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Poland (IFMSA-Poland)

Innere - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Vitus, Hirschaid

Motivation

Ich wollte unbedingt ins Ausland, um über die Erfahrungen einer gewöhnlichen Famulatur hinaus ein anderes Gesundheitssystem kennen zulernen. Polen war meine erste Wahl, da ich bereits mehrfach dort war, aber nun den Krankenhausalltag hautnah miterleben wollte.

Vorbereitung

Da ich schon mehrmals in Polen war, wusste ich, auf was ich mich länderspezifisch einlasse, sodass eine besondere Vorbereitung in Bezug auf kulturelle Unterschiede für mich nicht notwendig war. Bei den Formalitäten halfen die Officers (local bzw. national exchange officer der IFMSA) aus Polen und Deutschland tatkräftig weiter.

Visum

Ich selbst musste kein Visum beantragen, aber ein Teil der Incomings, vor allem aus Syrien, hatte erhebliche Probleme, Visa rechtzeitig oder überhaupt zu bekommen, sodass sich unsere Anzahl von sechzehn auf acht halbiert hat.

Gesundheit

Als etwas lästig habe ich die Impfbestätigung und mikrobiologische Untersuchungen empfunden die von der IFMSA-Poland gefordert werden. So musste ich die Stuhluntersuchung, den MRSA-Nachweis und den Tuberculosehauttest aus eigener Tasche bezahlen. Gerade der Hauttest hat sich auch organisatorisch als schwierig erwiesen, da er kaum noch von Ärzten in Deutschland durchgeführt wird. Eine Auslandskrankenversicherung habe ich schon vor Jahren abgeschlossen und kann ich nur jedem empfehlen.

Sicherheit

Über meine Sicherheit habe ich mir in keiner Weise Sorgen gemacht. Wie überall gibt es Bereiche, die man zu bestimmten Zeiten meiden sollte und da wir das meiste sowieso in einer Gruppe unternommen haben gab es keinerlei Probleme.

Geld

Die Währung in Polen ist Złoty an Flughäfen und in touristischen Gebieten wird durchaus auch Euro mit gewissen Zuschlägen akzeptiert. Ich persönlich hebe das Geld am Bankautomaten vor Ort ab, da ich keine Abhebungsgebühren im Ausland bezahlen muss. Mit Geldwechsel habe ich kaum Erfahrungen, ist aber vielerorts möglich.

Sprache

Polnisch ist die Landessprache, aufgrund der kommunistischen Vergangenheit wird von den Älteren auch Russisch gut verstanden und gesprochen. Insgesamt sind die Polen doch sehr auslandsbegeistert und emigrieren in die ganze Welt, sodass gerade bei den Jüngeren Englisch und auch Deutsch hoch im Kurs stehen. Bei der Famulatur kommt es natürlich darauf an, an wen man gerät. Ich kann selbst ein bisschen Polnisch und einer der Ärzte in meiner Abteilung hatte einen Teil seiner Ausbildung in den USA verbracht, damit stellte die Kommunikation kein Problem dar.

Verkehrsbindungen

Katowice verfügt über einen eigenen Flughafen, teilweise ist es aber billiger nach Warschau zu fliegen und mit dem Zug weiterzufahren. Das Zug- und Busnetz ist sehr gut ausgebaut und gerade mit letzterem kann man sehr preisgünstig reisen. Ich selbst bin mit dem Zug angereist.

Kommunikation

Nach einigen kurzen Formalitäten konnte das kabelgebundene Internet im Studentenwohnheim umsonst genutzt werden. In weiser Voraussicht habe ich meinen eigenen Router mitgebracht um auch meine mobilen Geräte betreiben zu können. Eine polnische SIM-Karte zu erwerben ist zwar recht kostengünstig, war nach Wegfall der Roaminggebühren aber nicht nötig. Untereinander wurde über Facebook und Whatsapp kommuniziert.

