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Institute for Indian Mother and Child (Indien)

Verschiedene - SCOPH (Public-Health Austausch)
von Laura, Mannheim

Motivation

Ich hatte meine ersten drei Famulaturen in Deutschland bzw. im deutschsprachigen Ausland gemacht und wollte einfach mal was Anderes sehen. Ein anderes Gesundheitssystem, andere medizinische Möglichkeiten und Probleme, ein Entwicklungsland - Indien war also perfekt.

Vorbereitung

Um ehrlich zu sein, habe ich mich nicht besonders vorbereitet. Ich hatte vorher mit ein paar Freunden gesprochen, die schon einmal nach Indien gereist waren, und mir außerdem den Lonely Planet besorgt und ein bisschen darin geblättert. Das Institute for Indian Mother and Child (IIMC) schickt allen Freiwilligen einen wirklich ausführlichen Info-Sheet im Voraus. Den ordentlich durchzulesen lohnt sich! :-) Spezielle Kurse oder Seminare hatte ich nicht besucht - ich dachte, die meisten Fragen würden sich in den ersten Tagen vor Ort sowieso klären.

Visum

Ein Visum braucht man für die Einreise nach Indien. Ich hatte mein Visum (Wohnsitz Baden-Württemberg) bei http://ivs-germany.com postalisch beantragt, musste also meinen Reisepass und das Antragsformular im Original dorthin schicken. Ich würde das allerdings nicht empfehlen, weil es ziemlich teuer war und ich die Behörden per email und telefonisch kaum erreichen konnte. Am Ende hatte ich ein Touristenvisum für 1 Jahr mit Mehrfacheinreisen für 130€ rum, brauchte aber eigentlich nur 2 Monate.. Man fährt glaube ich mit einem Online-Antrag besser. Dann umgeht man auch die 25€ Express Premiumversand, die ich nicht vermeiden konnte. Außerdem kann man bei Ankunft am Flughafen wohl noch ein Visum vor Ort beantragen zur Not.

Gesundheit

Ich hatte, wie immer, wenn ich verreise, eine gut ausgestattete Reiseapotheke dabei. Vor allem für kleinere Dinge, wie Erkältung, Magen-Darm-Probleme etc. sollte man ausgerüstet sein. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass man während des Aufenthalts auf Ibu, Paracetamol, Buscopan etc. zurückgreifen muss, ist in Indien echt hoch. Die Hygiene, vor allem beim Street Food, ist nicht immer so gut. Fast jeder von uns Freiwilligen hatte mal ein paar schlechte Tage. Ich hatte sogar Klysmas und Infusionen mit, Vomex und MCP i.v. und Elyte - man weiß ja nie...- hab sie aber zum Glück nicht gebraucht.
Reisegeimpft bin ich bis jetzt nur gegen Hepatitis A, Typhus und Tollwut. Dringend empfohlen wurde vom Auswärtigen Amt aber auch nicht mehr. Malaria-Prophylaxe hatte ich keine dabei, obwohl es viele Mosquitos gibt. Kolkata ist keine Malaria-Region. Und auch zum Reisen im Anschluss hätte man sich vor Ort versorgen können.

Sicherheit

Im Nachhinein würde ich sagen, es ist gut, sich bewusst zu machen, dass man gerade nicht in Deutschland unterwegs ist, sondern eben in einem armen Entwicklungsland. Richtige Angst muss man aber nicht haben, die Inder sind zum Großteil ein sehr freundliches Volk. Es gibt natürlich überall Gegenden, die sicherer sind als andere. Wenn man sich vorher etwas umhört und beliest, bekommt man aber schnell raus, wo man sich abends besser nicht auf den Straßen aufhält, alleine rumläuft und lieber ein Taxi nimmt. Ich hatte, als ich angereist bin, auf jeden Fall Respekt vor allem in den großen Städten, dann in 7 Wochen in Indien aber keine einzige gefährliche Situation erlebt.

