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Brazil (DENEM)

Orthopädie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Konstantin, Wessin

Motivation

Für mich kam eigentlich nur Brasilien in Frage, da ich in Lissabon ein Auslandssemester gemacht habe und deshalb vor Allem mein Portugiesisch auffrischen, aber auch Land und Leute kennen lernen wollte.

Vorbereitung

Ich war der Finanzverantwortliche der bvmd im Jahr 2015. Folglich hatte ich mit den Formalitäten keine Probleme. Besonders wichtig hierbei ist das Sprachzertifikat frühzeitig vorhalten zu können. Die restlichen Dokumente können auch noch kurz vor der Bewerbungsabgabe erstellt werden. Alle restlichen Formalitäten sind detailliert auf der Seite der bvmd erklärt.

Visum

Ein Visum war nicht notwendig. Ich konnte mit dem 90-tägigen Touristenvisum, welches ich bei der Einreise bekam meine Famulatur realisieren.

Gesundheit

Ich benötigte einen Tuberkulosetest, den ich glücklicherweise schon vorhalten konnte. Weiterhin impfte ich mich gegen alle notwendigen Erkrankungen, die von der STIKO empfohlen wurden. Darüber hinaus nahm ich meine Reiseapotheke bestehend aus diversen Schmerzmitteln, Antibiotika, Antihistaminika usw. mit. Gerade die Antibiotika waren sehr hilfreich, da ich eine Zahnfleischentzündung hatte und die Brasilianer in meinem Sommer die Produktion beinahe aller Penicilline eingestellt hatten.

Sicherheit

Brasilien ist leider ein recht unsicheres Land. Man sollte nach Sonnenuntergang gerade als europäisch aussehender Mensch sich nicht mehr allein auf der Straße aufhalten. Abends und Nachts werden praktisch alle Wege mit dem Uber oder Cabify zurückgelegt. Auch bei dem Besuch von Favelas ist Vorsicht geboten. Ebenfalls sollte man besonders am Strand auf seine Sachen achten und nur das nötigste, gerade wenn man allein unterwegs ist, mitnehmen. Portmonee und Handy am besten immer nahe am Mann tragen. Niemals den Pass mitnehmen. Ein deutscher Personalausweis reicht aus, um sich in den Clubs auszuweisen.

Geld

In Brasilien wird mit Real bezahlt. Bei mir betrug der Umrechnungskurs knapp 1:3,7. Es werden keine anderen Währung akzeptiert und es ist üblich überall mit der Kreditkarte zu bezahlen, sogar am Strand. Viele Banken verlange eine Umtauschgebühr außer Bradesco und Banco do Brasil. Im Vergleich zu Deutschland ist Brasilien bemerkenswert teuer. Nur die Grundnahrungsmittel wie Reis, Kartoffeln, Bohnen und Rindfleisch sowie einiges Obst sind günstiger. Beinnahe alles Andere ist gleichwertig teuer oder sehr viel teurer. Besonders hoch sind die Preise dabei in Rio de Janeiro und Sao Paulo. Auf dem Land ist es etwas günstiger.

Sprache

Im gesamten Land wird fast ausschließlich Portugiesisch gesprochen. Selbst Akademiker können oft kein Englisch. In Rio und Sao Paulo sprechen meiner Erfahrung nach auch nur etwa 10% - 20% der Menschen wenigstens rudimentär Englisch. Ich habe Portugiesisch damals in meinem Auslandssemester und durch meinen Exfreund gelernt. Man kann gut Basiskurse in Portugiesisch an der Uni belegen, um sich durchzuschlagen. Für das Krankenhauspraktikum reicht das aber definitiv nicht, da selbst die Ärzte oft nur sehr schlechtes bis gar kein Englisch sprechen.

Verkehrsbindungen

Die Flüge nach Brasilien sind sehr teuer gerade in der Hauptsaison. Man muss mindestens mit 600€ rechnen. Annehmbare Verbindungen bekommt man im Sommer dann ab 750€. Ich bin mit Lufthansa direkt von Frankfurt nach Rio geflogen. Es gibt aus Deutschland aber auch direkte Verbindungen nach Sao Paulo, Recife und Fortaleza. Damit ich noch ein möglichst günstiges Ticket ergattern konnte, habe ich dieses 6 Monate im voraus gebucht und 760€ bezahlt. Im Land bewegt man sich am schnellsten mit dem Flugzeug fort. Die Inlandsflüge sind aber gerade kurzfristig gebucht sehr teuer. Das gut ausgebaute Bussystem ist dabei eine gute Alternative, dauert aber natürlich auch sehr viel länger. Die brasilianischen Busse sind aber, entgegen aller Europäischen Annahmen, recht luxuriös und zuverlässig. Das Bahnsystem ist sehr schlecht ausgebaut und kommt aufgrund der fehlenden Anbindungen oft nicht in Frage. Alles in Allem sind die Fluggesellschaften und Busse recht zuverlässig und sicher.

