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Brazil (IFMSA-Brazil)

Gynäkologie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Sophia, Düsseldorf

Motivation

Ich wollte schon lange einmal nach Südamerika. Der Kontinent hat mich schon immer gereizt, weil er so vielfältig ist und mit allen Jahreszeiten ausgerüstet ist. Ich habe schon sehr viel von Freunden über Südamerika gehört. Wichtig für mich war auch, dass die Menschen dort so offen sein sollen. Diese Erwartung wurde mehr als Erfüllt!

Vorbereitung

Meine Vorbereitung belief sich auf eine Auslandskrankenversicherung und dem Lernen von Portugiesisch. Leider hatte ich nicht mehr die Möglichkeit einen Sprachkurs zu machen vorher. Ich hätte ihn gerne gemacht und kann auch empfehlen, das vorher zu machen. In Brasilien selbst war es sehr schwierig, einen Sprachkurs zu finden (wobei das auch auf die Stadt ankommt), aber dazu kommt, dass man nicht so viel Freizeit neben dem Krankenhaus hat. Ich habe zumindest mit ein paar Apps etwas gelernt. Ich finde das ist ein Muss zur Vorbereitung. Und ich habe gemerkt, schon die wenigen Wörter und Sätze haben mir in einigen Situationen weitergeholfen.

Visum

Ein Visum wird in Brasilien erst ab einem Aufenthalt von über 90 Tagen benötigt, daher musste ich mich um nichts kümmern.

Gesundheit

Die Vorbereitung belief sich einmal auf potentielle Impfungen und eine Auslandsversicherung. Was für mich noch wichtig war, dass ein Reiserücktransport in meiner Versicherung enthalten war. Ich habe Gelbfieber impfen lassen, ich denke, das ist in ganz Brasilien sinnvoll. Tollwut braucht man eigentlich nur, wenn man einen Ausflug in den Regenwald machen will. Es gibt zwar viele herrenlose Hunde auf den Straßen, aber ich habe keine schlechte Erfahrung gemacht (gut man muss vielleicht nicht unbedingt hinrennen und streicheln). Malariaprophylaxe sollte man sich für die Tropengebiete holen. An der Küste besteht keine Gefahr. Dennoch kann ich ein Insektenspray mehr als empfehlen. Ihr werdet es brauchen! Ich hatte vorher noch nie so große „Flatschen“ von einem Mückenstich.

Sicherheit

Natürlich hört man viel über die Kriminalität in Brasilien und ich hatte durch die ganzen Erzählungen von Freunden und aus dem Internet auch schon einige Befürchtungen. Meine Vorkehrung war also, ein Ersatzhandy mitzunehmen. Wichtig war für mich aber auch, dass ich noch qualitativ gute Fotos damit schießen konnte. Denn mit einer Kamera rumzulaufen enttarnt dich natürlich noch mehr als Nichteinheimischer. Ich hatte sogar eine Beuteltasche, die man unter die Hose schnallen kann. Ehrlich gesagt habe ich sie aber kaum getragen.
Was man wissen sollte (worüber man aber auch von jedem dort aufgeklärt wird) ist, dass man 1. Nicht mit dem Handy in der Hand die ganze Zeit rumlaufen sollte. (in Rio gibt es Motorrollerfahrer, die dir das Handy wegschnappen, während du Fotos machst)
2. nicht alleine irgendwo rumlaufen, wenn es dunkel ist
3. keinen Goldschmuck oder auffallend teuren Schmuck/Handtaschen tragen

Am Ende ist mir gar nichts passiert. Vielleicht weil ich mich daran gehalten habe, was einem alle sagen. Aber zu paranoid muss man auch nicht sein. Ich hatte immer mein Handy bei mir und habe es auch immer mal wieder benutzt (z.B. wenn man nicht gerade alleine in einer einsamen Gasse ist ;) )

Empfohlen wird einem auch, dass man immer etwas Geld dabei haben sollte, welches man abgeben kann, damit es nicht zur Gewalt kommt. Ich habe meinen Geldbeutel aus Deutschland gar nicht mitgenommen mit allen Karten usw.

Geld

In Brasilien gibt es die Währung Reais. Zu der Zeit als ich in Brasilien war ist die Umrechnung ca. 1€=3,7 Reais gewesen. Ich habe mir in Deutschland 80€ tauschen lassen, damit ich am Flughafen und zur Not etwas dabei habe. Aber das wäre eigentlich gar nicht nötig gewesen ;) Ich habe mir eine Kreditkarte in Deutschland besorgt, mit der man bei vielen Banken kostenlos abheben konnte. Natürlich kann man in den ganz normalen Einkaufsgeschäften, wie in Deutschland auch, mit Kreditkarte zahlen.
Essen und Trinken ist in Brasilien günstiger als in Deutschland. Vor allem cool war es, in Rio an jeder Ecke ein Smoothieladen zu finden, in dem man für 3 oder 4 € einen zusammengestellten Saft trinken konnte. Der Rest, also Kosmetikartikel und Kleidung sind aber genauso teuer würde ich sagen.

