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Jordan (IFMSA-Jordan)

Gynäkologie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Pierre, Tübingen

Motivation

Eigentlich wollte ich ins spanischsprachige Ausland. Dass es schlussendlich Jordanien wurde, würde ich als Schicksal bezeichnen. Es war die 2. Option bei einer Restplatzbewerbung, wobei ich mir ziemlich sicher war meine 1. Wahl zu bekommen. Über Jordanien hatte ich mir deshalb im Vorfeld keine Gedanken gemacht. Glücklicherweise wurde ich bei meiner 1. Option nicht genommen, sodass es mich in den Nahen Osten verschlagen hat.
Glück deshalb, weil ich ansonsten keine Motivation gehabt hätte in den Nahen Osten zu gehen, weder kann ich Arabisch, noch sah ich einen direkten kulturellen Bezug.

Vorbereitung

- arabisches Alphabet lernen: dann versteht man zwar noch nicht den Sinn dessen, was man sieht, es ist einem aber wenigstens nicht ganz fremd und man lernt schneller dazu

- Wikipediaartikel zu Jordanien lesen, für kunsthistorisch Begeisterte gibt es den Jordanienführer aus dem Dumont-Verlag, für Alltagstipps hatte ich den Lonely-Planet

- Basics (Begrüßung, Höflichkeitsformeln) im Arabischen bereits zu beherrschen, macht sich richtig gut

Visum

Man besorgt sich einen Jordan Pass im Internet. Im Preis sind die Kosten für das Visum und die meisten Touristenattraktionen inbegriffen.
Das Visum selbst erhält man bei der Einreise am Flughafen.
Dieses gilt nur für 30 Tage, bleibt man länger, muss man es wohl verlängern. Das habe ich nicht gemacht und musste bei der Ausreise umgerechnet 20€ nachbezahlen.

Gesundheit

Es gab keine besonderen Einreisebedingungen, außer dem Impfnachweis auf Englisch für die Uni.
Ich habe mich gegen Tollwut, Cholera, Typhus impfen lassen. Tollwut war nicht wirklich nötig. Zu Cholera: Den vier anderen Austauschstudenten ging es allen zumindest ein paar Tage richtig schlecht. Ich dagegen hatte nur ganz zum Schluss 2x Durchfall, ohne dass ich mich krank gefühlt hätte. Aber ob das statistisch aussagekräftig ist…
Eine Auslandskrankenversicherung/Rückholversicherung habe ich bei der Allianz abgeschlossen.

Sicherheit

Jordanien ist sicher. Ich war nie so sorglos, wie dort. In Deutschland wären mein Geldbeutel, Pass und Smartphone längst gestohlen gewesen. Außerdem habe ich mir nie Gedanken gemacht, wo ich nachts herumlaufe.
Als Frau schadet es allerdings auch nicht, mit Begleitung unterwegs zu sein.
Insgesamt habe ich keine Situation erlebt, in der ich mich unsicher gefühlt hätte.

Geld

Währung: JD, Jordanian Dinar
Andere Währungen werden nicht unbedingt akzeptiert.
Zahlung mit Kreditkarte ist nicht immer möglich, bei McDonalds natürlich schon. Ich empfehle Bargeld: Wechselstuben haben sehr gute Konditionen, ansonsten sucht man sich einen ATM einer Bank, die keine Gebühren erhebt.
Vieles ist billiger als in Deutschland, aber im Endeffekt gibt man nicht weniger aus.
Für den Monat sollte man mit 600-700JD rechnen.

Sprache

Arabisch.
Es findet sich aber immer jemand, der etwas Englisch kann. Anfangs ist man sowieso mit den jordanischen Studenten unterwegs. Im Krankenhaus sprechen alle Ärzte Englisch, viele sogar -gebrochen- Deutsch. Es empfiehlt sich, die Gelegenheit zu nutzen, um etwas Arabisch zu lernen. Dann kann man auch mit den Taxifahrern besser verhandeln.
(Wenn man das Alphabet beherrscht, kann man google translator ausgiebig nutzen)

Verkehrsbindungen

Es ist so gut wie alles mit dem Bus zu erreichen. In der Stadt nutzt man Taxi. Die Preise sind sehr günstig, man darf sich nur nicht von Taxifahrern übers Ohr hauen lassen. 5JD sind für jede Strecke zu viel und man sollte einfach wieder aussteigen, wenn er sich weigert, das Taxameter einzuschalten (in Amman). In Irbid gibt man für längere Strecken 1,50, für Kürzere 1JD und steigt dann aus.
Wenn man keine Lust auf Streiten hat, kann man Uber oder Careem nutzen, ist jedoch tendenziell teurer.
Verkehrssicherheit ist in Jordanien relativ. Mir ist aber nichts passiert.
Vom Flughafen wurde ich von meinem LEO abgeholt.

