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Lebanon (LeMSIC)

Notfallmedizin - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Lara, Lübeck

Motivation

Als meine Wunschländer habe ich den Libanon, Nepal und Spanien gelistet, in eben dieser Reihenfolge. Besonders neugierig war ich auf den Libanon, weil Viele es als eines der gastfreundlichsten Länder der Welt beschreiben (zu denen ich nun auch gehöre!). Meine Motivation aus medizinischer Sicht um ins Ausland zu gehen war, dass ich fremder Länder Gesundheitssysteme kennenlernen wollte - wie kann man einen besseren Eindruck bekommen als vor Ort! :)

Vorbereitung

Im Vorhinein habe ich mich gut über die Visa- und Einreisebestimmungen informiert – die Einreise für uns Deutsche ist unproblematisch. Ich habe mich mit den Sitten und Gebräuchen des Landes vertraut gemacht und mit Hilfe meiner Kontaktperson herausgefunden, was für Kleidung für das Krankenhaus und den Alltag am besten mitzubringen seien. Einen Sprachkurs habe ich nicht besucht - der (absolute!) Großteil der libanesischen Bevölkerung spricht gutes Englisch und auch Französisch.

Visum

Ein Visum für 30 Tage kann nach derzeitigem Recht einfach bei Ankunft am Beiruter Flughafen erworben werden. Ich persönlich brauchte keins, habe aber nicht von Problemen bei anderen deutschen Famulanten gehört. Der Pass sollte bei Einreise allerdings noch länger als ein halbes Jahr gültig sein!

Gesundheit

Das Krankenhaus hat mich vor Ankunft um den Nachweis bestimmter Impfungen (Hep B, etc.) und Gesundheitsstatus (HIV, Tuberkulose, etc.) gebeten. Meine persönliche Reiseapotheke habe ich mit den gängigen Hilfsmitteln bestückt, der Libanon ist aber übersät mit Apotheken und selbst Antibiotika können ohne Verschreibung durch einen Arzt erworben werden. Die Temperaturen, sowie die Luftfeuchtigkeit, sind im Sommer in Beirut sehr hoch und es kommt regelmäßig zu Stromausfällen, wobei nicht alle Restaurants über Ersatzstrom verfügen. Die Kühlkette von Lebensmitteln ist also manchmal unterbrochen. Ein bisschen vorsichtig sollte man sein, wenn man auswärts isst – Mayonnaise und Hähnchen führen oft zu klassischen Magen-Darm-Infekten... Ich habe selbst so gut wie alles gegessen (weil es zu gut schmeckt!) und habe 2 Lebensmittelinfektionen gehabt. Ein Impfschutz gegen Hepatits A kann im Libanon auch nicht schaden

Sicherheit

Für die Zeit meines Austausches habe ich eine zusätzliche private Reisekrankenversicherung abgeschlossen, welche im Fall des Falles auch einen Rücktransport nach Deutschland beinhaltet hätte. Braucht man im Libanon medizinische Unterstützung, so wird man mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit satt in Vorkasse gehen und fordert dann nachträglich den Betrag von der Versicherung zurück.

Die zentralen Stadtteile Beiruts haben den oft umschriebenen Flair von einer (chaotischen) Version von Paris im Osten, man trifft auf jegliche Art von Kleidungsstil. Ich persönlich habe stets versucht, mich meiner Umgebung anzupassen und besonders bei Ausflügen in konservativere Stadtteile des Landes/der Stadt oder zu religiösen Stätten lange Hosen und T-Shirts getragen.
Der Stadteil Hamra (in dem das Amerikanische Krankenhaus liegt), sowie Downtown oder auch Mar Mykhael oder Gemmayzeh habe ich persönlich als ausreichend sicher empfunden, ich war auch hin und wieder abends allein unterwegs und bin keinen Problemen begegnet.

Geld

Die gängigen Währungen im Libanon sind US-Dollar und Libanesische Lira, die man gleichermaßen überall als Zahlungsmittel einsetzen kann. Kartenzahlung ist nicht allzu weit verbreitet, man sollte also immer Bargeld dabeihaben. In den meisten Restaurants und westlichen Kleidungsgeschäften kann man aber auf jeden Fall mit Karte bezahlen. Ich habe ganz normal Geld an Bankautomaten der großen Banken abgehoben – wenn man Euros in Dollar in den Geldwechselgeschäften umtauscht, wird man immer etwas höhere Abgaben haben.
Generell sind die Lebenshaltungskosten im Libanon nicht so hoch wie in Deutschland – Beirut ist allerdings eine teure Stadt! Wenn man die vielen kulinarischen Köstlichkeiten des Libanon ausnutzen möchte, wird man am Ende doch einiges an Geld ausgeben. Satt werden kann man aber im Zweifelsfall für 2€, unbedingt Manouchi zum Frühstück probieren!