Sprache

In Brasilien wird portugiesisch gesprochen. Das europäische Portugiesisch weicht aber leicht ab vom Brasilianischen. Mir wurde aber gesagt, dass das Brasilianische sogar einfacher wäre. Wenn Ihr die Möglichkeit habt, würde ich einen Sprachkurs vorher auf jeden Fall empfehlen, dann könnt ihr euch mit den Einheimischen problemlos in ein Gespräch verwickeln, die sind nämlich sehr offen und freundlich. Ich selbst kam aber mit einigen Wörtern und Sätzen auch nicht zu kurz. Irgendwie kann man sich immer verständigen ;)
Das Englisch ist in Brasilien leider nicht so verbreitet wie in Europa. Was wohl an der fehlenden Bildung in der Richtung liegt. In der Schule wird es zwar gelehrt, aber wenn es nicht angewendet wurde vorher, sprechen viele auch gar kein Wort Englisch, obwohl sie noch Recht jung sind. Da ich in einem staatlichen Krankenhaus war, hatten wir meistens Patienten, die aus der ärmeren Bevölkerungsschicht kommen und deshalb kein Wort Englisch sprechen. Dann war es natürlich hilfreich und manchmal auch notwendig, dass jemand dabei war, der die Anamnese erheben konnte.

Verkehrsbindungen

Von Deutschland aus habe ich für die beiden Flüge 1200€ gezahlt. Ich empfehle euch auch, die An- und Rückreise ca. 3 Monate vorher zu buchen, sonst wird es teurer. In Brasilien selbst kann man die Inlandsflüge auch ruhig erst ein paar Wochen vorher buchen. Diese beliefen sich bei mir (500km) um die 70€. Was aber toll ist in Brasilien ist die Fahrt mit dem Reisebus. Diese ist recht günstig und kann auch noch ziemlich spontan gebucht werden. Ich bin einige Male auch über Nacht gefahren, um Zeit zu sparen, das ging auch Recht gut, da die Busse sehr gut ausgestattet sind und gemütlich. Nehmt euch aber auf alle Fälle eine Decke oder was Warmes zum Anziehen mit (auch hier ist die Klimaanlage wieder am Start).
Innerhalb einer Stadt gibt es entweder Busse (die können auch schon mal gut Verspätung haben). Die Busfahrten sind dann aber auch recht günstig (ca. 1,50€). Oder es gibt in den größeren Städten auch die Subway.

Kommunikation

Ich habe mir in Brasilien direkt eine brasilianische Sim-card gekauft, damit ich Internet habe und zur Not auch meine Gastschwester anrufen kann. Ich habe dann jede Woche automatisch zusätzlich Mbs dazu bekommen, insofern noch Geld drauf´ war. Zuhause hatte ich zum Glück WLAN und konnte mit meinen Lieben aus Deutschland facetimen.
Vergesst nicht, dass nur der kleindte Internetverbrauch auf einem anderen Kontinent mit der deutschen Simkarte schnell mehrere 100€ kosten kann. Also Datenverbrauch ausstellen und nur WLAN nutzen ;)

Unterkunft

Ich habe in einer tollen Gastfamilie gewohnt, die durch IFMSA organisiert wurde. Meine Gastschwester war auch Medizinstudentin und war aktiv in der IFMSA. Mich hätte es nicht besser erwischen können. Die Gastfamilie war so toll. Ich wurde bekocht von meiner lieben Gastmutter und konnte aber auch etwas aus dem Kühlschrank nehmen und mir selbst etwas kochen.

Literatur

Ich habe mich vorher im Internet über die Sicherheit der verschiedenen Städte kund gemacht. Außerdem habe ich mir eine App besorgt, die portugiesisch-deutsch übersetzen kann. Ein kleiner Reiseführer hat mir die Tipps für meine angeschlossene Rundreise gegeben.

