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Indonesia (CIMSA-ISMKI)

Innere - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Esther, Tübingen

Motivation

Ich habe bereits vor meinem Studium eine gewisse Zeit im Ausland gelebt: Von diesem Aufenthalt habe ich damals persönlich und fachlich profitiert. Das Gleiche erhoffte ich mir von einer Auslandsfamulatur: ich wollte erfahren, wie Medizin in einem anderen Gesundheitssystem praktiziert wird. Außerdem wollte ich aus dem normalen studentischen Alltagstrott „ausbrechen“ und eine andere Umgebung kennenlernen. Spezifische Erwartungen hatte ich nicht, da das meist zu Enttäuschungen führt.
Meine Wunschländer waren Israel, Indonesien und Taiwan. An Israel interessierte mich einerseits die Hightech-Medizin z.B. in der Trauma Chirurgie, andererseits die kulturellen, religiösen und historischen Hintergründe dieses faszinierenden Landes. Für Indonesien begeisterte ich mich aus persönlichen Gründen, da meine Paten lange Jahre dort gelebt haben und viele Freundschafen nach Indonesien bestehen.
Außerdem arbeite ich selbst als LEO an meiner Uni und war gespannt, wie die Aufenthalte in anderen Ländern gestaltet werden

Vorbereitung

Ich habe mich auf meinen Aufenthalt leider nicht spezifisch vorbereiten können aus zeitlichen Gründen- ich hätte gerne einen Sprachkurs in Yogyakarta vor meinem Aufenthalt absolviert, da Bahasa (indonesische Landessprache) leicht zu erlernen ist. Das hätte sowohl meine Zeit im Krankenhaus als auch das Reisen sehr erleichtert- die Englischkenntnisse sind abseits von den wirklich großen Touristenspots immer noch sehr begrenzt, selbst Ärzte taten sich schwer.
Außerdem musste ich lange auf die erforderlichen Dokumente von CIMSAR (indonesisches Äquivalent zur BVMD) warten, was die Visumbeantragung verzögerte.
In Deutschland arbeitete ich am PDT (Pre-Depature Training) der BVMD mit, welches einen Input für den eigenen Aufenthalt gibt.

Visum

Ich habe ein „Social Visum“ für 60 Tage beantragt, welches für Praktika erforderlich ist. Die Ausstellung läuft über das jeweils zuständige Konsulat (abhängig vom Wohnort). Auf der jeweiligen Website lässt sich das Procedere nachlesen und die notwendigen Unterlagen. Nachdem endlich alle Unterlagen gesammelt vorlagen (meldet den Bundeskoordinator*innen für Outgoings der BVMD, wenn Unterlagen nicht im zugesicherten Zeitraum zur Verfügung gestellt werden) bekam ich das Visum problemlos in kurzer Zeit.

Gesundheit

Vor meiner Reise habe ich mich von einem Tropen-/Reisemediziner über Impfprophylaxe und Reiseapotheke informieren lassen. Man sollte sich möglichst bald beraten lassen- möglichst 6 Monate vorher um alle Impfungen durchführen lassen (z.B. Tollwut, japanische Enzephalitis etc.). Außerdem WICHTIG: eigenes Moskitorepellent mitbringen- in Indonesien sind diese mit hohem DEET nur schwierig zu erwerben. Indonesier beschwichtigen eine gerne, dass es ja kein Dengue Fieber, Malaria, Chikungunya etc. gibt- ich habe allerdings im Krankenhaus zahlreiche Fälle gesehen.
Eine Auslandskrankenversicherung ist sehr zu empfehlen, möglichst mit inbegriffenem Rücktransport, da die medizinischen Möglichkeiten gerade in Indonesien je nach Region sehr begrenzt sein können. Man sollte zudem darauf achten, dass die Auslandskrankenversicherung die gesamte Reisezeit abdeckt (manche Versicherungen gelten nur für einen Monat).
Für meine Famulatur musste ich nur mein Impfbuch vorlegen- geachtet wird vor allem auf Hepatitis A und B Impfung.
Da ich auf der Tropenmedizin/Infektiologie famuliert habe, bin ich natürlich mit vielen (infektiösen) Patienten in Kontakt gekommen (z.B. MDR-TB, HIV, Typhus, Leptospirose, Dengue, Malaria...). Die Schutzmaßnahmen waren begrenzt- es gab auf vielen Stationen keine Handschuhe und ich konnte mir erst nach 2 Wochen eine Atemmaske besorgen. Ich würde empfehlen, beides vielleicht selbst mitzubringen.
Nach meinem Aufenthalt werde ich nochmals einen Tropenmediziner aufsuchen, um mich nochmal durchchecken zu lassen. Außerdem werde ich einen TB Test machen.

