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Morocco (IFMSA-Morocco)

Chirurgie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von David, Ismaning

Motivation

Ich habe vor 2 Jahren bereits eine Auslandsfamulatur über die bvmd in Griechenland gemacht und habe außerdem ein Auslandssemester in Italien absolviert. Dabei habe ich es als sehr reizvoll empfunden, sowohl Einheimische als auch andere Austauschstudenten kennenzulernen und gleichzeitig zu reisen und am Alltagsleben, in diesem Fall indem man im Krankenhaus arbeitet, teilzunehmen. Meiner Meinung nach lernt man so deutlich mehr über ein Land als bloß als Tourist. Auf der anderen Seite ist der "Blick über den Tellerrand" auch aus medizinischer Sicht interessant, da in anderen Länder doch teilweise sehr andere Arbeitsbedingungen herrschen.
Dementsprechen war ich motiviert, noch einmal ins Ausland zu gehen - da ich in Europa aber bereits einige Erfahrungen gesammelt habe, wollte ich dieses Mal gerne eine Famulatur außerhalb Europas absolvieren. Da mich die arabische Welt schon seit längerem sehr interessiert (und es angesichts der aktuellen weltpolitischen Lage meiner Meinung nach enorm wichtig ist, sich kennenzulernen und Vorurteile abzubauen) und Marokko in dieser Region aktuell eines der sichersten und zugleich auch interessantesten Reiseländer ist, war die Entscheidung für Marokko als Erstwahl nicht sehr schwierig.
Fès war nicht meine Erstwahl, ist aber durchaus empfehlenswert, da es sich um eine der tradiotionellsten Städte Marokko handelt - der Unterschied zu Europa ist hier sicherlich mit am Größten.

Vorbereitung

Die Vorbereitung stellte sich weitestgehend problemlos dar. Die Card of Acceptance habe ich ca. 2 Monate zuvor erhalten, relativ kurz danach habe ich dann meine Flüge gebucht. Etwa 2 bis 3 Wochen vor Beginn des Austauschs wurde ich von den lokalen IFMSA-Studenten zu einer Whatsapp- und einer Facebookgruppe mit den anderen sieben Incomings hinzugefügt. Über sie erfuhren wir dann auch vor der Abreise noch alles Nötige über das Krankenhaus, die Unterkunft und das geplante Social Program.

Visum

Als Deutscher braucht man kein Visum für Marokko, sofern man weniger als 90 Tage bleibt. Man kann allerdings nur mit Reisepass (nicht mit Personalausweis) einreisen. Bei der Einreise muss man ein Formular ausfüllen und erhält dann eine Einreisenummer und den Einreisestempel mit Datum. Es lohnt sich, sofort nach der Grenzkontrolle zu kontrollieren, ob man ihn wirklich bekommen hat - bei wurde der Stempel, nicht aber die Nummer, vergessen, und ich habe zwei Nachmittage damit verbracht, die Grenzpolizisten zu überzeugen, mir den Stempel nachträglich zu geben.

Gesundheit

Die marokkanische IFMSA-Organisation verlangt lediglich einen Nachweis über (Auslands-)krankenversicherung, keine weiteren Atteste oder Impfnachweise. Die Auslandsversicherung mit Rückholung ist defintiv sehr zu empfehlen, ich habe eine über die HanseMerkur für 10€ im Jahr abgeschlossen, die maximal 56 Tage am Stück gilt. Generell werden für Marokko lediglich die Standardimpfungen der STIKO und Hepatitis A empfohlen. Bei längeren Aufenthalten sind außerdem Typhus und Tollwut in Erwägung zu ziehen. Ich habe mich letztlich nach Beratung beim Tropeninstitut dafür entschieden, es ist jedoch eine Abwägungssache. Des Weiteren sollte man wissen, dass es im Krankenhaus viele Fälle von Tuberkulose gibt, die nicht wirklich isoliert werden. Im Krankenhaus fehlen öfters Handschuhe und Desinfektionsmittel, im Nachhinein hätte ich beides wohl selbst mitgenommen. Bei kleineren medizinischen Problemen kann man sich über Kontakte im Krankenhaus helfen lassen. Außerdem sind viele Medikamente (inklusive beispielsweise Antibiotika) rezeptfrei erhältlich. Im Alltagsleben isst man oft Essen von recht billigen Garküchen, deren Hygienestandards eher fraglich sind - ich hatte allerdings keine größeren Probleme damit. Auch habe ich, abgesehen von den Küstenregionen, Leitungswasser getrunken.