Mitzunehmen

Ich habe neben den üblichen Reiseklamotten ein Insektenspray mitgenommen, eine kleine Reiseapotheke, ein Reiseführer, eine Bauchtausche, die man unter der Kleidung tragen kann, ein Schloss, mein Tablet, ein Notizbuch für das Krankenhaus. Überflüssig war mein Kittel, da ich dort Krankenhauskleidung bekam (ich kann empfehlen, diese selbst zu waschen, weil das Waschmittel des Krankenhauses ein Exanthem und Pusteln bei mir hervorriefen). Was ich noch mitnehmen würde, sind Clogs. Schuhe für den OP gab es bei mir auch nicht, das heißt, es kann auch mal passieren, dass deine Sneaker sonst voll mit Blut etc. werden. Ich habe oft in Brasilien gefroren, weil es immer viel gekühlt wurde, wenn man irgendwo drin war, daher würde ich beim nächsten Mal wohl ein/zwei Cardigans mehr einpacken.

Reise und Ankunft

Die Anreise verlief problemlos. Ich wurde am Flughafen abgeholt von meiner Gastschwester und zwei weiteren Mitglieder der IFMSA. Ich hatte sogar noch einen Tag nach meiner Anreise frei, sodass ich mich vom Flug noch etwas erholen konnte. An diesem habe ich den zweiten Austauschstudent getroffen. Er hat mich dann netterweise am ersten Tag ein wenig eingewiesen. Da in dem Krankenhaus jeden Tag andere Ärzte und Studenten waren, habe ich mich einfach jeden Tag neu vorgestellt. Das sollte man also schon auf Portugiesisch sagen können ;)

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Mein Praktikum habe ich in der Geburtshilfe in einem staatlichen Krankenhaus absolviert. In Brasilien gibt es staatliche und private Krankenhäuser. In die privaten Krankenhäuser kann man nur, wenn man eine Versicherung abgeschlossen hat und das können nur die Menschen der oberen Schichten. In staatliche Krankenhäuser kann jeder, auch ohne Versicherung, daher sind dort hauptsächlich Patienten aus den ärmeren Familien. Daraus ergibt sich, dass die Patienten dort alle kein Englisch sprechen konnten. Um die Anamnese zu erheben hätte ich also fließend portugiesisch sprechen können müssen, was leider nicht der Fall war. Somit haben dies immer die brasilianischen Studenten übernommen, ich habe meist aber ein paar Dinge verstanden. Ich habe hauptsächlich in einer Art Ambulanz gearbeitet. Dort wurden die Schwangeren befragt und untersucht. Die Untersuchung habe ich abwechselnd mit den lokalen Studenten gemacht. Dazu gehörte das Abtasten des Bauches mit Bestimmung der Lage, die Bestimmung der Portioweite durch Tasten und die Bestimmung der Herzfrequenz des Föten mithilfe eines Ultraschallgeräts. Außerdem war ich bei einigen Geburten dabei, hier durfte ich auch zweimal das Baby annehmen. Ich durfte die Lazerationen nach der vaginalen Geburt sogar mal nähen. Im OP wurden hauptsächlich Kaiserschnitte durchgeführt. Hier durfte ich zusehen und auch mal mit an den Tisch und zunähen helfen. Daneben habe ich noch eine Kürettage gesehen.
Die Studenten waren meist sehr offen und alle nett. An jedem Tag gab es immer mindestens ein Student, der mehr oder weniger gut Englisch sprach, sodass ich immer einen Ansprechpartner hatte. Aber natürlich muss man sich schon selbst drum kümmern, wenn man etwas sehen oder wissen will (einfach den Mund aufmachen ;) ). Es gab auch einige Ärzte, die Englisch sprechen konnten. Und man muss sich schon selbst einbringen, aber die Ärzte waren alle total nett. Das Studenten-Ärzte-Verhältnis empfand ich im Generellen enger als in Deutschland, jeder duzt sich und ruft sich beim Vornamen. Das Medizinstudium dauert in Brasilien auch 6 Jahre, allerdings benötigt man für eine Facharztausbildung nur ca. drei Jahre. Die Studenten erzählten mir, dass sie immer mehrere Wochen auf einer Station sind, sodass sie viel praktisch machen können. Die Studenten haben schon alleine Patienten aufgenommen und untersucht, ohne Aufsicht des Arztes. Ich denke der Lerneffekt ist hier groß.
Im Vergleich zu deutschen Krankenhäusern war das staatliche Krankenhaus dort deutlich schlechter ausgestattet. Da der Staat zahlen muss, waren die Geräte alle ziemlich alt und es gab zum Beispiel keine MTA, die die Instrumente angibt. Das nimmt sich der Operierende nämlich selbst. Der Anästhesist muss zwischen den Operationssälen auf unterschiedlichen Stationen wechseln, sodass er so lang wie nötig da ist.
Ein großer Unterschied war noch, dass die Schwangeren vor der Geburt alle nur wenig bis kein Schmerzmittel bekamen. Von einer PDA ganz zu schweigen. Es wird lediglich Misoprostol oder Oxytocin gegeben. Auch ein Dammschnitt wird nie durchgeführt, weil die Devise dort ist, je natürlicher, desto besser. Ein CTG wurde ebenfalls nicht verwendet. Die Wehen wurden mit den Händen getastet und gezählt und die Herzfrequenz des Babys wurde mithilfe eines Ultraschalls gemessen.
Insgesamt fand ich es toll, so viel praktisch machen zu dürfen, das kommt in Deutschland doch oft zu kurz. Auch wenn es nur ein übersehbarer Bereich war, habe ich gelernt, wie in Brasilien mit der Geburt umgegangen wird.