Sicherheit

Ich habe mich Indonesien sehr sicher gefühlt (allerdings ist Indonesien riesig- die Sicherheit ist sehr ortsabhängig). Allgemein begegneten mir die Menschen als sehr freundlich und offen. Am besten man fragt seine Contact Persons, wo man sich aufhalten kann und welche Gegenden man vielleicht meiden sollte.

Geld

In Indonesien wird mit indonesischen Rupiah bezahlt- im Herbst 2017 lag der Wechselkurs bei 15 700 Rupiah/ 1€. Andere Währungen werden, wenn überhaupt, nur in den großen Tourispots wie Bali akzeptiert. Von Tauschstuben würde ich eher abraten, da dort manchmal mit gefälschten Scheinen oder manipulierten Rechnern betrogen wird. Mit Kreditkarte lässt sich in vielen auch kleineren Städten problemlos Geld abheben und in Unterkünften bargeldlos bezahlen. Wenn man in entlegene Dörfer reist, sollte man vorher genügend Geld abheben. Das Preisniveau ist deutlich billiger als in Deutschland- man kann gut für 3 € einschließlich Getränke essen gehen, eine gute Unterkunft ist vielerorts ab 7€ pro Nacht zu haben

Sprache

Wie ich schon weiter oben beschrieben habe, empfiehlt es sich sicherlich vorher etwas Bahasa zu lernen. Allerdings habe ich mit Englisch überall überlebt- sonst verständigt man sich mit Händen und Füßen.

Verkehrsbindungen

Auf Langstrecken bieten sich Flüge an, welche in Indonesien sehr günstig sind. Die Straßen sind teilweise gerade auf dem Land sehr schlecht, so dass man selbst für kurze Strecken teilweise Stunden braucht. Sonst bieten sich Busverbindungen, shared Taxis oder private Fahrer an. Transport an sich ist deutlich billiger als in Deutschland.
An meinen Aufenthaltsort bin ich geflogen und wurde am Flughafen von meinen Kontaktpersonen abgeholt.

Kommunikation

Ich habe mir gleich zu Beginn eine indonesische SIM-Karte von Telekomsel besorgt. Die angebotenen Datenpakete sind sehr billig. Sonst gibt es in den Städten viele Lokalitäten mit kostenlosem WIFI.
Selbst bei meinem Dschungeltrek hatte ich teilweise mobiles Interent- zumindest im Dorf. Um Kommunikation muss man sich keine Sorgen machen. Die Indonesier nutzen selbst ihr Mobiltelefon immer und überall.

Unterkunft

Ich habe mir ein Zimmer mit einer anderen Incoming in einem Kos (vgl. Studentenwohnheim) geteilt. Dieses Zimmer wurde uns von unserer Kontaktperson organisiert und galt für indonesische Verhältnisse als luxuriös: wir hatten WIFI im Zimmer, Air conditioning und ein eigenes Bad mit europäischer Toilette. Allerdings darf man nicht Sauberkeit nach westlichen Standards erwarten. Wir haben uns einfach eigene Putzutensilien gekauft, um wenigstens einmal die Woche das Zimmer reinigen zu können. Die Küche war ziemlich dreckig und Essengehen sehr erschwinglich (3€/Essen), sodass wir jeden Abend Essen gegangen sind mit unseren Contact persons, die das auch sehr genossen haben. So haben wir uns viel ausgetauscht und gute Freundschaften sind entstanden. Bettwäsche und Bettzeug wurde gestellt. Allerdings hatten wir beide einen Reiseschlafsack. Dies war von Vorteil, da beides nicht gründlich gereinigt war.

Literatur

Ich habe zwei Bücher mitgenommen: den Herold und das Oxford Handbook of Clinical Examination. Beides war hilfreich für die Vorbereitung meines Case Reports, welchen ich wie die indonesischen Studierenden am Ende meines Aufenthaltes vorstellen musste. Beide Bücher waren nützlich, allerdings reicht auch beispielsweise die Amboss-App um spannende Krankheitsbilder nochmal nachschlagen zu können. Über das Land selbst habe ich abgesehen von einem Reiseführer (Stafan Loos Indonesien) keine spezifische Literatur gelesen. Besser finde ich rückblickend den Reiseführer von Lonely Planet.

