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India (MSAI-India)

Augenheilkunde - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Carla, Dresden

Motivation

Ich habe mich für eine Famulatur im Ausland beworben, um die Gesundheitsversorgung eines Landes kennenzulernen, das sich kulturell und gesellschaftlich stark von Deutschland unterscheidet. Daher lagen meine Wunschländer in Asien, wohin ich vorher schon einige Reisen unternommen hatte und mich dabei auch sicher fühlte. Indien kannte ich bisher nicht, aber das Land wurde mir wegen seiner kulturellen Vielfalt von vielen Bekannten ans Herz gelegt.

Vorbereitung

Insgesamt habe ich außer den Formalitäten nicht viel Vorbereitungszeit benötigt. Sobald ich wusste, in welche Stadt ich gehen würde, habe ich mich an meine indischen Kontaktpersonen gewandt und konnte alles Organisatorische mit ihnen klären. An einem Vorbereitungskurs habe ich nicht teilgenommen.

Visum

Für den vierwöchigen Austausch und auch meine zweiwöchige zusätzliche Reisezeit konnte ich ein e-Tourist-Visum online beantragen, welches auch von der Organisation empfohlen wird. Dieses ist 60 Tage lang gültig ab Ausstellungsdatum (also nicht zu früh beantragen!) und man kann in dieser Zeit zweimal nach Indien einreisen. Achtet auf das quadratische Passfoto (5cmx5cm), was dafür benötigt wird.

Gesundheit

Schon im Vorjahr hatte ich mich gegen Tollwut, Typhus und Gelbfieber impfen lassen. Gegen HepA+B sollte man als Medizinstudent ja sowieso geimpft sein. Medikamente für Gastroenteritis sind auf jeden Fall sinnvoll, denn das bleibt den wenigsten Reisenden in Indien erspart. Auch mein kleines Verbandsset musste ich unterwegs häufiger einsetzen als gedacht. Allerdings kann man in jeder Stadt alles Notwendige günstig in einer Apotheke erwerben. Malariaprophylaxe hatte ich aus Deutschland mitgenommen, habe sie aber zum Glück nicht gebraucht. Ich musste keine Untersuchungen durchführen lassen, bevor ich nach Indien kam.

Sicherheit

Meine Auslandskrankenversicherung habe ich kostenfrei über die ApoBank abgeschlossen. Indien gilt als sicheres Reiseland, allerdings sollte man sich besonders als allein reisende Frau der individuellen Gefährdung bewusst sein. Vor dem Aufenthalt habe ich viele Beiträge zum Thema Sicherheit und angemessenem Verhalten als Touristin gelesen. Obwohl ich nicht viel auf die zahlreichen Warnungen vor Gewalttaten gab, die aus meinem Umfeld kamen, ging ich mit einer sehr vorsichtigen Haltung an die Situation heran. Als blonde hellhäutige Frau erregt man in Indien einfach Aufsehen und sollte deshalb lieber Schulter- und Knie-bedeckende Kleidung tragen.

Geld

Die indische Währung Rupien darf weder ein- noch ausgeführt werden, weshalb man sie nicht vor Reiseantritt erwerben kann. Teilweise werden auch US-Dollar akzeptiert, weshalb es sich empfiehlt, diese als Bargeld mitzubringen. Mit Kreditkarten kann man in großen Geschäften bezahlen. Man sollte sich aber vorher informieren, in welchen Gegenden Kreditkartenbetrug betrieben wird. Bargeld an einem ATM abheben hat sich häufig als schwierig gestaltet und man musste häufig mehrere Banken ausprobieren, bis die Karte endlich akzeptiert wurde. Bei einer anderen Austauschstudentin wurde die Kreditkarte kurz nach Reiseantritt von ihrer Bank gesperrt, sie konnte die ganze Zeit über kein Geld abheben und war dann auf Überweisungen bei der Western Union angewiesen. Deshalb ist mitgebrachtes Bargeld wirklich essenziell. Die Preise und Lebenserhaltungskosten sind im Vergleich zu Deutschland sehr niedrig. Eine Mahlzeit in einem Imbiss oder kleinen Restaurant bekommt man schon für etwa 1€.

Sprache

Gute Englischkenntnisse sind für Indien völlig ausreichend. Zwar sprechen die meisten Einheimischen nur Hindi bzw. ihren regionalen Dialekt (in Pune: Marathi), aber es ist unmöglich, in so kurzer Zeit auch nur eine dieser Sprachen zu lernen. Alle Ärzte und Studenten sprechen Englisch, allerdings mit starkem Akzent, an den man sich erst gewöhnen muss.