Kommunikation

An meinem ersten Abend, bin ich mit ein paar jordanischen Studenten in die Stadt. Habe mir mit deren Hilfe dann eine SIM-Karte (16JD) gekauft. Mit der hatte ich 8GB Daten und konnte jordanische Nummern anrufen.

Unterkunft

Die Unterkunft wurde vom LC (local committee = Lokalvertretung der Gastorganisation, Anm. der Berichtekoordination) organisiert. Wir waren in einem praktisch gelegenen Hotel untergebracht. Die Standards sind nicht ganz mit den Deutschen vergleichbar, habe mich aber nichtsdestotrotz wohlgefühlt.

Literatur

Wer medizinische Fachbücher braucht, kann sie in Jordanien zur Hälfte des Preises in Deutschland kaufen.
Wie bereits erwähnt: Lonely Planet (Alltagstipps), DuMont (Kunstgeschichte, Geschichte) und Wikipedia.

Mitzunehmen

Man kann alles kaufen, wenn man was braucht.
Steckdosenadapter kann man sicherheitshalber mitnehmen, ich hab nie einen gebraucht. Eine Powerbank sollte man mitnehmen. Mückenspray lohnt sich.

Reise und Ankunft

Wir wurden alle sehr herzlich empfangen und betreut. Vom Flughafen wurde ich von meinem LEO abgeholt. Das Praktikum begann, dank eines unvorhergesehenen islamischen Feiertages erst 5 Tage später. Am ersten Tag im Krankenhaus wurden wir ebenfalls von unserem LEO begleitet, der uns beim Chefarzt und dann bei einem der Residents vorgestellt hat.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich war auf der Geburtsstation. Zugegeben, Obstetrics/Gynecology in einem arabischen Land als Mann war vielleicht nicht die schlauste Wahl. Aber dafür waren die Residents dort sicher die nettesten im ganzen Krankenhaus.

Praktisch durfte ich wenig machen, war aus kultureller Unsicherheit auch etwas zurückhaltend. Einmal habe ich eine Kreisende vaginal untersucht und einmal eine Plazenta rausgezogen. Bei der vaginalen Untersuchung konnte ich die Öffnung der Cervix einmal vor und einmal nach der artificial rupture of the membrane tasten. Normalerweise durfte ich bei den Untersuchungen anwesend sein, zum einen, weil ich als deutscher Arzt vorgestellt wurde und da auf der Geburtsstation die Väter und allgemein männliche Angehörige die Schwangeren nicht begleiten durften. Außerdem durfte ich bei den Kaiserschnitten dabei sein. Ich durfte nicht assistieren, Studenten dürfen aber eigentlich auch gar nicht in den OP in der Gyn.
Die Residents haben sich immer viel Zeit genommen, wenn ich Fragen hatte.
Zum Teil nahm ich auch an den teaching lessons der Studenten Teil, die durchweg sehr gut und lehrreich waren.
Im Prinzip war ich relativ frei, ich war nicht fest in irgendetwas eingebunden, was natürlich Vor- und Nachteile hatte.
Hatte mich irgendwann auch mal bereiterklärt, zusammen mit zwei anderen Studenten einen Vortrag vor deren Semester zu halten.
Ich habe in den vier Wochen Famulatur sicher nicht besonders viel fachlich dazugelernt, aber ich habe mich sehr viel mit den Residents, Hebammen und Studenten unterhalten, was ich persönlich als sehr bereichernd empfunden habe. Ich wurde oft zum Frühstück eingeladen, durfte Plätzchen probieren oder bekam einmal Öl mit Zatr - eine Gewürzmischung - geschenkt, die man mit dem Öl mischt und dann zum Frühstück mit Brot isst.

Wer Arabisch spricht kann natürlich auch mit den Patienten sprechen, ich habe es bei einem Glückwunsch nach der Geburt belassen.