Mitzunehmen

Ich war insgesamt 2 Monate mit meinem Deuter Rucksack unterwegs: abgesehen von allgemeinen Reiseutensilien (Kosmetik, Klamotten, Schuhe etc.) hatte ich eine gut ausgestattete Reiseapotheke, die vorgegebene Kleidung für das Krankenhaus (wird SEHR ernst genommen) und Gastgeschenke dabei. Zu den Gastgeschenken: ich hatte einen ganzen Beutel- hätte rückblickend aber gern noch mehr mitgebracht. Ich bin auf sehr viel Gastfreundschaft gestoßen und Europa wird von vielen sehr verehrt, so dass viele sich immer sehr über eine Kleinigkeit gefreut haben als kleines Zeichen der Dankbarkeit.
In Indonesien kann man in den großen Städten fast alles kaufen, was es in Europa auch gibt. Selbst wenn man etwas vergisst, kann man es preisgünstig nachkaufen.

Reise und Ankunft

Meine Anreise verlief völlig unkompliziert. Ich bin bereits anderthalb Woche vor Praktikumsbeginn nach Indonesien gereist um mich an das Klima und die Zeitumstellung zu gewöhnen. Das würde ich wieder so machen: man ist schon etwas an den indonesischen Lebensrhythmus gewöhnt und kann sich schneller an die neue Umgebung im Krankenhaus einstellen. Sonst musste ich keine besonderen Vorkehrungen nach meiner Ankunft treffen. Im Krankenhaus wurde ich von meinen indonesischen Conact Persons vorgestellt. Das war insofern sehr hilfreich, da in Indonesien stark auf Hierarchieebenen, Autorität und Seniorität geachtet wird und man unbewusst oder ungewollt schnell gegen ungeschriebene Gesetze des Respekts verstößt.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich habe, wie bereits weiter oben ausgeführt, auf der Tropenmedizin und Infektiologie famuliert:
An meinem ersten Tag stellte ich mich der Krankenhausleitung vor (Studierendendekanin und Forschungsdekan). Dabei wurde mir stolz die Entwicklung des Krankenhauses in den letzten Jahren in einer Präsentation gezeigt. Deutlich wurde sofort, welche Ehre es für das Krankenhaus darstellt, Europäer zu empfangen, obwohl ich selbst doch noch Studentin bin. Außerdem wurde großer Wert auf das Schießen einer Vielzahl an Fotos mit allen möglichen Würdeträgern gelegt (Indonesier liegen Bilder- besonders mit „Hellhäutigen“).
Am zweiten Tag begann dann der „normale“ Krankenhausalltag: Um acht Uhr begann die Schicht - normalerweise hatten die indonesischen Medizinstudierenden zu dieser Zeit „Morning Report“. Hier präsentierten meist 2-3 Studierende einen Fall mit Anamnese, körperlicher Untersuchung, Differentialdiagnose, Diagnostik, Therapie, Prognose, Diskussion. Leider konnte ich diesem Unterricht nur schwer folgen, da er ausschließlich in Bahasa gehalten wurde. Ich hielt auch einen Case Report über hämorrhagisches Dengue Fieber, allerdings in Englisch.

