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Institute for Indian Mother and Child (Indien)

Verschiedene - SCOPH (Public-Health Austausch)
von Freyja, Göttingen

Motivation

Ich überlege nach abgeschlossenem Studium noch einen Public Health Master zu machen, da ich mir vorstellen koennte spaeter einmal in einer NGO zu arbeiten. Ich wollte diese Chance also nutzen, um zu sehen, ob sich mein Wunsch dadurch verfestigt. Hinzu kommt, dass mich Indien schon immer fasziniert hat und ein Praktikum dieser Art eine gute Moeglichkeit bietet, das Land von einer realeren Seite kennenzulernen als beim Reisen. Außerdem hatte ich Lust auch mal unabhängig von den vorgeschriebenen Praktika des Studiums meinen Horizont zu erweitern und mir selbst ein Bild von einem so komplexen Land wie Indien und dessen Gesundheitsstruktur Machen.

Vorbereitung

Ich habe mich im Herbst 2016 auf verschiedene Public Health Projekte beworben, jedoch kam nur das Institute for Indian Mother and Health in Frage, da ich zu dieser Zeit mein Physikum noch nicht abgeschlossen hatte.
Neben einigen Büchern (z.B. Shantaram) und Blogs zum Thema Indien habe ich mich im Vorfeld noch anhand von alten Erfahrungsberichten informiert. Sehr hilfreich kann außerdem die Webseite der deutschen Unterstützer des Projektes sein. Ihr könnt auch jederzeit alte Freiwillige anschreiben um einen besseren Eindruck zu bekommen. Leider konnte ich aus zeitlichen Gründen nicht an einem Vorbereitungsseminar teilnehmen.

Visum

Für meinen Aufenthalt habe ich ein Touristenvisum beantragt. Mittlerweile geht das alles online. Für das E-Visum benötigt man zwar einige Unterlagen sowie Fotos, jedoch ist es definitiv nicht nötig eine Visaagentur damit zu beauftragen.
Es werden zum Beispiel spezielle Fotoformate verlangt, die man jedoch mit einem speziellen Anpassungstool aus dem Internet problemlos aus Handyfotos herstellen kann.
Das E-Visum kostet ca. 30 US-Dollar und man bekommt die Bestätigung bereits nach einigen Werktagen per Email zugeschickt. Einfach das bestätigte Formular ausdrucken und bei der Einreise vorzeigen. Mein Visum war 60 Tage mit Double-Entry gültig – ideal also wenn man danach noch ein wenig das Land erkunden möchte.

Gesundheit

Ich habe ca. 6 Wochen vor Abflug mit den fehlenden Impfungen begonnen, etwas mehr Zeit wäre jedoch sinnvoll gewesen. Auf der Webseite des Auswärtigen Amtes stehen die aktuellen Impfempfehlungen. Ich habe mich dazu entschieden Polio, sowie alle gängigen Reiseimpfungen nochmal aufzufrischen (Tollwut, Tetanus, Hep A, Japanische Encephalitis..). Trotz geringem Malariarisiko hatte ich nur vorsichtshalber Malarone-Tabletten dabei, habe diese jedoch nicht regelmäßig eingenommen.
Meine Reiseapotheke bestand hauptsächlich aus Durchfallmedikamenten, Schmerztabletten, Malarone, DEED-Mückenspray, Hydrocortisoncreme (gegen fiese Mückenstiche), Breitbandantibiotikum und Verbandszeug. Generell sind aber jegliche Medikamente (außer Malarone) viel billiger in Indien verfügbar!
Ich hatte außerdem eine Reisekrankenversicherung meiner deutschen Krankenversicherung mit Rückholversicherung. Besonders empfehlenswert ist sonst auch die Reiseversicherung des ADAC oder der Apobank.

Sicherheit

Ich habe keine extra Versicherung oder dergleichen abgeschlossen, dennoch ist es ratsam sich eine zweite Kreditkarte mitzunehmen und seine Dokumente (Reisepass etc.) zu kopieren, bzw. einzuscannen.
Im Volunteerhouse gibt es auch kleine Spinde, wo man Wertsachen einschließen kann, jedoch braucht man hierfür sein eigenes Schloss.
Insgesamt habe ich mich trotz der Geschichten, die man in den Medien mitbekommt, eigentlich durchgehend sicher gefühlt. Wenn man nicht möchte, muss man als Mädchen auch nie alleine irgendwohin, da es immer genug andere Praktikanten gibt, die einen begleiten. Auf der täglichen Strecke vom Haus zum Projekt sind z.B. alle TukTuk-Fahrer schon an die Volunteers gewöhnt und wissen direkt wo man hinfahren möchte.