Geld

Man zahlt mit Rupees. 75 Rupees sind 1 Euro. Ich hatte meine Visa-Kreditkarte dabei, die hat an fast allen Automaten problemlos funktioniert. Man zahlt aber meistens Cash, vor allem in den ländlichen Gegenden gibt es keine Kartenzahlung und oft auch keine Automaten. Daher ist es sinnvoll, immer ausreichend Bargeld dabei zu haben. Man bezahlt eine Abhebegebühr von 3,50€ pro Abhebung, wir hatten also immer den Maximalbetrag abgehoben (10.000INR = 130€).
Indien ist viel günstiger als Deutschland. Je nach dem, wo und was man essen möchte, kann man schon für 30Ct mit Street Food satt werden. Wenn man aber in richtigen Restaurants isst oder in touristischeren Gegenden, zahlt man 2-4€ etwa...

Sprache

Die offizielle Sprache ist zwar Englisch. Das sprechen aber nur die gebildeten und jüngeren Leute, in den Städten mehr, auf dem Land kaum. Etwa 50% der Bevölkerung in ganz Indien spricht Hindi, jeder Staat hat außerdem seine eigene Staatssprache - in Kolkata ist da Bengali. Die Patienten bei IIMC sprachen fast nur Bengali, ein paar Wörter bekommt man in den ersten Tagen dort beigebracht. Die Angestellten sprechen mal besseres, mal schlechteres Englisch und versuchen zu übersetzen, wenn man mit Hand und Fuß nicht weiterkommt. In der Regel kommt man aber gut klar trotz Sprachbarriere.
Ansonsten lohnt es sich, gutes Englisch (C1?) zu sprechen, um sich auch mit den anderen internationalen Freiwilligen gut unterhalten eine gute Zeit verbringen zu können. Im Westen (Delhi, Mumbai, Goa) sprechen die Leute wesentlich mehr Englisch. Wenn man noch reisen möchte, kommt man generell aber mit Englisch sehr gut aus.

Verkehrsbindungen

Für Hin- und Rückflug zahlt man 600-800€, je nach dem, wann man bucht und von wo. Ich bin nach Kolkata geflogen und zurück von Mumbai für knapp 700€.
Das Hauptverkehrsmittel in Indien für weitere Strecken ist der Zug. Es kann aber schwierig werden, Tickets zu buchen, weil man sich dafür erst einmal online registrieren muss, oder man kauft die Tickets in Reisebüros. Fliegen ist zwar etwas teurer, aber immernoch bezahlbar und man braucht eben nur 2-4h statt 12-30h und reist um einiges komfortabler.
In den Städten fahren Metro und Busse, was sehr günstig ist, aber auch anstrengend, weil man nie genau weiß, wann und wohin was abfährt. Fahrpläne hängen nicht aus, man wartet einfach, bis ein Bus kommt. Man kann aber auch ein Tuktuk nehmen.
Taxifahren ist am teuersten aber immernoch günstig für deutsche Verhältnisse (etwa 10€/Stunde). Wir sind weitere Strecken und abends immer mit "Uber", dem Privattaxiunternehmen gefahren. Das war sicher, komfortabel und um einiges günstiger als Taxifahren (5€/h), vor allem, wenn man die Kosten teilt.

Kommunikation

Die Internetverbindung in Indien ist echt gut und sehr günstig. Wir hatten uns indische Simkarten gekauft, da zahlt man für 2GB am Tag (!) und freie SMS und Anrufe etwa 7€ für 28 Tage bezahlt. Die Karte kann man danach einfach nochmal aufladen. In den Städten hat man fast immer eine 4G oder H+-Verbindung, man kann also problemlos über Whatsapp telefonieren oder Videocalls machen. Auf dem Land oder auf Inseln gibt's auch Funklöcher, aber in Restaurants wird WIFI angeboten. Ansonsten einfach mal die Ruhe genießen.. :-)

Unterkunft

Wir Freiwillige haben zusammen in einem 3-stöckigen Guest House in Tollygunge gewohnt, etwa 45 Fahrtminuten von der IIMC Klinik entfernt. Es ist einfach gehalten, aber für indische Verhältnisse immer noch gut. Es gibt 2-4 Bettzimmer, mehrere Badezimmer mit kalter Dusche und normaler Toilette. Außerdem eine Küche mit Kühlschrank, Gasherd und ein Wohn- und Esszimmer. Auf dem Dach kann man Wäsche aufhängen, frühstücken, zusammen sitzen, Sport machen etc. Decken und Kissen gibt es, ich hatte aber zum Wohlfühlen einen eigenen Bezug dabei.