Deshalb schloss ich mich in dieser Zeit manchmal meiner Zimmernachbarin an, die in der Chirurgie famulierte. So konnte ich zusätzlich Einblicke in die Chirurgie gewinnen.
Nach dem „Morning Report“ folgten die Studierenden in Gruppen von zwei bis drei einem erfahrenen Arzt. Ich hatte das Glück, einem sehr gut Englischsprechenden Arzt folgen zu können, der darüber hinaus großen Spaß am Lehren hatte. Er ging ausführlich auf meine Fragen ein und verfügte über ein großes Fachwissen. Ihm schloss ich mich meist bis eins oder zwei Uhr nachmittags an, da er danach meist in ein Privatkrankenhaus weiterging.
Er arbeitete wie viele andere Ärzte in anderen Krankenhäusern. Ärzte dürfen in zwei bis drei Krankenhäusern gleichzeitig arbeiten. Oft verdienen Ärzte als „Lecturer“ an einem öffentlichen Universitätskrankenhaus nicht genügend. Daher arbeiten viele morgens vor Beginn am Universitätsklinikum und nachmittags nach Ende der Visite in weiteren Krankenhäusern. Dies bedeutete allerdings für die Studierenden, dass sie oft lange auf die Ärzte warten müssen, da diese noch in anderen Krankenhäusern beschäftigt sind. Dies betraf natürlich auch mich: ich verbrachte auch viel Zeit mit Warten- dies wird allgemein von jedem in Indonesien erwartet, der in der Hierarchie weiter unten steht als der Erwartete.
Auf der Station schauten wir uns- ähnlich unserer Visite- die Patienten des jeweiligen Arztes an. Jeder Arzt hat seine eigenen Patienten: der Arzt, welcher den Patienten im Nachdienst aufgenommen hat, betreut den Patienten während des Krankenhausaufenthaltes. Die Patienten werden von den Studierenden während der Abwesenheit des jeweiligen Arztes betreut- sie müssen den Arzt über den aktuellen Patientenzustand informieren und mögliche Fehler in der Patientenversorgung verantworten. Die Studierenden übernehmen also früher Verantwortung in der direkten Patientenversorgung als wir deutsche Medizinstudierende.
Das indonesische Gesundheitssystem steht vor zwei großen Herausforderungen: Einerseits gibt es immer noch viele Infektionskrankheiten, andererseits nehmen die klassischen “Zivilisationskrankheiten“ zu. Auf der Infektiologie und der Tropenmedizin sah ich beispielsweise hämorrhagisches Dengue Fieber, Malaria, Leptospirose, Typhus oder TBC mit jedem möglichen klinischen Bild.
Auf der Inneren litten viele Patienten an den Folgen von Adipositas, Diabetes oder Dyslipoproteinämie: Oft werden die Primärerkrankungen aus Kostengründen nicht entsprechend behandelt- so werden viele Patienten mit ketoazidotischem Koma oder diabetische Nephropathie mit chronischem Nierenversagen eingeliefert. Außerdem nehmen die Fälle an kardiovaskulären Erkrankungen wie KHK, Claudicatio intermittens oder Stroke zu. Allerdings stehen die mikroinvasiven Techniken nicht zur Verfügung, sodass nur medikamentös behandelt werden kann.
Ich habe Patienten selbst nicht behandelt. Darüber war ich aber dankbar, da Diagnostik und Therapie aus Kosten und Ressourcengründen anders angegangen werden. Als Studierender aus einem anderen Gesundheitssystem würde man sich daher sehr schwer tun, sich in kurzer Zeit daran anzupassen- außerdem bestand bei mir die Sprachbarriere zu Patienten und Pflegern. Ich habe allerdings sehr von den ausführlichen Erklärungen meines betreuenden Arztes profitiert- er erklärte mir jeden Fall systematisch und klärte mich über die Grenzen des Krankenhauses auf gegenüber westlichen Gesundheitssystemen. Dafür zeigte er mir viele einfache klinische Tests, die aufwendige Technik ersetzen können, ich aber im deutschen Medizinstudium nicht mehr lerne. Hilfreich fand ich die Erstellung eines eigenen Case reports- dies halte ich auch im deutschen Medizinstudium für eine nützliche Ergänzung, da man sich ausführlich mit einem Fall auseinandersetzen kann. Man kann Theorie und Praxis hiermit sinnvoll vernetzen.