Geld

Die Landeswährung ist indische Rupia, der Wechselkurs war während meinem Aufenthalt ca. 1 Euro = 70 R.. Man darf keine Rupia in das Land einführen, die einfachste Möglichkeit ist also eine Kreditkarte mitzunehmen und direkt nach Ankunft am Flughafen Geld abzuheben. Indien ist sehr billig, sodass ihr erstmal gar nicht so viel braucht. Das Teilnahmegeld kann man direkt in Euro oder Rupia bar vor Ort bezahlen. Das Projekt tauscht außerdem auch Euro in Rupia um. Ich kann die Apobank wegen der guten Konditionen und dem kostenlosen Abheben empfehlen.

Sprache

Die Hauptsprache in Kolkata ist Bengali. Außerdem werden Hindi und Englisch gesprochen. Im Projekt sprechen die Meisten zumindest gebrochenes Englisch, man kann sich also verständigen. Die Patienten können fast ausschließlich nur Bengali, was die Kommunikation sehr schwierig macht. Manchmal können indische Freiwillige beim Übersetzen helfen oder die Ärzte erklären alles nochmal auf Englisch. In der ersten Woche wird jeden Tag eine Stunde Bengalikurs angeboten, wo man die wichtigsten Wörter für den Alltag lernt. Ingesamt lässt sich verallgemeinern: Je besser die Bildungsmöglichkeiten, desto besser das Englisch..

Verkehrsbindungen

Egal wohin man in Indien reisen will, Zug, Bus, Taxi, Uber und Tuk-Tuk sind im Vergleich zu Deutschland sehr billig. Besonders die Reise mit einem indischen Nachtzug kann ich nur empfehlen!
Der indische Verkehr ist etwas gewöhnungsbedürftig, aber ich fand schnell heraus, dass es hinter dem ganzen Chaos auch ein eigenes System gibt und jeder viel mehr auf andere Verkehrsteilnehmer achtet als in Europa.
Um zum Projekt zu kommen bin ich jeden morgen Metro und Tuktuk gefahren.

Kommunikation

Ich habe mich mit Englisch sowie ein paar Brocken Bengali durchgeschlagen, was auch sehr gut geklappt hat. Die meisten Volunteers kaufen sich anfangs eine Simkarte um dann sowohl nach Hause als auch untereinander kommunizieren zu können. Es gibt zwar Wlan in dem Projekthauptsitz, allerdings fällt das oft aus und in der Unterkunft gibt es kein Wlan.

Unterkunft

Das Projekt stellt ein eigenes Volunteer house in einem relativ guten Stadtteil Kalkuttas bereit. Ich habe dort in einem Dreierzimmer gewohnt. Bettzeug ist vorhanden, die gestellten Moskitonetze sind aber teilweise schon durchlöchert, weshalb ich mein eigenes benutzt habe.
Es gibt 3 Stockwerke, einen Gemeinschaftsraum und eine Küche, wo man sich selbst verpflegen kann. Pradip ist der “Hausmeister”, er wohnt die ganze Woche mit den Volunteers im Haus, man kann Wasser und Klopapier zu normalen Preisen bei ihm kaufen. Er hat eigentlich auch immer gute Tipps für Ausflüge parat und ist sehr interessiert an anderen Kulturen/Sprachen.

Literatur

Ich habe während meines Aufenthaltes “Shantaram” gelesen. Ich hatte auch noch ein Wörterbuch “Medizinsches Englisch” dabei, das ich aber nicht wirklich benutzt habe. Im Vorfeld habe ich mich anhand von einigen Blogs, Interviews und kritischen Artikeln über NGO’s in Indien sowie indische Frauenrechte informiert.