Land und Leute

In den ersten paar Tagen waren noch Austauschstudenten von der anderen Organisation da, sodass ich mich diesen anschließen konnte bei ein paar Unternehmungen. Das war echt schön, weil man Leute hatte, die auch was von der Umgebung sehen wollten und nicht für die Uni lernen mussten. Leider mussten sie aber schon bald abfliegen. Mit meiner Gastschwester habe ich auch etwas unternommen. Wir waren am ersten Tag am Strand und ein Wochenende sogar bei Ihren Verwandten in Ouro Preto. Das ist eine relativ alte kleine Stadt, die für den Edelsteinfund bekannt ist. Ich kann es sehr empfehlen, dort hinzufahren.
Leider wurde ich in der zweiten Woche etwas krank, sodass für mich das Partyleben erstmal nicht in Frage kam. Die Brasilianer hören viel Funk im Club und sind sich auch nicht zu schade zum Tanzen. Berührungsängste haben sie auf alle Fälle auch nicht. Als Frau muss man sich darauf einstellen, ziemlich schnell angemacht zu werden.
In Villa Velha gibt es zwei große Hügel, auf die man kann und von denen man einen Wahnsinns Ausblick hat! Auf dem einen ist eine Kirche, hier kann man auch mit dem Bus hochfahren und den anderen kann man über einen abenteuerlichen Pfad erreichen. Beides sehr zu empfehlen! Brasilianer gehen sehr gerne einen ganzen Tag shoppen, deshalb findet man des Öfteren große Shoppingmalls, mit 100 Läden. In Vitoria gibt es einen Ort mit Wasserschildkröten, um darüber aufzuklären, dass diese an den brasilianischen Küsten leben und geschützt werden sollen. Außerdem hat Vitoria schöne kleine Badestrände.
Wir waren einen Tag Moqueca essen, das ist ein sehr leckeres Nationalgericht mit Meeresfrüchten und man bekommt es in Tonschalen angerichtet. Ansonsten essen die Brasilianer viel Reis und Bohnen und oft Fleisch.
Die Menschen in Brasilien sind wirklich alle sehr offen und nett. Vorteilhaft ist es allerdings wirklich, wenn man portugiesisch spricht. Der Großteil der Bevölkerung spricht nämlich kein Wort Englisch.
In Brasilien gibt es viele arme Menschen, die oft in den sogenannten Favelas wohnen (am Hang gelegene unfertige Häuser). Daher auch die hohe Kriminalität. Die Menschen verdienen im Schnitt viel weniger als wir Deutsche. Die Lebensmittel sind zwar etwas günstiger, aber die Konsumgüter und Drogerieartikel teilweise sogar teurer als bei uns. Man findet viele Essstände oder –wägen, womit die Menschen ihr Geld verdienen.
Was ich erschreckend fand, ist die große Kluft zwischen superreich und mausearm. In der einen Ecke findet man riesige Einkaufszentren und Wohnungen für eine halbe Millionen und zwei Straßen weiter zerfallene Häuser. Es gibt in Brasilien viele obdachlose Menschen und hierrunter sind auch viele junge. Wer in Brasilien arbeitslos wird, bekommt nur ein halbes Jahr staatliche Unterstützung. Danach nichts mehr.

Fazit

Meine Erwartungen wurden definitiv übertroffen. Meine Gastfamilie war die Beste, die ich mir hätte vorstellen können. Meine Gastschwester hat mich sogar manchmal zum Krankenhaus gefahren, damit ich nicht 2 Stunden mit dem Bus fahren musste. Im Krankenhaus habe ich interessante Erfahrungen gemacht, die Menschen in Brasilien waren ungefähr so, wie man es sich erzählt und ich werde auf jeden Fall nochmal nach Brasilien reisen. Ich kann den Auslandsaufenthalt nur empfehlen und würde ihn bei Gelegenheit auch selbst nochmal wiederholen.

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