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Hospital Andino Alternativo de Chimborazo (Ecuador)

Gynäkologie - SCOPH (Public-Health Austausch)
von Lisa, Bonn

Motivation

Nach einer sehr bereichernden Zeit in meinem Erasmus-Jahr in Spanien, juckte es mich in den Fingern nun ein fernes Land, seine Kultur, seine Menschen und in diesem Fall auch die Unterschiede im Gesundheitssystem kennenzulernen. Den Bereich Public Health fand ich spannend, da man hier während des Studiums kaum Einblick bekommt und beim Durchblicken der Projekte fiel meine Wahl schnell auf das Projekt in Riobamba. Unter anderem war ausschlaggebend, dass ich bereits spanisch spreche und somit auch eigenständig Patientengespräche führen kann und die Kombination von Alternativ-, andiner und Schulmedizin im Krankenhaus weckte mein Interesse.

Vorbereitung

Ich war auf einem von der bvmd-organisierten Vorbereitungstreffen (Pre-departue Training) in Tübingen und davon sehr begeistert. Es werden verschiedene Themen angeschnitten und kritische Aspekte von Freiwilligenprojekten im Allgemeinen beleuchtet sowie über potentielle Spannungsfelder während unserer Praktikums gesprochen. Ein witziges, lehrreiches und zum Nachdenken anregendes Wochenende. Haltet auf jeden Fall Ausschau, ob so ein Wochenende auch vor eurem Praktikum stattfindet.

Visum

Für bis zu 90 Tage darf man sich in Ecuador ohne Visum aufhalten.

Gesundheit

Als Vorbereitung auf die Reise habe ich einen kleinen Impfmarathon absolviert. Auf der Seite des „Centrums für Reisemedizin“ (https://www.crm.de/) sowie der des Auswärtigen Amtes habe ich mich über empfohlene Impfungen informiert. Je nachdem aus welchem Land man einreist ist Gelbfieber sogar Pflicht. Informiert euch auf jeden Fall rechtzeitig, was für Impfungen ihr braucht, um genügend Zeit dafür zu haben. In der Reiseapotheke hatte ich was gegen Reiseübelkeit, Malaria-Standby-Medikation, ein paar Ibus und Loperamid (musste zum Glück selbst kein Gebrauch davon machen, falls man jedoch das Pech hat Durchfall unterwegs zu bekommen, ist man sicherlich ganz froh darüber die Tabletten im Gepäck zu haben). Gegen Magenverstimmung trinken die Ecuadorianer übrigens gerne Oregano-Tee – hat auch mir super geholfen.

Sicherheit

Ich habe eine Auslandsreiseversicherung bei der Barmenia für ca. 12 Euro abgeschlossen. Es gibt einige Vergleichsportale, denn je nach Länge der Reise unterscheiden sich die Angebote. Ecuador ist an sich ein relativ sicheres südamerikanisches Land und auch ich habe keine unangenehmen Erfahrungen machen müssen. Dennoch sollte man wachsam sein und Wertgegenstände immer nah am Körper tragen, ggf. sogar versteckt. Auch bei den Taxis ist etwas Vorsicht geboten. Neben den offiziellen Taxis (meist mit orangenem Nummernschild und teilweise sogar mit Überwachungskamera und Notfallknopf ausgestattet) gibt es nämlich auch inoffizielle Taxifahrer, durch diese es in der Vergangenheit leider schon mal zu Überfällen gekommen ist. Nach Dämmerung wird einem empfohlen manche Orte zu meiden, am besten immer jemanden vor Ort fragen. Die Seite des Auswärtigen Amtes liefert viele lesenswerte Infos zur aktuellen Sicherheitslage. Mit etwas Vorsicht und gesundem Menschenverstand sollte einer wunderbaren Reise aber nichts im Wege stehen.

Geld

In Ecuador wird mit US-Dollar gezahlt. Falls ihr schon in Deutschland Geld umtauscht, bittet um viele kleine Scheine – teilweise machen schon Zehner Probleme beim Wechselgeld ;) Ich habe immer bar gezahlt und hatte zusätzlich meine dkb-Kreditkarte dabei, mit der man umsonst Geld abheben kann (allerdings einen Mindestbetrag von 50 Dollar). In fast jeder Stadt zu finden sind die gelben Bankautomaten der „Banco Pichincha“, welche die allermeisten ausländischen Karten akzeptiert. Lebensmittel, gerade frisches Obst und Gemüse, sind super günstig (und das Obst dazu wahnsinnig lecker!). In den mercados und auch in kleinen Restaurants findet man oft ein Mittagessen für 2,50 Dollar. Teuer sind hingegen Kosmetik- und Elektronikartikel. Bringt also genügend Sonnencreme mit ;)