Die medizinische Ausbildung in Jordanien während des Studiums ist sehr gut. Ich war stets vom Wissen der Kommilitonen dort beeindruckt.
Ab dem 4. Jahr sind die Studenten im Krankenhaus und machen rotations. Die klinischen Seminare werden sehr gut durchgeführt und die Studenten aktiv dabei. Theoretisch wird das Studium in Englisch gehalten, es ist aber viel Arabisch mit dabei. Man kann sich aber oft den Sinn erschließen, da die englischen Fachtermini verwendet werden und man kann jederzeit nachfragen, wenn man etwas nicht verstanden hat.

Land und Leute

Wie bereits erwähnt, wurden wir sehr gut von unseren jordanischen Kommilitonen aus dem Austauschteam umsorgt.
Am Wochenende haben wir immer Exkursionen gemacht. Wir waren am Toten Meer. Wir haben eine Tour unternommen nach Petra, der Wüstenstadt, Wadi Rum und Aqaba. Kleinere Ausflüge haben wir nach Jarash, Ajloun und Kerak, sowie Um-Quais unternommen. In Jarash finden sich hervorragend erhaltene Überreste aus römischer Zeit. In Ajloun steht die Burg von Saladin und in Kerak das Pendant der Kreuzritter, Um-Quais hat auch antike Überreste und liegt sehr besonders im Dreiländereck Palästina/Israel, Syrien und Jordanien.
Häufig waren wir in Amman und haben dort die anderen Austauschstudenten besucht. Außerdem bietet die Hauptstadt doch etwas mehr als Irbid, wo ich meine Famulatur absolviert habe.
Jordanien ist ein äußerst gastfreundliches Land. Wir haben uns regelmäßig abends mit den Studenten vom Austauschteam getroffen und waren entweder essen oder in einer Shisha-Bar etc. Die übrigen Jordanier hießen uns stets willkommen, oft wurde uns einfach etwas geschenkt oder Hilfe angeboten, wenn man mal einen etwas verlorenen Eindruck machte.
Allein die Taxifahrer wollen einem das Geld aus der Tasche ziehen. Aber auch hier konnte ich jederzeit meinen LEO anrufen, um zu fragen, ob der verlangte Preis gerechtfertigt sein kann oder jeglicher Grundlage entbehrt.
Wenn man in Jordanien ist, bietet sich ein Ausflug nach Israel an. Das sollte man für nach der Famulatur planen.
Das Zeitverständnis der Jordanier differiert sehr beträchtlich von dem was man aus Deutschland gewohnt ist. Außerdem kann man sich nicht auf Pläne verlassen, diese können kurz davor nochmals völlig über den Haufen geworfen werden. Man gewöhnt sich aber daran und man ist erstaunt, irgendwie klappt dann schlussendlich doch alles.
Beim Essen gibt es viel auszuprobieren. Das Wichtigste ist Mansaf. Dabei steht man um einen runden Tisch, in der Mitte eine große Reisplatte mit Hammelfleisch darauf. Dann wird eine Art heißer Joghurt darüber gegossen und man reißt sich mit der Hand etwas Fleisch ab, nimmt etwas Reis und formt eine Kugel. Das Ganze klebt aufgrund des Joghurts. Die Kugel wird dann zum Mund geführt und gegessen. Wer auf Zucker und Diabetes steht ist in Jordanien übrigens auch richtig. Kanafe muss man unbedingt ausprobieren, sowie die ganzen anderen Süßigkeiten, die überall angeboten werden. Man darf sich erst mal durchprobieren und wir bekamen auch hin und wieder einfach eine Tüte geschenkt. Wer gern mal auf Zucker verzichtet, kann Sada bestellen, das ist dann türkischer Kaffee ohne Zucker.

Fazit

Die Zeit in Jordanien hat mir fachlich sicherlich nicht besonders viel gebracht.
Diese sechs Wochen habe ich aber für mich persönlich als eine Art Befreiung empfunden.
Ich bin durchweg auf starke, ambitionierte Menschen getroffen, habe eine mir fremde Kultur mit ihren guten Seiten und ihren Problemen kennengelernt. Die Freundlichkeit, die einem entgegengebracht wurde, ist überaus eindrücklich.
Ich möchte Jordanien empfehlen. Gerade auch wenn man, wie ich, zuvor überhaupt keinen Bezug zu dieser Region hatte. Es eröffnet sich einem eine neue Welt.

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