Verkehrsbindungen

Die meisten großen Städte in Indien besitzen einen Flughafen. Selbst ein Direktflug von Pune nach Frankfurt war bezahlbar. Man kann aber auch den Flughafen von Mumbai anfliegen, von dort sind es noch drei Stunden Autofahrt bis nach Pune. Außer auf Flügen war ich nie allein unterwegs. Als Mädchengruppe haben wir aber auch abenteuerliche Ausflüge in Schlafbussen und völlig überladenen Autos unternommen und hatten dabei auch kaum Unannehmlichkeiten. Verkehrsmittel in Indien sind generell nicht pünktlich bzw. halten sich an keinen Zeitplan, wobei Züge meiner Erfahrung nach wesentlich öfter ausfallen, weshalb wir meist in Bussen unterwegs waren. Innerhalb der Stadt bewegt man sich am besten mit „Uber“ fort, für kürzere Strecken reicht auch eine Autorikscha.

Kommunikation

Gleich am ersten Tag habe ich von meinen Kontaktpersonen eine indische Simkarte mit 1,5 GB Datenvolumen pro Tag bekommen. WLAN gab es auf den Campusgelände nicht, aber das mobile Internet war mehr als ausreichend, um täglichen Kontakt nach Hause zu erhalten und unterwegs alles Wichtige nachzulesen und zu organisieren.

Unterkunft

Alle vier Austauschstudenten hatten ein eigenes Zimmer in einem Wohnheim für Assistenzärztinnen auf dem Campusgelände. Mein Raum hatte eine triste Atmosphäre und die Einrichtung war auf ein Minimum beschränkt. Selbst kochen war im Wohnheim nicht möglich. Ich habe mir dann selbst eine Schüssel, einen Löffel und einen Wasserkocher gekauft, um wenigstens selbst Frühstück zubereiten zu können. Doch immerhin hatte das Zimmer ein eigenes kleines Bad mit Toilette und kalter Dusche. Warmes Wasser gab es nur in den Morgenstunden und man musste es in einen Eimer laufen lassen, um sich damit zu waschen. Der Deckenventilator hat für angenehme Temperaturen gesorgt und weitestgehend vor Mücken geschützt. Von unerwarteten Mitbewohnern wie Ameisen und einem Gecko darf man sich nicht aus der Ruhe bringen lassen.

Literatur

In dem Buch "Medizin im Ausland" vom Springer-Verlag habe ich mir einige nützliche englische Wendungen für die Arbeit im Krankenhaus herausgesucht, es gab allerdings kein spezielles Kapitel für Indien.

Mitzunehmen

Wie von der Organisation empfohlen habe ich weiße lange Kittel, einen Kasack, außerdem weiße Hosen und Poloshirts für die Arbeit im Krankenhaus eingepackt – leider völlig umsonst, denn ich konnte nichts davon verwenden. In der Klinik soll man Jeans und T-Shirt mit einem kurzärmligen weißen Kittel darüber tragen, um sich an die anderen Studenten anzupassen. Der Kittel wurde mir für die gesamte Zeit geliehen, ich musste ihn aber selbst waschen. Mein Taschenmesser hat sich als sehr hilfreich erwiesen, da im Wohnheimzimmer ja kein Besteck vorhanden war. Ich habe es bereut, keine Geschenke aus Deutschland für meine Kontaktpersonen mitgebracht zu haben. Alles andere kann man günstig vor Ort kaufen.