Literatur

Ich hatte mich im Voraus durch die Seite des Auswärtigen Amts geklickt und im Lonely Planet geblättert. Der Acceptance Letter, den man von IIMC im Voraus bekommt, reicht eigentlich für die Vorbereitung für die medizinische Arbeit. Ich hatte nichts Anderes gelesen und kam gut zurecht ;-)

Mitzunehmen

Ich hatte nur ein paar Klamotten dabei. In Indien ist es je nach Jahreszeit sehr warm und feucht. Man kann vor Ort günstig leichte Baumwollklamotten kaufen. Kosmetikprodukte hatte ich von zuhause dabei, die sind in Indien vergleichsweise teuer. Ansonsten kann man eigentlich alles dort kaufen, also lieber weniger schleppen und dort besorgen zur Not.
Wer gerne Kaffee trinkt - oder gar nicht ohne kann -, sollte sich ein Kaffeekännchen und Kaffee mitbringen. Den gibt's in Indien nämlich fast nirgends, dort trinkt man immer und überall nur Chai-Tee!

Reise und Ankunft

Ich wurde am Flughafen abgeholt und direkt zum Guest House gefahren, um mein Gepäck abzuladen. Im Anschluss ging es dann (Samstag Mittag) direkt noch in die Klinik, wo wir herumgeführt und vorgestellt wurden. Der erste Tag war echt lang und anstrengend mit Jetlag, Kulturschock und so vielen neuen Eindrücken.
Ich würde empfehlen, Samstag Nachmittag anzureisen. Sonntag ist frei, den kann man dann zum Ankommen und Akklimatisieren nutzen.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

IIMC betreut mehrere Kliniken, eine große "Indoor Clinic" und mehrere "Outdoor Clinics".
In der Indoor Clinic werden Patientinnen stationär betreut, ein Sektor behandelt Hautinfektionen, der andere Brandwunden. Am Nachmittag kommen Doktoren zu Visite und Verbandswechsel, vorher sollen Vitalzeichen gemessen werden.
Jeden Vormittag fahren einige medizinische Freiwillige gemeinsam mit Krankenschwestern und Ärzten in die verschiedenen Outdoor Clinics, die in ländlichen Gegenden gelegen sind. Dort kommen Patienten ambulant aus der Umgebung, werden von den Ärzten gesehen und bekommen spezielle Medikamente, Therapien und Diagnostik verordnet. Die Medizinstudenten übernehmen die Versorgung von Hautinfektionen, vor allem Pilz- und bakterielle Infektionen - mit bestimmten Cremes und geben i.m.-Injektionen und Impfungen. Außerdem können sie den Ärzten in den Sprechstunden assistieren, messen Vitalparameter und führen körperliche Untersuchungen durch. Die größeren "Outdoor Clinics" haben auch Spezialisten vor Ort - Pädiatrie, Geburtsvorsorge, Ophthalmologie, Radiologische Diagnostik, Zahnarzt und ein Labor. Auch hier kann man immer hospitieren. Die kleineren Kliniken decken nur die ganz basale Medizin ab, vor allem Hautinfektionen werden aufgrund der schlechten Hygienestandards in Indien jeden Tag gesehen und versorgt, weil die meisten Menschen auf dem Land ohne Wasserleitungen in Tümpeln baden, waschen und kein sauberes Trinkwasser haben.

Die Verständigung mit den Angestellten, Ärzten, Krankenschwestern und anderen Helfern, funktioniert recht gut trotz Sprachbarrieren und nach ein paar Tagen ist man in den Klinikalltag eingearbeitet. Das Gesundheitssystem in Indien ist aber ein ganz anderes als in Europa. Es mangelt an so vielen Mitteln, Geldern, Equipment aber auch an Hygiene und die Versorgung der Armen ist daher schlecht. Wer genug Geld hat und in der Stadt wohnt, kann sich eine Behandlung in einer Privatklinik leisten, die besser aufgestellt sind als die staatlichen Krankenhäuser. Man sollte nicht mit der Erwartung nach Indien reisen, dieselben Famulusaufgaben zu übernehmen wie in einem Industrieland. Es geht bei IIMC wirklich um ganz basale Versorgung. Wir haben sehr viel Armut und Krankheit gesehen, die es so bei uns gar nicht gibt und wenn, sehr wahrscheinlich anders behandelt werden würde als es in Indien möglich ist. Am Anfang kann das auch schockierend und frustierend sein,...keine Sorge, das geht jedem so... aber die Leute dort sind sehr dankbar und auch angewiesen auf unsere Hilfe.