Sprache

Die Landessprache des Libanon ist Arabisch. Große Teile der Bevölkerung sprechen allerdings auch Englisch und/oder Französisch, für meinen Austausch war ein sehr gutes Level in Englisch und ein gutes Level Französisch vorausgesetzt. Die Arbeitssprache im Amerikanischen Krankenhaus ist Englisch, auch die Dokumentation erfolgt auf Englisch. In anderen Krankenhäusern wird der Arbeitsalltag auf gleiche Art und Weise in Französisch gehandhabt.

Verkehrsbindungen

Der Libanon hat einen einzigen internationalen Flughafen in Beirut. Von diesem aus wurde ich privat von Bekannten abgeholt und zur Unterkunft des Austausches gebracht – normalerweise schicken die Kontaktpersonen ein Taxi oder holen einen, wenn man Glück hat, sogar persönlich ab. Achtung: Straßennamen gibt es im Libanon prinzipiell eher nicht und Hausnummern sowieso nicht, die Orientierung erfolgt durch Landmarken. Es kann also etwas tricky sein, zum Studentenwohnheim zu kommen.
Public Transport im klassischen Sinne gibt es im Libanon nicht, es gibt Busse, die zwischen den großen Städten verkehren und einen bei Bedarf direkt am Highway einsammeln. Von „Vans“ würde ich in jedem Fall abraten, lieber einen der größeren Busse nehmen! Innerhalb Beiruts kann man einfach am Straßenrand eines der unzähligen Taxis anhalten – wichtig dabei ist, dass die Autos ein rotes Nummernschild haben, was bedeutet, dass es offizielle Taxis sind. Außerdem: Nicht nach einem „Taxi“ fragen, die sind nämlich 5 mal so teuer wie die gängigen „Service“ – theoretisch können in ein solches noch weitere Gäste einsteigen, die ein ähnliches Ziel haben. Man zahlt in der Regel 2000LL pauschal pro Person, was etwa 1,33€ entspricht. Ich habe versucht, nie allein ein Service zu nehmen, da es (selten) zu Überfällen auf Touristen in solchen Autos kommt. Stattdessen kann man problemlos ein Uber bestellen. Generell galt: Sich vorab Rat bei den Locals einholen, dann ist die Reise durch das Land auch allein kein Problem.

Kommunikation

Wenn man mag, kann man sich natürlich über die Zeit des Austausches eine libanesische Simkarte besorgen. Mir persönlich war das etwas zu teuer – auf dem Campus der Uni und im Krankenhaus empfängt man eduroam und im Studentenwohnheim gab es (limitiertes) Wlan, dass man nachbuchen konnte. So bin ich auch ohne Simkarte gut über die Runden gekommen.

Unterkunft

LeMSIC, die Gastorganisation hat sich um die Unterbringung der Incomings gekümmert: Alle Famulanten der Amerikanischen Universität haben gemeinsam in einem Studentenwohnheim einer anderen Uni geschlafen, fünf Minuten zu Fuß von der Klinik entfernt. Es gab Einzel- oder Doppelzimmer, Handtücher und Bettwäsche wurden gestellt, eine Waschmaschine konnte gegen ein Entgeld benutzt werden, außerdem gab es eine Gemeinschaftsküche. Herd, Kühlschrank, Schränke sind vorhanden – Besteck muss allerdings selbst mitgebracht werden. Da wir kostenlos im Krankenhaus essen konnten, habe ich die Küche nie benutzen müssen.

Literatur

Ich habe mich vor Reiseantritt mit Hilfe der gängigen Medien über die Geschehnisse im Libanon auf dem Laufenden gehalten und auch einmal die Seiten des auswärtigen Amtes und der libanesischen Behörden gecheckt. Zusätzliche Materialen für das Krankenhaus habe ich nicht benötigt.

