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Spain (IFMSA-Spain)

Gynäkologie - SCOPE (Famulaturaustausch)
Anonym

Motivation

Meine Famulatur in Spanien war bereits meine zweite Auslandsfamulatur. Da ich neben der Uni einen Spanischkurs belegt hatte und zuvor in Argentinien eine Famulatur absolviert hatte, wollte ich unbedingt mein Spanisch weiter ausbauen. Zudem wollte ich nach meiner Erfahrung in Südamerika auch mal ein anderes Gesundheitssystem innerhalb von Europa kennenlernen und somit fiel meine Wahl auf Spanien.

Vorbereitung

Da ich bereits seit einem Jahr als LEO aktiv war, habe ich schon länger einen Famulaturaustausch in Erwägung gezogen. Ich habe mich wirklich sehr gefreut, auch mal selbst Incoming zu sein und an einem social program teilzunehmen! Als Vorbereitung habe ich wie gehabt weiterhin meinen Spanischkurs besucht und mir noch einen „Klinikleitfaden Gynäkologie“ für die Famulatur zugelegt. Vor Argentinien hatte ich mir damals noch ein kleines Wörterbuch „Medizinisches Spanisch pocket“ gekauft, was ich auch für Spanien in den Koffer packte.

Visum

Da Spanien in der EU liegt, ist die Anreise ganz unproblematisch.

Gesundheit

Ich habe keine besondere Reiseapotheke mitgenommen, da sich alles Nötige in einer spanischen Großstadt auch vorort regeln lässt ☺ Als notwendige Impfungen gelten diejenigen, die auch ein deutsches Krankenhaus für seine Famulanten erfordert.

Sicherheit

Nordspanien ist eine sehr sichere Region. Ich habe mich nachts sogar meist sicherer gefühlt als in meiner Heimatstadt Frankfurt in einigen Ecken ;) In Valldaolid waren alles in der Innenstadt auch fußläufig erreichbar, sodass man sich über das den Heimweg keine großen Gedanken machen musste.

Geld

In Spanien zahlt man auch in Euro. In Valladolid gibt es eine Deutsche Bank, wo ich kostenlos Geld abheben konnte.
Die Lebenserhaltungskosten sind ähnlich wie in Deutschland was Lebensmittel angeht. Bus und Bahnpreise sind allerdings wesentlich günstiger, was einem das Reisen und die Flexibilität an den Wochenenden erleichtert.

Sprache

In Spanien kommt man super mit Englisch zurecht, wobei einem Spanischkenntnisse natürlich auch einiges erleichtern können. Im Krankenhaus können die Ärzte tendenziell alle Englisch, beim Pflegepersonal und Patienten wird es dann aber schwieriger. Erstaunlicherweise konnten sogar drei Ärzte in der Gynäkologie fließend Deutsch!
Ich habe mich mit einem Spanischkurs vorbereitet und kam mit einem B1 Niveau sehr gut zurecht. Das medizinische Spanisch war für mich kein Problem und auch in das alltägliche Spanisch kam ich gut rein.

Verkehrsbindungen

Ich bin nach Madrid geflogen (mittlerweile fliegt Ryanair auch von FRA international!) und dann mit dem Fernbus (die bekannteste Firma heißt ALSA) nach Valladolid gefahren. Die Fernbusse in Spanien sind top ausgestattet (mit kleinen Bildschirmen wie auf Langstreckenflügen!) und kosten etwa halb so viel für vergleichbare Strecken wie in Deutschland. Auch Züge sind erstaunlich pünktlich, schnell und sind wesentlich günstiger als die Deutsche Bahn.

Kommunikation

Durch das Aufheben der Roaming Kosten in der EU muss man sich nicht mehr um SIM Karten kümmern, um auf Whatsapp erreichbar zu bleiben. Ansonsten gab es in meiner Unterkunft Wlan (alles was das Social Media Herz begehrt!)