Neben der medizinischen Versorgung hat IIMC noch einen großen Bereich für Schuldbildung und Kinderbetreuung, den man sich auch anschauen kann. Man besucht dann Kinder in Schulen, im Waisen- und Handicap-Center. Außerdem gibt es noch weitere kleine nichtmedizinische Hilfsprojekte (Womens Peace Council und Microcredit), in die man während seines Aufenthalts reinschnuppern kann.

Land und Leute

Die Inder sind ein sehr nettes, buntes, aber auch lautes und chaotisches Volk. Man braucht schon ein paar Tage, um sich an die neue Umgebung und an die Masse von Menschen zu gewöhnen. Trotz der unübersehbaren Armut in Indien sind die Menschen aber wirklich nett und hilfsbereit, so gut sie können. Ich hatte in der ersten Woche mein Handy auf der Straße in Kolkata verloren, und tatsächlich wurde es gefunden, abgegeben und ich bekam es zurück. Damit hätte ich niemals gerechnet und hat mir von da an einen ganz anderen Eindruck von den Menschen vermittelt. Wirtschaftlich und politisch ist Indien ganz klar noch in der Entwicklung. Es gibt viel Arbeitslosigkeit, schlechte Hygieneverhältnisse, eine schlechte Infrastruktur, Ungerechtigkeit in den unterschiedlichen Kasten, Unzufriedenheit in der Bevölkerung und ungerechte Bildungsverhältnisse. Einfach viel, an dem noch gearbeitet werden muss. Das soll dich aber nicht vom Reisen nach Indien abhalten! Man lernt so einfach schnell wieder zu schätzen, was man zuhause für selbstverständlich gehalten hat. Man merkt, dass man eigentlich gar nicht viel braucht, um zufrieden zu sein. Und für ein paar Wochen kommt man auch ohne jeglichen Komfort zurecht!
Kulturell hat Indien dafür einiges zu bieten. Die Religion ist in Indien sicher noch von größerer Bedeutung als in Europa oder speziell auch in Deutschland. Der Hinduismus ist die größte Religion in Kolkata, außerdem gibt es Muslime, vereint Buddhisten, Juden und Christen.
In Kolkata gibt es viele Hindu-Tempel und Gebetsstätten, die man in seiner freien Zeit besuchen kann, z.B. Belur Math. Es gibt überall Märkte, in denen man alles kaufen kann, was man so braucht oder auch nicht braucht :-) Es gibt Kleidung für 1,2,3€, Schuhe, Accessoires, außerdem Gewürze und viel viel Essen. Wir haben oft und gerne Street Food gegessen, was prinzipiell auch lecker war. Dennoch muss man aufpassen, wo und was genau man isst, um böse Nachwehen zu vermeiden. Indische Currys in allen verschiedenen Varianten, Daal, Naan haben es uns wirklich angetan. Wenn man Glück hat, wird das Essen frisch und ohne alle möglichen Zusätze von Zucker und (Frittier-)Fett serviert. Dann schmeckt das richtig natürlich, gesund und soo lecker! :-)
Es gibt einen Flower Market nahe der Mahatma Gandhi Road, in dem am frühen Morgen reges Treiben herrscht. In der Park Street kann man immer und gut essen und auch mal was trinken gehen. Es lohnt sich übrigens auch, einen Bollywood-Film im Kino anzuschauen! :-)
Über das freie Wochenende waren wir außerdem in Darjeeling, haben Trekking gemacht und die Teeplantagen bestaunt. Mit dem Toy Train sind wir auch gefahren und waren auf Tiger Hill, um den (leider nebligen) Mount Everest bei Sonnenaufgang zu bestaunen.

Fazit

Um ehrlich zu sein hatte ich im Voraus keine Erwartungen an den Indien-Aufenthalt gehabt. Und das war perfekt so! Ich kam an, ließ mich auf das Projekt ein, traf tolle Menschen bei IIMC und auch auf meiner Reise im Anschluss. Ich würde es wieder genauso machen, denn ich hab das Gefühl, ich hab wirklich viel gelernt. Vielleicht eher nicht medizinisch, aber für's Leben und dafür bin ich echt dankbar. In Indien wohnen wollte ich zwar nicht, aber ich kann jedem von euch empfehlen, dort man hinzureisen :-)

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