Sicherheit

Ich würde Marokko als weitestgehend sicheres Reiseland einstufen. Dennoch sollte man dringend auf Ratschläge von Einheimischen vertrauen - in Fès gibt es beispielsweise Gegenden, die man nachts tunlichst meiden sollte, da dort wohl teilweise sehr aggressive Raubüberfälle stattfinden. Es ist defintiv besser mit dem Taxi oder sogar Auto unterwegs zu sein, wenn man nachts ausgeht und vorher zu klären, ob die Gegend sicher ist - dann bestehen auch keine Probleme. Ansonsten besteht natürlich die Gefahr von Taschendiebstählen, insbesondere in den Altstädten, bei uns ist das aber nicht vorgekommen - man sollte dennoch nur das nötigste mitnehmen und gut auf seine Dinge aufpassen. Insbesondere in Marrakech werden einem als Tourist sehr aggressiv Dienstleistungen wie Stadtrundgänge, Fotos mit Tieren oder Henna-Tattoos angeboten, die man teilweise sehr unfreundlich ablehnen muss, da sie sonst sehr teuer werden.
Ansonsten ist Marokko innenpolitisch recht stabil, da die Macht, anders als in den meisten anderen Ländern in der Region, nach wie vor vom autoritären Königshaus ausgeht. Jedoch gibt es in einigen Kreisen der Bevölkerung auch viel Unmut darüber, der allerdings eher verdeckt geäußert wird. Ungewöhnlich ist außerdem der Straßenverkehr - es gibt beispielsweise in den Taxis keine Sitzgurte und überland wird teilweise sehr riskant gefahren.

Geld

In Marokko wird mit marokkanischen Dirham gezahlt (ein Euro ist ca. 10,7 Dirham wert). Die meisten Preise sind für europäische Verhältnisse sehr günstig (vollwertige Mahlzeit 25 Dirham, Brot 1 Dirham, Taxifahrt ins Zentrum 25 Dirham gemeinsam für 3 Mitfahrer, Busticket von Fès nach Rabat 70 Dirham). Man kann problemlos Euro wechseln sowie mit Maestro-Card Geld abheben, ohne lange suchen zu müssen. Vor der Abreise braucht man kein Geld zu wechseln. Normalerweise kann man nur bar bezahlen und oft nur mit möglichst kleinen Mümzen oder Scheinen. In großen Supermärkten kann man mit Karte bezahlen.

Sprache

In Marokko wird von der Bevölkerung ein spezieller arabischer Dialekt und regional verschiedene Berbersprachen gesprochen. Arabisch zu lernen lohnt sich meiner Meinung nach nicht, da es sehr schwierig ist und ich mir selbst nach 5 Wochen nur sehr wenige Wörter merken konnte. Das Medizinstudium ist genauso wie jegliche medizinische Kommunikation im Krankenhaus ausschließlich auf Französisch. Die Ärzte sprechen nahezu akzentfrei, die Patienten verstehen im krassen Gegensatz dazu oft selbst einfache Worte auf Französisch nicht. Da ich in Französisch Abitur gemacht habe, habe ich keine extra Sprachkurse mehr besucht. Ich konnte mich mit Ärzten und marokkanischen Studenten problemlos unterhalten, hatte jedoch Probleme den Ärzten untereinander, beispielsweise in der Visite, zu folgen, da dort auch viele Fachbegriffe und Abkürzungen verwendet werden. Da auf meiner Station 3 Studenten kein Französisch konnten, haben die Ärzte auch versucht, mit uns Englisch zu reden, wobei die Sprachkentnisse hier sehr unterschiedlich ausfallen. Ich würde sagen, dass es sehr hilfreich ist, Französisch zu können, man notfalls aber auch ohne auskommt. Im Alltagsleben (Geschäfte, Restaurants, Taxis) können viele Marokkaner einfache Worte auf Englisch, Französisch oder teilweise Spanisch, es kann aber passieren, dass man auf Personen trifft, die nur Arabisch sprechen.