Im Krankenhaus wurde ich von allen sehr freundlich, offen und herzlich aufgenommen- sei es von Ärzten, Pflegern oder anderen Studierenden. Gastfreundschaft ist ein hoher kultureller Wert. Anfangs waren vor allem die Studierenden etwas zurückhalten, da ich für sie gefühlt in der „Hierarchie“ als „Weißer/Westler“ weiter oben steht und in Indonesien Hierarchie eine sehr, sehr große Rolle spielt. Die Hierarchie orientiert sich an Seniorität und Autorität. Respekt wird ausnahmslos ohne Einforderung oder Erklärung von allen Seiten erwartet. Erst nach einigen Tagen mit netten Gesprächen und gemeinsamen Unternehmungen verloren die Studierenden ihre Hemmungen und wir hatten viel Spaß auf Station und in unserer Freizeit- zwei Freunde aus Pekanbaru wollen mich sogar bald in Europa besuchen. Denn der größte Traum für viele Indonesier ist eine Europareise- insbesondere wollen alle nach Paris um den Eiffelturm zu sehen . Es war teilweise beängstigend, welches positive Bild Europa bei vielen Indonesiern genießt.
Zum indonesischen Gesundheitssystem: eine gute Gesundheitsversorgung stellt für viele Indonesier nach wie vor einen großen Luxus dar, obwohl sich das Land in den letzten Jahren rasant entwickelt hat. Vor drei Jahren hat die indonesische Regierungen ein neues Gesetz erlassen, dass es inzwischen jedem Indonesier ermöglicht, eine staatliche Krankenversicherung zu erwerben (JKN). Allerdings wird eine nur sehr einfache Versorgung zur Verfügung gestellt. Es herrscht eine starke Klasseneinteilung ersten in privat und staatlich, zweitens im staatlichen System in Klasse III, II, I, VIP, Superior-VIP. Im Gegensatz zum deutschen Gesundheitssystem unterscheidet sich die Versorgung qualitativ extrem.
Außerdem genießt die traditionelle Medizin bei vielen Indonesiern großes Vertrauen, sodass viele Patienten erst traditionelle Heiler aufsuchen bevor sie sich der Schulmedizin anvertrauen mit dem Resultat, dass viele Krankheiten schon so fortgeschritten sind, dass keine Behandlung mehr zur Verfügung steht (vor allem bei Tumorerkrankungen).
Weiterhin ist mir die teilweise fehlende Effizienz aufgefallen: Arbeitsabläufe sind oft nicht gut strukturiert: Patienten warten oft ab morgens auf einen Behandlungstermin oder eine Operation, ihre Termine werden dann oft nachmittags verschoben, weil beispielsweise der OP von einem Kollegen genutzt wird oder das Nahtmaterial ausgegangen ist. Behandlungen können oft erst mit Verzögerungen begonnen werden, weil die vom Staat kostenlos zur Verfügung gestellten Medikamente wie Anti-Retrovirale Therapie oder Malaria-Medikamente nicht vorrätig sind und erst besorgt werden müssen.
Außerdem können Ärzte weniger Patienten in der gleichen Zeit behandeln als in Deutschland, weil alles ausführlichst auf Papier dokumentiert werden muss: der bürokratische Aufwand ist deutlich größer als in Deutschland. Dies frustriert viele Ärzte zutiefst.
Zudem herrscht ein anderes Verständnis von Hygiene: In den Patientenzimmern halten sich nicht nur die Patienten auf, sondern die ganzen dazugehörigen Familienmitglieder. Die sanitären Anlagen sehen dementsprechend aus. Handschuhe werden auf den Stationen nur von den Schwestern, die für Spritzen zuständig sind benutzt. Händedesinfektion wird nur bei Betreten und Verlassen der Station durchgeführt. Im OP wird der sterile Bereich nach unseren Maßstäben innerhalb weniger Minuten unsteril gemacht, manche Mitarbeiter laufe barfuß etc.
Mein Fazit zum Klinikalltag: die Ärzte sind sehr gut ausgebildet und besitzen großes Fachwissen, allerdings könnten die zur Verfügung stehenden Ressourcen noch effizienter eingesetzt werden. Dadurch könnte man mehr Patienten versorgen, gerade vor dem Hintergrund, dass Indonesien im internationalen Vergleich eine niedrige Quote an „Health professionals“ hat.