Sprache

Landessprache in Ecuador sind Spanisch und Kichwa, letzteres wird vor allem von der indigenen Bevölkerung in der Sierra gesprochen. Auch im andinen Teil des Krankenhauses wurde zwischen Schaman und Patient teilweise auf Kichwa kommuniziert. Dadurch, dass ich ein Jahr lang in Granada studiert habe, konnte ich zum Glück bereits spanisch sprechen als ich mit dem Praktikum begonnen habe. Das ecuadorianische Spanisch ist schön klar und einfach zu verstehen, gerade weil sie im Vergleich zu den ratternden Spaniern angenehm langsam sprechen. Und sie fluchen deutlich weniger ;)
Bei der Anamnese brauchte ich trotzdem hin und wieder ein (Online-)Wörterbuch. Es gibt von verschiedenen Verlagen „Spanisch für Mediziner“-Bücher, die sicherlich hilfreich sind.

Verkehrsbindungen

Die Flüge nach Ecuador sind leider recht teuer und kosten zwischen 850-1000 Dollar. Flüge über die USA waren meist günstiger, jedoch teils mit unendlich langen Zwischenstopps verbunden. Ich bin ab Düsseldorf über Madrid mit Iberia geflogen. In Ecuador selbst sind Busse das am meisten genutzte Verkehrsmittel und fahren meist pünktlich ab. Online findet man leider keine Abfahrtszeiten, sodass man vor Ort nachfragen muss. Preise sind ca. 1-2 Dollar pro Stunde Fahrtzeit und somit sehr günstig. Inlandsflüge sind meist relativ teuer. Innerhalb der Stadt und gerade abends bietet es sich häufig an ein Taxi zu nehmen: in kleineren Städten liegen die Preise meist zwischen 1-2 Dollar pro Fahrt, in Quito kann eine Fahrt hingegen schnell teuer werden, gerade bei dem riesigen Verkehrsaufkommen. Im Moment wird in Quito eine Metro gebaut – vielleicht ist sie ja schon fertig, wenn ihr dort seid.

Kommunikation

Ich habe mir nach einer Woche ohne mobiles Internet eine SIM bei movistar geholt (alternativer Anbieter z.B. claro), um auch unterwegs erreichbar zu sein. In einigen öffentlichen Parks und theoretisch auch in vielen Bussen gibt es jedoch kostenloses WLAN, in den Hostels sowieso. Mit WhatsApp und Co ist es kein Problem mit den Lieben daheim und neuen Reisebekanntschaften Kontakt zu halten.

Unterkunft

In Riobamba bin ich bei Ines und ihrer Familie untergekommen, die auch in vielen anderen Erfahrungsberichten positiv erwähnt werden. Bei facebook gibt es eine Gruppe HAACH Riobamba, in der auch Ines ist. Ich habe sie dann über facebook kontaktiert und alles weitere dort mit ihr geklärt. Ich habe 300 Dollar für den ganzen Monat bezahlt – darin inbegriffen ist die Unterkunft mit Vollpension und das Internet. Ines ist eine sehr gute Köchin und hatte sogar mal ein Restaurant, sodass man sich immer auf das gemeinsame Essen freuen kann. Generell wurde ich von der Familie schnell integriert und habe mich sehr wohl gefühlt bei ihnen. Neben Ines wohnen noch die Oma (zu meinem Besuch stolze 95 Jahre alt) und die beiden (erwachsenen) Kinder Jeanine und Santi bei Ines, sodass eigentlich immer jemand da ist. Drei liebe Hunde wohnen auch noch mit im Haus.

Literatur

Als Reiseführer hatte ich den Lonely Planet dabei. Im Vergleich zu meinem LP Neuseeland, haben mir im Ecuadorianischen manchmal einige Infos gefehlt, allerdings ist dies vielleicht eher den allgemeinen Reisebedingungen vor Ort geschuldet (man findet online bspw. generell keine Abfahrtszeiten von Bussen bzw. häufig nur spärliche Informationen zu den Routen in Nationalparks etc.). Nichtsdestotrotz war der LP sonst eine verlässliche Quelle, der gerade für größere Städte viele nützliche Infos liefert und auch etwas Hintergrundwissen vermittelt. Vor Ort habe ich auch oft bei „wikitravel“ und „trip advisor“ gelesen.