Mitzunehmen

Kleidungstechnisch sollte man im Projekt immer leichte lange Hosen sowie ein Schulterbedeckendes Tshirt tragen, in Kalkutta kann man aber super billige Hosen etc. kaufen.
Ich hatte noch ein Schlafsackinlet aus Baumwolle, ein Moskitonetz, Flip Flops (falls ihr in der Regenzeit dort seid!!!), meine Reiseapotheke, einen Tagesrucksack und einen flachen Bauchgurt für mein Geld/Kreditkarte dabei.
Außerdem nehmen viele Volunteers noch ihr eigenes Stethoskop sowie Handschuhe und Desinfektionsmittel mit, jedoch ist davon im Projekt auch reichlich vorhanden und ich bin gut ohne Stethoskop klargekommen.

Reise und Ankunft

Normalerweise kostet ein Flug nach Kalkutta ca. 500-600 Euro, abhängig vom Zeitpunkt der Buchung. Ich hatte mit dem Projekt abgesprochen, dass mich jemand vom Flughafen abholt (600 Rupees) und zum Guesthouse bringt. Leider konnte ich am Flughafen niemanden finden, als ich jedoch Dr. Sujit von einem indischen Telefon aus angerufen habe, hat er alles organisiert. Letztendlich musste ich dann nochmal 2 Stunden auf eine andere Praktikantin aus Schweden warten, bevor es 1 ½ Stunden durch den indischen Verkehr zur Unterkunft ging.
Wenn man möchte, kann man noch am Tag der Ankunft mit den anderen Volunteers ins Projekt, ich würde jedoch erstmal ein bisschen Ruhe empfehlen, da man den Weg zurück nur schwer alleine findet und so unter Umständen sehr lange im Projekt bleiben muss.
Während der ersten Woche finden einige Einführungstreffen sowie ein persönliches Gespräch mit dem Projektleiter Dr. Sujit statt.


Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Am ersten Tag bin ich mit den Freiwilligen des Vormonats mitgelaufen und mir das Projekt zeigen lassen. Abends hatten wir eine offizielle Begrüßung durch Dr. Sujit, sowie direkt den ersten Bengalikurs.

Normalerweise gibt es 2 Freiwilligenkoordinatorinnen und man kann sich am Vortag für verschiedene Teile des Projekts eintragen. Das Tätigkeitenfeld reicht von Medizin über Menschenrechte bis hin zu Schulbildung. Möglichkeiten der Tagesgestaltung sind z.B. Wunderversorgung und Injektionen verabreichen in den Outdoor-Clinics, Hospitation bei verschiedenen Ärzten, Visite, Besuch im Frauenprojekt, Besuch der Patenkinder, eine Schulstunde geben, mit den Kindern des Behindertenzentrums spielen, im Kindergarten vorbeigucken, beim Mikrokreditprogramm helfen usw..

Der medizinische Teil des Projektes hat den Hauptstandort in der “Indoor Clinic”, wo neben ca. 20 Betten für Frauen und Kinder und dem Krankenschwesterzimmer auch Verwaltung und Besprechungsäale untergebracht sind. Hinzu kommen mehrere ländlichere “Outdoor Clinics”. Die Ärzte fahren an jedem Tag der Woche in eine andere dieser Tageskliniken um den Patienten eine medizinische Grundversorgung zu geben. Schwerere Fälle kommen in die “Indoor Clinic” oder werden je nach finanziellen Möglichkeiten in andere Krankenhäuser überwiesen.
Es arbeiten unter Anderem eine Gynäkologin, ein Augenarzt, ein Pathologe, ein Dermatologe und einige Allgemein- und Kinderärzte im IIMC. Für die Visite in der “Indoor Clinic” rotieren die Ärzte jeden Tag, sodas man hier die Chance hat viele Fragen zu stellen.
Ein weiterer Teil ist die Prävention. Viele gesundheitliche Probleme lassen sich auf mangelnde Hygiene zurückführen. Es gibt ein Seifenprojekt, die selbstgemachte Seife wird in kleinen Portionen an Bedürftige verschenkt und in allen Outdoorclinics hängen Plakate zur Körperhygiene. Außerdem finden alle paar Wochen Vorträge zb. über die häufigsten Erkrankungen statt, zu dem aus jedem Dorf ein paar Frauen kommen, um die Informationen später an den Rest weiterzugeben. Auch Aufklärung und Sexualkunde für Jugendliche werden angeboten.
Ich habe zusammen mit einem finnischen Freiwilligen z.B. beim Gender Equality Programm mitgemacht.