Kommunikation

Ich habe mir gleich am ersten Tag eine Simkarte vor Ort geholt und für 20 Real aufgeladen. Dafür bekommt man knapp 2 Wochen 1Gb je Woche mobiles Internet. Der Netzausbau ist sehr gut und man hat praktisch überall Empfang. Mit diesem Datenvolumen habe ich praktisch alles gemacht. In meiner Gastfamilie hatte ich dann Wifi Zugang, um die datenintensiveren Dinge zu erledigen.

Unterkunft

Ich kam bei einer Gastfamilie unter, die alle 2-3 Tage von ihrem Hausmädchen bekocht wurde. Dieses wusch auch regelmäßig meine Wäsche und war sehr nett. Die Unterkunft wurde von der dortigen Medizinstudierendenvertretung organisiert und ich wurde von meinem Buddy vom Flughafen abgeholt. Insgesamt war ich in einer sehr netten Gastfamilie untergebracht.

Literatur

Ich kann den Reiseführer von Stefan Loose jedem nur wärmstens ans Herz legen. Ansonsten habe ich keine weiteren Bücher/ Internetseiten oder ähnliches gelesen. Medizinische Literatur hatte ich noch aus meinem Auslandssemester in Portugal. In der ich nach Bedarf noch einiges nachschauen konnte.

Mitzunehmen

Unbedingt sollte man einen Steckdosenadapter mitnehmen, da die Brasilianer ca. 3 verschiedene Steckdosentypen je nach alter des Gebäudes verwenden. Ebenfalls sind Pflegeprodukte und dabei besonders Sonnencreme mitnehmenswert, da diese oft sehr teuer sind. Als Gastgeschenk eigenen sich besonders gut Lindtschokolade und Rotwein, da diese in Brasilien fast unbezahlbar sind. Es ist immer warm in Brasilien auch in deren „Wintern“ (außer südlich von Sao Paulo), sodass man immer kurze luftige Kleidung tragen kann.

Reise und Ankunft

Ich kam einen Tag vor dem Beginn meines Praktikums an. Die Reise verlief reibungslos und ich wurde von meinem Buddy am Flughafen vor Ort abgeholt und zu meiner Gastfamilie gefahren. Am nächsten Tag erfolgte eine zentrale Einweisung durch das Austauschbüros der Fakultät und durch die für den Austausch verantwortlichen Studenten. Danach ging der Alltag im OP dann los.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich habe meine Famulatur im Bereich der Orthopädie/Unfallchirurgie absolviert. Am ersten Tag wurde ich von einem verantwortlichen Studenten zu meinem zugewiesenen Arzt gebracht. Dieser erklärte mir dann alle Abläufe und wie ich mich zurechtfinden konnte. Besonders streng war dabei jedoch ganz unverhofft die Kleiderordnung. In diesem tropischen Land sind weit ausgeschnittene Kleider/Tops für Frauen tabu. Genauso wie kurze Hosen für Männer. Man erscheint in den Augen der Brasilianer nur als ein seriöser Arzt mit bedeckten Beinen und relativ hoch geschlossen selbst bei 40 °C. Montags und Freitags morgens nahm ich an der ambulanten Fuß und Handsprechstunde teil. Dienstag und Donnerstag am OP-Betrieb und Mittwoch an einer Art speziellen Fallbesprechung mit anschließendem Vortrag zu neuerlichen Operationsmethoden. Die gesamte Konversation lief dabei nahezu auf Portugiesisch ab, da nur wenige Ärzte auch nur rudimentär der englischen Sprache mächtig waren. An meinen OP Tagen war ich vornehmlich für Wirbelsäulen-Operationen eingeteilt, konnte jedoch auch gynäkologischen, urologischen, viszeralchirurgischen und natürlich auch anderen orthopädischen Operationen beiwohnen. Ich dürfte ab und an bei diesen Operationen assistieren und ansonsten zuschauen. Das Krankenhaus in dem ich meine Famulatur ablegte war ein öffentliches brasilianisches Krankenhaus mit für deutsche Verhältnisse eher den Standards eines Entwicklungslandes. Schlechte hygienische Bedingungen, überalterte Anlagen und Materialknappheit waren an der Tagesordnung. Die medizinische Ausbildung in Brasilien wird zumeist von privaten medizinischen Fakultäten übernommen und kostet sehr viel Geld. Um die wenigen Plätze an den staatlichen medizinischen Fakultäten, die kostenlos sind, ist ein harter Kampf entbrannt. Bei privaten medizinischen Fakultäten muss dabei mit Kosten von ca. 120.000 € für das 5 jährige Studium gerechnet werden. Sobald eine Klausur nicht bestanden wird, werden Strafgebühren fällig. Gerade deshalb sind die meisten Studenten sehr strebsam. Dies Das brasilianische Gesundheitssystem ist wie der Rest des Landes desaströs organisiert und wird durch die in allen Bereichen vorherrschende Korruption in Brasilien immer weiter in die Knie gezwungen. Die Brasilianer bezahlen auch knapp 10% ihres Einkommens für die öffentliche Gesundheitsversorgung, jedoch sind diese Gelder nicht zweckgebunden, sodass jede Regierung diese nach belieben ausgibt, nur nicht für das Gesundheitssystem. Deshalb ist eine zufriedenstellende Behandlung nach westlichen Standards nur an teuren privaten Krankenhäusern gewährleistet.