Mitzunehmen

Packen mit Köpfchen, wie für einen langen Urlaub, ist zu empfehlen. Ich habe mich vorher erkundigt, welche Kleidung ich für das Krankenhaus mitbringen soll. Kittel und Stethoskop sollte man auf keinen Fall vergessen. Einige haben Kasacks von der Klinik bekommen, ich habe mit „formaler“ Straßenkleidung und Kittel darüber in der Notaufnahme gearbeitet. Aber alles, was man vergisst, wird man problemlos in Beirut beschaffen können. Auf jeden Fall Sonnencreme einpacken! :)

Reise und Ankunft

Ich bin mit einem Tag Puffer vor meinem Praktikumsbeginn angereist und habe am Ende noch eine Woche Urlaub im Land drangehängt. Die Daten habe ich vor dem Buchen der Flüge mit meiner Kontaktperson besprochen, um die Abholung und die Unterbringung im Studentenwohnheim zu gewährleisten. Die Schlafplätze sind begrenzt, weshalb man sich nach Beendigung der Famulatur selbst um eine Unterkunft kümmern muss, wenn man noch etwas reisen möchte.
Am ersten Tag vor Beginn des Praktikums haben wir gemeinsam mit den örtlichen Studenten alle Laufwege und den Papierkram erledigt. So konnte es pünktlich am ersten August losgehen!

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich habe in der Notaufnahme der Amerikanischen Universität gearbeitet. Es handelt sich um eines der besten Krankenhäuser im Nahen Osten – gehört habe ich das bereits oft bevor ich da war, kann es nun aber auch bestätigen. Generell wird auf sehr hohem Niveau gearbeitet. Da es sich um ein teures Privatkrankenhaus handelt, ist das Klientel sicherlich nicht der libanesische Durchschnitt. Man sieht sehr viele sehr kranke Patienten, die sich in der Not im besten Krankenhaus behandeln lassen möchten, oder aber die High Society des Libanon mit mehr oder weniger behandlungsbedürftigen Wehwehchen. (Es gibt natürlich auch die normalen Fälle, nicht nur die zwei beschriebenen Extreme...) Aufgefallen ist mir, dass der Fokus zwangsweise viel mehr auf dem Geld liegt – viele Menschen haben keine oder nur eine anteilige Versicherung, die die Behandlung im Amerikanischen Krankenhaus nicht abdeckt. So sind viele Patienten Selbstzahler und finanzielle Hürden sind oftmals Grund für eine verzögerte Behandlung oder verhinderte Aufnahme auf eine Station.
Der Umgang mit den Ärzten und dem Pflegepersonal ist sehr freundlich – ich kann nur empfehlen, sich stets von alleine bei allen Leuten vorzustellen und kenntlich zu machen, dass man am Arbeiten und Lernen interessiert ist. So wird man auf jeden Fall freundlich mit einbezogen und bekommt auch die Möglichkeit selbst Hand anzulegen. Das amerikanische System, nach dem in Beirut gelehrt wird, hat etwas starrere Hierarchien als das Deutsche. Die Studenten studieren zunächst 3 Jahre ein medizinverwandtes Fach und sind „premed“, danach kommen dann noch 4 Jahre Medizinstudium dazu. Ich war Äquivalent zu „med 2“, also ein Student im zweiten Jahr des Aufbaustudiums. Zu diesem Zeitpunkt dürfen einheimische Studenten prinzipiell nur zugucken. Bringt man sich aber ein und zeigt, dass man schon mal Patienten gesehen hat, darf man auf jeden Fall auch mal unter Aufsicht selbstständig arbeiten. Die Notaufnahme ist in ein „ED1“ für dringliche Fälle unterteilt, hier geht es zumeist sehr hektisch zu. In „ED2“ kommen weniger schwere Anliegen und kleine chirurgische Fälle, dort habe ich persönlich am liebsten gearbeitet, da mehr Ärzte für weniger Patienten da sind und man besser die Möglichkeit hat, sich einzubringen. Eingeteilt wird man von der Personalabteilung im Vorhinein und hat auch immer die Möglichkeit, Wünsche zu äußern oder Änderungen vorzunehmen. Generell fand sich immer ein offenes Ohr, auch wenn ich über die Zeit meiner Famulatur keinen direkten Ansprechpartner in der Abteilung hatte.
Die meisten Patienten konnten entweder Englisch oder Französisch sprechen, sodass ich gut mit den Patienten kommunizieren konnte. Hat ein, zumeist älterer, Patient mal nur arabisch gesprochen, habe ich die Ärzte oder Studenten freundlich gebeten zu übersetzen, das war meist kein Problem. Ein paar Worte arabisch konnte ich schon vorher und so habe ich die Möglichkeit auch genutzt, meine Sprachkenntnisse zu erweitern. Daran hatte ich besonders Freude, wer Lust hat die Kommunikation in der Landessprache auszuprobieren, ist in der Notaufnahme gut aufgehoben! Ich habe in gleichen Mengen Arabisch und Medizin gelernt. :)