Grundsätzlich gilt, dass man super seine eigenen Ideen einbringen kann und jeder selbst entscheidet wie viel Zeit und Geduld er in die Mitarbeit beim IIMC investieren möchte.

Wer nach Indien fliegt um viel Neues aus dem medizinischen Bereich zu lernen, ist hier definitiv Fehl am Platz. Trotzdem bekommt man einen guten Einblick in die medizinische Grundversorgung und kann bei Interesse viel von den Ärzten erfahren. Das Projekt ist aber vor Allem für Studenten geeignet, die auch mal andere Teile einer NGO kennenlernen wollen.

Land und Leute

Indien ist ein wahnsinnig facettenreiches Land mit vielen verschiedenen Provinzen, von denen die meisten ihre eigene Sprache, ihr eigenes Essen und eine eigene Kultur besitzen. Fährt man ein paar Stunden Zug fühlt man sich fast wie in einem anderen Land. Die Leute sind trotz der Sprachbarriere sehr aufgeschlossen, freundlich und versuchen einem immer weiterzuhelfen. Nichtsdestotrotz fällt man in Kolkata als Europäer einfach auf und wird schon auch mal aus Neugierde angeguckt.
Die Rolle der Frau ist in Indien definitiv noch ganz anders als in Europa, allerdings hatte ich ein wenig das Gefühl, dass wir Freiwillige eher eine Ausnahme darstellten.

Ich hatte Sonntags immer frei und so hatte ich die Möglichkeit die Stadt Kolkata mit ihren vielen Tempeln, Märkten und Museen zu erkunden. Es gibt Parks und Monumente aus der englischen Kolonialzeit, das Haus der heiligen Mutter Theresa, ein indisches Museum, einen botanischen Garten, den Seitenarm des Ganges, Shopping malls und einiges mehr zu entdecken.

Ein Wochenende im Monat bekommt man komplett frei, ich war mit anderen Freiwilligen in der heiligen Stadt Varanasi und in Agra beim Taj Mahal. Eine weitere Möglichkeit war die letzten Jahre in den Norden nach Darjeeling zu reisen, im Sommer 2017 war die Provinz leider wegen politischer Unruhen nicht für Touristen zugänglich.

Eine weitere Möglichkeit mehr vom Land zu entdecken ist ein paar Tage zu dem Teilprojekt auf dem Land am Flussdelta in Dhaki zu verbringen. Dort kann man das "echte" Indien außerhalb der Großstadt erleben. Man wohnt auf dem IIMC-Gelände mit einer Outdoorclinic und einer Grundschule zusammen mit einigen anderen Mitarbeitern.
Alle sind total motiviert einem die Gepflogenheiten des Landes näher zu bringen und wir haben zusammen gekocht oder Musik gemacht. Besonders der Leiter spricht sehr gutes Englisch und kann viel über die Kultur erzählen.
Die Bewohner dieser Region arbeiten hauptsächlich in der Landwirtschaft. Die Regierung hat erst vor kurzer Zeit begonnen Toiletten für die Familien vor Ort zu bauen und die Straßen werden langsam zugänglicher. Hier funktionieren das Mikrokreditprogramm sowie die Frauenprojekte besonders gut.
Die Tage in Dhaki waren für mich definitiv am Eindruckvollsten.

Das typisch bengalische Essen ist Reis mit Dal (Linsen) und ein wenig Gemüse. Es wird ingesamt ziemlich fettig gekocht, aber man kann sich überall an der Straße Frisch gekochtes Essen oder Obst kaufen. Die Inder lieben außerdem ihren Nachmittagstee, der auch im Projekt jeden Nachmittag mit viel Zucker und Milch ausgeschenkt wird.

Fazit

Meine anfänglichen Bedenken als Mädchen alleine nach Indien zu reisen sind bereits innerhalb der ersten paar Tage verflogen. Das Land und die Leute haben mich wahnsinnig fasziniert und ich bin sehr froh die Möglichkeit gehabt zu haben, mit den Einheimischen näher in Kontakt zu kommen und in die so farbenfrohe andere Kultur einzutauchen. Das Projekt hat mir gezeigt, wie man mit wenigen Mitteln sehr vielen Leuten eine medizinische Behandlung ermöglichen und die Lebensumstände deutlich verbessern kann. Ich will diese Erfahrungen nicht missen und hatte eine super Zeit in Kolkata und dem Institute for Indian Mother and Child.

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