Unterkunft

Ich wohnte einen Monat in einem Studentenwohnheim. In Spanien sind Wohnheime jedoch nicht dazu konzipiert, bezahlbaren Wohnraum für Studierende darzustellen, sondern sind eher eine Investition, welche sich wohlhabendere Familien für ihren Nachwuchs leisten (sie sind wesentlich teurer als WG Zimmer und gleichen eher dem Konzept eines Colleges)! Ich war in einem Einzelzimmer mit Bett, Schrank, Schreibtisch und einem eigenen Bad untergebracht. Das Wohnheim verfügte allerdings nicht über eine Küche, sondern über eine Mensa und eine Cafeteria, wo man seine täglichen Mahlzeiten bekam. Wie man sich aber vorstellen kann, war dieses Essen qualitativ nicht das beste und ich suchte mir irgendwann eher Auswege um dort nicht essen zu müssen. Vor allem die fehlende Möglichkeit selbstständig zu kochen wurde irgendwann sehr lästig.
Interessanterweise gab es aber im Wohnheim eine eigene Bibliothek, mehrere Studierzimmer und einen Musikraum. Viele universitäre Aktivitäten wie etwa der Uni-Chor probten zudem in den Räumlichkeiten und es gab sogar ein Sportangebot!
In meinem Wohnheim gab es einen Pförtner, der von 22h bis 7h den Einlass kontrollierte. Somit beschränkten sich die Besuchszeiten innerhalb des Wohnheims auf tagsüber.
Für den einen Monat fand ich es eine interessante Erfahrung, die vielen Erasmus-Studenten wohnten allerdings verständlicherweise alle in WGs.

Literatur

Wie bereits erwähnt kann ich den „Klinikleitfaden Gynäkologie“ von Elsevier empfehlen und das Taschenwörterbuch „Medizinisches Spanisch pocket“. Da ich auch an fast jedem Wochenende verreist bin, fand ich den Lonely Planet "Spanien" ganz hilfreich (aber kein Muss)

Mitzunehmen

Denkt an ein paar deutsche Spezialitäten und kleine Geschenke für eure Gastgeber und die National Food and Drinks Party! Ich habe aus Frankfurt zum Beispiel Apfelwein mitgebracht.
Ansonsten habe ich für die Famulatur noch meinen Kittel und Stethoskop eingepackt.

Reise und Ankunft

Ich kam ca. vier Tage vor Praktikumsbeginn an und wurde von meiner Contact Person am Busbahnhof abgeholt und in das Wohnheim gebracht. Sie begleitete mich auch zum Krankenhaus, um mich den entsprechenden Ärzten vorzustellen. Wir trafen uns ab meinen ersten Tagen regelmäßig und sie half mir sehr dabei, mich in meiner neuen Umgebung einzuleben.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich war in der Gynäkologie vor allem in den Ambulanzen, der Notfallambulanz und im Kreißsaal tätig. Generell ist man nicht viel auf Station, da dort auch keine Assistenzärzte eingeteilt werden, sondern die Visite lediglich von einem Oberarzt gemacht wird.
In den Ambulanzen habe ich Schwangere schallen dürfen und wurde auch an gynäkologische Untersuchungen herangeführt. Dort wurden viele Amnionzentesen und Chorionzottenbiopsien durchgeführt, sowie auch Beratungen für Hochrisikoschwangerschaften. Auch durfte ich an onkologischen Sprechstunden teilnehmen, was mich persönlich ebenso interessierte. Spannend war die Notfallambulanz, wo man ein buntes Bild an Krankheiten und Beschwerden antraf. Im Kreißsaal durfte ich bei Geburten zuschauen und vereinzelt auch bei Kaiserschnitten assistieren. Generell ist es aber in Spanien unüblich, dass Studenten viel machen dürfen. Sie nehmen eher eine Beobachterrolle ein und auch im OP war es eher die Ausnahme, dass ich mal an den Tisch gebeten wurde. Trotzdem wurde mir immer viel erklärt und ich habe mich stets gut aufgehoben gefühlt. Mehr Freiheiten hatte man in den Ambulanzen, deswegen habe ich letzen Endes den Großteil meiner Famulatur dort verbracht. Ein motivierter Oberarzt war sogar so nett, mir Lehrmaterialien zur Vor- und Nachbereitung seiner Sprechstunde zu schenken!
Der Klinikalltag ist in Spanien zwar ähnlich wie in Deutschland, jedoch sind mir insbesondere die flachen Hierarchien innerhalb und zwischen den Berufsgruppen sehr positiv aufgefallen. Der Umgang mit dem Patienten ist mir etwas lockerer und informeller als in Deutschland vorgekommen. Zum Beispiel war es üblich, dass Patienten im OP kurz vor der Einleitung von der Anästhesieschwester auf die Stirn geküsst wurden! Negativ sprang mir jedoch die Händedesinfektion ins Auge, die in Spanien leider nicht ganz so konsequent durchgeführt wird.
Das Medizinstudium in Spanien ist weniger praxisorientiert als das Studium in Deutschland. Auch im 6. Jahr ist man noch in der Beobachterrolle in seinen Blockpraktika und wird erst im ersten Weiterbildungsjahr der Assistenzarztzeit ("residencia") an viele Dinge herangeführt. Am Ende des Studiums wird zudem noch eine große Prüfung geschrieben, in welcher die Studierenden gegeneinander in Konkurrenz stehen, und basierend auf welcher man sich dann die Facharztweiterbildung sowie den Ausbildungsort aussuchen kann. Dementsprechend sind Studierende im letzten Jahr eher gestresst und auf das Lernen für diese Prüfung fokussiert. Ich habe trotzdem auch viele Kontakte unter den Blockpraktikanten knüpfen können und konnte mich auch insgesamt gut in der Klinik verständigen.
Insgesamt empfand ich diese Famulatur als vollen Erfolg, auch wenn ich mir zum Teil etwas mehr Praxis gewünscht hätte.