Mitzunehmen

Sonnencreme (ist vor Ort um ein vielfaches teurer) und Moskitospray haben sich defintiv als nützlich erwiesen. Um Wertsachen im Hostel abzuschließen hatte ich ein kleines Zahlenschloss dabei. Da ich viel wandern war, wäre ein Schlafsack ganz nützlich gewesen, hatte ich jedoch nicht mit eingepackt und war für Tagestouren selbstverständlich auch kein Problem. Durch die vielen verschiedenen Klimazonen in Ecuador, sollte man für jegliche Form von Wind und Wetter gerüstet sein - ob Bikini und Sommerkleid für die Küste, oder dicken Fleecepulli für die Anden! In Otavalo, aber auch auf anderen Märkten könnt ihr wunderschöne Alpakapullis kaufen, lasst also noch ein bisschen Platz im Rucksack ;)

Reise und Ankunft

Ich bin mit Iberia über Madrid geflogen und in Quito gelandet. Ich hatte knappe drei Wochen freie Zeit vor Praktikumsbeginn, sodass ich diese Zeit prima zum Reisen in diesem wunderbar vielfältigen Land nutzen konnte. Bei Dr. Solis, dem Ansprechpartner im HAACH habe ich mich gemeldet, sobald ich meine Card of Acceptance zugeschickt bekommen hatte.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Die erste Woche in Riobamba habe ich mit der Fundación Omar Mosquera gearbeitet. Dies war eine sehr lehrreiche und interessante Arbeit. Eine weitere deutsche Medizinstudentin und ich sind zusammen mit einem kleinen Team von sogenannten „promotores de salud“ in ärmere Viertel Riobambas sowie indigene Gemeinden gefahren und haben dort kostenlose medizinische Sprechstunden, sowie Bluthochdruck- und Diabetes-Screening angeboten! Auch eine Reihe von Medikamenten hatten wir jeden Tag im Gepäck, die ebenfalls kostenlos an die Patienten abgegeben worden. Mit Stethoskop und Thermometer gewappnet haben wir also jeden Tag eine Reihe von Patienten untersucht und Medikamente verordnet, sowie improvisierte Überweisungen geschrieben, falls wir mit unserem Fachwissen überfragt waren. Ich war froh erst die letzten Semesterferien mein Hausarztpraktikum absolviert zu haben, da man durch das dort angehäufte Wissen vielen Patienten gut helfen konnte, aber dadurch dass wir nur zu zweit und ohne „richtige“ Ärzte dort waren, hatten wir schon viel Eigenverantwortung. Alles – auch die „Sprechstundenzimmer“ oder Untersuchungsliegen – waren von uns spontan improvisiert. Die ärmere Bevölkerung Ecuadors kann sich oft eine Krankenversicherung bzw. die Behandlungs- und Medikamentenkosten nicht leisten, sodass mit der Arbeit vor allem ihnen geholfen werden soll. Obwohl es manchmal ein bisschen chaotisch zuging, war dies die mit Abstand beste und lehrreichste Woche während meines Praktikums!
Leider auch die letzte – denn als ich bei Dr. Solis (unserem „Mentor“/Ansprechpartner im Krankenhaus) freundlich nachfragte, ob ich die letzte Woche nochmal mit der Fundacion arbeiten könne, wurde dieser ziemlich wütend und drohte mir, die Unterschrift für das Praktikum zu verweigern, falls ich trotzdem ginge. Dadurch, dass die Fundacion in der offiziellen Beschreibung des bvmd-Projektes erwähnt wird und ich auch in mehreren Berichten davon las, bin ich davon ausgegangen, dass eine Kooperation zwischen Krankenhaus und Omar Mosquera stattfindet. Dies ist wie ich vor Ort feststellen musste nicht der Fall, ganz im Gegenteil – es wird leider regelrecht gegeneinander gearbeitet.
Um es mir nicht endgültig mit Dr. Solis zu verscherzen, blieb ich also die restlichen drei Wochen im Krankenhaus und rotierte dort jeweils eine Woche in dem alternativ-medizinischen, dem andinen und dem schul-medizinischen Bereich. Da das Hospital Andino (obwohl unter Public Health gelistet) ein privates Krankenhaus ist und die Patienten demnach für jede Behandlung aus eigener Tasche zahlen müssen, ist im Krankenhaus relativ wenig los – gerade im alternativ-medizinischen Teil. So habe ich dort viel Zeit mit rumsitzen verbracht und Kaffee mit den neuen Kollegen getrunken. Diese waren ausnahmslos sehr freundlich und ich habe mich sehr willkommen gefühlt. Dadurch, dass so wenig los war, bin ich auch mal in den Genuss einer Reiki-Behandlung gekommen – was auch immer man von der zugrunde liegenden Theorie halten mag, ist es spannend, sich dem zu öffnen und es einfach mal auszuprobieren.
Bei den Schamanen im andinen Bereich ging es teilweise sehr spektakulär vor – samt Feuerspucken und vielen Räucherstäbchen. Leider sind die Schamanen relativ verschlossen, sobald sie erfahren, dass wir zu den „chemischen“ Kollegen gehören – so werden von ihnen nämlich die Schulmediziner bezeichnet. Auf viele Fragen von mir, wurden immer nur die Gegensätze zwischen ihnen und uns betont, nämlich dass sie nur Sachen aus der Natur verwenden und keinerlei Chemie – viel mehr über ihre Ansichten wurde mir aber nie verraten. Von alleine wurde ohnehin nichts erklärt. Die Woche habe ich als sehr ermüdend wahrgenommen, was sicherlich nicht nur an den ganzen Rauchschwaden liegt. Nichtsdestotrotz war es vor allem aus kultureller Sicht interessant mal eine authentische „limpia“zu sehen.
Die letzte Woche bin ich mit verschiedenen Gynäkologen und zwischendurch auch mal den Pädiatern mitgelaufen. Auch wenn meine Rolle eher passiv war, wurde viel erklärt und ich wurde stets freundlich empfangen.
Im Krankenhaus müsst ihr viel Eigeninitiative zeigen. Dr. Solis ist beim Organisieren keine große Hilfe. Im Zweifel einfach freundlich direkt bei den Ärzten anklopfen und sich vorstellen.