Land und Leute

Ich war insgesamt zwei Monate in Indonesien. So konnte ich noch über einen Monat in Indonesien reisen. Doch selbst in dieser Zeit habe ich nur 2 Inseln bereist, da das Land einfach unglaublich groß ist und mit seiner Diversität an Völkern, Sprachen, Religionen sehr viel zu bieten hat:
Vor meine Famulatur war ich eine Woche auf Bali. Im Rückblick fand ich die Insel leider selbst um Ubud und im Norden zu touristisch- man trifft mehr Touristen als Einheimische. Das Flair der Insel geht leider immer mehr verloren.
Während meiner Famulatur selbst haben wir in der Umgebung von Pekanbaru nur eine Tempelruine besucht. Touristisch hat Pekanbaru also nicht wirklich viel zu bieten. Dies hat unserer Zeit dort allerdings keinen Abbruch getan, da wir ohnehin von Montag bis Samstag im Krankenhaus beschäftigt waren und wir viel Zeit mit unseren indonesischen Kontaktpersonen verbracht haben. Dadurch haben wir viel über das Land, die Traditionen, die Mentalität oder das indonesische Gesundheitssystem erfahren können. Wir haben uns beispielsweise gemeinsam verköstigt mit indonesischen, deutschen und niederländischen Gerichten oder waren in einem Vergnügunspark. Außerdem haben wir das gemütlichste Kino ever entdeckt: die Stellung der Sessel konnte man elektronisch verstellen, man bekam eine Decke und wurde von Kellnern verköstigt. Spannend war für uns auch, einigen Aktivitäten der indonesischen Gastorganisation beizuwohnen, wie dem PreDepatureTraining oder dem “Newbie“-Event. Ein weiteres Highlight war die Einladung zu einer indonesischen Hochzeit, welche drei Tage angedauert hat.
Nach meiner Famulatur bin ich gemeinsam mit meiner niederländischen Zimmernachbarin gereist. Wir haben vor allem Nordsumatra erkundet: Wir sind nach Medan geflogen, von dort sind wir nach Bukit Lawang, wo wir eine Dschungel Tour mit Übernachtung im Regenwald unternommen haben. Wir konnten Orang Utans und Elefanten sehen. Danach haben wir Samosir Island im Lake Toba, dem größten Vulkankratersee in Südostasien, erkundet. Von dieser Insel stammt das Volk der Batak, welche im frühen 20. Jahrhundert christianisiert wurde- davor glaubten die Batak an animistische Gebräuche und praktizierten Kannibalismus. Außerdem haben wir einen Stopp in Berstagi eingelegt, wo wir morgens um vier Uhr einen aktiven Vulkan bestiegen. Dabei konnten wir auf seinen „Zwilling“ blicken, der täglich Lava und Asche ausspeit. Danach haben wir indonesische Freunde besucht, die eine Blindenschule leiten und Unterstützung aus Deutschland erfahren- Behinderung und psychiatrische Erkrankungen stellen nach wie vor ein großes Tabu in der indonesischen Gesellschaft da. Außerdem verbrachten wir noch einige Tage auf Pulah Weh, der nördlichsten Insel des Archipels, um eine einzigartige Unterwasserwelt zu erkunden.
Wir wurden von allen Indonesiern sehr offen und freundlich aufgenommen, ich kann über keine schlechten Erfahrungen berichten.
Wir hatten den Eindruck, dass sich gerade die großen indonesischen Städte in den letzten zehn Jahren rasant entwickelt haben: die Mittel- und Oberschicht kann inzwischen einen mit europäischen Standards vergleichbaren Lebensweise führen. Es gibt riesige Malls, in denen alle europäischen und asiatischen Marken präsent sind, die medizinische Versorgung in den privaten Krankenhäusern ist gut, viele schicken ihre Kinder auf Privatschulen, fahren neuste japanische Autos und können Reisen nach Bali, Singapore oder Europa finanzieren. Allerdings leben immer noch über 40% der Indonesier unter der WHO-Armutsgrenze von 2 Dollar täglich. Der wirtschaftliche Aufschwung ist also fragil. In den 1990ern gab es nach dem Ausschluss Indonesiens aus dem IWF eine große Rezession, von der sich das Land teilweise immer noch nicht erholt hat. Außerdem scheint ein großer Teil des wirtschaftlichen Aufschwungs nicht nachhaltig zu sein: beispielsweise ist 50% der Fläche Sumatras mit Palmölbäumen bepflanzt, wofür große Flächen des Regenwaldes immer noch abgeholzt werden. Die Pflanze braucht sehr viel Wasser und macht den Boden innerhalb kürzester Zeit unfruchtbar. Unter ihr können keine anderen Pflanzen mehr wachsen im Gegensatz zu anderen Kulturpflanzen und sie ändert das Mikroklima in der Region enorm: das Wetter wird heißer mit einer größeren Luftfeuchtigkeit. Außerdem scheinen viele Wirtschaftsfelder von großen Monopolen beherrscht zu sein, was Preispolitik, Konkurrenz und Innovation nicht fördern.
Zur politischen Lage: Der Staat wird von vielen Indonesiern sehr misstrauisch beäugt- ich habe keinen Indonesier getroffen, der seine Regierung nicht für korrupt hielt.

Fazit

Ich bin ohne Erwartungen nach Indonesien- direkt nach dem letzten Klausurenblock und wurde so auch nicht enttäuscht. Ich denke, es ist äußerst hilfreich wenn man ohne eine vorgefertigte Meinung mit Neugier und Offenheit so einen Austausch erfährt. Allgemein könnte ich mir sehr gut vorstellen, eine gewisse Zeit in einem Land des globalen Südens zu arbeiten. Toll fand ich, so ein Arbeitsumfeld erst einmal locker und entspannt ohne Verantwortung zu erleben.

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