Verkehrsbindungen

Man kann aus Deutschland mit Royal Air Maroc nach Casablanca oder Marrakech fliegen und von dort weiterfahren. Ryanair und Transavia fliegen oft andere Flughäfen an (Marrakech, Rabat, Agadir, Fès) und sind günstiger. Ich habe insgesamt knapp 300 Euro mit Gepäck für Hin- und Rückflug gezahlt (Mit Ryanair von Weeze nach Fès und Fès nach Memmingen). In Marokko kann man per Bahn oder Bus reisen, die Preise sind tendenziell günstiger als bei uns. Es gibt eine Vielzahl von Busunternehmen, die wohl teilweise nicht empfehlenswert sind. Ich bin mit CTM gereist, die einen sehr seriösen Ruf haben, und war sehr zufrieden - der Standard ist mindestens mit Flixbus zu vergleichen. Supratours soll ebenfalls empfehlenswert sein. Innerorts ist das Taxi oft das einzige funktionierende Verkehrsmittel (in Marrakech gibt es wohl halbwegs funktionierende Busse und in Rabat und Casablanca eine Straßenbahn, die ich jedoch alle nicht ausprobiert habe. In Fès ist das Warten auf einen Bus vergeblich). Man erwischt jedoch fast immer sehr schnell ein Taxi und zahlt, insbesondere wenn man zu zweit oder zu dritt fährt, nicht viel (25 Dirham für 6 Kilometer). Man sollte darauf bestehen, dass das Taxameter eingeschaltet wird und den Eindruck vermitteln, als wüsste man wo es lang geht. In einigen Städten ist dies für Touristen unüblich, dann braucht man etwas Verhandlungsgeschick, um nicht viel zu viel zu bezahlen und sollte den Preis im Voraus ausmachen.

Kommunikation

Man erhält am Flughafen oft umsonst SIM-Karten mit Guthaben für eine Woche, ansonsten kann man diese in vielen kleinen Läden kaufen. Für 20 Dirham erhält man 2 Gigabyte für eine Woche und für 50 5 Gigabyte für einen Monat. Für Gespräche ins Ausland muss man extra Geld aufladen, oder über Whatsapp anrufen beziehungsweise sich anrufen lassen.

Unterkunft

Die Unterkunft wurde von den lokalen IFMSA-Studenten organisiert. Alle 8 Incomings haben bei uns in einem Wohnheim 5 Minuten vom Krankenhaus entfernt gelebt. Es gab ein gemeinsames Wohnzimmer, ansonsten war das Wohnheim strikt in einen Mädchen- und einen Jungenbereich getrennt, die man jeweils offiziell nicht betreten durfte. Wir haben alle in Zweierzimmern gewohnt, jeweils mit eigenem Bad, Kochnische und Kühlschrank. Wir haben außerdem ein bisschen Taschengeld von der Organisation erhalten. In anderen Städten oder in anderen Monaten werden viele Incomings bei Gastfamilien untergebracht.

Literatur

Ich habe mir einen Reiseführer für ganz Marokko vom DuMont-Verlag (Autor Hartmut Buchholz) zugelegt, den ich sehr interessant fand, da er auch viel auf die kulturellen Besonderheiten Marokkos eingeht. Des weiteren sind die Reiseinfos des Auswärtigen Amtes recht hilfreich.