Reise und Ankunft

Nach meiner Ankunft wurde ich von meinen indischen Kontaktpersonen wie verabredet am Flughafen abgeholt, musste allerdings eine Stunde auf sie warten. Als ich dann gegen halb acht abends vor dem Wohnheim stand, war allerdings keine verantwortliche Person vor Ort, die mir das Zimmer aufschließen konnte. Deshalb habe ich in dieser Nacht mit in einem Drei-Bett-Zimmer der Studentinnen geschlafen. Am nächsten Tag wurde ich nach 10 Uhr dem Collegedirektor sowie den Professoren der Augenklinik vorgestellt, habe mich in der Ambulanz aufgehalten und konnte gegen 16 Uhr mein Zimmer beziehen. Meine Kontaktpersonen haben mich überall hin begleitet, was mir sehr geholfen hat. Als erste und zu diesem Zeitpunkt einzige Austauschstudentin lief alles noch etwas unorganisiert ab und mir wurden seltsame Fragen gestellt, etwa ob ich verheiratet sei und wie ich meinen Lebensunterhalt verdiene. Eine Campustour sollte später mit allen Austauschstudenten zusammen erfolgen, fand aber letztendlich nie statt.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Krankenhäuser wie das Smt. Kashibai Navale General Hospital bieten der breiten Bevölkerung eine sehr günstige bzw. kostenlose Gesundheitsversorgung. Allerdings haben Patienten dort praktisch kein Recht auf Privatsphäre und werden von oben herab behandelt. Interessante Fälle werden von zwanzig Studenten auf einmal untersucht und selbst die Geburtenstationen sind für Studenten jederzeit zugänglich. Angehörige sitzen auf den Fluren oder schlafen auf dem Boden zwischen den Patientenbetten. Bei einem derartig ausgeprägten Mangel an Hygiene würden sich deutschen Ärzten die Haare sträuben. In privaten Krankenhäusern dagegen wird den Patienten der europäische Standard mit teilweise noch mehr Komfort geboten.
Die medizinische Ausbildung in Indien ist sehr stark an Leistung und weniger an praktischer Erfahrung orientiert als in Deutschland. Ich habe mich in meine Schulzeit zurückversetzt gefühlt. Die Studenten haben täglich denselben Ablauf. Die Semesterergebnisse werden den Eltern schriftlich mitgeteilt. Abends darf der Campus nur mit Genehmigung verlassen werden. Selbst wir als Austauschstudenten mussten uns eine Genehmigung einholen, um am Wochenende verreisen zu dürfen.
Ich sollte vielleicht von vorn herein betonen, dass ich mich als erste Austauschstudentin des Colleges in einer besonderen Situation befand. Zusätzlich hatten alle Mitarbeiter des Krankenhauses in der Woche vor meiner Ankunft für mehrere Tage gestreikt, weshalb die Stationen leer waren und auch das Patientenaufkommen zumindest in der Augenheilkunde gering blieb. Sehr positiv fand ich die Arbeitszeiten. Theoretisch sollte man den Arbeitstag neun Uhr beginnen, doch ab dem dritten Tag ging ich erst 9:30 Uhr in die Klinik, da vorher nicht mit der Arbeit begonnen wurde. Operationen fanden erst ab 10 uhr statt. Zwischen 13 und 14 Uhr konnte man sich zum Mittagessen mit den anderen Studenten treffen. 16 Uhr endete der Tag in der Klinik, obwohl meist schon vor dieser Zeit keine Patienten mehr in der Ambulanz waren. Leider konnte ich während der Famulatur weder so viel lernen noch praktisch tätig werden, wie ich es mir erhofft hatte. Obwohl sich die Ärzte um Freundlichkeit bemühten, wussten die meisten nicht wirklich etwas mit mir anzufangen und ignorierten mich häufig, sodass ich oft nur daneben sitzen und zuschauen konnte. Noch in der dritten Woche wurde ich von Ärzten gefragt, welche Art von Praktikum ich denn absolvieren würde und wie weit ich im Studium sei. Es war sehr viel Eigeninitiative gefragt, da man die Arzt-Patienten-Gespräche, die ausschließlich auf Marathi abliefen, nicht verstehen konnte. Leider wurde mir auf meine Fragen oft nur mit einem kurzen Satz geantwortet. Nicht selten kam es vor, dass ich spannende Eingriffe verpasste, weil mir einfach nicht Bescheid gegeben wurde. Im Nachhinein bekam ich dann wenig hilfreiche Hinweise, wie beispielsweise, dass ich mir den Eingriff auch bei Youtube anschauen könnte. Außer wenigen Spaltlampenuntersuchungen und einer assistierten Retrobulbäranästhesie durfte ich kaum selbst tätig werden. Dafür wurde ich ständig von einem etwas launischen Professor über theoretisches Wissen abgefragt. Wenn ich etwas nicht wusste bzw. nicht auf Englisch erklären konnte, wies er mich an, dies während meiner Freizeit in der Bibliothek nachzulesen. Da zeitweise selbst die Ärzte in der Ambulanz keine Arbeit mehr zu haben schienen, keine Notiz von mir nahmen und sich selbst mit anderen Dingen beschäftigten, beschloss ich hin und wieder, an den Aktivitäten des Campusfestes teilzunehmen, anstatt meine Zeit mit Herumsitzen zu verschwenden. Dies fiel dem Professor jedoch sofort auf und schon durfte ich über das Wochenende eine Powerpointpräsentation erstellen, obwohl wir jedes Wochenende die Stadt verlassen wollten. Tatsächlich war dann aber erst eine Woche später Zeit für die Präsentation. Ich konnte manchmal nicht ganz verstehen, warum so viel Wert auf meine Anwesenheit gelegt wurde. Austauschstudenten in anderen Departments hatten jeden Nachmittag frei. Ich musste als Einzige täglich im Sekretäriat eine Anwesenheitsliste unterschreiben. Leider konnten mir auch die indischen Studenten in meiner Unzufriedenheit nicht helfen, da sie während ihres Praktikums in der Augenklinik die gesamte Woche über Augeninnendruckmessungen durchführen mussten. Ein Wechsel des Fachbereichs war nicht möglich, also schaute ich mir zusätzlich nachts Geburten auf den gynäkologischen Stationen und an einem Morgen die Neonatologie an, wo ich faszinierende Erfahrungen gesammelt habe.