Unterkunft

Die Unterkunft in einem Studentenwohnheim wurde von der Gastorganisation gestellt. Die Zimmer waren relativ klein und versprühten kommunistischen Blockcharme, da ich aber ein Doppelzimmer allein nutzen konnte war die Größe aber ausreichend. Jedes Zimmer hat seinen eigenen Kühlschrank im Vorzimmer und teilt sich ein Bad mit dem Nachbarzimmer. Die Toiletten befinden sich auf dem Gang. Auf der gleichen Etage ist auch eine Küche vorhanden, die von der Gastorganisation komplett ausgestattet wurde. Das gemeinsame Mittagessen fand in einem Gemeinschaftsraum statt. Bettwäsche war bereits vorhanden.

Literatur

Über Katowice selbst und den dortigen Attraktionen habe ich mich hauptsächlich über Tripadvisor informiert, was in Polen sehr beliebt ist und immer einen guten Überblick verschafft. Als lustigen Einstieg in das Land Polen ist sicherlich Steffen Möllers Viva Polonia ein Standardwerk.

Mitzunehmen

Ein Stethoskop und ein eigener Kittel sollten auf jeden Fall mitgenommen werden. Ich hatte auch noch Scrubs und Schuhe zum Wechseln dabei, was ich dann allerdings nicht brauchte. Je nach Abteilung sind vielleicht auch noch eine Augenleuchte und ein Reflexhammer sinnvoll. Obwohl es noch September war, wurde es doch teilweise empfindlich kalt und zum Ende auch regnerisch.

Reise und Ankunft

Die Anreise verlief ohne Probleme. Ich wurde vor Ort abgeholt und wurde erst zur Post, dann zum Einkaufen und anschließend zur Unterkunft begleitet. Ich hatte noch drei Tage bis Praktikumsbeginn, um mich etwas zu orientieren. Am ersten Tag wurde ich zur Klinik gebracht und dem Team vorgestellt.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Leider kam in der Woche meiner Ankunft noch die Nachricht, dass ich nicht wie gewünscht in der Anästhesie famulieren könne, sondern stattdessen in der Geriatrie. Weil das ohnehin mein Zweitwunsch war und ich sehen wollte, ob diese Abteilung etwas für meinen weiteren beruflichen Werdegang ist, war ich aber nicht sonderlich enttäuscht.
Mein typischer Tagesablauf begann mit der Morgenbesprechung um 7:45 Uhr. Anschließend habe ich bei allen Patienten Blutdruck und Puls gemessen. Wenn die Ärzte selbst ihre Patienten befragt und untersucht haben, habe ich assistiert und mit untersucht. Meistens war im Anschluss die Visite mit Chefarzt, der mich immer wieder miteingebunden hat, mir Fragen gestellt oder auch Tipps gegen hat, was ich nochmal nachlesen könnte. Danach habe ich Patienten zu Untersuchungen begleitet, etwa zum Röntgen, CT oder Ultraschall und habe so auch Einblick in die unterschiedlichen bildgebenden Verfahren erhalten. Die Ärzte haben ihre Therapiepläne erstellt, die Medikation angepasst und Briefe geschrieben. Häufig habe ich mir erklären lassen, warum sie welche Veränderung vornehmen und so hat sich dann meist ein interessantes Gespräch entwickelt, wobei ich wahrscheinlich am meisten bei dieser unerwartet internistischen Famulatur gelernt habe. Um selbst einen Arztbrief zu erstellen, war die sprachliche Barriere dann aber doch zu groß. An der Anamnese und etwa dem Mini Mental State Test auf Polnisch habe ich mich schon versucht und das wurde von den Patienten sehr wohlwollend aufgenommen. Überhaupt war die Kommunikation fast ausschließlich auf Polnisch nachdem sich zur Überraschung der Ärzte herausstellte, dass ich etwas Polnisch kann. Im Patientengespräch war somit ein noch direkterer Kontakt möglich, allerdings fiel es mir aufgrund meines vor allem medizinisch eingeschränkten Vokabulars nicht immer ganz leicht.
Es war aber eine tolle Übung für mich.
Ich hatte nicht unbedingt einen festen Ansprechpartner, was zwar manchmal wünschenswert gewesen wäre, aber so ergab sich automatisch die Möglichkeit die Herangehensweisen und Eigenarten ganz vieler unterschiedlicher Ärzte zu erleben.
Besonders hat sich während meines Aufenthaltes der Umstand ins Gedächtnis eingeprägt, dass einige Patienten gar nicht im Krankenhaus sein müssten und anderen auch bei absolut evidenzbasierter Medizin keine Hilfe mehr geleistet werden konnte. Beeindruckend war der Fall einer Frau, die nach erfolgter Behandlung eigentlich wieder entlassen werden sollte, es aber in Folge der Krankenhausbehandlung und langen Liegedauer Komplikationen gab und die Patientin bei klarem Verstand letztendlich die Nahrung verweigert hat und kurz darauf starb.