Mitzunehmen

Im August ist es in Marokko sehr heiß. T-Shirts und kurze Jeans sind als Junge zu empfehlen. Als Mädchen sollte man tendenziell bedeckt sein, viele bei uns hatten lange oder kurze T-Shirts, je nach Anlass, und weite Stoffhosen dabei. Unbedingt mitnehmen sollte man trotzdem Jeans und Sweatshirt, ausgerechnet, als ich in der Wüste war ist es nachts wirklich kalt geworden. Auch am Meer ist das Klima deutlich milder und teilweise sehr windig. Wer vorhat, abends auszugehen (was in Marokko nicht immer einfach ist, aber teilweise sehr interessant) sollte etwas schickeres mitnehmen - die Marokkaner ziehen sich dafür deutlich schicker an als wir. Ich hatte außerdem einen Kittel dabei, den ich nicht wirklich gebraucht habe, und ein Stethoskop, für das man in der Chirurgie in Marokko eher ausgelacht wird. Zu beachten ist, dass man seine eigenen Scrubs mitbringen muss - wer keine hat kann sie aber dort für ca. 25€ kaufen. Man zieht - unter deutschen Hygienestandards unvorstellbar - jeden Tag dieselben Scrubs an und läuft damit auch vom Wohnheim zum Krankenhaus. Ich hatte zudem ein Paar Crocs für das Krankenhaus und Wanderschuhe dabei. Auf meinen Laptop habe ich aus Platzgründen verzichtet und hatte keine größeren Probleme damit.

Reise und Ankunft

Die Reise verlief problemlos. Ich wurde, wie alle Incomings, von lokalen IFMSA-Studenten am Flughafen abgeholt und zum Wohnheim gebracht. Unterwegs haben wir noch eine SIM-Karte und Essen gekauft. Ich konnte aus Zeitgründen erst am 1. August abends ankommen und war am nächsten Tag gleich mit 3 anderen Incomings, die auch auf meiner Station waren und schon einen Tag eher da waren, im Krankenhaus und wurde dort den Ärzten vorgestellt. Die anderen wurden aber von den marokkanischen Studenten am ersten Tag hingebracht und vorgestellt.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich war, gemeinsam mit 3 anderen Incomings, in der Allgemeinchirurgie. Von den dortigen Ärzten wurden wir sehr freundlich und interessiert aufgenommen. Es gab für uns verschiedene Möglichkeiten, die medizinische Versorgung kennenzulernen: Meistens waren wir morgens auf Station und sind mit der Visite mitgelaufen und teilweise noch in die anschließende Besprechung. Wir hatten das Glück, dass ein Arzt sehr gut Englisch gesprochen hat (ich war der einzige Incoming auf der Station, der Französisch konnte) und sehr motiviert war, uns etwas zu erklären. Auch die anderen Ärzte waren jedoch sehr aufgeschlossen. Anschließend konnten wir in den OP gehen, auf der Station bei Nachsorgeterminen mitgehen oder in die Notaufnahme wechseln.
Wirklich auffällig waren meiner Meinung nach die extremen Unterschiede innerhalb des Krankenhauses. Im OP wurden teilweise die gleichen Laparoskopiegeräte verwendet wie in Deutschland, dafür konnte bzw. musste man mit der gleichen Kleidung wie auf Station hineingehen und konnte sich nicht einmal die Hände desinfizieren. Noch extremer war die Lage in der Notaufnahme: Im Schockraum lagen bis zu 8 Patienten, die in Deutschland alle eine maximale Schockraumversorgung erhalten hätten, von denen jedoch allenfalls zwei überhaupt am Monitor angeschlossen waren. Teilweise hat man die selben Patienten am nächsten Tag immer noch im Schockraum gesehen, ohne dass sich irgendetwas verändert hätte, da sie immer noch auf eine Untersuchung warteten. Handschuhe, Desinfektionsmittel und teilweise auch Vigos oder Intubationsbesteck waren schwer zu finden beziehungsweise einfach Mangelware.