Land und Leute

Valladolid ist eine wunderschöne Studentenstadt mit einer weitläufigen mittelalterlichen Altstadt. Obwohl ich im September die einzige Incoming war, sind zur gleichen Zeit hunderte Erasmusstudenten angereist, sodass ich direkt Anschluss fand. Zudem hatte dies den Vorteil, dass ich sowohl vom IFMSA social program, als auch von den Erasmus Aktivitäten und Parties profitieren konnte. Auch von Seiten der Universität in Valladolid fanden im September diverse Veranstaltungen für Erstis statt, sodass einem nie langweilig wurde! Die Universität in Valladolid ist zudem eine der ältesten des Landes und ist in vielen altehrwürdigen mittelalterlichen Gebäuden untergebracht.

Tapas, Tapas, Tapas - am Ende des Monats konnte ich zwar keine "Tortilla" mehr sehen, jedoch hat mir das spanische Essens sehr gelegen. Vegetarier oder Veganer könnten es allerdings schwieriger haben!
Von Valladolid aus lassen sich viele sehr interessante Städte teilweise auch als Tagestrip bereisen. Madrid ist nur ca eine Zugstunde entfernt, sodass ich dort zwei Wochenenden verbrachte. Von Madrid aus lässt sich zudem sehr gut die mittelalterliche Stadt Toledo besuchen, die ich jedem ans Herz legen würde. Für Tagesausflüge eignen sich vor allem die berühmte Universitätsstadt Salamanca und das Städchen León (wo man übrigens unglaublich günstig Tapas genießen kann: man bekommt diese nämlich zum Getränk geschenkt!). Bilbao im Baskenland ist auch ein sehr lohnenswertes Ziel, dass sich in Kombination mit San Sebastián gut an einem Wochenende bereisen lässt.
Durch die guten Zuganbindungen in Spanien sind aber auch der Süden und Katalonien gut erreichbar und je nach Zeitplan auch gut machbar an den Wochenenden.
Nordspanien ist eine kulturell sehr interessante Region und hat auf jeden Fall einen Abstecher verdient!
Nordspanier, auch wenn etwas verschlossener als zB Andalusier, sind sehr kontaktfreudig und offen. Auch in Valladolid habe ich viele Kontakte knüpfen können und Freundschaften geschlossen.
Ich kam auch in Kontakt mit jungen Menschen, die von der Jugendarbeitslosigkeit in Spanien betroffen waren. Wirtschaftlich scheint es dem Norden zwar eher gut zu gehen, jedoch fehlt es - vor allem für viele junge Leute - an Perspektiven.
Politisch war im September 2017 einiges in Spanien los, da die Unabhängigkeitsbewegung in Katalonien wieder am Aufbrausen war. Ich fand es hochspannend, dies auch in den spanischen Medien aus der dortigen Perspektive zu verfolgen und mit Spaniern darüber zu diskutieren.
Ich habe meine Zeit in Spanien auf jeden Fall sehr genossen und habe bereits meine nächste Reise dorthin in Planung!

Fazit

Die Famulatur war für mich ein echter Erfolg! Sowohl fachlich als auch sprachlich hat mich diese weitergebracht und ich ziehe nun Gynäkologie auch als eine Option zur Facharztweiterbildung in Erwägung. Zum PJ würde ich allerdings nicht noch einmal Spanien auswählen, da mir an vielen Stellen dann doch die Praxis gefehlt hat und Studierende im 6. Jahr auch ähnlich eingebunden wurden wie ich. Spanien möchte ich auf jeden Fall noch viele weitere Male bereisen und bin sehr dankbar für diese Möglichkeit, das Land über einen Monat so intensiv kennengelernt zu haben.

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