Land und Leute

Der Krankenhaustag fand meistens schon gegen Mittag sein Ende, sodass viel Zeit für allerhand Ausflüge zur Verfügung stand. Dank der großen Schar an Betreuern und Week Coordinators, die sich rührend um einen kümmerten, musste niemandem langweilig werden. In den ersten Tagen wurde uns noch die nähere Umgebung gezeigt, da dass Studentenwohnheim sich doch etwas außerhalb des Stadtzentrums befand. In der Stadt laden einige Kneipen und Restaurants auf einige gemütliche Stunden zusammen ein. Man sollte unbedingt die landestypischen Spezialitäten einmal probieren, etwa Pierogi oder Wodka. Dazu hatten wir auch ausreichend Gelegenheit bei der National Food and Drink Party, bei der jeder etwas aus seinem Land mitgebracht oder zubereitet hat. Wir waren beispielsweise auch in einem riesigen Park und Zoo in der Stadt. Es gibt auch einige Museen zu besichtigen, viele an bestimmten Tagen auch umsonst. So waren wir etwa im Schlesischen Museum, das zum einen eine große Kunstsammlung beherbergt und zum anderen passend zu seiner Lokalisation in einem ehemaligen Bergwerk die Entwicklung der gesamten Region vom Bergbau bis zum derzeitigen Versuch eine Kulturstadt zu werden nachzeichnet. Man sollte es sich nicht nehmen lassen, auch eine der zahlreichen Minen zu besichtigen. In Katowice war ich auch zum ersten Mal in einem Escape Room, was gerade in der Gruppe eine sehr spaßige Angelegenheit war.
Aufgrund seiner räumlichen Nähe bittet sich auch immer ein Wochenendausflug nach Krakau an, für viele die schönste Stadt Polens, die mit dem größten Marktplatz Europas, einer vom Krieg verschonten historischen Altstadt und dem ehemaligen Sitz der Könige Wawel aufwartet. Wer noch nie in einem Konzentrationslager war, findet hier auch die Möglichkeit das wahrscheinlich berühmteste Konzentrationslager Auschwitz zu besuchen, was immer wieder ein beklemmendes Gefühl hinterlässt. Allerdings gibt es schon einen großen Touristenansturm auf diese historische Stätte, so dass eine sehr frühe Buchung vonnöten ist. Eine andere Stadt, die für viele zumindest die zweitschönste Stadt in Polen ist, ist Breslau (Wroclaw). Nicht umsonst war Breslau Kulturhauptstadt Europas. Eine Stadt, die den Kontrast zwischen dem hektischen Leben einer Großstadt und dem touristisch belagerten Kern zeigt ist die Hauptstadt Warschau. Viele halten sie eher für hässlich, aber gerade was Museen in Polen angeht kommt man an Warschau nicht vorbei. Nicht sehr weit weg ist auch die Gebirgsregion der Tatren mit der touristischen Hochburg Zakopane.

Fazit

Meine Erwartungen wurden auf jeden Fall erfüllt und ich habe Polen ein weiteres Mal schätzen gelernt.
Ich kann jedem empfehlen, dieses Land auch selbst einmal kennen zulernen.
Aufgrund der geringen Löhne und der teils prekären Arbeitsverhältnisse, gegen die gerade heftig protestiert wird, könnte ich mir aber derzeit nicht vorstellen in Polen dauerhaft zu arbeiten, dennoch zieht es mich wieder dorthin zurück.

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