hatte auch eine Art Lehrplan für mich erstellt, im Rahmen dessen mir jeden Tag von einem Assistenzarzt ein Thema oder ein Patient vorgestellt werden sollte. Dies hat allerdings, dadurch, dass die meisten Assistenzärzte nicht wirklich Englisch sprechen oder Englisch sprechen, sich aber nicht trauen es anzuwenden, nicht geklappt. Damit ich die Zeit nicht nur irgendwie totschlagen musste, hat mir meine Betreuerin im Laufe des Praktikums dann einfach ein paar ihrer englischen Artikel, die sie zur Veröffentlichung in einer medizinischen Zeitschrift einreichen wollte, zur Korrektur gegeben. Damit habe ich dann die letzten beiden Wochen des Praktikums verbracht.
Zusammenfassend kann ich also sagen, dass ich in meinem Praktikum aus medizinischer Sicht theoretisch ein wenig, praktisch überhaupt nichts gelernt habe. Bei den Assistenzärzten und Oberärzten, die mit mir Patienten und Krankheitsbilder durchgegangen sind, hatte ich das Gefühl, dass sie sehr gut ausgebildet sind. Ich könnte mir also vorstellen, dass jemand der Französisch spricht durchaus von diesem Praktikum profitieren würde. Es ist den Ärzten aber trotz der guten Ausbildung manchmal nicht möglich, die Patienten umfassend zu behandeln oder jede erforderliche Diagnostik durchzuführen, da dazu schlichtweg die finanziellen oder technischen Mittel fehlen.
Über den Ablauf des Medizinstudiums und über das Gesundheitssystem Tunesiens habe ich aber viel gelernt, da es den Ärzten leichter gefallen ist, über diese Dinge mit mir auf Englisch zu sprechen. Ich bin sehr froh, dass ich darüber nun ein Bild habe.

Land und Leute

Vom Land Tunesien habe ich in der Zeit meines Austausches enorm viel gesehen. Sowohl das nationale Organisationskomitee in Tunesien als auch das lokale in Sfax ist sehr engagiert und beide organisieren sehr viele Ausflüge und Unternehmungen. Wir haben zu Beginn des Austausches einen Plan bekommen, was wann stattfinden wird. Macht man seinen Austausch im Sommer (Juli oder August), hat man jedes Wochenende einen Ausflug, der vom nationalen Team organisiert wird und bei dem man auch die Austauschstudenten der drei anderen Städte jede Woche wieder trifft. An den drei Wochenenden haben wir an einem einsamen Strand gelebt, sind auf einen Bootstrip gegangen und haben die Sahara besucht (inklusive Kamelreiten, mit dem Geländewagen durch die Wüste düsen und Besuch des Drehorts von Star Wars). Das nationale Ausflugsprogramm kostet extra: für alle drei Wochenenden zusammen mussten wir etwa 200 € zahlen. Das lokale Ausflugsprogramm in Sfax ist kostenlos. Unter der Woche sind wir, nachdem wir im Krankhaus fertig waren, zu Stränden gefahren, haben gemeinsam die Altstadt, den Markt und die Festung von Sfax besichtigt, waren bei einem römischen Amphitheater in El Djem, haben Städte in der Nähe von Sfax besucht (Monastir und Sousse), hatten zwei medizinische Workshops von Ärzten im Krankenhaus (einmal zu Nähen, Gipsen und Blutgruppenbestimmung, das andere Mal eine Art Case Discussion round in der Infektiologie) und haben uns mit anderen tunesischen Medizinstudenten getroffen. Sfax liegt zwar am Meer, allerdings kann man dort leider nicht an den Strand gehen, da dieser und das Meer in Sfax durch die Industrie stark mit Schwermetallen verschmutzt ist. In den anderen drei Städten, in denen in Tunesien ein Austausch möglich ist, also Tunis, Sousse und Monastir, hat man schon die Möglichkeit dazu, nachmittags ans Meer zu gehen. Durch die vielen Unternehmungen hat man zwar am Ende des Monats fast ganz Tunesien und alle touristischen Sehenswürdigkeiten besucht, allerdings ist es zuweilen etwas ermüdend, wenn kaum Zeit zum Durchatmen und zum Selbsterkunden bleibt. Ich habe an manchen Unternehmungen nicht teilgenommen und mir die Dinge auf eigenen Hand angesehen. Dabei hatte ich den Eindruck einen realeren Eindruck davon bekommen zu haben, als wenn man mit den tunesischen Studenten unterwegs ist, die natürlich ihr Land möglichst gut präsentieren wollen.
Insgesamt ist Tunesien ein eher armes Land, das nach der vor etwa sechs Jahren stattgefundenen Revolution noch immer nicht ganz stabil ist und durch die Terroranschläge auf Touristen in den letzten Jahren weitere finanzielle Einbußen im wichtigsten Einkommenssektor des Landes verbuchen musste. Im Laufe unseres Austausches wurde mehrere Male in unser Haus eingebrochen und die meisten Austauschstudenten sind mit ein paar Wertsachen weniger zurückgefahren als sie gekommen waren. Als Frau und speziell als ausländische Frau kann man sich kaum alleine in der Öffentlichkeit bewegen. Die Gefahr, dass man überfallen wird ist einfach zu groß.

Fazit

Ich bin froh den Austausch nach Tunesien gemacht zu haben, auch wenn ich auf Grund der doch hohen Kriminalität, der Einschränkungen, die man als Frau im öffentlichen Leben hat und auf Grund der Mentalität nicht dort leben wollen würde. Es war aber für mich persönlich eine wichtige Erfahrung, um auch die Möglichkeiten, die einem das Leben in Deutschland bietet, wieder schätzen zu können.

zurück