Land und Leute

Die Incomings in den Sommermonaten Juli und August sind zahlreich. Ich war im August dort und hatte somit die Chance, an den Wochenendausflügen teilzunehmen, die in diesen zwei Monaten angeboten werden. Es lohnt sich auf jeden Fall mitzufahren, da es fast jeden Samstag und Sonntag Trips zu den wichtigsten und schönsten Sehenswürdigkeiten des Landes gibt, alles umsonst – die örtlichen Studenten haben sich wirklich viel Mühe gegeben, uns eine schöne Zeit zu ermöglichen! Wir waren in Tyr, Saida, Harissa, Jeitta, Jbeil, Baalbeck, Tripoli - und haben damit viele der wichtigsten schönen Orte gemeinsam als Gruppe besucht.
Der Libanon ist zwar klein, drei Wochenenden reichen aber kaum, um alle sehenswerten Orte zu bereisen. Ich habe zusätzlich die Chance an freien Wochentagen genutzt, um mit Kommilitonen und Freunden kleine Trips zu machen. Wenn man sich vorher gut informiert und sich einen Plan um Sicherheit der Region und Fortbewegungsmittel gemacht hat, kann man viele schöne Ausflüge unternehmen!
Außerdem empfehlenswert finde ich persönlich, die verschiedenen Stadtteile Zentralbeiruts zu erkunden. Ich habe mir zu Beginn einen kleinen Stadtplan besorgt und es sehr genossen, die verwinkelten Gassen mit all ihren Treppen und Querverbindungen zu fuß mit Freunden zu entdecken. Gerade Stadtteile wie Gemmayzeh und Mar Mykhael beherbergen wunderhübsche Hinterhöfe und kleine Kunstgalerien, die einen Besuch auf jeden Fall wert sind.

Es hat mir persönlich große Freude bereitet, mich mit den Einheimischen auszutauschen. Gastfreundlichkeit und Aufgeschlossenheit sind tief in der libanesischen Kultur verankert und aus deutscher Sicht ein beeindruckender Genuss.
Ich habe den großen Sportcampus der Universität regelmäßig genutzt und besonders auf dem Volleyballfeld viele nette Freundschaften geschlossen. Wer sich außerdem ein bisschen für die Politik oder auch Religion und Tradition des Landes interessiert, wird guten Anschluss bei den Studierenden finden. Der studentische Alltag kam mir persönlich wesentlich politischer vor, als wir es in Deutschland gewohnt sind, was eine interessante Erfahrung war.
Zu guter Letzt... Wer in den Libanon reist, hat meistens schon vorher das fantastische Essen im Kopf. Zurecht! Ich kann nur empfehlen, die unendlichen kulinarischen Möglichkeiten auszuschöpfen – in Beirut kann man alles essen: von italienisch über vietnamesisch bis zu mexikanisch, selbst deutsche Schnitzel findet man. Ich habe mich allerdings fast ausschließlich „libanesisch ernährt“ und würde nichts anders machen, wenn ich noch mal wiederkomme...

Fazit

Pure Lebensfreude!
Der Libanon ist ein chaotisches Land. Die Straßen sind ein Durcheinander, der Verkehr unberechenbar, es ist laut, heiß, feucht, die Leute halten - falls sie denn einen Plan machen - diesen niemals ein. Ein reiner Albtraum für den gemeinen, organisationsliebenden Deutschen! Und gleichzeitig der Grund, weshalb ich mich stets begeistern konnte und sehr wohlgefühlt habe. Libanesen sind unvergleichlich gastfreundlich und eine gute Zeit ist garantiert. Ich kann jedem einen Austausch nach Beirut empfehlen und könnte mir selbst sogar vorstellen, für einige Zeit in das laute Chaos von Beirut zu ziehen, um im Krankenhaus am schönen Mittelmeer zu arbeiten.

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