Während in Deutschland das Problem ist, dass Patienten mit Lappalien die Notaufnahme überrennen, kommen in Marokko die meisten Patienten, wenn es eigentlich schon zu spät ist. Häufig sind Krankheitsbilder oder -stadien zu finden, die es in Europa kaum gibt, wie beispielsweise Leptospirose, Tollwut, Hundebandwurm, Skorpionbisse oder Miliartuberkulose. Viele Patienten werden von ihren Angehörigen unter starken Schmerzen in die Notaufnahme getragen, der Zutritt zur Notaufnahme wird teilweise recht rabiat von Securitys kontrolliert. Ergänzend sollte man hier vielleicht erwähnen, dass es in ganz Marokko 5 Unikliniken gibt, die sozusagen die höchste Stufe des öffentlichen Gesundheitswesens bilden - die restliche Infrastruktur ist insbesondere auf dem Land wohl eher dürftig. Jeder, der es sich leisten kann (inklusive sämtlicher Ärzte, die dort arbeiten) würde selbst jedoch in eine der wesentlich besser ausgestatteten Privatkliniken gehen, sodass in der Uniklinik hauptsächlich arme Menschen, häufig vom Land, mit schlechter bisheriger medizinischer Versorgung und sehr geringem medizinischem Grundwissen behandelt werden.
Ein weiteres strukturelles Deifizit des marokkanischen Gesundheitswesens ist in meinen Augen die zentrale Steuerung: So wurde beispielsweise nicht bei mir, aber auf einer anderen Station regelmäßig Vancomycin als Reserveantibiotikum für die Therapie einfacher bakterieller Infekte verwendet, da das Gesundheitsministerium nur bestimmte Kontingente eines jeden Medikamentes pro Jahr kauft und die Krankenhäuser hier kaum Mitsprache- oder Feedbackrmöglichkeiten haben. Da die Standardantibiotika bereits nahezu aufgebraucht waren, wurden dann eben einfach Reserveantibiotika verwendet.
Zu erwähnen ist außerdem noch die Ausbildung der Ärzte: Die Notaufnahme wird von den "médecins interns" betreut, die formell noch Studenten sind und dann gegebenenfalls ein Konsil von den einzelnen Fachabteilungen anfordern. Da das Studium mehr Praktika beinhaltet als bei uns, sind diese vermutlich etwas besser darauf vorbereitet als es ein PJler bei uns wäre, dennoch sind die Arbeitsbedingungen für sie extrem hart und anstrengend.
Als Austauschstudent fand ich diese Einblicke zwar teilweise schwierig, vor allem aber sehr interessant, da sie eine Realität zeigen die wir uns in Mitteleuropa oft kaum vorstellen können. Da ich sehr viel zwischen den Abteilungen gewechselt bin, es eine Zeit dauert bis man das auf den ersten Blick chaotische System verstanden hat und zudem die meisten Patienten nur Arabisch sprechen, habe ich nicht sehr viel selbst gemacht, außer Untersuchungen, Blutabnehmen und Nadeln legen. Es wird jedoch regelmäßig auch angeboten, Nachtschichten zu machen oder länger zu bleiben. Wer wirklich viel Zeit in einer Abteilung, am besten stets mit dem gleichen Arzt, verbringt, kann auch sehr viel praktisch machen.