Land und Leute

Ich hatte meist nur vormittags Famulatur, sodass ich mich Nachmittags fast immer an den Strand gelegt habe , wenn das Wetter sonnig war. Darüber hinaus gab es wenig in Vitoria zu sehen, die brasilianische Kultur legt leider wenig Wert auf kulturelle Bildung durch Museen, Oper oder Theater als viel mehr auf Party, Strand, Essen, Sport und schöne Körper. Weiterhin besuchte ich den Geburtsort meines Exfreundes nördlich von Vitoria mit traumhaften Stränden. Nach meinem Praktikum reiste ich weiter nach Sao Paulo, Ilha Grande und Rio de Janeiro. Auch Sao Paulo hat für eine Stadt von 11 Millionen Einwohnern eher wenige Museen zu bieten, sodass man innerhalb von 3 Tagen alles Wichtige gesehen hat und man sich um das rege Nachleben sorgen kann. Ähnlich sieht es in Rio aus, jedoch sind die Cariocas etwas gelassener und Rio gestaltet sich durch seine Lage am Meer sowie durch seine regenwaldbedeckten Berge mitten in der Stadt als landschaftlich sehr viel interessanter. Meinen schönsten Aufenthalt hatte ich auf der tropischen Insel Ilha Grande. Diese ist nur mit dem Boot zu erreichen und es gibt auf dieser keine Autos. Man muss alles zu Fuß oder mit dem Boot erkunden. Es erwartete mich glasklares Wasser, saubere Strände und ein tropischer Regenwald auf einer fast unberührten Insel. Gerne hätte ich noch den Nord-Osten von Brasilien gesehen, doch dafür war mein Aufenthalt leider zu kurz. Dabei sollte man jedoch auf seine Sicherheit achten, denn gerade Fortaleza, Salvador, Natal und einige andere Städte im Nordosten sind gerade für weiße Europäer ohne Portugiesischkenntnisse mit Vorsicht zu genießen.
Die Brasilianer sind ein unglaublich stolzes Volk. Sie lieben ihr Land, ihre Lebensweise, ihre Natur, den Strand, ihr Essen und ihren Körper. Dabei sind Viele aber sehr unreflektiert. Sie leben in einem Land zerfressen von Korruption, welches seine Natur weitgehend ohne Rücksicht auf Umweltschutzrichtlinien zerstört. Die sozio- ökonomische Segregation führt zu einer hohen Kriminalitätsrate und eine Wirtschafts-/Politikkrise jagt die Nächste. Mir sind in meinem Leben noch nie so viele ungebildete, oberflächliche Menschen auf einem Haufen begegnet, die ihre mentalen Unzulänglichkeiten, aufgrund der überteuerten universitären Bildung und minderwertigen Schulbildung mit Botox, Silikon und Testosteron wegspritzen. Effizienz ist weitgehend ein Fremdwort für diese Menschen genau wie Englisch oder die Kenntnis irgendeiner anderen Sprache. Meiner Meinung nach ruhen diese sich oft auf ihrer grenzenlosen Selbstzufriedenheit aus und nehmen nur wenige Probleme aktiv war bzw. versuchen etwas zu ändern.

Fazit

Ich kann jedem nur wärmstens einen Besuch von Brasilien ans Herz legen. Die verbliebene Natur außerhalb der großen Städte ist atemberaubend schön genau wie seine tropischen Strände. Wenigstens rudimentäre portugiesisch Kenntnisse sollte man dafür aber mitbringen. Der Frohsinn, die Gastfreundschaft, die Lebensfreude, die Party- und Strandkultur der Brasilianer ist wohl einmalig auf der Welt. Wen ständige Variationen aus Bohnen, Rindfleisch, Reis und Pommes nicht stören, der wird sich hier auch zu Hause fühlen. Ich würde immer wieder gerne für eine gewisse Zeit zurückkommen, um auch die mir noch unbekannten Ecken zu erkunden. Mehr als 6 Wochen halte ich es wahrscheinlich dort jedoch nicht mehr aus.

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