Land und Leute

Direkt vor meiner Famulatur, zur Einstimmung auf Land und Leute, habe ich eine Rundreise von Delhi aus durch Rajasthan bis nach Agra unternommen und mir berühmte Sehenswürdigkeiten wie den Taj Mahal angeschaut. Am ersten Wochenende des Austausches hat mich eine Studentin mit zu ihren Eltern nach Mumbai genommen, um das Holi Fest (Nationalfeiertag zum Fest der Farben) gemeinsam zu erleben. Ich wurde herzlich aufgenommen und extra für mich wurden diverse indische Speisen zubereitet. Später bin ich mit den anderen Austauschstudenten noch nach Goa und nach Aurangabad zu den Ellora Caves gefahren. Pune haben wir natürlich auch ausgiebig erkundet. Besonders empfehlenswert ist hier das Viertel „Koregaon Park“, in dem viele Grünflächen und moderne Restaurants liegen. Allgemein ist Pune bekannt für seine kulinarische Vielfalt. Die meisten indischen Gerichte sind scharf. Wer dies nicht verträgt, sollte im Zweifel lieber nachfragen oder ausdrücklich nicht scharfe Gerichte verlangen. Es gibt sogar deutsch angehauchte Lokale wie die „German Bakery“ oder das „Mahlzeit“, in dem Berliner Street Food wie z.B. Döner Kebab serviert wird.

Indien ist ein Land voller Kontraste – sowohl landschaftlich, kulturell, religiös als auch gesellschaftlich. Von weitläufiger Steppe über Gebirgsmassive bis hin zu weißen Sandstränden bietet die indische Natur alles, was das Herz begehrt. Freilebende Kühe stehen an den Straßen und beobachten das Verkehrschaos. Während manche Studenten täglich vom Chauffeur zur Uni gefahren werden, schlafen Menschen nachts am Straßenrand und sammeln Abfälle, um darin etwas Brauchbares zu finden, das sich verkaufen lässt.
Als Tourist ist man besonders in ländlichen Regionen eine Attraktion. Kinder zeigen mit dem Finger auf einen. Alle möchten Selfies mit uns machen, wobei man hierbei vorsichtig sein sollte. Als Frau würde ich davon abraten, Fotos mit Männern zu machen, wenn man sich nicht später als angebliches Liebespaar bei Facebook wiederfinden will. Oft wird man von Taxifahrern und Straßenhändlern belagert, doch nach einer selbstbewussten Abweisung wird man schnell in Ruhe gelassen. Bei Problemen und Fragen wurde uns stets große Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit entgegengebracht, welche man in Deutschland häufig vermisst.
Unsere Kontaktpersonen und andere Studenten waren sehr engagiert und haben viel mit uns unternommen. Abends sind wir oft etwas zusammen essen und trinken gegangen, wenn wir etwas einkaufen mussten, wurden wir fast immer begleitet.

Fazit

Auf jeden Fall werde ich Indien in Zukunft weitere Besuche abstatten, weil es ein unglaublich faszinierendes Land ist und ich in sechs Wochen leider nur einen kleinen Teil davon sehen konnte. Durch den Austausch habe ich die Lebensgewohnheiten der Menschen nicht nur oberflächlich wahrgenommen, sondern direkt erfahren, was mir eine völlig neue Perspektive auf Leben und Beruf eröffnet hat. Insgesamt kann ich eine Famulatur am Smt. Kashibai Navale College absolut empfehlen, allerdings nicht im Fachbereich Augenheilkunde.

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