Land und Leute

Insgesamt hatte ich fast einen Monat Zeit, um Ecuador zu bereisen. Zum Glück ist das Land relativ klein und man kann in relativ kurzer Zeit unheimlich viele verschiedene Ökosysteme bestaunen. Wer die Natur mag, wird Ecuador lieben – und dabei war ich nicht mal auf den legendären Galapagos-Inseln. Aber auch das Festland hat viel zu bieten. Ich war viel Wandern, habe im Dschungel die Affen von Baum zu Baum springen sehen und Wale an der Küste bei Puerto Lopez beobachtet. Die Altstädte von Quito und Cuenca sind sehr sehenswert und gehören beide auch zum UNESCO Weltkulturerbe. Quito hat eine gigantische Nord-Süd-Ausdehnung (ca. 60km) und ist von Bergen umgeben, sodass es sich lohnt auf einen der vielen Aussichtspunkte zu gehen und die Lage Quitos zu bestaunen. Guayaquil habe ich bewusst gemieden, ebenso wie die Küstenstadt Esmeraladas, da laut Lonely Planet und anderen Reisenden beide Städte nicht schön, aber dafür gefährlich sein sollen. An der Küste war ich im verlotterten Touristenort Montanita, den ich so schnell wie möglich wieder verlassen habe. Das einzig Interessante dort sind die zum Surfen geeigneten Wellen und manchen vielleicht auch der dort vorherrschende Partytourismus. Puerto Lopez hingegen ist ein toller Ausgangspunkt für Walbeobachtungstouren und für einen Ausflug zu Los Frailes, drei schönen Buchten im nahegelegenen Nationalpark. Zum Wandern kann ich sehr die beiden Nationalparks bei Cuenca und Loja Podocarpus und Cajas empfehlen. Viele der Nationalparks warten mit einigen Höhenmetern auf - durch meine Eingewöhnungszeit in Quito und Riobamba, habe ich diese jedoch recht gut vertragen. Zum Nationalpark des 6000er Hausberges Riobambas Chimborazo kann man gut einen im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubenden Tagesausflug machen. Nur zwei Stunden von Riobamba entfernt liegt Banos, wo Adrenalinjunkies voll auf ihre Kosten kommen. Auch für die weniger abenteuerlustigen lohnt sich jedoch ein Besuch in diesen wunderbar gelegenen Ort.
Die politische Situation in Ecuador ist seit einigen Jahren ziemlich stabil, trotzdem geht es vielen Menschen wirtschaftlich nicht gut und einige leben an der Armutsgrenze. Die Ecuadorianer sind mehrheitlich sehr freundliche, warme Menschen. Viele sind tief religiös. Nicht nur die Natur, auch die Menschen sind sehr vielfältig. Es ist bewundernswert, wie gut es viele der indigenen Kulturen geschafft haben, trotz der Moderne ihre alten Traditionen zu bewahren. Sehr empfehlenswert ist es in ein Museum zu gehen, welches die verschiedenen Kulturen und Riten vorstellt.

Fazit

Ecuador hat mich auf jeden Fall mit dem Südamerika-Fieber infiziert und ich würde in Zukunft gerne noch mehr von dem Kontinent kennlernen. Bezüglich des Praktikums gab es sicherlich einige Enttäuschungen und eine offizielle Zusammenarbeit zwischen Krankenhaus und der Fundacion hätte mir nicht nur viel Ärger erspart, sondern wäre meiner Meinung nach auch eine sinnvolle Verbesserung des Projektes, da man bei Omar Mosquera viel lernt und gleichzeitig auch ein wunderbares Public Health Projekt unterstützen kann.

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