Land und Leute

Marokko ist ein sehr sympathisches und angenehmes, vielfältiges und häufig auch widersprüchliches Reiseland.
Von den marokkanischen Medizinstudenten von IFMSA wurden wir sehr nett betreut. IFMSA Marokko hat sogar zwei Wochenendausflüge, nach Chefchaouen und nach Marrakech, komplett bezahlt. Einen dritten Ausflug in die Sahara nach Merzouga - inklusive komplettem Klischee-Programm mit Kamelreiten und zwei Übernachtungen in Berberzelten zwischen den Sanddünen - haben wir selbst gezahlt, jedoch wurde auch alles für uns organisiert. Die Marokkaner, die ich getroffen habe - hauptsächlich Mediziner, die in Marokko viel mehr noch als in Deutschland absolut privilegiert sind - waren alle sehr aufgeschlossen und tolerant gegenüber anderen Kulturen und oft auch schon verreist (was in Marokko auch nur einem kleinen Teil der Bevölkerung finanziell möglich ist). Viele von ihnen setzen sich recht kritisch mit den Strukturen und Traditionen in ihrem Land auseinander, sind aber gleichzeitig sehr stolz auf ihre Kultur und sehr motiviert, ihren Gästen ihr Land näherzubringen. Interessant fand ich, dass es - obwohl es sehr viele Ärztinnen und Medizinstudentinnen gibt - doch einen großen Unterschied zwischen Männern und Frauen, die meiner Meinung nach viel mehr unter gesellschaftlicher und familiärer Beobachtung stehen, gibt. Dieser äußert sich nicht in der Aufgeschlossenheit oder im Engangement, wohl aber im Lebensstil. Als kleine Anekdote sei hier genannt, dass alle Jungs die ich kennen gelernt habe auf Partys Alkohol trinken, jedoch kein einziges Mädchen. Beeindruckt war ich nicht nur von den privilegierten Medizinern - für die Reisen und Aufgeschlossenheit selbstverständlich ist - sondern teilweise auch von den einfachen Menschen. So haben unsere Gastgeber in der Wüste - die ihr ganzes Leben in einem kleinen Ort dort verbracht haben - uns alle mit verblüffenden Informationen, die sie über unsere Heimatländer wussten, Gesprächen auf Smalltalkniveau auf Deutsch, Italienisch, Französisch und Katalanisch (!) und meinen Mitbewohner mit fließenden Spanischkenntnissen überrascht. Man sollte hier allerdings nicht verschweigen, dass es auch Menschen gibt die nicht so aufgeschlossen sind - einige Mädchen aus unserer Gruppe wurden beispielsweise unflätig beschimpft, weil sie mit kurzen Kleidern auf die Straße gegangen sind.
Grundsätzlich kann man wohl sagen, dass es inMarokko nichts gibt, was es nicht gibt - besonders deutlich werden die Widersprüche zum Beispiel in Marrakech, das auf der einen Seite eine absolut traditionelle, eher arme arabische Medina mit kleinen Handwerksbetrieben und vielen Menschen, die ihr Geld als illegale Touristenführer verdienen, und auf der anderen Seite ein schillerndes Nachtleben mit Casinos, teuren, aber stilvollen Bars und Nobeldiscos hat. Auch in wirtschaftlicher Hinsicht ist Marokko gespalten - teilweise wurden Patienten aus dem Krankenhaus entlassen, weil sie sich eine Untersuchung für 35 Dirham nicht leisten konnten, für andere Menschen (und darunter viele Ärzte) ist es total normal in derartigen Bars 100 Dirham für ein Bier zu bezahlen.
Fès selbst ist eine sehr ursprüngliche Stadt, in der es beinahe unmöglich ist abends auszugehen und in der die Leute oft sehr tradiotionell leben und eher arm sind. Dennoch - oder gerade deswegen - als Europäer absolut sehens- und erlebenswert! Sehr viel westlicher ist der Lebensstil an der Küste, wo ich nach meinem Praktikum war, beispielsweise in Rabat, Casablanca oder Essaouira. Ich kann jedem, der nach Marokko kommt, nur empfehlen, möglichst viele verschiedene Orte zu sehen, da die landschaftlichen und die kulturellen Unterschiede enorm sind.
Zu guter Letzt muss man an diesem Punkt wohl das hervorragende marokkanische Essen erwähnen, das allermeistens auch noch sehr billig ist. Schwierig ist es allerdings für Vegetarier, da die meisten Gerichte eine kleine Portion Fleisch enthalten, die mit vielen anderen Zutaten gegart wird - rein vegetarisch essen kann man fast nur in Touristengegenden.

Fazit

Ich kann Marokko im Allgemeinen und Fès im Speziellen nur empfehlen. Ich muss zugeben, dass ich einige Erfahrungen im Krankenhaus und auch im Privaten schon schwierig fand und so nicht erwartet hatte. Genau das gehört meiner Meinung nach aber zu so einem Austausch auch dazu, der viel beschworene "Blick über den Tellerrand" beinhaltet manchmal eben auch unangenehme Wahrheiten. Ich denke, dass ein solcher Austausch eine ideale Gelegenheit ist, Land und Leute wirklich kennenzulernen und man als zukünftiger Arzt auch enorm davon profitiert, einmal andere Realitäten kennengelernt zu haben. Vor allem aber halten Marokko und die Marokkaner viele Überraschungen für einen parat - und die allermeisten sind zwar spannend, aber absout positiv!

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